Ryanair

Die Kunden der Billigairline müssen sich auf zahlreiche Flugausfälle einstellen.

(Foto: Reuters)

Sperrungen und Streiks Die Leidensgeschichte des geschundenen Passagiers kennt kein Ende

Sperrung an Flughäfen, Streik der Ryanair-Piloten – wer reisen will, steht vor vielen Problemen. Und Besserung ist längst nicht in Sicht.
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DüsseldorfDer ganze Hofstaat war versammelt. Adlige und Diener scharten sich um König Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette im Garten des Schloss Versailles. Sie erlebten die erste Passagierfahrt der Menschheitsgeschichte: Ein kugelähnlicher Heißluftballon schwebte aus Leinen genäht in die Lüfte. In dem Korb darunter saßen – ein Hammel, ein Hahn und eine Ente.

Was am 19. September 1783 die Anwesenden in Staunen versetzte, bleibt auch heute ein wundersames Rätsel: Wie kann man nur die Fahrt in den Himmel überleben? Hatte man damals noch Sorge wegen Atemluft und Gottes Missgunst, so bedrängen den Menschen heute profanere Dinge: Endlosschlangen am Flughafen, Beinfreiheit im Flieger oder die Sorge, überhaupt wegzukommen.

Durch den Pilotenstreik bei Ryanair fallen am Freitag 400 Flüge in Europa aus, 55.000 Passagiere sind betroffen – davon nicht wenige in Deutschland. Nichts Neues: Schon vor zwei Wochen legten Flugbegleiter die Billigairline lahm, ganz zu schweigen von den vielen Arbeitsniederlegungen bei Lufthansa und anderen Fluglinien in diesem Jahr.

„Bedingungen sind inakzeptabel“ – deutschlandweite Streiks bei Ryanair

Wer in diesen Tagen einen Flug mit einem Piloten am Steuer ergattert, der ist noch lange nicht am Ziel seiner Träume. Am Dienstag durfte trotz eines positiven Sprengstofftests eine vierköpfige Familie in den Sicherheitsbereich des Flughafens Frankfurt. Das Chaos kann im Garten von Versailles kaum größer gewesen sein. Flüge wurden gesperrt und Tausende von Reisenden abgewiesen. Einen Tag später wiederholte sich das Schauspiel in Bremen.

Vorgemacht hatten es die Bayern, pünktlich zum ersten Ferientag vor knapp zwei Wochen. 700 Geschundene mussten auf Feldbetten im Terminal übernachten, 250 verbrachten dort gar eine zweite Nacht. Das ist Urlaub! Schweinebraten und andere typisch bayerische Schmankerln im Kultrestaurant „Airbräu“ oder einen Latte Macchiato im „Café Servus“. Die Feuerwehr blies dazu Frischluft ins Terminal 2. Trotzdem benötigten 52 Menschen ärztliche Versorgung, vier davon mussten ins Krankenhaus.

Laut Ryanair ist auf keine Entschädigung zu hoffen, es handle sich um einen „außergewöhnlichen Umstand“. Doch nach Angaben von Laura Kauczynski, Expertin für Fluggastrechte von AirHelp, solle „man sich nicht von Ryanair täuschen lassen“. Wer nicht fliegt – oder mindestens drei Stunden zu spät – habe Anspruch auf 600 Euro zusätzlich zur Umbuchung oder Erstattung des Tickets. Aber, ach – der Reisende will zu seinem Geschäftstermin oder mit seiner Familie in den Urlaub, nicht eine Klage anstreben.

Der Münchener Flughafenchef Michael Kerkloh gab sich unbürokratisch, den betroffenen Passagieren wolle man „etwas Gutes“ zukommen lassen. Man denke an „vergünstigtes Parken“. Der Mann weiß: Die Leute werden wiederkommen. Hammel, Hahn und Ente – wie beim Viehtransport geht es zu. Sicherlich, es sind Sommerferien. Aber es wird der Normalfall. Flogen 2014 in Deutschland 105 Millionen Passagiere, werden es laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt 2030 175 Millionen sein. Das gewaltige Mehraufkommen wird weniger durch mehr Flüge als durch größere Flugzeuge befördert.

Aber das heißt auch: Noch mehr Schlangen, noch weniger Platz im Flugzeug. Schmalere Sitze, weniger Beinfreiheit, höhere Gebühren und Preise. Das alles ist so vorhersehbar wie der nächste Pilotenstreik. Die Gründe sind unumkehrbar: Immer mehr Menschen in der Welt können sich das Fliegen erlauben. Eine urdemokratische Sache, die nur mit einer Autofahrt, Bahnreise oder Wandern aus der Welt zu schaffen ist.

„Welche Lust, diese Erde zu verlassen, die von Neid und Eigennutz verzehrt wird“, sagte Élisabeth Thible, die 1794 als erste Frau mit dem Heißluftballon „La Gustave“ in die Luft ging. „Wie leicht ist es, in dieser Stille die armselige Erde zu vergessen.“

Allerdings: Bei der Landung schlug der Korb hart auf, Thible verstauchte sich den Knöchel. Komfort: ausbaufähig. Manche Dinge bleiben einfach gleich.

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