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Strafverteidigerin Renate Verjans Die Robe bleibt im Schrank

Sie ist die Frau für die ganz harten Fälle. Wenn der Chefjurist aus dem Fenster guckt und den Staatsanwalt kommen sieht, ist die Nummer von Renate Verjans schon fast gewählt. Die Exotin unter den Strafverteidigern kann dann aus dem Stand auf Krisenmodus schalten.
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Renate Verjans gehört zu Deutschlands besten Strafverteidigern. Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt

Renate Verjans gehört zu Deutschlands besten Strafverteidigern.

DÜSSELDORF. Es gibt nichts, was sie jetzt noch sagen könnte. Keine Anekdote, um die Stimmung aufzuhellen, keine Nachfrage, was denn die Familie macht. Renate Verjans sitzt am Konferenztisch neben einem Telefon, das nicht klingelt. Die Gesichter um die Strafrechtlerin herum sind aschfahl. Keiner der Männer spricht ein Wort, keiner sieht sie mehr an. Alle starren aus ihrem Wolkenkratzer herunter auf die Stadt, in der ihr Vorstandschef seit acht Uhr früh die Fragen eines Staatsanwalts beantwortet.

Schon vor Stunden hätte sich der Chef melden sollen. Hier, hoch oben im 19. Stock, wollten sich seine Vorstandskollegen gegenseitig Mut zusprechen. Jetzt ist es totenstill. Alle fünf Minuten blickt einer auf die Uhr. Draußen dämmert es. Nach und nach verlassen die Männer den Raum. Als der Anruf kommt, ist Verjans fast allein.

Renate Verjans ist es gewohnt, dass man sie meidet. Das ist nichts Persönliches. Verjans ist typische Rheinländerin: gesellig, begeisterungsfähig, bei vielen Veranstaltungen der natürliche Mittelpunkt im Saal. Doch wer sie beruflich einlädt, handelt aus Zwang, nicht aus Sympathie. Der Vorstandsvorsitzende wird vom Staatsanwalt nicht wegen privater Vergehen befragt. Es geht um sein Geschäftsgebaren, und damit um alles. Jedem ist klar, was eine Inhaftierung bedeuten würde. Schlagzeilen, Tagesschau. Der Konzern mit 60 000 Mitarbeitern wäre auf Monate gelähmt.

Umschalten in den Krisenmodus

Der Druck, der die Konzernvorstände aus dem Solidaritätsraum trieb, ist für Verjans Tagesgeschäft. Zwar sind ihre Mandanten nicht ständig in Inhaftierungsgefahr - ganz so schlimm ist es mit der Kriminalität in der deutschen Wirtschaft nun doch wieder nicht. Und dennoch: Es kann jeden Tag passieren. Es gibt nicht viele Namen wie den von Verjans. Die Liste, die die Rechtsvorstände der Dax-Unternehmen für den Fall der Fälle im Kopf haben, ist kurz. Verjans hat in ihrer Zentrale auf der Königsallee in Düsseldorf eine Kanzlei aufgebaut, die aus dem Stand auf Krisenmodus schalten kann. Wenn das Telefon - meist in aller Herrgottsfrühe - klingelt und der Anrufer mit zittriger Stimme das Wort Durchsuchung hervorpresst, braucht Verjans Team nur Minuten, um auszuschwärmen. Schon aus dem Auto erledigt Verjans dann persönlich die ersten, die wichtigsten Anrufe. Den Mandanten beruhigen, den Staatsanwalt besänftigen. Und keiner, aber auch gar keiner, soll mit den Beamten sprechen, bevor Verjans nicht neben ihm steht.

Sie wollte nie etwas anderes machen. Der Weg von Renate Verjans in die Topetage der deutschen Strafverteidiger kommt ohne Schnörkel aus. Gewiss, sie begann auf einem Nebengleis - dem Vater zuliebe. Der war Direktor eines großen Lebensmittelunternehmens, bevor er sich im Import-Export-Geschäft selbstständig machte. Tochter Renate will seinem unternehmerischen Drang nacheifern und beginnt 1979 in Köln ein BWL-Studium.

Schon die ersten Vorlesungen im Nebenfach Jura lassen sie an ihrer Wahl zweifeln. Die Professoren, so scheint es der Studentin, stehen voll im Leben. Bei den Juristen gibt es Fälle, Opfer, Urteile. Aber in ihrem Hauptfach BWL? Verjans arbeitet regelmäßig bei ihrem Vater in der Firma. Die Lehrbücher und Uni-Theorien, glaubt Verjans, sind nichts, was einem im wirklichen Leben auch nur einen Meter weiterhilft. Sie will wechseln. Verjans will Anwältin werden.

Jura statt BWL? Der Vater nickt

Ein wenig kleinlaut spricht sie bei ihren Eltern vor. Die Verjans sind eine ernsthafte Familie, Wankelmut bei wichtigen Entscheidungen ist unüblich. Zu ihrer freudigen Überraschung aber rennt sie bei ihrem Vater offene Türen ein. "Er sagte mir, dass er selbst gern zur Uni gegangen wäre, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte", erzählt Verjans. "Und wenn er studiert hätte, dann Jura. Die Faszination für dieses Fach liegt wohl in meinen Genen."

Eine Faszination mit Folgen. Freiburg, Anfang der 90er-Jahre. Verjans ist bei ihrem Freund. Die Beziehung leidet - der Weg von Köln nach Freiburg ist lang und die Wochenenden kurz. Doch an diesem Tag überrascht sie ihr Freund mit einem Vorschlag. Der Vater seines Arbeitskollegen war in der Kanzlei des namhaften Jura-Professors Gerhard Hammerstein tätig - und bot an, ein Praktikum für Verjans zu organisieren. "Wir sehen uns doch so wenig", sagt ihr Freund. "Wäre das nicht toll, wenn du hier in Freiburg arbeiten könntest?"

Das gut gemeinte Angebot geht völlig schief. Der Arbeitseifer, den die junge Verjans in der Kanzlei an den Tag legt, erwischt ihren Freund auf dem falschen Fuß. Jetzt sehen sich zwar auch wochentags, aber Verjans ist mit ihren Gedanken immer nur an einer Stelle: in der Kanzlei. "Du bringst die Robe ja mit nach Haus", mault ihr Lebenspartner. Als es schließlich soweit kommt, dass er in ihre Heimatstadt Köln fährt, um gemeinsame Freunde zu treffen, sie aber lieber in Freiburg bleibt, um den nächsten Fall vorzubereiten, ist das Ende nahe. "Privat hatte ich bald keinen Grund mehr, nach Freiburg zu kommen", gibt Verjans zu. "Aber für den Job hatte ich Feuer gefangen."

Das bleibt nicht unbemerkt. So imponiert Verjans auch Ferdinand Gillmeister, der sie als Referendarin in der Kanzlei von Professor Hammerstein kennenlernt. "Strafrecht ist etwas Besonderes", sagt er. Man könne nicht wie im Zivilrecht einen Fall in Sachgebiete aufteilen und auch mal probehalber etwas an junge Kollegen zum Einarbeiten geben. "Man muss die Leute mit Biss suchen und schnell allein schwimmen lassen", sagt Gillmeister. Verjans habe sich nicht nur in Arbeit gestürzt, sondern war stets bereit, Verantwortung zu übernehmen. Als Verjans 1990 ihren Abschluss in der Tasche hat, braucht sie keine Bewerbungen zu schreiben. Der Schreibtisch in Freiburg ist reserviert.

Der Arbeitsplatz in der Top-Kanzlei ist genauso fordernd wie fördernd. Verjans Mentor Gillmeister führt sie ein in die High Society der deutschen Anwaltsszene. Und jeder weiß, wenn die Neue da ist: Eine Frau wie sie, groß, blond, energiesprühend, zieht bei vielen Anlässen die Blicke auf sich. Bei den extrem krawattenlastigen Versammlungen der Strafverteidiger und Rechtsvorstände wirkt sie geradezu exotisch. Verjans: "Ich war meistens die einzige Frau im Raum - und immer die Jüngste."

Einen natürlichen Vorteil hat sie dadurch nicht. Gillmeister gibt ihre Schriftsätze zwei-, drei-, sogar viermal zurück, bevor er nickt. Als Gegenleistung formt er sie zur Spitzenspielerin in der härtesten Liga, die die Anwaltsbranche zu bieten hat. Sicher, auch Steuerrechtler haben es nicht leicht und können ihren Mandanten mit einem Fehler riesige Summen kosten. Merger & Acquisition-Anwälte sind mit ihren Rund-um-die-Uhr-Verhandlungen in der Arbeitsbelastung vielleicht extremer. Doch keiner ihrer Mandanten kommt hinter Gitter, wenn etwas schief läuft. Für Strafrechtler ist diese Gefahr immer Teil der Gleichung. Verjans Mandanten vertrauen ihr ihre Freiheit an.

Mallorca, Juni 1996. Renate Verjans sitzt völlig übermüdet an einem Hotelpool auf der spanischen Ferieninsel. Erst seit einigen Monaten ist sie selbstständig, gleich einer ihrer ersten Fälle führt sie in den Abgrund menschlichen Schicksals. Die Frau, die Verjans gegenübersitzt, hat rote Augen. Ihr Mann hat die Deutsche Post um Millionen betrogen. Als die Staatsanwaltschaft ihm auf die Schliche kommt, schneidet er sich die Pulsadern auf. Verjans vertritt nun seine Witwe. Auch sie wird polizeilich gesucht. Als die verstörte Frau aus ihrem Ferienhaus auf Mallorca anruft, setzt sich Verjans ins nächste Flugzeug.

Menschlicher Rettungsanker

Nun muss sie ihre Mandantin überreden, sich zu stellen. Sofort. Verjans spürt, dass die Frau panische Angst hat, ins Gefängnis zu kommen. Angst, dass ihr achtjähriger Enkel, dessen Eltern ebenfalls verhaftet wurden, vor einem verschlossenen Haus steht, wenn er in drei Tagen aus dem Landschulheim kommt. Verjans kann die Frau nicht trösten, nur warnen. Nichts wäre schlimmer, als sich weiter zu verstecken. Verjans weicht ihr nicht mehr von der Seite. Die beiden, nach Tagen ohne Schlaf wie gerädert, nehmen die nächste Maschine nach Deutschland. Als ihre Mandantin neben ihr in Tränen ausbricht, muss Verjans schlucken. Auf dem Weg zur Polizei, klammert sich die Witwe so fest an ihre Anwältin, dass sie auf Tage Druckspuren hinterlässt. Als Verjans an diesem Abend in ihr Bett fällt, nimmt sie sich etwas vor: ab jetzt mehr Distanz.

Die Dramatik ihres ersten Jahres als eigener Chef hat Verjans gestählt. Schon die Entscheidung, sich im zarten Anwaltsalter von 35 Jahren selbstständig zu machen, lässt viele in der Branche den Kopf schütteln. Doch Verjans wirtschaftet einfach drauflos. Sie will zurück ins Rheinland - offene Stellen ihres Zuschnitts gibt es gerade nicht. Also nimmt sie sich einen Partner, mietet auf der edlen Düsseldorfer Königsallee Räume an und hängt ihr Schild an die Tür. Wenig später stößt Jürgen Wessing hinzu, einer der namhaftesten Strafverteidiger der Republik. Und dann zieht Verjans selbst das Mandat an Land, das ihr in den kommenden Jahren praktisch alle Türen öffnen wird, die es in der Deutschland AG überhaupt zu öffnen gibt: RAG.

Die Ruhrkohle AG, bei Gründung 1972 ein Koloss mit 170 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von sieben Milliarden D-Mark, ist ein Glücksgriff für Verjans. Ihr erstes Mandat lautet auf punktuelle Beratung. Doch die RAG ist ein riesiger Apparat, der jährlich Milliarden an Subventionen verschlingt und schon deshalb ständig im Visier der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum steht. Aus ein paar Beratungsfällen werden viele, dann verpflichtet der Konzern - heute Evonik - Verjans dauerhaft. Alles, was kritisch aussieht, läuft über ihren Tisch. Das immergleiche Ziel: Probleme lösen, ohne dass es zu einem Gerichtsverfahren mit allen Auswüchsen kommt. Verjans Bilanz kann sich sehen lassen. Ihre Robe, die Arbeitskleidung für den Gerichtssaal, hängt seit Jahren fast ungebraucht im Schrank.

Ihre Spezialität ist Compliance

"Wir haben schon Compliance gemacht, als das Wort noch niemand kannte", sagt Verjans. Der Begriff, seit dem Siemens-Skandal in aller Munde, beschreibt die Gewährleistung, dass die Regeln, denen sich ein Unternehmen unterwirft, auch wirklich eingehalten werden. Die Sicherheitsschranken, Kontrollmechanismen und Aufspürmethoden, mit denen Verjans mehr als zehn Jahre Erfahrung hat, machen sie heute zur begehrten Compliance-Expertin. Stundenhonorare von 500 Euro sind für die Partner in ihrer Kanzlei keine Seltenheit.

Dabei ist ihre Kanzlei inzwischen eine andere. Renate Verjans und Jürgen Wessing, der 1996 bei ihr einstieg, haben sich 2006 wieder getrennt. Die Gründe, heiß diskutiert auf Anwaltsempfängen, wurden nie bekannt. "Mir hat mal ein Kollege gesagt: Wenn Du und der Wessing im selben Raum seid, dann ist er überfüllt", erzählt Verjans.

Doch wenn auch einige Kollegen gingen, so blieb doch die Mehrzahl bei ihr und ihren beiden Partnern Marcus Böttger und Markus Berndt. Ihre Kanzlei, VBB Rechtsanwälte, erstreckt sich heute auf der Kö über sechs Etagen.

Vielleicht hätte sie die berufliche Trennung vom langjährigen Partner Wessing persönlich härter getroffen, hätte sie nicht kurz zuvor eine ganz andere Erfahrung gemacht. Im Dezember 2004 erholt sich Verjans in Thailand von einem schweren Autounfall. Sie verbringt die Tage am Strand, die Krücken neben sich im weißen Sand. Den einzigen Ausflug, den sie während des ganzen Urlaubs ins Landesinnere unternimmt, kommt nur auf das unablässige Drängen ihrer Freunde zustande. Sie ist ihnen bis heute dankbar. Als Verjans an jenem zweiten Weihnachtstag zurückkehrt, liegt das Hotel in Trümmern, der Traumstrand ist ein Katastrophengebiet. "Ich wäre dem Tsunami auf meinen Krücken niemals entkommen", sagt Verjans. "Nachdem ich das erlebt habe, schätze ich berufliche Probleme ein bisschen anders ein als früher."

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1 Kommentar zu "Strafverteidigerin Renate Verjans: Die Robe bleibt im Schrank"

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  • Eine interessante Vita, toll geschrieben. Doch den Titel verstehe ich nicht. Warum bleibt die Robe im Schrank? Gerade Strafverteidiger tragen doch üblicherweise schwarze Anwaltsroben mit Seidenbesatz und die sehen so aus: http://www.natterer-roben.de/uploads/images/Gallery/RObE_RECHTSANWAELTiN.jpg