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Textilbranche Recycling von Altkleidung ist das größte ungelöste Problem der Modebranche

Viele Firmen in der Textilindustrie engagieren sich zu wenig für nachhaltige Produktion. 80 Prozent der Kleidung landet noch immer auf dem Müll.
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In der Mode ist ein Wettbewerb um die Nachhaltigkeit entbrannt. Quelle: Reuters
H&M in Paris

In der Mode ist ein Wettbewerb um die Nachhaltigkeit entbrannt.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Der Werbeslogan ist groß auf die Wand im Eingangsbereich gemalt: „Greif‘ jetzt zu. Morgen könnte die Gelegenheit für immer vorbei sein.“ Es ist die klare Aufforderung an die H&M-Kunden, in der Filiale an der Düsseldorfer Königsallee schnell ein Kleid, ein T-Shirt oder eine Jacke zu kaufen. Auf der Wand gegenüber hält der schwedische Textilriese die Kunden dazu an, am besten jeden Tag in den Laden zu kommen, „weil wirklich jeden Tag neue Ware hereinkommt“.

Bei den zwei deutlichen Aufforderungen zu mehr Konsum und den vielen vollen Kleiderständern fällt die kleine weiße Holzbox kaum auf. Sie steht in der hintersten Ecke des langen Ladens neben dem Hinweis für den Wandhydranten und Feuerlöscher. Dort können die Kunden Tüten mit alter Kleidung abgeben. Dafür erhalten sie an der Kasse einen Gutschein für einen 15-prozentigen Rabatt bei ihrem nächsten Einkauf.

Es ist der bescheidene Versuch des schwedischen Textilriesen, den Massen an Kleidung etwas entgegenzusetzen, die täglich aus den etwa 400 H&M-Läden in Deutschland in Millionen Haushalten ankommt. Das Recycling von Altkleidung ist das größte ungelöste Problem der Modebranche. Denn 80 Prozent der Kleidung landet am Schluss auf dem Müll. Das ist eine enorme Umweltbelastung durch die Modeindustrie, die ja die Welt verschönern will.

„Die Textilindustrie als einer der größten Konsumgüterbranchen hat eine hohe Verantwortung beim Thema Nachhaltigkeit“, sagt Sebastian Boger von der Boston Consulting Group BCG. Es sei notwendig, „jetzt den nächsten Schritt zu tun: das komplette Recycling der Kleidung“, fordert der Konsumgüterexperte. Dafür seien ganz neue Technologien erforderlich. „Das ist auch für große Unternehmen eine enorme Anstrengung.“

Er stellt der Branche für 2018 ein schlechtes Zeugnis aus. Sechs Jahre nach dem Einsturz der Textilfabriken von Rana Plaza in Bangladesch lässt die Modeindustrie bei ihren Anstrengungen nach, für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

So ist der entsprechende Index, der Pulse Score, im vergangenen Jahr nur um vier Prozentpunkte gestiegen – nach bereits sechs Punkten im Jahr zuvor. Das geht aus dem neuen Report „Pulse of the fashion industry“ hevor, der dem Handelsblatt vorab vorliegt.

Besonders erschreckend: Während die Anstrengungen der Modeindustrie, nachhaltiger zu produzieren nachlässt, steigt die weltweite Produktion von Textilien immer weiter. Bereits in diesem Jahr dürfte sie nach den BCG-Berechnungen um 4,8 Prozent auf einen Wert von 1,8 Billionen US-Dollar steigen. Dieser Wachstumstrend dürfte nach Berechnungen der Berater bis 2030 anhalten.

Auch die Großen tun sich schwer

Wenn sich die Industrie nicht stärker in Sachen Nachhaltigkeit anstrengt, wird die Lücke zwischen der Industrieproduktion und dem im Nachhaltigkeits-Index dokumentierten Anstrengungen zur Transformation der Branche immer weiter auseinanderklaffen.

„Rund 15 Prozent der weltweiten Textilindustrie haben noch so gut wie gar nichts unternommen, um nachhaltiger zu wirtschaften“, kritisiert Boger. „Etwa 30 Prozent der Firmen haben zumindest erste wesentlichen Schritte unternommen.“

Das heißt, sie haben den Einsatz von Wasser und Chemikalien bei der Kleidungsproduktion und den Energieeinsatz bei der Produktion verringert. Eine weitere ergriffene Maßnahme ist, die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zu verbessern.

Die Kluft zwischen den Firmen, die sich für eine nachhaltige Produktion engagieren und dem Rest, wächst. Vor allem große Modekonzerne wie die Luxusmode-Gruppe Kering, die schwedische Textilkette H&M oder die deutsche C&A arbeiten daran, mehr Transparenz in ihre Lieferkette zu bringen. So sagt der schwedische Konzern in seinem Onlineshop inzwischen, wo er ein Kleidungsstück produzieren lässt.

Doch viele kleinere und mittelgroße Unternehmen der Branche sind noch längst nicht so weit. Sie haben das Thema Nachhaltigkeit unterschätzt. Und „viele waren auch in den vergangenen Jahren mit anderen existenziellen Themen wie der Restrukturierung beschäftigt“, sagt Boger.

Doch auch die Großen der Modebranche tun sich beim nächsten großen Thema Recycling schwer. „Nach wie vor ist eine große Hürde innerhalb des Textilrecyclings das Fehlen notwendiger Technologien zur Trennung von gemischten Fasern sowie der Trennung von Farben und anderen Fremdstoffen von Polyester und Zellulose“, räumte eine Sprecherin von H&M Deutschland ein. Deshalb investiere die H&M-Gruppe in verschiedene Forschungsprojekte, um langfristig den Kreislauf der Mode zu schließen.

Dass das die Lösung ist, das ist für H&M-CEO Karl-Johan Persson klar. Es sei wichtig, sich bei der Textilproduktion „von einem alten linearen und umweltbelastenden System fort zu bewegen zu einem Kreislaufsystem, das ein langfristige umweltbewusste und sozialverträgliche Nachhaltigkeit sicherstellt“.

Die komplizierte Mischung aus Synthetik, Fasergemischen und viel Chemie in der Kleidung macht es schwer, die Textilien durch mechanisches Recycling zu verwerten. Bei chemischen Verfahren stehe die Branche, so Boger, jedoch „noch ganz am Anfang“.

Luxusmode soll nachhaltig werden

In Deutschland wird zwar fleißig Kleidung in großen, weißen Blechcontainern gesammelt oder von karitativen Organisationen zu Hause abgeholt. Doch ein Großteil wird in die Dritte Welt verkauft, dort später umweltschädlich entsorgt, oder bestenfalls zu Putzlappen oder Wattefüllungen von Autositzen verarbeitet.

Das ist weit entfernt von hochwertigem Recycling, geschweige denn von einem geschlossenen Kreislauf. Immerhin gibt es Versuche, das Problem zu lösen. So hat C&A vor zwei Jahren das erste Craddle-to-Craddle-T-Shirt in ihre Textilhäuser gebracht. Das T-Shirt war so produziert, dass es sich nach dem Gebrauch kompostieren lässt und sich nach rund sieben Wochen komplett auflöst, ohne schädliche Rückstände.

Im vergangenen Jahr kam eine Jeans hinzu, die ebenfalls nach dem gleichen Prinzip hergestellt wurde. „Wir haben bisher über vier Millionen Cradle to Cradle zertifizierte Produkte sowohl im Damen als auch im Herren- und Kindersortiment in den Verkauf gebracht“, lobt Michael Reidick, Chef für Nachhaltigkeit bei C&A Europa, das eigene Engagement.

Inzwischen gibt es zwar schon viel Kleidung des Düsseldorfer Konzerns, die sich nach diesem Prinzip problemlos recyceln lässt. Doch ein Sprecher von C&A räumte auch ein: „Diese Produkte machen aber trotzdem nur einen kleinen Teil unserer Gesamtproduktion aus.“

Doch der Druck der Kunden auf die Modebranche wächst. Das geht aus dem neuen Modereport von BCG hervor. Demnach haben schon 38 Prozent der befragten Kunden von ihrer bevorzugten Marke zu einer anderen gewechselt, weil ihnen diese in Sachen Nachhaltigkeit glaubwürdiger erscheint.

Das treibt immer mehr Konzerne an, sich für eine nachhaltige Lieferkette einzusetzen. So ist auch der französische Luxusmodekonzern Kering (Gucci, Bottega Veneta) dabei, seine Produktion auf umweltschonendere und fairere Arbeitsbedingungen umzustellen. Bis 2025 soll sie zu 100 Prozent transparent sein und aus verantwortlichen Quellen stammen.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), der vor gut vier Jahren das Textilbündnis gründete, um die Umwelt- und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern, kämpft deshalb für ein neues Gütesiegel: den Grünen Knopf. Das soll Verbrauchern helfen, ökologisch und unter fairen Bedingungen produzierte Kleidung im Laden besser zu erkennen.

Doch der Start des Grünen Knopfs im Sommer ist bescheiden. Nur 20 Modefirmen wollen bislang Kleidung mit dem neuen Siegel für ökologisch und unter fairen Bedingungen produzierte Kleidung in die Läden bringen. Viele Unternehmen zögern noch, das Projekt zu unterstützen. „Für ein europaweit agierendes Unternehmen gibt es noch viele Fragen hinsichtlich der Kriterien, der Kontrolle, der Umsetzung und der langfristigen Ausgestaltung zu klären“, sagte ein C&A-Sprecher.

Neues Siegel „Grüner Knopf“ startet bescheiden

Außerdem: Das neue Siegel berücksichtigt zwar viele Kriterien. Doch der Schwerpunkt liegt in der Einführungsphase auf der Endfertigung und den Nassprozessen bei der Herstellung, beispielsweise Bleichen und Färben. „Das Thema Recycling wird erst später eine konkrete Vorgabe für die Vergabe des Grünen Knopfes sein“, sagte eine Sprecherin des Entwicklungsministeriums.

So gibt es viele Einzelinitiativen der Konzerne, um mehr recycelte Materialien zu verwenden. H&M, das bereits seit 2013 in Deutschland Altkleider sammelt, will langfristig erreichen, dass „100 Prozent der in unseren Produkten verwendeten Materialien aus nachhaltigen Quellen stammen“, sagte eine Sprecherin. Dazu gehören recycelte Baumwolle und recyceltes Polyester ebenso wie Biobaumwolle. Zuletzt lag dieser Anteil schon bei 57 Prozent.

Bis zum 100-Prozent-Ziel ist es noch ein weiter Weg. BCG-Berater Boger sieht nur eine Chance, das Recycling-Problem zu lösen, wenn Unternehmen und Politik zusammenarbeiten. „Um das Recycling voranzubringen, muss die Industrie ihre Einzelinitiativen besser koordinieren und auch vom Gesetzgeber unterstützt werden“, sagt er.

Entwicklungsminister Müller lässt sich jedoch zumindest beim Grünen Knopf mit dem Recycling noch etwas Zeit.

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