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Wunderheilmittel

Selleriesaft: am besten auf leeren Magen, empfiehlt Anthony William. Die Wirkung ist umstritten.

Socialmedia Warum jetzt alle verrückt sind nach Selleriesaft

Anthony Williams Bücher über „Mediale Medizin“ sind Bestseller, obwohl sie ärztlichen Erkenntnissen widersprechen. Wir zeigen dir, was hinter dem Hype steckt.
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05.02.2019 - 14:53 Uhr Kommentieren

Dieser Artikel ist am 05. Februar 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Sellerie im Supermarkt, in der Küche, im Entsafter oder als giftgrüner Saft im schicken Einmachglas.

Seitdem ich mich mit alternativer Medizin und pflanzlicher Ernährung beschäftige, sehe ich auf Instagram immer wieder das gleiche Bild: grüne Berge von Stangensellerie.

Anthony William und der Selleriesaft: Das Rezept für den Hype

Eigentlich könnte Anthony William ein ganz normaler Amerikaner sein: mittelalt, Dreitagebart, Brille. Aber William behauptet, er habe die Gabe, mit einem Geist zu sprechen.

Dieser übermittle ihm medizinische Informationen, die der allgemein anerkannten Schulmedizin oft widersprechen. Er bezeichnet sich selbst als medizinisches Medium, daher sein Pseudonym Medical Medium. Ein Medium ist ein Mensch, der behauptet, mit übernatürlichen Wesen kommunizieren zu können.

Durch seine Gabe meint William, Krankheiten heilen zu können, die in der Schulmedizin als unheilbar gelten – darunter Krebs und chronische, seelische sowie Autoimmunerkrankungen. Treten diese auf, bildet der Körper nach allgemeinen medizinischen Erkenntnissen Antikörper gegen körpereigene Stoffe. Laut Anthony William stimmt das nicht.

Man könnte ihn einfach als Spinner abstempeln, wären da nicht diese Zahlen, die für seinen Erfolg sprechen: Medical Medium hat 1,5 Millionen Follower auf Instagram und seine Facebook-Seite gefällt 3,3 Millionen Leuten. Stars wie der Musiker Pharrell Williams, Schauspielerin Gwyneth Paltrow, Schauspieler Robert de Niro, Topmodel Naomi Campbell oder Schauspieler Sylvester Stallone empfehlen aufgrund eigener Erfahrungen ihn und seine Rezepte.

Anthony William: „Medical Medium“ wurde zum Bestseller-Buch

Antony William hat vier Bücher geschrieben, von denen es drei auf die New York Times-Bestsellerliste geschafft haben, unter anderem in der Kategorie Gesundheit. Und das, obwohl er kein Arzt ist und seine Thesen nicht wissenschaftlich belegt sind. Im Gegenteil: Der amerikanische Apotheker Scott Gavura widerlegt William sogar auf einem Fachportal und bezeichnet ihn als „Pseudowissenschaftler“.

Das schadet seinem Erfolg jedoch nicht, im Gegenteil: Der Amerikaner berichtet in seiner wöchentlichen Radiosendung über je eine Krankheit oder ein Symptom, erklärt die „wahren“ Ursachen – und wie man sie (angeblich) heilt. Seit vergangener Woche sieht man den Wunderheiler auch auf Netflix in der Dokumentation „Heal“.

Zu seinem Werdegang gibt William öffentlich nichts preis. Auf seiner Website steht lediglich, dass er bereits als Vierjähriger die Krebserkrankung seiner Großmutter erkannt haben soll, welche später auch ärztlich diagnostiziert wurde. Laut eigener Angabe untersucht und heilt er seitdem Menschen. Seit 2012 gibt es seine Facebook-Seite. Zwei Jahre später fing er an, auf Instagram zu posten, und seit 2015 hat er einen Youtube-Kanal. Im selben Jahr veröffentlichte er auch sein erstes Buch.

Im Grunde beruhen Williams Tipps auf folgender Annahme: Der Mensch nimmt über die Ernährung Gifte auf, zum Beispiel Schwermetalle oder Pflanzenschutzmittel. Diese setzen sich in unseren Entgiftungsorganen fest, dazu gehören unter anderem die Leber und die Niere. Sind diese Organe überfordert, führen die Gifte zu verschiedenen Krankheiten. Laut William kann man sich selbst durch die Ernährung entgiften und dadurch heilen. Dass Krankheiten genetisch bedingt sind, glaubt er nicht.

Ernährung nach Anthony William: Hauptsache Obst und Gemüse

Eine Ernährungsumstellung, wie er sie empfiehlt, klingt zunächst ganz vernünftig: Möglichst viel verschiedenes, frisches und rohes Gemüse, Obst, Kräuter und natürliche Gewürze soll man essen. Ob Gurken, Bananen, Äpfel, Orangen, Zitronen, Spinat, Koriander, Artischocken oder Süßkartoffeln – jede Sorte scheint der Leber gut zu tun.

Etwas anderes soll man allerdings laut William am besten gar nicht mehr zu sich nehmen: Entgegen der Meinung vieler Ernährungswissenschaftlerinnen glaubt er, dass viele Fette oder Proteine ungesund sind, vor allem in weiterverarbeiteten Produkten. Zudem spricht er sich für eine Ernährung ohne Gluten, und wegen der Genmanipulation auch ohne Soja oder Mais aus. Seine Rezepte sind also vegan und enthalten keine Getreide- oder Sojaprodukte.

Sein großer Geheimtipp ist Selleriesaft. Man schiebe etwa zwei Bund Stangensellerie durch einen Entsafter und trinke den Saft morgens auf leeren Magen. Anthony William hat, in seinen eigenen Worten, die globale Selleriesaft-Bewegung ins Leben gerufen. Unter dem Hashtag #celeryjuice gibt es bereits über 83.000 Bilder auf Instagram. Selleriesaft soll Gifte aus der Leber spülen, die Nebennieren regenerieren, Viren abtöten, Bakterien bekämpfen, Säuren regulieren und vieles mehr.

Selleriesaft-Erfahrungen: bitterer Geschmack, mühsame Zubereitung

Ich kann euch aus meiner Erfahrung sagen: Selleriesaft schmeckt nicht – und das Entsaften ist mühsam. Aber es scheint zu funktionieren. Tausende von Leuten teilen auf Instagram, wie ihre Ernährungsumstellung sie von Symptomen wie Hautkrankheiten, Muskelschwäche, Migräne, Depressionen, Allergien, Diabetes oder dem Reizdarmsyndrom geheilt hat.

In den USA haben sich die Sellerie-Verkäufe in den vergangenen vier Monaten verfünffacht. Wenn ihr also demnächst jemanden mit einem Dutzend Bund Sellerie unterm Arm beim Einkaufen seht, wisst ihr warum.

Natürlich werden nur die Erfolgsgeschichten geteilt. Man weiß nicht, wie viele Menschen sich vergeblich an Medical Mediums Ratschlägen probieren. Dennoch scheinen Zehntausende so sehr an der Schulmedizin zu verzweifeln, dass sie einem selbsterklärten medizinischen Medium entgegen sämtlicher wissenschaftlicher Befunde Glauben schenken.

Das sollte der Schulmedizin zu denken geben. Unter Heilpraktikern gilt die Ernährung schon lange als wichtiger Bestandteil der Gesundheit und Heilung. Und mal ehrlich, wer glaubt denn ernsthaft, dass das, was wir täglich zu uns nehmen, keinen Einfluss auf unseren Körper hat?

In Deutschland engagieren sich unter anderem Laura Junge, Studentin der medizinischen Ernährungswissenschaft, und Felix Dahlmanns, Medizinstudent und Autor von „Die Hautdiät“, für einen neuen Umgang mit scheinbar unheilbaren Hautkrankheiten. Das Credo: Pflanzliche und basische Ernährung, Entgiftung, viel Trinken, Stressabbau, Salzbäder und viel Durchhaltevermögen ersetzen Kortison und seine Nebenwirkungen.

Lauras und Felix‘ Ansätze ähneln dem von Medical Medium und zeigen Erfolg. Nicht nur bei ihnen selbst, die beide lange mit Hautkrankheiten gekämpft haben, sondern auch bei ihren Followern. Im Gegensatz zu Medical Medium berufen sie sich allerdings auf die Wissenschaft – und nicht auf Stimmen von Geistern.

Mehr: Ein Wurstbaron, der zum Ökopionier wurde

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