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Hauptbahnhof in Frankfurt am Main

Der Staatskonzern gerät unter Druck.

(Foto: dpa)

Staatskonzern Zwischenbericht: Gewinn der Deutschen Bahn bricht ein

Der Vorstand des Staatskonzerns gerät weiter unter Druck: Ein Bericht zeigt, dass die Bahn in mehreren Bereichen die eigenen Ziele deutlich verfehlt.
Update: 05.11.2019 - 17:16 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Für den Bahn-Vorstand um CEO Richard Lutz könnte die Aufsichtsratssitzung an diesem Donnerstag angenehm verlaufen – wenn er lediglich die Ergebnisse des Fernverkehrs präsentieren dürfte: mehr Fahrgäste, mehr Umsatz, ein besseres Ergebnis.

Noch hat zwar jeder vierte ICE und Intercity Verspätung, aber immerhin liegt die Quote der pünktlichen Züge per Ende September mit 76,3 Prozent im Plan. Lutz hatte schließlich die viel zu ehrgeizigen Ziele aus früheren Zeiten schon vor Monaten vorsichtshalber abgemeldet.

Doch die 20 Aufsichtsräte des staatseigenen Unternehmens wollen auch die restlichen Zahlen des Zwischenberichts sehen. Und die zeichnen kein so angenehmes Bild. Dieser interne Bericht liegt dem Handelsblatt vor. Danach stehen vor den Kennziffern weitgehend Minuszeichen.

Vor allem aber fährt die Bahn ihren eigenen Planungen hinterher. Ob der Staatskonzern das noch zur Halbjahresbilanz bekräftigte Ziel erreichen wird, „mindestens“ 1,9 Milliarden Euro Gewinn (Ebit) in diesem Jahr zu machen, steht in den Sternen.

Nach den ersten drei Quartalen liegt laut Zwischenbericht das Ebit im sogenannten „Systemverbund Bahn“, das sind Personen- und Güterverkehr sowie Infrastruktur, nur bei 669 Millionen Euro und damit fast 30 Prozent unter dem Vorjahr.

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Wegen massiv steigender Kosten hatte der Bahn-Vorstand bereits sinkende Gewinne erwartet. Aber jetzt liegt das Ebit sogar noch um 11,4 Prozent niedriger als die schon reduzierte Vorhersage. Auch das Ergebnis der noch nicht eingerechneten Bahn-Tochter Schenker wird die Jahresprognose für den Konzern kaum retten können. Der Schenker-Gewinn ist Ende September ebenfalls leicht unter Plan.

Der größte Problemfall ist aber die Güterverkehrstochter DB Cargo. Im Inland hat Cargo weiter an Fracht verloren. Der Gesamtumsatz fällt laut dem Bericht um 27 Prozent hinter den Umsatz des vergleichbaren Vorjahreszeitraums zurück. Was aber viel schlimmer ist: Der Umsatz lag bis Ende September um 172 Prozent unter den Planungen.

Dabei sollte DB Cargo nach den Jahren des Niedergangs 2019 endlich wieder zulegen und sich aus den roten Zahlen herausarbeiten. Ein neu eingeführtes Produktionssteuerungssystem sollte die lang erhoffte Wende bringen. Seit vier Jahren schreibt Cargo Verlust, 2018 waren es 190 Millionen Euro.

Hohe Abschreibungen drohen

Hoffnungen auf eine radikale Wende sind Makulatur. Der Verlust von 231 Millionen Euro im bisherigen Jahresverlauf dürfte wohl kaum aufzuholen sein. Dazu kommt nun auch noch die schwächelnde Konjunktur in wichtigen Branchen wie der Automobil- und der Stahlindustrie.

Jetzt drohen der Bahn möglicherweise Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe. Schon einmal, im Geschäftsjahr 2015, hatte Cargo mit 1,3 Milliarden Euro Wertberichtigungen den Bahn-Konzern tief in die Verlustzone gedrückt.

Die Katastrophe bahnt sich schon seit Monaten an. Wohl auch deshalb ist eine alte Idee zum Umbau des Konzernvorstands wieder aktuell geworden. Der Aufsichtsrat soll am Donnerstag beschließen, den Vorstand um einen auf sieben Posten zu erweitern. Und zwar um einen, der sich ausschließlich um die Sanierung von DB Cargo kümmern soll. Den Job soll die jetzige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, übernehmen.

Es wäre der dritte Anlauf für Nikutta, nach neun Jahren an der Spitze von Deutschlands größtem Nahverkehrsbetrieb BVG in die Konzernführung der Deutschen Bahn aufzurücken. Mehrfach war die Managerin schon genannt worden, wenn es um vakante Posten bei der Bahn ging. Daraus wurde nichts. Bis jetzt. Ihre Nominierung ist allerdings auch heute noch umstritten. Unterstützer findet die frühere DB-Managerin Nikutta unter anderem im Gewerkschaftslager.

Die 50-Jährige soll nun das Cargo-Problem lösen, an dem schon mehrere Vorgänger gescheitert sind. Für DB Cargo wie auch für die Logistiktochter Schenker waren wechselnde Manager zuständig, zurzeit ist es Alexander Doll, der parallel das Finanzressort der Deutschen Bahn führt.

Dass dieser Doppeljob für eine Person zu viel sein würde, war von Anfang an klar. Nur gab es große Widerstände in der Regierung, den Vorstand aufzustocken. Die anhaltend kritische Lage von DB Cargo dürfte nun letztlich den Ausschlag gegeben haben, einen weiteren Vorstandsposten einzurichten.

Minister hat Ultimatum gestellt

Doch die Vorgeschichte ist mehr als kurios. Finanzchef Doll war von Bahn-Chef Lutz gedrängt worden, das Finanzressort aufzugeben und sich ganz auf den Güterverkehr zu konzentrieren. Doll hatte die Bahn-Finanzen erst Anfang dieses Jahres übernommen und lehnte konsequent ab.

Welchen Sinn dieser Versuch machte, kann sich niemand so richtig erklären. Der einzige Zweck hätte darin liegen können, so ein Mitglied des Aufsichtsrats, Nikutta als Cargo-Vorständin zu verhindern.

Doll wiederum ist in der wenig komfortablen Situation, dem Aufsichtsrat erklären zu müssen, warum die beschlossene Trennung von der Auslandstochter Arriva erstens weniger Geld einbringen wird und zweitens erst im kommenden und nicht wie gedacht bereits in diesem Jahr über die Bühne gehen kann.

Arriva wurde immer auf bis zu vier Milliarden Verkaufswert geschätzt. Die in Großbritannien ansässige Gesellschaft hat jedoch 1,9 Milliarden Euro Schulden und 430 Millionen Euro Pensionsverpflichtungen. Kaufinteressent ist laut Bahn-Kreisen derzeit der Finanzinvestor Carlyle. Parallel bereitet die Bahn einen Börsengang vor, der aber wegen des Brexits sehr unsicher ist.

Dieses Hin und Her um die Vorstandserweiterung fällt ausgerechnet in eine Phase, in der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) offensichtlich Entschlossenheit gegenüber dem Bahn-Management beweisen möchte.

Der CSU-Politiker hat vor Kurzem dem Vorstand der Bahn ein Ultimatum gestellt, Lutz solle bis zum 14. November Maßnahmen unter anderem gegen Zugverspätungen und -ausfälle sowie Personalmangel vorweisen. Dabei hatte Lutz bereits Ende Mai ein von Scheuer gelobtes 170-seitiges Strategiepapier vorgelegt, wie er die Bahn voranbringen will.

Erst am vergangenen Wochenende torpedierte Scheuer dann auch noch einen Plan des Aufsichtsrats, die Grundvergütung dreier Bahn-Vorstände um 185 000 Euro auf das Niveau der anderen Bahn-Vorstände anzuheben. Der Minister sprach von einem „falschen Signal“. Er habe seinen Vertreter im Aufsichtsrat angewiesen, die Erhöhung zu stoppen.

Dabei soll die Anregung, alle Bahn-Vorstände vergleichbar zu vergüten, aus Scheuers Ministerium gekommen sein, wird in Bahn-Kreisen kolportiert. Der Bund ist mit insgesamt drei Staatssekretären im Aufsichtsrat der Bahn vertreten.

Vorstand Huber in der Kritik

Bahn-Vorstände verdienen im Vergleich mit den Vorständen von Industriekonzernen wenig. Die Grundvergütung liegt zwischen 400.000 und 900.000 Euro. Richard Lutz bekam 2018 als Chef des 44 Milliarden Euro Umsatz schweren Konzerns 1,8 Millionen Euro. Dax-Vorstände in ähnlichen Positionen erhalten das Vierfache. Im Vergleich mit Vorständen anderer Staatseisenbahnen werden die deutschen Manager allerdings ordentlich bezahlt.

Noch nicht ganz ausgestanden ist auch die Berateraffäre, die sich zu Jahresbeginn auftat. Die interne Revision der Bahn hatte Verträge mit diversen ehemaligen Bahn-Managern entdeckt, die ohne Zustimmung des Aufsichtsrats abgeschlossen worden waren. Die Prüfungsgesellschaft EY und die Kanzlei Rittershaus wurden mit einem Gutachten für den Zeitraum 2010 bis heute beauftragt. Sie fanden am Ende rund 30 relevante Verträge.

Der Aufsichtsrat schloss sich den Empfehlungen der Berater an, keinen Vertrag nachträglich zu genehmigen. Nur in drei Fällen hat das allerdings bislang Folgen. Von einem Berater sollen 360 000 Euro Honorar zurückgefordert werden, ein anderer noch laufender Beratervertrag soll beendet werden.

Brisant wird es für Personenverkehrsvorstand Berthold Huber. Er ist der einzige amtierende Vorstand, der einen Vertrag unterschrieben hatte. Der Aufsichtsrat muss am Donnerstag beschließen, ob er es bei einer Ermahnung Hubers belässt oder weiter gehende Reaktionen beschließt. Der Chef der Lokführergewerkschaft, Claus Weselsky, forderte gar die Abberufung Hubers. Die steht laut Aufsichtsratskreisen allerdings nicht zur Debatte.

Der Fall ist nicht nur für Huber unangenehm, sondern auch für Bahn-Chef Lutz. Denn Huber ist auch für den Fernverkehr verantwortlich, an dem sich öffentliche Kritik immer wieder entzündet. Geht in Hubers Ressort etwas schief, muss Lutz die Prügel dafür einstecken.

Mehr: Ein 432-seitiges EY-Gutachten wirft Fragen bezüglich der Berater-Auswahl der Deutschen Bahn auf. Die Praxis ist zwar abgestellt, hat aber noch Folgen für Vorstand Berthold Huber

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