Start-up Cricket Lab Wie der Gründer Radek Husek mit einer Grillenfarm den Welthunger stillen will

Ein junger Gründer baut in Thailand die weltgrößte Grillenfarm. Seine Energieriegel aus Insekten sollen Proteine liefern – nachhaltig und moralisch.
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„Wir können das neue Nestlé werden.“ Quelle: CricketLab / Radek Husek
Insektenfarmer Radek Husek

„Wir können das neue Nestlé werden.“

(Foto: CricketLab / Radek Husek)

Chiang MaiRadek Husek und sein junges Team fahren im Pick-up vor. Der 25-jährige Gründer, das Hemd weit geöffnet, die Haare ein bisschen zerzaust, hat gestern noch bis spät hier in Chiang Mai im Norden Thailands gefeiert.

Trotzdem hält er vom Rücksitz aus gleich einen kleinen Vortrag über die Probleme der Welternährung, die Fleischproduktion als Klimakiller – und zu den Plänen seiner Firma Cricket Lab. Der junge Tscheche sagt selbstbewusst: „Wir können das neue Nestlé werden.“

Ein großer Vergleich und wohl ein bisschen irre. Und noch irrer, wenn man die Begründung hört: Der Gründer des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Henri Nestlé brachte 1868 „Kindermehl“ auf den Markt. Milch in Pulverform war damals eine Revolution. Radek Husek und sein Team wollen mit Grillen die Welt ernähren. Insektenmehl, so ihre Hoffnung, wird das neue Milchpulver.

Von dem etwas chaotischen Aufritt darf man sich täuschen lassen: Husek ist Unternehmer durch und durch. Mit 17 Jahren gründete er sein erstes Start-up. Die E-Commerce-Firma für die Reparatur von Handys haben der Tscheche und sein Partner bereits verkauft. Nun will er die größte automatische Grillenfarm der Welt aufbauen, hier im Norden Thailands. Cricket Lab soll jeden Monat 3,5 Tonnen Mehl aus den Insekten produzieren – für seine eigene Energieriegel-Marke Sens und für andere Abnehmer.

Husek ist nicht der Erste, der den Verzehr von Insekten zum weltrettenden Megatrend ausgerufen hat. Mittlerweile eröffnen in Bangkok und New York Szenerestaurants, die Insekten als Delikatesse servieren. Mehrere Start-ups haben sich auf die Zucht von Insekten oder die Produktion von Lebensmitteln aus Insektenmehl spezialisiert. Bugfoundation aus Osnabrück etwa bietet in Rewe-Märkten Burger aus Buffalowürmern an.

All diese Start-ups propagieren Insekten als moralischen und nachhaltigen Ersatz für Fleisch: Tatsächlich verbrauchen Insekten deutlich weniger Wasser und Futter als Masttiere, und sie stoßen weniger klimaschädliches Kohlendioxid aus. Zudem empfinden sie offenbar keine Schmerzen. Das macht den Verzehr für viele moralisch vertretbarer.

Die Marktforschungsagentur Meticulous Research geht davon aus, dass der globale Markt für Lebensmittel aus essbaren Insekten im Jahr 2023 rund eine Milliarde Dollar groß sein wird.

Energieriegel für Penny

Husek ist einer der wichtigsten Pioniere der Insektenszene. In seiner Heimat Tschechien hat er schon rund 400 Penny-Märkte mit Brot und Energieriegel aus Insektenmehl beliefert. In Deutschland sind seine Riegel in zahlreichen Fitnessstudios zu kaufen. In Österreich hofft er, noch im Herbst Rewe beliefern zu können. Auf Anfrage teilt die Kette mit, man überlege derzeit, die Insekten-Energieriegel zu listen.

Am Stadtrand von Chiang Mai steht Huseks Insektenfarm. Sie wirkt akkurat wie eine schwäbische Schraubenfabrik. Wer die Grillenfarm betritt, die etwa so groß ist wie vier Tennisplätze, der hört erst einmal nur ein lautes Zirpen. Die Grillen leben in blauen Boxen, die sich in rund zehn Meter hohen Regalen stapeln – „Vertical Farming“ nennt das Husek.

Eierkartons schaffen noch mehr Fläche in einer Box. In jeder Kiste leben mehrere Zehntausend Grillen. Platz ist noch genug, bisher ist die Kapazität der Fabrik erst zu einem Drittel ausgelastet.

Für Thailand entschied sich Husek, weil es das Mutterland des Insektenverzehrs ist. Die Thais essen Grillen, Mehlwürmer und Heuschrecken als frischen Snack zwischendurch oder zum Fußballgucken. Hunderte Kleinbauern züchten die Insekten im Nebenerwerb. Es gibt also Know-how, auf dem Husek aufbauen kann.

Hier fand er auch einen Partner für seine Pläne: Der Franzose Nicolas Bery, 32, betrieb in Thailand bereits eine Fabrik, die Insekten zu Mehl verarbeitete – und war ein Zulieferer von Sens. Allerdings hatte der so seine Probleme mit den eigenen Grillen-Zulieferern. Weil die thailändischen Bauern die Grillen immer wieder anders fütterten, schwankten Protein-Fett-Verhältnis und Farbe zu sehr.

Investor aus Deutschland

Also tat sich Bery mit Husek und dessen Partner Daniel Vach, 27, zusammen, um die Grillen selbst zu züchten und zu verarbeiten. Mit Cricket Lab wollen sie nun hochwertiges und vor allem günstiges Grillenmehl herstellen. Denn noch sind Proteine aus Hühnchen günstiger als jene aus Insekten. „Ich bin überzeugt, dass wir aber bald billiger sein können“, sagt Husek.

Das Team testet derzeit vieles – etwa wo sie das Futter in der Box aufbewahren müssen, damit am meisten Larven durchkommen, wie sie das Wasser in der Box platzieren. Noch ist die Fabrik eher auch ein Labor. Künftig soll es eine automatische Fütterung geben, sagt Husek. Die Finanzierung sichert ein Angel-Investor aus Deutschland.

Es ist ein buntes, junges Team, das an der Weltverbesserung forscht. „Head of Farming“ ist der 22-jährige Niederländer Jesse Willems. Er hat schon als Kind Insekten gezüchtet. Bevor Willems zu Cricket Lab kam, domestizierte er eine Kolonie der Schwarzen Soldatenfliege in Tansania.

Auch bei der Verarbeitung muss das Team noch viel experimentieren. In China haben sie dafür das Equipment zusammengekauft: Damit können beispielsweise die Insekten aus den Eierkartons geschüttelt und anschließend gewaschen werden. Die Maschinen sind größtenteils Spezialanfertigungen.

Doch auch Grillen müssen getötet werden, bevor sie zum Nahrungsmittel verarbeitet werden. In Huseks Fabrik passiert das auf scheinbar grausame Art: Die Grillen werden lebend eingefroren. Doch der Gründer beruhigt: „Sie schlafen dabei praktisch ein.“ Für ihn ist das „die menschlichste Methode, eine Grille zu töten“.

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