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Sportindustrie Personalisierte Textilien: Schuhe und Shirts so einzigartig wie der eigene Körper

Immer mehr Sportfirmen bieten Athleten hochpersonalisierte Produkte an. Das lassen sich viele auch etwas kosten. Nicht nur die Hersteller sehen darin eine große Chance.
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Der Kunde wird von Kopf bis Fuß gescannt. Quelle: X-Bionic
Sportlerin mit Ausrüstung von X-Bionic

Der Kunde wird von Kopf bis Fuß gescannt.

MünchenEs braucht viel Zeit, einen starken Willen und ein volles Konto: Wer sich bei X-Bionic neue Shirts und Shorts auf den Leib schneidern lassen möchte, der muss es ernst meinen mit seinem Sport. Ein ganzer Tag Datenerfassung, mehrere Wochen des Wartens, dann eine Rechnung über mindestens 2.000 Euro – die hochpersonalisierten Textilien des Schweizer Bekleidungsspezialisten sind nur etwas für ambitionierte Athleten.

Bis auf ein hundertstel Gramm genau erfassen die Labortechniker von X-Bionic den Schweiß in Leibchen und Sporthose, sie scannen die Kunden millimetergenau, von Kopf bis Fuß und bei voller Belastung. Nach ausgiebiger Datenanalyse tüfteln sie mitunter wochenlang an den Details der Funktionstextilien.

Erst dann wird in Italien produziert. „Was sich der Athlet vorstellen kann, können wir umsetzen“, sagt Patrick Lambertz, der Chef von X-Bionic. Und fügt hinzu: „Selbst wenn wir hierfür neu entwickeln müssen.“

Das ungewöhnliche Angebot nennt sich „X-Bionic Individual“ und liegt voll im Trend. Immer mehr Sportfirmen bieten den Konsumenten auf sie abgestimmte Produkte an. In aller Regel geht es dabei allerdings nicht ganz so aufwendig zu wie bei den Schweizern.

Einer der Vorreiter individualisierter Produkte war in den vergangenen Jahren die Ski-Industrie – aus purer Not. Gelegenheits-Skifahrer kaufen kaum noch Skier, sie leihen sie sich lieber vor Ort in den Bergen, Skistiefel hingegen teilen die Urlauber ungern mit anderen. Genau in diese Lücke stieß die Industrie mit Skischuhen, die Sporthändler optimal an die Füße der Athleten anpassen.

Das dauert nur ein paar Minuten. Der Verkäufer vermisst die Füße und passt dann den Kunststoff der Innenschuhe durch Erwärmen an. Das vermittle eine Wertigkeit, für die der Konsument bereit sei, auch etwas mehr auszugeben, schwärmt Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sport 2000.

Individualisierung als Chance

Auch die Skier selbst lassen sich von den Kunden gestalten. Bei Marktführer Atomic beispielsweise können sich die Käufer im Design fast nach Belieben austoben und auch Fotos und Texte auf die Skioberfläche aufbringen. In Skimanufakturen wie „Build 2 Ride“ in Garmisch-Partenkirchen dürfen die Konsumenten sogar selbst ran und ihre Bretter eigenhändig und ganz nach den persönlichen Vorlieben bauen.

Einer Studie der Unternehmensberatung KPMG und des Handelsforschungsinstituts IFH zufolge stoßen individualisierte Produkte bei Kunden auf großes Interesse. In einer Umfrage gab fast ein Drittel der Befragten an, dass sie bereits personalisierte Produkte gekauft hätten. 54 Prozent der Konsumenten finden, dass individualisierbare Produkte interessanter sind als gleichwertige Massenprodukte.

Das würden sich viele auch etwas kosten lassen: 41 Prozent der Befragten wären bereit, für ein individualisiertes Produkt mehr zu bezahlen.

Die Sporthändler sehen die Individualisierung als große Chance. Insbesondere 3D-Drucker in den Geschäften könnten interessant sein, meint Marko Zitzelsberger, Abteilungsleiter strategischer Einkauf bei Intersport: „Das wird ein neuer Anreiz sein, die Läden zu besuchen.“

Konzerne und Start-ups machen gemeinsame Sache

Um individualisierte Produkte anbieten zu können, verbünden sich selbst Großkonzerne mit Start-ups. Der Turnschuh-Hersteller Adidas kooperiert mit Carbon, einem Hersteller von 3D-Druckern. So konnte Adidas eine Sohle aus verschachtelten, kleinen Streben entwickeln, die genau auf Gewicht, Laufstil und Lieblingssportart des Athleten zugeschnitten ist. „Für diese Schuhe werden die Leute bereit sein, wesentlich mehr zu bezahlen“, jubelt Adidas-Chef Kasper Rorsted

Noch sind die Marktführer aber nicht so weit, wie das Beispiel Nike zeigt. Beim Weltmarktführer können die Kunden ihre neuen Sneaker lediglich selbst konfigurieren, ähnlich wie beim Autokauf. Die Farbe des Obermaterials und der Schnürsenkel lässt sich bestimmen, das Aussehen und die Größe des Nike-Logos ebenso, das Muster der Sohlen ist auszuwählen, zuletzt darf sich der Konsument auch noch mit seinen Initialen auf der Ferse verewigen.

Die Schuhe sind damit einzigartige, doch das Prozedere hat einen Nachteil: Es dauert bis zu vier Wochen, ehe der Postbote mit dem Karton vor der Türe steht. Und: Es dreht sich alles nur um das Aussehen. Die Eigenschaften des Schuhs sind nicht auf den Käufer zugeschnitten.

Klar ist daher, dass das alles nur der Anfang ist. Wohin die Reise gehen könne, zeigt Puma. Der fränkische Turnschuh-Produzent arbeitet mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) gemeinsam am sogenannten Biodesign. Das ist ein Verfahren, das lebende Materialien wie Algen oder Bakterien zur Herstellung von Produkten verwendet.

Der Sportkonzern könnte damit den eigenen Visionen folgend eines Tages Fußballtrikots aus der Seide einer Spinne herstellen oder einen Schuhkarton aus Myzel, der Wurzelstruktur von Pilzen.

Intelligente Schuhe und Shirts

Im Frühjahr haben die beiden Partner vier Prototypen vorgestellt. Einen atmenden Schuh, eine lernfähige Einlegesohle, Carbon-Fresser und anpassungsfähige Verpackungen. Der biologisch aktive, atmende Schuh ermögliche eine personalisierte Belüftung, indem er seine eigenen Luftkanäle entwickelt, die den Fuß kühl halten. Die lernfähigen Einlagen sollen die Leistung des Sportlers durch Echtzeit-Biofeedback steigern.

Puma zufolge verwendet die Sohle Organismen, um lang- und kurzfristige chemische Phänomene zu messen, die Ermüdung und Wohlbefinden anzeigen. Das mikrobiell aktive T-Shirt reagiert auf Umweltfaktoren, indem es sein Aussehen ändert und den Benutzer über die Luftqualität informiert.

Noch ist das Zukunftsmusik. Bei X-Bionic in der Schweiz können sich die Athleten heute schon die optimale Ausrüstung für ihre Wettkämpfe besorgen. „Unsere Technologien und Konstruktionen ergeben Abertausende Möglichkeiten der Feinjustierung, nahezu auf den Millimeter genau“, sagt Geschäftsführer Lambertz.

Bis Ende des Jahres ist der Service Spitzensportlern vorbehalten, dann steht er allen zur Verfügung. Für die 2.000 Euro – das ist der Mindestpreis – gibt’s je drei Oberteile und drei Hosen. Das sollte für den nächsten Triathlon reichen.

Lesen Sie mehr über Trends und Innovationen in der Sportindustrie in unserem 22-seitigen Dossier „Fit in die Zukunft“.

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