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Spurensuche der Herstellung Warum man T-Shirts für fünf Euro kaufen kann

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Heute kostet die Strecke von Bangladesch nach Deutschland rund 2 800 Euro, pro Container.

Das ist der Marktpreis. Er gilt nicht für alle. Große Kunden bekommen Rabatt. H&M ist ein sehr großer Kunde. Etwa 25 Prozent müsse man abziehen, sagte Horst Sahm, dann dürfte man auf den Preis kommen, den H&M bezahlt.

2 100 Euro wären das demnach pro Container. Der Container ist 12 Meter lang, jeweils 2,50 Meter hoch und breit. Knapp 34 000 T-Shirts passen hinein. Macht sechs Cent pro T-Shirt. Der Container hält den Preis niedrig. Das ist ein weiteres Geheimnis des billigen T-Shirts.

Wenn das T-Shirt nach drei Wochen auf See in Deutschland ankommt, wird H&M für Rohstoff, Herstellung und Transport insgesamt nur etwas mehr als 1,40 Euro bezahlt haben.

Das Problem ist, dass es nicht genug Container gibt im Moment. Die große Wirtschaftskrise war kleiner als erwartet, die Fließbänder laufen wieder, die Schiffe füllen sich, mit T-Shirts, Turnschuhen, Kameras. Die Reedereien heben ihre Frachtraten an. Maersk will im Januar den Containerpreis um 500 Dollar erhöhen.

Baumwolle, Mindestlöhne, Frachtraten. Das billige T-Shirt wird immer teurer. Rechnet man die gestiegenen Kosten auf den Verkaufspreis um, müsste man jetzt 5,60 Euro für das T-Shirt bezahlen, mindestens.

Das Geld, das über die Erde herrscht, gehört nicht den reichsten Männern

Man könnte meinen, das sei kein Problem. Man könnte meinen, 5,60 Euro sei immer noch billig. Das ist ein Irrtum. 4,95 Euro, sagte Horst Sahm, sei eine magische Preisgrenze, die könne man nicht einfach verschieben. An das T-Shirt für 4,95 Euro sind die Kunden gewöhnt, so wie sie es gewöhnt sind, im Supermarkt für die Tafel Schokolade nicht mehr als einen Euro zu bezahlen.

Das Motto von H&M lautet: »Mode und Qualität zum besten Preis«. Ein T-Shirt für 5,60 Euro, das ist nicht mehr der beste Preis. Es wirkt nicht mehr wie H&M.

Mohammed Ezasli ist von seinem Kran heruntergestiegen. Er trägt eine Wollmütze, wie amerikanische Rap-Musiker sie manchmal aufhaben. Er hält das T-Shirt in der Hand. Auch er lächelt, aber anders als der Manager oder der Bauer. Nicht stolz, eher amüsiert. Das T-Shirt bedeutet ihm nichts. Er weiß nichts von Baumwollpreisen und Mindestlöhnen, es ist ihm nicht wichtig. Container sind ihm wichtig, sie sind es, die er sieht.

Früher stand Mohammed Ezasli am Fließband einer Fabrik. Heute kann er sich ein Auto leisten, er verdient fünfmal so viel wie damals. Das T-Shirt hat er nie gesehen, aber es hat ihm viel Geld gebracht.

Das Schiff aus Malaysia durchquert den Sueskanal und die Straße von Gibraltar, dann erreicht es Deutschland. Die Filialwelt.

Es gibt diesen Satz, wonach Geld die Welt regiert. Es ist ein alter, ein ausgebrannter Satz. Natürlich bestimmt das Geld, ob die Textilarbeiterin Nazma weiterhin ihr Bett mit fünf anderen Frauen teilen muss, was sonst?

Interessant wird der Satz, wenn man fragt, wem das Geld gehört, das über die Erde herrscht. Nicht Bill Gates, dem Gründer des Softwareunternehmens Microsoft, geschätztes Vermögen: 53 Milliarden Dollar. Auch nicht Warren Buffett, dem Finanzinvestor, geschätztes Vermögen: 47 Milliarden Dollar. Der Reichtum der reichsten Männer der Welt ist klein, verglichen mit dem Besitz all derer, die jeden Tag durch die Fußgängerzonen und Shoppingcenter von Los Angeles, London oder Dubai laufen.

Knapp 1,5 Milliarden Menschen, 20 Prozent der Weltbevölkerung, verfügen über genug Geld, um sich Kleider von H&M anzuziehen. Soziologen nennen sie: die globale Konsumentenklasse. Geschätztes Vermögen: 185 Billionen Dollar.

Es sind die Menschen, derentwegen es Werbeagenturen, Topmodels und Imagekampagnen gibt. Sie sind es, die das billige T-Shirt kaufen. Sie sind es, die anfangen könnten, Fragen zu stellen. Zum Beispiel diese:

Warum verlangt H&M von den Fabrikmanagern nur, den jeweiligen Mindestlohn zu zahlen und nicht einen Lohn, von dem die Arbeiterinnen anständig leben könnten?

Weshalb wird die Einhaltung des Verhaltenskodex nur von H&M selbst überwacht und nicht von unabhängigen Kontrolleuren?

Wofür braucht man überhaupt ein T-Shirt, das kaum mehr kostet als der Kaffee um die Ecke? Würde es so sehr schmerzen, den Preis von zwei oder drei Kaffees zu bezahlen - wenn dafür allen genug Geld zum Leben bliebe?

Die globale Konsumentenklasse fragt nicht. Sie kauft.

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