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Sportartikelkonzern Staatskredit von der KfW: So wurde der Wachstumsstar Adidas zum Bittsteller

Bisher hat Adidas-Chef Kasper Rorsted die Investoren mit Aktienrückkäufen und steigenden Dividenden beglückt. Warum braucht er nun einen Staatskredit?
15.04.2020 - 17:10 Uhr 3 Kommentare
Bis Mitte März war der Konzern noch auf Wachstum gepolt. Dann traf ihn die Coronakrise. Quelle: Reuters
Adidas-Chef Kasper Rorsted

Bis Mitte März war der Konzern noch auf Wachstum gepolt. Dann traf ihn die Coronakrise.

(Foto: Reuters)

München Von 100 auf null in einem Monat: Mitte März kündigte Kasper Rorsted noch neue Rekorde für 2020 an. „Es wird ein großes Sportjahr mit EM und Olympia“, tönte der Adidas-Chef und ergänzte: „Es liegt in unseren Händen.“

Diese Woche sicherte sich der Manager nun einen Staatskredit über 2,4 Milliarden Euro, damit der Turnschuh-Hersteller seine Mitarbeiter und Lieferanten auch in der Coronakrise noch bezahlen kann. Selten einmal ist ein Dax-Konzern so schnell vom Wachstumsstar zum Hilfsempfänger geworden.

„Die aktuelle Situation stellt sogar gesunde Unternehmen vor ernsthafte Herausforderungen“, begründete Rorsted am Dienstagabend den Schritt. Kurz zuvor hatte er die Unterschrift unter einen Darlehensvertrag gesetzt, der ihm insgesamt drei Milliarden Euro einbringen wird. 80 Prozent davon stammen von der staatseigenen Förderbank KfW, den Rest stellen mehrere private Institute, darunter die Deutsche Bank.

Keine Frage: Die Seuche hat Adidas mit voller Wucht erwischt. Das ist freilich nicht der einzige Grund für die Malaise: In der Rezession rächt sich, dass Rorsted in den vergangenen Jahren die Aktionäre umgarnt hat wie kaum ein zweiter Unternehmenslenker hierzulande. Und es tritt auch zutage, dass das Geschäftsmodell der Franken keineswegs so robust ist, wie viele Investoren bislang geglaubt haben.

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    Rorsted könnte jetzt die Milliarden gut gebrauchen, die er seit seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren an seine Anteilseigner verteilt hat. So hat der Manager allein 2019 Aktien für 800 Millionen Euro zurückgekauft. Schon 2018 hatte der 58-Jährige rund eine Milliarde Euro in einen Aktienrückkauf gesteckt. Und dieses Jahr wollte Rorsted ursprünglich noch einmal dieselbe Summe aufwenden.

    Damit nicht genug: Dieses Jahr plante Rorsted, 800 Millionen Euro an Dividende auszuschütten, 100 Millionen mehr als im Vorjahr und sogar 300 Millionen mehr als noch vor zwei Jahren. Sowohl den Aktienrückkauf als auch die Dividende hat Rorsted jetzt erst einmal gestrichen.

    Grafik

    Bis vor Kurzem galt Adidas noch als finanziell hochsolide. Denn das vergangene Jahr lief hervorragend für die Firma mit ihren 60.000 Mitarbeitern, in allen wesentlichen Kennziffern hatte sich die Sportmarke verbessert. Umsatz, Gewinn, Marge, Rorsted konnte mit 2019 vollauf zufrieden sein.

    Zum 31. Dezember bilanzierte Finanzvorstand Harm Ohlmeyer eine Netto-Cash-Position von 873 Millionen Euro. Das heißt: Abzüglich aller Schulden hatte der Konzern fast 900 Millionen Euro in der Kasse. Für diese tiefe Rezession ist das aber zu wenig, wie sich jetzt zeigt.

    Alle bisher getroffenen Sparmaßnahmen reichten nicht aus, begründete Rorsted seine Entscheidung, einen Staatskredit in Anspruch zu nehmen. So hat der Manager Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und das Gehalt der Führungskräfte gekürzt. „Darüber hinaus ist der Zugang zu zusätzlicher Liquidität notwendig, um diese Krise zu bewältigen“, sagte Rorsted.

    Adidas leidet darunter, dass seit Mitte März ein großer Teil des Geschäfts stillsteht. Das Problem dabei: Der Konzern sitzt auf Millionen von Shirts, Shorts und Schuhen, die mit jedem Tag weniger wert werden. Denn es handelt sich um modische Frühjahrsware, die im Juni schon niemand mehr haben möchte. Kundenbefragungen vergangenes Frühjahr in den USA haben ergeben, dass nur 16 Prozent der Leute Sportschuhe tatsächlich für die körperliche Ertüchtigung nutzen. Der Rest ist Lifestyle und abhängig vom schnell wechselnden Geschmack der jugendlichen Kundschaft.

    Drei Viertel des Sortiments tauscht die Firma jedes Jahr. Es ist die Basis des Erfolgs und schon in normalen Zeiten eine gewaltige Wette. Denn der Konzern platziert seine Aufträge bei den Lieferanten in Asien, nicht selten schon ein Dreivierteljahr bevor die Artikel die Läden erreichen. Nun muss Adidas mitten in der Flaute gewaltige Mengen an schnell verderblicher Ware abnehmen und bezahlen, dabei kommt kaum noch etwas in die Kasse. Gleichzeitig gilt es, ein Netz von mehr als 2000 derzeit leer stehenden Läden zu unterhalten.

    Dabei schien die Situation für Rorsted zunächst lange beherrschbar. Ende Januar brach zwar das Geschäft in China ein, dem mit Abstand profitabelsten Markt. Und vier Wochen später blieben auch die Käufer in Japan und Südkorea weitestgehend aus. Trotzdem ging der Däne Mitte März noch von einem ordentlichen Umsatzplus von sechs bis acht Prozent in diesem Jahr aus.

    Kein Mensch will noch Kickstiefel

    Doch seither musste er praktisch alle eigenen Läden in der westlichen Welt schließen, außerdem in Russland und den Schwellenländern. Auch die Sportfachhändler und Sportketten wie Foot Locker können seither nur übers Netz verkaufen. Damit fielen 60 Prozent des Geschäfts weg, wie Adidas mitteilte.

    Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich am besten in den USA, dem größten Sportmarkt der Welt. Dort werden auch die genauesten Marktdaten erfasst. Der Absatz von Sportschuhen zwischen New York und Los Angeles ist in der ersten Woche im April um drei Viertel im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen, wie die Marktforscher der NPD Group ermittelt haben. Zwar laufe der Onlinehandel mit Sneakern stark. „Aber das reicht nicht, um die schiere Zahl der geschlossenen stationären Geschäfte zu ersetzen“, warnt NPD-Analyst Matt Powell.

    Football-, Fußball-, und Baseball-Schuhe, wie sie in Liga-Spielen genutzt werden, seien derzeit praktisch unverkäuflich, so Powell. Am besten schnitten noch Lauf- und Fitnessschuhe ab, deren Verkäufe gingen nur um 70 Prozent zurück. Kein Wunder, Joggen ist in vielen Regionen noch erlaubt und der Fitnesskurs vor dem Fernseher natürlich auch.

    Entsprechend kam die Laufmarke Brooks mit einem Absatzminus von 55 Prozent vergleichsweise glimpflich davon. Die Schuhverkäufe von Adidas und Nike hingegen seien um 75 Prozent abgesackt, die von Under Armour sogar um 80 Prozent.

    Adidas versucht derweil, die überschüssige Ware zu satten Rabatten im Internet loszuschlagen. Mit den Lieferanten sei der Konzern in Gesprächen, die bereits getätigten Bestellungen ins zweite Halbjahr zu verschieben, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Adidas will die Aufträge nicht stornieren und so verhindern, dass Fabriken pleitegehen. Denn die könnte das Unternehmen wieder dringend benötigen, wenn der Konsum zurückkehrt. Vor Jahresfrist hatte Adidas noch mit schweren Lieferengpässen zu kämpfen.

    Die aktuelle Situation stellt sogar gesunde Unternehmen vor ernsthafte Herausforderungen. Kasper Rorsted

    Wie es dieses Jahr wirtschaftlich weitergehe, lasse sich momentan nicht vorhersagen, beteuerte Rorsted. Am 27. April werde er jedoch über die Ergebnisse des ersten Quartals berichten, anderthalb Wochen früher als bisher geplant. Rorsted hatte jüngst bereits für öffentliche Empörung gesorgt, als er die Mietzahlung für seine Läden hierzulande aussetzen wollte. Der Manager ruderte aber schnell zurück, entschuldigte sich bei den Konsumenten und versprach, alle Rechnungen zu begleichen.

    Mit dem neuen Kredit will Rorsted sicherstellen, dass er sein Wort halten kann. Der jetzt vereinbarte Kredit habe eine Laufzeit bis Juli 2021 und sollte damit weit über die Coronakrise hinausreichen. Er werde zu marktüblichen Konditionen zur Verfügung gestellt, heißt es bei Adidas. Zumindest einen Teil der Summe werde der Konzern tatsächlich in Anspruch nehmen. Ob der gesamte Betrag abgerufen werde, sei indes offen.

    Der Zinssatz dürfte deutlich unter zwei Prozent liegen, urteilten die Analysten von Warburg Research. Die Banker rechnen damit, dass der Umsatz dieses Jahr um gut acht Prozent fallen wird, der Gewinn dürfte um etwa 40 Prozent einbrechen. Für Analysten kam die Entscheidung, einen Kredit aufzunehmen, wenig überraschend. Der Konzern benötige kurzfristig Darlehen, schrieb Goldman-Sachs-Analyst Richard Edwards bereits vergangene Woche.

    Er rechne damit, dass es mit Umsatz und Margen im zweiten Halbjahr wieder aufwärtsgehe. Trotzdem reagierten die Anleger verschnupft auf den Kredit. Der Aktienkurs notierte am Mittwoch in einem schwachen Umfeld knapp drei Prozent unter dem Vortag.

    Mehr: Adidas sichert sich milliardenschweren KfW-Kredit.

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    3 Kommentare zu "Sportartikelkonzern: Staatskredit von der KfW: So wurde der Wachstumsstar Adidas zum Bittsteller"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Auch ich bin entsetzt, wie mit deutschen Steuergeldern Unternehmen
      beschenkt werden.
      Wie viele e c h t e Arbeitsplätze sind wirklich in Deutschland gefährdet.?

      Aber der deutsche Michel zahlt, wie immer.

    • Einfach unglaublich, daß Unternehmen, die in der Vergangenheit ihre Produktion nach Fernost und sonstwo
      verlagert haben, um "Windfall-Profite" aus der Arbitrage arm : reich abzusahnen nun indirekt auch noch mit Steuergeldern über Wasser gehalten werden! - Was trägt diese Firma eigentlich zum technologischen Fortschritt bei? - Nichts! - Sponsoring im Sport reicht doch wohl nicht für ein Zukunftsmodell - oder ?

    • Ein (scheinbar) gesundes Unternehmen, das drei Viertel des Sortiments jedes Jahr tauscht (schon in normalen Zeiten eine gewaltige Wette) und lieber seine Investoren bedient (Aktienrückkäufe und Dividenden) als für sein riskantes Geschäft entsprechende Rücklagen bildet, soll nun vom Staat (=Steuerzahler) gerettet werden? Das ist ja so wirklich das Letzte, was passieren kann. Warum kann dieses Unternehmen nicht Pleite gehen (dann zahlt nämlich nicht der Staat sonder die Aktionäre und die Zulieferer) und wieder neu entstehen? So ist das nämlich in unserem Wirtschaftssystem vorgesehen. Was für eine gigantische Selbstbedienungsmentalität die sich bei Großfirmen auftut. Wo bleibt die gesellschaftliche und sozialpolitische Verantwortung?

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