Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Schlachtkonzern Coronakrise stellt Tönnies’ Chinapläne auf die Probe

Die Stilllegung des Tönnies-Stammwerks beeinträchtigt auch die lukrativen Exporte nach Asien. Dabei hat der Fleischkonzern eigentlich viel vor in China.
03.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
In China wächst die Nachfrage nach Schweinefleisch. Davon will auch Tönnies profitieren. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Schweinegroßmarkt bei Schanghai

In China wächst die Nachfrage nach Schweinefleisch. Davon will auch Tönnies profitieren.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Peking, Düsseldorf Seit dem 17. Juni ist der größte Schlachthof von Tönnies im westfälischen Rheda von den Behörden stillgelegt. Mehr als 1550 Beschäftigte – überwiegend Werkverträgler aus dem Ausland – sind mit dem Coronavirus infiziert. Wann die Fleischfabrik wieder öffnen darf, ist ungewiss. 140.000 Schweine werden sonst in der Woche geschlachtet und zerlegt. Es drohen Lieferengpässe.

Mit der Zwangsschließung ist auch eine wichtige und lukrative Einnahmequelle für Tönnies bis auf Weiteres versiegt – die Ausfuhr nach China. Tönnies ist nach eigenen Angaben der größte EU-Exporteur von Schweinefleisch ins Reich der Mitte. Seit dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Asien im Sommer 2018 explodierten Nachfrage und Preise. „China war zuletzt die absolute Cashcow für Tönnies und andere zugelassene Exportbetriebe“, konstatiert Branchenexperte Klaus-Martin Fischer, Partner der Beratung Ebner Stolz.

Das hat sich mit der Coronakrise in Rheda schlagartig geändert. Als die deutschen Behörden China Mitte Juni über die Corona-Infektionen bei Tönnies informierten, verhängten die chinesischen Behörden ein sofortiges Einfuhrverbot für Tönnies-Fleisch aus den betroffenen Werken. Auch für andere Fleischlieferanten gibt es einen Importstopp.

Dabei hat Tönnies im Reich der Mitte große Pläne. Im September erst hatte das Unternehmen ein großes Joint Venture mit der chinesischen Dekon-Gruppe angekündigt. In der chinesischen Provinz Sichuan soll ein Schlacht- und Zerlegezentrum entstehen. Als Gesamtinvestitionssumme sind 500 Millionen Euro geplant, davon sollen rund 150 Millionen Euro auf Schlachtung und Zerlegung entfallen. Ob Tönnies die Summe nach der Corona-Katastrophe in den nächsten Jahren stemmen kann, ist offen. Es drohen Schadensersatzforderungen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es wäre der erste Produktionsstandort von Tönnies außerhalb Europas. „Das ist ein Meilenstein in der Firmengeschichte“, hatte Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des Schlachtunternehmens, im September in der „Lebensmittelzeitung“ stolz verkündet.

    In der Anlage sollen zunächst zwei Millionen Schweine geschlachtet und zerlegt werden. Im zweiten Schritt soll die Kapazität auf sechs Millionen Schweine steigen. Damit wäre das Werk, das nach Vorbild der deutschen Tönnies-Betriebe gebaut werden soll, beinahe so groß wie der Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück. Dort werden jährlich mehr als sieben Millionen Schweine geschlachtet.

    Tönnies profitierte von Schweinepest in China

    „In Sichuan wird der erste Betrieb nach europäischem Standard für Schweinefleischprodukte gebaut. Von der Zucht über die Schlachtung bis zur Verarbeitung werden wir eine vollständige Integration in die Lebensmittelgewinnung erreichen“, kündigte Wang Degen, CEO der Dekon-Gruppe, nach Unterzeichnung der Absichtserklärung im September an.

    Die Dekon-Gruppe betreibt nach eigenen Angaben hauptsächlich Schweinezucht, Hühnerzucht und Lebensmittelverarbeitung. Mit mehr als 90 Tochterfirmen sieht sich Dekon als größter Landwirtschafts- und Viehzuchtbetrieb im Südwesten Chinas. Angaben zu seinem Umsatz macht das Unternehmen nicht.
    Während die Deutschen immer weniger Schweinefleisch essen – der Pro-Kopf-Konsum sank in nur zwei Jahren um zwei Kilo auf 34,1 Kilo –, wachsen der Appetit und die Kaufkraft der Chinesen deutlich. Lange Zeit war Schweinefleisch ein Luxusgut. 40 Kilo Fleisch aller Art verspeisen die Chinesen laut Nationaler Statistikbehörde heute pro Jahr pro Kopf.

    Grafik

    In China werden mit Abstand die meisten Schweine weltweit gehalten – nach der EU und den USA. Größtenteils wurde der Bedarf im Inland gedeckt, doch durch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest mussten reihenweise Tiere gekeult werden. Der Bestand sank von 441 Millionen Schweinen 2018 auf 310 Millionen Tiere im April 2020, wie das US-Landwirtschaftsministerium ermittelt hat. Das führte zu einem riesigen Umbruch im Markt, von dem internationale Schweinefleischproduzenten erheblich profitieren.

    Chinas Importe von Schweinefleisch stiegen allein in diesem Jahr auf rund 3,9 Millionen Tonnen, das sind 40 Prozent aller weltweiten Importe. 2018 waren es mit 1,4 Millionen Tonnen noch rund 20 Prozent.

    Profiteure waren auch die deutschen Exportbetriebe mit China-Lizenz. Die machten gute Geschäfte – nicht nur weil die Nachfrage, sondern auch die Preise infolge der Schweinepest enorm anstiegen. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts exportierte Deutschland von Januar bis April rund 158.000 Tonnen Schweinefleisch im Wert von 424 Millionen Euro nach China. Damit haben sich die Exporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mengenmäßig mehr als verdoppelt und wertmäßig mehr als verdreifacht. Ein Drittel des aus Deutschland exportierten Schweinefleischs ging im April 2020 nach China.

    Exporte und Preise sind kräftig gestiegen

    Tönnies als mit Abstand größter deutscher Schweineschlachter profitierte besonders. Die Gruppe fuhr 2019 einen Rekordumsatz von 7,3 Milliarden Euro ein – ein Plus von fast zehn Prozent bei fast gleichbleibender Schlachtmenge. Der Umsatz war getrieben vom Exportboom nach China. „Wir haben im vergangenen Jahr eine internationale Marktrally wie selten erlebt“, sagte Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe im Frühjahr.

    Die Nachfrage nach Schweinefleisch in China und vielen weiteren asiatischen Ländern sei groß und werde in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen, zeigte sich Tönnies im Herbst überzeugt. Das Joint Venture in China sei der nächste Schritt der Internationalisierung. „Damit bringen wir das Know-how über die Lebensmittelproduktion nach deutschem Standard in die Welt und stärken die Qualität und Sicherheit der Versorgung in China.“

    Nachdem die Afrikanische Schweinepest verheerende Ausmaße angenommen hat, will die chinesische Regierung die Hygienestandards bei der Haltung, Schlachtung und Verarbeitung der Tiere verbessern. Beim Wiederaufbau der Fleischindustrie werde sich die Industriestruktur auf eine Produktion in größerem Maßstab zubewegen, meint Chenjun Pan, Senior-Analystin für tierische Proteine bei der Rabobank.

    Neben der besseren Koordinierung von Lieferketten werde sich auch die Biosicherheit, also die Seuchenprävention, erhöhen, sagt die Analystin. Gerade erst wurde in China von Forschern ein neuartiger Typ der Schweinegrippe entdeckt, der offenbar auch auf Menschen übertragbar ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will sich die neuen Erkenntnisse genau anschauen.

    In China entstehen „Schweine-Hochhäuser“

    Zahlreiche Unternehmen mussten ihre Anlagen wegen Hygienemängeln in den vergangenen Jahren schließen. Chinas Regierung fördert nun den Bau von neuen Schweinefarmen, die die Seuchenprävention priorisieren. Der Trend geht zu größeren, industriellen Anlagen. Der riesige Bedarf lässt Unternehmen auch zu ungewöhnlichen Methoden greifen. So entstehen in mehreren Gegenden Chinas „Schweine-Hochhäuser“, mehrstöckige Stallanlagen, auf denen Hunderte Tieren gehalten werden.

    Branchenexperten glauben, dass es noch länger dauern wird, bis sich der Schweinebestand in China wieder erholt hat. Zu den größten Schweinezüchtern und Schlachtern gehören etwa die Yurun-Gruppe, Shuanghui und Wens Foodstuff. „Die Wiederaufstockung der Bestände wird wahrscheinlich etwa fünf Jahre dauern. Aber es könnte schwierig sein, den Schweinebestand wieder auf das Niveau vor der Afrikanischen Schweinepest zu bringen“, heißt es in einer Analyse der Rabobank. Der Wiederaufbau der chinesischen Schweinefleischindustrie werde Unternehmen in der Lieferkette große Chancen bieten.

    Trotz der großen Marktpotenziale in China sieht Fleischexperte Fischer das Chinaprojekt von Tönnies skeptisch. Für ihn ist das geplante Joint Venture erst mal „eine PR-wirksame Meldung“. „Ob das Projekt wirklich so umgesetzt wird, bleibt abzuwarten – vor allem nach dem Corona-Super-GAU in Deutschland“, meint Fischer. „Alle Schlachtunternehmen müssen jetzt erst mal viel Energie aufwenden, um den Scherbenhaufen in Deutschland aufzukehren.“ Das werde nicht einfach.

    In China wetteifern so einige ausländische Schlachtkonzerne um den chancenreichen Markt. Tönnies- Konkurrent Danish Crown etwa ist schon einen Schritt weiter. Im September eröffneten die Dänen bei Schanghai ihre erste eigene Verarbeitungsstätte für Fleisch in China.

    Allerdings ist das Chinageschäft nicht ohne Tücken. Die interkulturellen Ansprüche und Standards der Fleischindustrie im Westen und in Asien seien sehr unterschiedlich, gibt Fischer zu bedenken. „Produktionsprojekte von ausländischen Fleischkonzernen mit chinesischen Joint-Venture-Partnern laufen – von Ausnahmen abgesehen – häufig nur sehr ruckelig an.“ Gleiches gelte auch für Projekte in Russland. „Ich bezweifle, dass die in der Vergangenheit ausgerufenen Projekte der Branche immer ihren Ansprüchen gerecht geworden sind.“

    Tönnies rechnet – trotz seiner Coronakrise – weiterhin damit, dass der Spatenstich in China wie geplant noch in diesem Jahr erfolgt. „Wir stehen mit unserem Partner in China im ständigen Austausch“, hieß es auf Nachfrage des Handelsblatts bei Tönnies. Das Projekt werde weiter vorangetrieben. Die Dekon Group beantwortete eine Anfrage des Handelsblatts nicht, ob es bei den Plänen zur Grundsteinlegung im Joint Venture mit Tönnies in diesem Jahr bleibe.

    Mehr: So steht Deutschlands größter Schlachtkonzern Tönnies finanziell da.

    Startseite
    Mehr zu: Schlachtkonzern - Coronakrise stellt Tönnies’ Chinapläne auf die Probe
    0 Kommentare zu "Schlachtkonzern: Coronakrise stellt Tönnies’ Chinapläne auf die Probe"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%