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"Spiel des Jahres" Der König der Spieler

Ein Jahr lang knobeln, würfeln und rätseln Bernhard Löhlein und zehn andere Juroren, dann wählen sie das "Spiel des Jahres". Ihr Urteil ist weltweit Millionen wert.
  • Markus Scheele

INGOLSTADT. Der Mann, der darüber entscheidet, wohin die Millionen fließen, streift durch einen schummrig beleuchteten Raum und sucht neue Komplizen. Er wird welche finden, wie immer. Er hat ein jungenhaftes Gesicht, das Vertrauen weckt, und hier, im "La Fattoria", duzen sich sowieso alle, ob sie sich kennen oder nicht. Die Gemeinschaft, der Bernhard angehört, ist verschworen.

Wieder so ein Abend, den Bernhard im Ingolstädter Piusviertel verbringt, einer Gegend der Immigranten und sozial Schwachen, der Supermarkt um die Ecke akzeptiert nur Bargeld. Wie immer treffen die Spieler sich in den Räumen, in denen früher mal eine Pizzeria war, ein orange leuchtendes Haus mit großen Fenstern, eingepfercht zwischen hohen, grauen Wohnplatten. Ein Lächeln in der Tristesse. Ein Klub der Spieler. Der "Ali Baba"-Klub.

Bernhard sitzt mit einem Mann und zwei Frauen an einem Tisch, er lässt seine Tochter spielen. Sie liebt dieses Mittelalter-Kartenspiel, und er hat es fünfzigmal gespielt, seit "Dominion" im Herbst auf den Markt kam. Er kennt dieses Spiel und alle anderen. Bernhard Löhlein, 43 Jahre alt, ist einer der mächtigsten Menschen in der Industrie für Brett- und Kartenspiele. Er ist Vorsitzender jener elfköpfigen Jury, die an diesem Montag zum 30. Mal das "Spiel des Jahres" kürt. Sie vergibt ein Siegel, es sieht aus wie eine rote Mensch-ärgere-Dich-nicht-Figur mit goldenem Lorbeerkranz. Es entscheidet, welcher Hersteller bald viel Geld verdient.

Wenn das rote Männchen auf eine Spielepackung gedruckt ist, verkauft sich das Spiel von alleine. In der Branche gilt der Preis als der weltweit wichtigste, selbst in den USA scheidet er Bestseller von Ladenhütern.

Größere Verlage starten normalerweise mit einer Auflage von höchstens 20000 Stück pro Spiel. Ein "Spiel des Jahres" verkauft sich bis zu 400000-mal. Vier Millionen Euro ist die Auszeichnung nach Branchenschätzungen schon im ersten Jahr wert. Die Jury entscheidet, ob zum Beispiel ein kleiner Verlag plötzlich seinen Jahresumsatz verdoppeln kann. Ob ein Hersteller in einem hart umkämpften Markt auf Jahre hinaus sicher planen kann.

"Ich habe lange überlegt", sagt Löhlein, "ob ich diese Verantwortung tragen kann." Er ist Radiomoderator, er arbeitet für einen regionalen Kirchen-Sender. Man könnte sagen, er sei nebenberuflich Spieler, aber das stimmt nicht. Brettspieler sind eine eigene Spezies, man gehört dazu, und zwar ganz - oder gar nicht. Auch deshalb hat Löhlein sich entschieden, die Verantwortung zu tragen. "Wenn es uns nicht gäbe, würden sofort die Verlage in die Lücke springen."

Ursprünglich war das "Spiel des Jahres" genau das, worauf Löhlein anspielt: eine PR-Idee. Von ein paar Journalisten. Spielekritiker wollten Ende der 70er-Jahre darauf aufmerksam machen, dass es anderes gibt als Dame, Mühle, Schach. In einem bayerischen Biergarten gründeten sie den Verein "Spiel des Jahres", der die gleichnamige Auszeichnung verlieh. Etwas Vergleichbares gab es nicht. Die Jury besteht bis heute aus Journalisten, die seit Jahren Spiele rezensieren. Sie wählt ihre Mitglieder selbst aus, Bewerbung ausgeschlossen. Bernhard Löhlein rückte vor fünf Jahren in den Kreis auf. "Im Vergleich zu meinen Jurykollegen bin ich ein Spätzünder", sagt er. Mit 15 schaffte er noch alle Brettspiele aus seinem Kinderzimmer, weil sie ihm zu peinlich waren.

So geheimnisvoll wie die Auswahl der Juroren sind ihre Ansprüche. Niemand weiß, nach welchen Kriterien die Jury richtet. Ihre Meinung zu Spielen äußert sie meist nur intern. Sie will verhindern, dass Hersteller ihre Spiele auf den Jury-Willen zuschneiden.

Axel Meffert hat im vergangenen Jahr gewonnen. Mit dem Preis für "Keltis" durfte sich der Geschäftsführer des großen Kosmos-Verlages schon im Juni auf das wichtige Weihnachtsgeschäft freuen. Viel Zeit zum Feiern blieb ihm nicht. Innerhalb weniger Monate muss der Verlag Hunderttausende Spiele produzieren. Kleine Hersteller wie "Hans im Glück" haben ihren Vertrieb gleich an größere Konkurrenten abgegeben, weil sie ihn alleine nicht bewältigen könnten. Denn auch in den Folgejahren versprechen die prämierten Spiele prächtige Einnahmen: 1995 gewann der Kosmos-Klassiker "Die Siedler von Catan". Inzwischen gibt es gut 20 Varianten. Die ganze Produktfamilie bringt noch ähnlich viel ein wie das Urspiel im Jahr der Auszeichnung.

Die Juroren spielen, spielen, spielen. Jeden Tag. In eigenen Spielegruppen wie Löhlein im "Ali Baba"-Klub. In Stadtbüchereien. In Kindergärten. Mit Freunden. Mit der Familie. Gut, wenn es noch Spaß macht. Löhlein bekommt im Jahr bis zu 300 neue Spiele, es sind nicht nur Preiskandidaten. Die Zimmer seiner drei Kinder sind voll, 700 Spielepackungen lagern im Keller. Viele verschenkt Löhlein an soziale Einrichtungen.

Im "La Fattoria" schlendert er auch mal zum Nebentisch. Er beobachtet, ob sich die Spieler mit den Regeln schwertun oder ob sie sich langweilen. Denn oft ähneln neue Spiele dem Vorjahressieger.

Vor gut vier Wochen hat sich die Jury auf eine Auswahl geeinigt. Die nominierten Titel, unter denen der Sieger sein wird, veröffentlicht sie auf ihrer Homepage. Für die Verlage ist diese Liste nach langer Zeit des Wartens das erste Signal der Jury.

"Ich habe um Mitternacht im Internet geschaut, ob unsere Spiele auf der Liste stehen", sagt Kosmos-Chef Meffert. Nach dem Sieg im vergangenen Jahr steht nun keines seiner 30 neuen Spiele auf der Liste. Solche Probleme hätte Roger Balser gerne. Er ist der Vertriebsdirektor des amerikanischen Spielwarenkonzerns Hasbro, der unter anderem "Monopoly" im Programm hat, einen Klassiker. Seit über 25 Jahren wartet Hasbro auf seine zweite Ehrung. Balser sagt, es würden "eher kleinere oder deutsche Verlage bedacht. Offenbar ist es so, dass die Jury meint, dass unsere Spiele dem deutschen Spielgut nicht entsprechen." Hasbro versucht es jetzt anders. Die Firma steckt sechsstellige Summen in Fernsehwerbung. Sie hat einen eigenen Preis, den "MB Spielestar". Zusammen mit dem Sender Super RTL wählen seit fünf Jahren junge Zuschauer das beste Hasbro-Spiel. Aber auch das kostet viel Geld. Ein großer Gewinn bleibt nicht mehr übrig.

"Es ist nicht so, dass die Jury etwas gegen Verlage wie Hasbro hätte", sagt Löhlein. "Die Spiele haben eben nicht den Kriterien entsprochen." Die Jury soll es allen recht machen. Dem anspruchsvollen Hobbyspieler, den hilflosen Eltern, die ihrem Kind einmal im Jahr ein Brettspiel schenken. Häufig ist der Sieger ein Kompromiss.

"Nur der Hauptpreis zählt, alles andere können Sie in der Pfeife rauchen", sagt Kosmos-Geschäftsführer Meffert. Einige Hersteller hätten gerne, dass die Jury in verschiedenen Kategorien auszeichnet. So hätten mehrere Verlage ein Verkaufsargument für ihre Spiele. Löhlein will das nicht: "Dann wäre es ein Wischiwaschi-Preis. Das Spiel des Jahres ist deshalb so stark, weil es nur einen Sieger gibt."

Im "La Fattoria" hat eine Gruppe ihren Favoriten gefunden. Löhleins Tochter hat gewonnen. Sie sagt: ",Dominion' wird das Spiel des Jahres. Das hat auch Papa schon gesagt." Papa scheint nicht gelogen zu haben. Seit gestern ist das Urteil der Jury öffentlich. Der Sieger: "Dominion". Der Verlag, "Hans im Glück", hat jetzt eine Menge zu tun.

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