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Strafverteidigerin Renate Verjans Die Robe bleibt im Schrank

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Jura statt BWL? Der Vater nickt

Ein wenig kleinlaut spricht sie bei ihren Eltern vor. Die Verjans sind eine ernsthafte Familie, Wankelmut bei wichtigen Entscheidungen ist unüblich. Zu ihrer freudigen Überraschung aber rennt sie bei ihrem Vater offene Türen ein. "Er sagte mir, dass er selbst gern zur Uni gegangen wäre, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte", erzählt Verjans. "Und wenn er studiert hätte, dann Jura. Die Faszination für dieses Fach liegt wohl in meinen Genen."

Eine Faszination mit Folgen. Freiburg, Anfang der 90er-Jahre. Verjans ist bei ihrem Freund. Die Beziehung leidet - der Weg von Köln nach Freiburg ist lang und die Wochenenden kurz. Doch an diesem Tag überrascht sie ihr Freund mit einem Vorschlag. Der Vater seines Arbeitskollegen war in der Kanzlei des namhaften Jura-Professors Gerhard Hammerstein tätig - und bot an, ein Praktikum für Verjans zu organisieren. "Wir sehen uns doch so wenig", sagt ihr Freund. "Wäre das nicht toll, wenn du hier in Freiburg arbeiten könntest?"

Das gut gemeinte Angebot geht völlig schief. Der Arbeitseifer, den die junge Verjans in der Kanzlei an den Tag legt, erwischt ihren Freund auf dem falschen Fuß. Jetzt sehen sich zwar auch wochentags, aber Verjans ist mit ihren Gedanken immer nur an einer Stelle: in der Kanzlei. "Du bringst die Robe ja mit nach Haus", mault ihr Lebenspartner. Als es schließlich soweit kommt, dass er in ihre Heimatstadt Köln fährt, um gemeinsame Freunde zu treffen, sie aber lieber in Freiburg bleibt, um den nächsten Fall vorzubereiten, ist das Ende nahe. "Privat hatte ich bald keinen Grund mehr, nach Freiburg zu kommen", gibt Verjans zu. "Aber für den Job hatte ich Feuer gefangen."

Das bleibt nicht unbemerkt. So imponiert Verjans auch Ferdinand Gillmeister, der sie als Referendarin in der Kanzlei von Professor Hammerstein kennenlernt. "Strafrecht ist etwas Besonderes", sagt er. Man könne nicht wie im Zivilrecht einen Fall in Sachgebiete aufteilen und auch mal probehalber etwas an junge Kollegen zum Einarbeiten geben. "Man muss die Leute mit Biss suchen und schnell allein schwimmen lassen", sagt Gillmeister. Verjans habe sich nicht nur in Arbeit gestürzt, sondern war stets bereit, Verantwortung zu übernehmen. Als Verjans 1990 ihren Abschluss in der Tasche hat, braucht sie keine Bewerbungen zu schreiben. Der Schreibtisch in Freiburg ist reserviert.

Der Arbeitsplatz in der Top-Kanzlei ist genauso fordernd wie fördernd. Verjans Mentor Gillmeister führt sie ein in die High Society der deutschen Anwaltsszene. Und jeder weiß, wenn die Neue da ist: Eine Frau wie sie, groß, blond, energiesprühend, zieht bei vielen Anlässen die Blicke auf sich. Bei den extrem krawattenlastigen Versammlungen der Strafverteidiger und Rechtsvorstände wirkt sie geradezu exotisch. Verjans: "Ich war meistens die einzige Frau im Raum - und immer die Jüngste."

Einen natürlichen Vorteil hat sie dadurch nicht. Gillmeister gibt ihre Schriftsätze zwei-, drei-, sogar viermal zurück, bevor er nickt. Als Gegenleistung formt er sie zur Spitzenspielerin in der härtesten Liga, die die Anwaltsbranche zu bieten hat. Sicher, auch Steuerrechtler haben es nicht leicht und können ihren Mandanten mit einem Fehler riesige Summen kosten. Merger & Acquisition-Anwälte sind mit ihren Rund-um-die-Uhr-Verhandlungen in der Arbeitsbelastung vielleicht extremer. Doch keiner ihrer Mandanten kommt hinter Gitter, wenn etwas schief läuft. Für Strafrechtler ist diese Gefahr immer Teil der Gleichung. Verjans Mandanten vertrauen ihr ihre Freiheit an.

Mallorca, Juni 1996. Renate Verjans sitzt völlig übermüdet an einem Hotelpool auf der spanischen Ferieninsel. Erst seit einigen Monaten ist sie selbstständig, gleich einer ihrer ersten Fälle führt sie in den Abgrund menschlichen Schicksals. Die Frau, die Verjans gegenübersitzt, hat rote Augen. Ihr Mann hat die Deutsche Post um Millionen betrogen. Als die Staatsanwaltschaft ihm auf die Schliche kommt, schneidet er sich die Pulsadern auf. Verjans vertritt nun seine Witwe. Auch sie wird polizeilich gesucht. Als die verstörte Frau aus ihrem Ferienhaus auf Mallorca anruft, setzt sich Verjans ins nächste Flugzeug.

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1 Kommentar zu "Strafverteidigerin Renate Verjans: Die Robe bleibt im Schrank"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Eine interessante Vita, toll geschrieben. Doch den Titel verstehe ich nicht. Warum bleibt die Robe im Schrank? Gerade Strafverteidiger tragen doch üblicherweise schwarze Anwaltsroben mit Seidenbesatz und die sehen so aus: http://www.natterer-roben.de/uploads/images/Gallery/RObE_RECHTSANWAELTiN.jpg