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Strafverteidigerin Renate Verjans Die Robe bleibt im Schrank

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Menschlicher Rettungsanker

Nun muss sie ihre Mandantin überreden, sich zu stellen. Sofort. Verjans spürt, dass die Frau panische Angst hat, ins Gefängnis zu kommen. Angst, dass ihr achtjähriger Enkel, dessen Eltern ebenfalls verhaftet wurden, vor einem verschlossenen Haus steht, wenn er in drei Tagen aus dem Landschulheim kommt. Verjans kann die Frau nicht trösten, nur warnen. Nichts wäre schlimmer, als sich weiter zu verstecken. Verjans weicht ihr nicht mehr von der Seite. Die beiden, nach Tagen ohne Schlaf wie gerädert, nehmen die nächste Maschine nach Deutschland. Als ihre Mandantin neben ihr in Tränen ausbricht, muss Verjans schlucken. Auf dem Weg zur Polizei, klammert sich die Witwe so fest an ihre Anwältin, dass sie auf Tage Druckspuren hinterlässt. Als Verjans an diesem Abend in ihr Bett fällt, nimmt sie sich etwas vor: ab jetzt mehr Distanz.

Die Dramatik ihres ersten Jahres als eigener Chef hat Verjans gestählt. Schon die Entscheidung, sich im zarten Anwaltsalter von 35 Jahren selbstständig zu machen, lässt viele in der Branche den Kopf schütteln. Doch Verjans wirtschaftet einfach drauflos. Sie will zurück ins Rheinland - offene Stellen ihres Zuschnitts gibt es gerade nicht. Also nimmt sie sich einen Partner, mietet auf der edlen Düsseldorfer Königsallee Räume an und hängt ihr Schild an die Tür. Wenig später stößt Jürgen Wessing hinzu, einer der namhaftesten Strafverteidiger der Republik. Und dann zieht Verjans selbst das Mandat an Land, das ihr in den kommenden Jahren praktisch alle Türen öffnen wird, die es in der Deutschland AG überhaupt zu öffnen gibt: RAG.

Die Ruhrkohle AG, bei Gründung 1972 ein Koloss mit 170 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von sieben Milliarden D-Mark, ist ein Glücksgriff für Verjans. Ihr erstes Mandat lautet auf punktuelle Beratung. Doch die RAG ist ein riesiger Apparat, der jährlich Milliarden an Subventionen verschlingt und schon deshalb ständig im Visier der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum steht. Aus ein paar Beratungsfällen werden viele, dann verpflichtet der Konzern - heute Evonik - Verjans dauerhaft. Alles, was kritisch aussieht, läuft über ihren Tisch. Das immergleiche Ziel: Probleme lösen, ohne dass es zu einem Gerichtsverfahren mit allen Auswüchsen kommt. Verjans Bilanz kann sich sehen lassen. Ihre Robe, die Arbeitskleidung für den Gerichtssaal, hängt seit Jahren fast ungebraucht im Schrank.

Ihre Spezialität ist Compliance

"Wir haben schon Compliance gemacht, als das Wort noch niemand kannte", sagt Verjans. Der Begriff, seit dem Siemens-Skandal in aller Munde, beschreibt die Gewährleistung, dass die Regeln, denen sich ein Unternehmen unterwirft, auch wirklich eingehalten werden. Die Sicherheitsschranken, Kontrollmechanismen und Aufspürmethoden, mit denen Verjans mehr als zehn Jahre Erfahrung hat, machen sie heute zur begehrten Compliance-Expertin. Stundenhonorare von 500 Euro sind für die Partner in ihrer Kanzlei keine Seltenheit.

Dabei ist ihre Kanzlei inzwischen eine andere. Renate Verjans und Jürgen Wessing, der 1996 bei ihr einstieg, haben sich 2006 wieder getrennt. Die Gründe, heiß diskutiert auf Anwaltsempfängen, wurden nie bekannt. "Mir hat mal ein Kollege gesagt: Wenn Du und der Wessing im selben Raum seid, dann ist er überfüllt", erzählt Verjans.

Doch wenn auch einige Kollegen gingen, so blieb doch die Mehrzahl bei ihr und ihren beiden Partnern Marcus Böttger und Markus Berndt. Ihre Kanzlei, VBB Rechtsanwälte, erstreckt sich heute auf der Kö über sechs Etagen.

Vielleicht hätte sie die berufliche Trennung vom langjährigen Partner Wessing persönlich härter getroffen, hätte sie nicht kurz zuvor eine ganz andere Erfahrung gemacht. Im Dezember 2004 erholt sich Verjans in Thailand von einem schweren Autounfall. Sie verbringt die Tage am Strand, die Krücken neben sich im weißen Sand. Den einzigen Ausflug, den sie während des ganzen Urlaubs ins Landesinnere unternimmt, kommt nur auf das unablässige Drängen ihrer Freunde zustande. Sie ist ihnen bis heute dankbar. Als Verjans an jenem zweiten Weihnachtstag zurückkehrt, liegt das Hotel in Trümmern, der Traumstrand ist ein Katastrophengebiet. "Ich wäre dem Tsunami auf meinen Krücken niemals entkommen", sagt Verjans. "Nachdem ich das erlebt habe, schätze ich berufliche Probleme ein bisschen anders ein als früher."

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1 Kommentar zu "Strafverteidigerin Renate Verjans: Die Robe bleibt im Schrank"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Eine interessante Vita, toll geschrieben. Doch den Titel verstehe ich nicht. Warum bleibt die Robe im Schrank? Gerade Strafverteidiger tragen doch üblicherweise schwarze Anwaltsroben mit Seidenbesatz und die sehen so aus: http://www.natterer-roben.de/uploads/images/Gallery/RObE_RECHTSANWAELTiN.jpg