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Spurensuche der Herstellung Warum man T-Shirts für fünf Euro kaufen kann

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Die Geschichte der Textilarbeiterin Nazma ist eine Geschichte von harter Arbeit, aber nicht nur. Sie erzählt auch von der kleinen Freiheit einer Frau, deren Leben nun jenem Leben ein klein wenig näher kommt, das junge Frauen in Frankfurt oder Los Angeles führen. Frauen, die bei H&M einkaufen.

Solche Erzählungen stehen auch auf der Homepage von H&M. Sie beschreiben, wie viel Positives daraus erwächst, dass H&M seine Ware in Bangladesch bestellt.

Man liest das. Man denkt an das Verbot von Kinderarbeit. Man hört von Nazma, dass sie zwar manchmal angeschrien wird, wenn sie die 250 T-Shirts pro Stunde nicht schafft, dass die Arbeiterinnen aber nicht mehr geschlagen werden wie damals, als der Verhaltenskodex von H&M noch nicht galt. Man denkt: H&M, das sind die Guten - und übersieht, dass es auch in Bangladesch schwer ist, von einem Euro am Tag zu leben.

Das bekommt Nazma für ihre Arbeit: 3 500 bangladeschische Taka im Monat, umgerechnet 36 Euro, die Überstunden sind schon drin. Macht 1,18 Euro am Tag. Das ist das nächste Geheimnis des billigen T-Shirts.

Im Verhaltenskodex von H&M steht viel über die Würde der Arbeiter. Aber nichts darüber, wie viel sie verdienen sollen. Nicht weniger als den gesetzlichen Mindestlohn, das ist die einzige Vorgabe.

Der Verhaltenskodex hilft nicht nur den Arbeiterinnen. Er schützt auch den Ruf von H&M, er signalisiert: Bei uns werden die Arbeiterinnen wie Menschen behandelt. Er verschweigt, wie wenig diese Arbeiterinnen kosten.

So schafft es H&M, gut zu sein. Und gleichzeitig billig.

Die Löhne in Dhaka ähneln denen in deutschen Nähereien im 19. Jahrhundert. Das Geschäftsmodell von H&M basiert auf diesem Gegensatz. Die Preise von heute sind möglich mit den Kosten von damals. Weil die Löhne des 19. Jahrhunderts nicht reichen, um heute ein T-Shirt zu kaufen, ist das Weltreich von H&M geteilt. Auf der einen Seite ist die Filialwelt, auf der anderen die Fabrikwelt.

Die Musik ist verklungen, das Video über die Fabrik zu Ende. Der Manager lehnt sich zurück. Sein Lächeln erinnert an den Stolz des Dean Vardeman, als der erzählte, wie er den Cotton Stripper erfand. Der Manager sagt, DBL besitze drei Nähereien, dazu eine Spinnerei, eine Weberei, eine Färberei. Er sagt, sie hätten darauf geachtet, die Fabriken voneinander zu trennen. Damit die Proteste nicht übergreifen, wenn es Ärger mit den Arbeitern gibt. So wie im vergangenen Juni.

Damals ging Nazma auf die Straße, gemeinsam mit Zehntausenden anderen Textilarbeiterinnen. Aufgeregt war sie, Angst bekam sie, als sie die Polizisten mit den Schlagstöcken sah. Sie haben sich dann Mut angeschrien, die Arbeiterinnen, haben ihre Transparente hochgehalten, ihre Fäuste gereckt und gerufen: »Höhere Löhne - wir wollen leben!«

Irgendwann flogen Steine, und dann fingen die Polizisten an, auf die Arbeiterinnen einzuprügeln. Nazma schaffte es davonzurennen, aber viele Arbeiterinnen waren langsamer. So entstanden hässliche Bilder, von Kameraleuten eingefangen: Polizisten in dunklen Uniformen beschießen kleine Frauen in roten und gelben Saris mit Tränengas.

Am Ende gab die Regierung nach. Sie beschloss, den Mindestlohn zu erhöhen. Nazma kann damit rechnen, mit Überstunden bald mehr als 5 000 Taka im Monat zu verdienen, umgerechnet 53 Euro. Für sie bedeutet das: Sie kann jetzt öfter Geld nach Hause schicken. Für die Dulal Brothers bedeutet es: höhere Kosten.

Zu welchem Preis verkauft die Firma das fertige T-Shirt?

»Für etwa 1,80 Dollar«, sagt der Manager, umgerechnet 1,35 Euro, und fügt an: »Bisher«.

Denn bisher war die Baumwolle billig, und die Arbeiterinnen waren noch billiger. So kam diese Kalkulation zustande: 40 Cent für die 400 Gramm Baumwolle, 95 Cent für die Stoffproduktion und das Nähen des T-Shirts. Für das Textilunternehmen DBL blieb am Ende genug übrig, um neue Nähmaschinen zu bezahlen und den Toyota des Managers samt Fahrer.

1,35 Euro pro T-Shirt: H&M äußert sich zu dieser Zahl nicht. Horst Sahm aber sagte zwischen zwei Zigarettenzügen, die besten Preise der Welt bekomme man in Bangladesch. Sahm ist selbst oft dort gewesen, er war auch in Vietnam, in Kambodscha, überall. Er hat mit chinesischen Fabrikanten verhandelt und mit türkischen Spediteuren gefeilscht. 1,40 Euro, höchstens, sagte Horst Sahm, mehr koste ein T-Shirt in Bangladesch nicht.

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