Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Textildiscounter Wie Primark vom Jäger zum Gejagten wurde

Der Textildiscounter hat die Modebranche aufgemischt. Doch zehn Jahre nach dem Start in Deutschland kämpft Primark mit Problemen – und muss umsteuern.
19.03.2019 - 10:25 Uhr Kommentieren
Primark: Der Textildiscounter stößt an seine Wachstumsgrenze Quelle: Primark
Primark-Filiale in Berlin

Der Umsatz im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2018/19 stieg nur durch Neueröffnungen um vier Prozent.

(Foto: Primark)

Düsseldorf Es soll der nächste große Coup werden. Am 16. April eröffnet Primark in Wuppertal seine 29. Filiale in Deutschland. Doch das neue Kaufhaus mit der geschwungenen, goldglänzenden Metallfassade sorgt im Vorfeld für Ärger in der Stadt. Denn der irische Textildiscounter hat seine Verkaufsfläche um ein Drittel verkleinert. Statt auf 4.500 Quadratmetern soll es T-Shirts für zwei Euro und Jeans für 17 Euro künftig nur noch auf 3.200 Quadratmetern geben.

„Wir haben die Größe des Stores an die Kaufkraft in der Stadt und der Region angepasst“, erklärt Deutschland-Chef Wolfgang Krogmann den Grund für die neue Kurskorrektur. „Wir müssen ja darauf achten, dass wir die erforderliche Flächendichte erreichen.“

Zehn Jahre nach dem Start in Deutschland kämpft der große Schrecken der etablierten Modebranche von H&M, Tom Tailor bis C&A mit Problemen. In Deutschland stagniert das Wachstum in den bestehenden Häusern. Manche neue Filiale fällt kleiner aus, als man es von Primark gewohnt ist, andere sollen verkleinert werden.

Einer der aggressivsten Textilfilialisten der letzten Jahre muss in Deutschland einen Gang runterschalten. Stattdessen wollen die Iren vor allem in Frankreich, Italien und Zentraleuropa wachsen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Probleme in Deutschland sind bitter für den auf Wachstum getrimmten Konzern. Denn: „Deutschland ist für uns ein sehr wichtiger Markt, der drittgrößte um genau zu sein. Hier erzielen wir rund zehn Prozent unseres Umsatzes“, sagte John Bason, Finanzvorstand des britischen Mutterkonzerns Associated British Foods (ABF), dem Handelsblatt.

    Im laufenden Jahr will er mit 28 Filialen und 7.000 Mitarbeitern in Deutschland einen Umsatz von 900 Millionen Euro erreichen. Damit hat sich Primark an den Konkurrenten Takko herangearbeitet, der zuletzt Kleidung für rund 1,1 Milliarden Euro verkaufte.

    Ausgerechnet das Geschäft in dem Land, das für seine Rabatt- und Discount-Begeisterung bekannt ist, schwächelt. Nur durch die Eröffnung neuer Filialen konnte der Konzern seinen Umsatz zuletzt noch steigern. Doch auf vergleichbarer Fläche verkaufte Primark im vergangenen Jahr in Deutschland weniger als noch zuvor.

    Die gesamte Branche ist in der Krise

    Ähnlich sieht es im ganzen Konzern aus: Der Umsatz im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2018/19 stieg nur durch Neueröffnungen um vier Prozent. Doch auf vergleichbarer Fläche ging er um zwei Prozent zurück.

    Eigentümer ABF ist alarmiert und reist gleich mit drei Topmanagern zum Gespräch mit dem Handelsblatt nach Düsseldorf. Denn nicht nur in Deutschland wird das Geschäft schwieriger. „In einigen Märkten wie Großbritannien und Irland sind wir bereits sehr stark vertreten“, räumte Finanzvorstand Bason ein.

    Daher muss Primark neue Länder in Angriff nehmen. „Wir werden deshalb in den nächsten Jahren auch in Zentraleuropa expandieren, in Polen, Tschechien und Slowenien“, kündigt er an.

    „Primark leidet wie viele Modehändler unter dem Frequenzverlust in den deutschen Innenstädten“, sagt Sebastian Boger, Mode- und Einzelhandelsexperte der Boston Consulting Group (BCG) in München. So ist dort die Zahl der Kunden in den letzten Jahren um drei bis vier Prozent gesunken. „Dieser Frequenzverlust dürfte noch rund drei bis fünf Jahre anhalten, bevor wir die Talsohle erreichen“, befürchtet der BCG-Berater.

    Grafik

    Das trifft das Geschäftsmodell des irischen Konzerns: Denn Primark ist nur dann erfolgreich, wenn jeden Tag mehrere Tausend Kunden die Filialen besuchen und sie hinterher dick bepackt mit möglichst vielen T-Shirts, Hosen und Jacken zu Tiefstpreisen in den braunen Papiertüten wieder verlassen.

    Das Prinzip Primark beruht auf einer scharfen Preiskalkulation. „Wir können unsere Kleidung so günstig anbieten, weil wir direkt bei den Herstellern einkaufen, sehr große Mengen bestellen und eine niedrigere Marge haben als viele Wettbewerber, auch als manche Discounter“, versucht John Bason die Gründe für die extremen Niedrigpreise zu erklären.

    So spart sich der Konzern, der auf große Werbekampagnen verzichtet, Agenturen und Zwischenhändler. T-Shirts, Jeans und Sweatshirts werden in den Fabriken nach dem Nähen gleich auf Bügel gehängt und mit Preisetiketten versehen.

    So landen sie in Kartons per Container mit dem Schiff in Rotterdam. Von da aus werden sie über ein Logistikzentrum in Mönchengladbach per Lkw in die Filialen im Westen Deutschlands geliefert. Die Transportkartons werden schließlich zu den braunen Einkaufstaschen verarbeitet.

    Primark verteidigt Produktionsbedingungen

    Das Unternehmen, das zum Mischkonzern ABF gehört, der auch die Teemarke Twinings und den Zuckerriesen AB Sugar kontrolliert, steht immer wieder mal wegen seiner Produktionsbedingungen in der Kritik. So sorgte vor ein paar Wochen ein Knochenfund in einer Socke für Schlagzeilen.

    Primark habe „den Vorfall eingehend geprüft“, sagt Ethikchef Paul Lister. „Es gab in der betreffenden Fabrik keinen Unfall. Den Knochen muss jemand mit Absicht eingefügt haben. Wir hatten in der Vergangenheit schon mehrere solcher Falschmeldungen.“

    Und Finanzvorstand John Bason macht klar, dass Primark nicht anders produziert als der Großteil der Branche. „Wir kaufen 98 Prozent unserer Textilien von den selben Herstellern wie viele Wettbewerber aus dem Discount- und Luxusbereich“, verteidigt er die Produktionsbedingungen bei seinen 700 Lieferanten mit ihren etwa 1.700 Fabriken. „Die Unterschiede bei den fertigen Produkten sind nicht so groß, dass sie den Unterschied von einem Zwei-Euro-T-Shirt zu einem 65-Euro-T-Shirt rechtfertigen würden“, sagt er an die Adresse teurerer Marken gerichtet.

    Allerdings dürften die Lohnkosten in den Lieferländern in Asien weiter steigen. Denn seit dem Einsturz der Fabriken von Rana Plaza in Bangladesch vor knapp sechs Jahren ist der Druck auf die Modebranche groß, für bessere Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu sorgen. „Wir werden in Gespräche mit Primark gehen, um auch bessere Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette zu erreichen“, kündigt Stefanie Nutzenberger vom Vorstand der Gewerkschaft Verdi an.

    Primark selbst hat sein Team aus Kontrolleuren für die Produktionsländer in den vergangenen Jahren von 70 auf 110 erhöht. Außerdem arbeitet der Konzern beim Deutschen Textilbündnis mit, dass Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nach der Katastrophe von Rana Plaza gründete, um fairere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

    Das alles könnte langfristig die günstigen Einkaufspreise und damit die gesamte Kalkulation des Discounters gefährden. „Dadurch werden sich die Preise in unseren Läden nicht erhöhen“, ist aber Bason überzeugt. „Denn in der Lieferkette und den Fabriken gibt es noch sehr viel Spielraum, um die Effizienz zu steigern.“

    Doch Primark gerät auch von anderer Seite unter Druck. In den vergangenen Jahren haben Aldi und Lidl ihre Umsätze mit Textilien kräftig gesteigert. Die Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ schätzt, dass Aldi Nord und Süd ihren Umsatz in der Sparte von 2015 bis 2017 um 8,6 Prozent auf 980 Millionen Euro und Lidl um acht Prozent auf eine Milliarde Euro erhöht haben.

    Auch der Düsseldorfer Konzern C&A, der lange unter Primark gelitten hat, setzt zum Gegenangriff an. Ex-Rewe-Chef Alain Caparros, der seit eineinhalb Jahren den Textilfilialisten aufmischt, hat eigens die neue Billiglinie „Best Deal“ gestartet. Das ist seine Antwort auf „die Discounter von Aldi über Takko bis Primark“, wie er dem Handelsblatt im Interview sagte.

    Der Gesamtmarkt schrumpft

    Die Discounter wollen davon profitieren, dass sich der Modemarkt stark polarisiert. Achim Berg, Modeexperte von McKinsey, erwartet, dass „2019 nur zwei Marktsegmente überdurchschnittlich wachsen: preisbewusste Mode wird um fünf bis sechs Prozent zulegen, das Luxussegment um 4,5 bis 5,5 Prozent“, schätzt er.

    Viele Unternehmen aus dem mittleren Preisbereich wie Tom Tailor oder Esprit sind hingegen zu Sanierungsfällen geworden. Denn der Gesamtmarkt schrumpft. Der Gesamtumsatz mit Textilien und Bekleidung in Deutschland sank im vergangenen Jahr nach Angaben des BTE Handelsverband Textil um 1,5 Prozent auf 65 Milliarden Euro.

    Außerdem rollen die großen Onlinehändler den Markt auf. Zalando wächst zwar inzwischen etwas langsamer, konnte aber im vergangenen Jahr dennoch seinen Umsatz um 20 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro steigern – ein Geschäft, bei dem Primark nicht mitspielt. „Lieferungen zu den Kunden nach Hause sind für uns kein Thema“, sagt Krogmann. Dafür seien die Logistikkosten angesichts der niedrigen Verkaufspreise zu hoch.

    Primark will stattdessen seine Läden aufhübschen. So will es sein erst vor drei Jahren gestartetes Beauty-Geschäft ausbauen und das mit Wohn-Accessoires. Aber auch die Konkurrenz legt nach. So hofft C&A-Chef Caparros auf seine neue Allianz mit der Einrichtungskette Butlers, die neuerdings ihre Bestseller in 500 C&A-Filialen anbietet.

    Primark will sich deshalb nicht alleine auf neue Sortimente verlassen, sondern Filialen in neuen Ländern eröffnen So will er in Frankreich (zurzeit 14 Filialen), Italien (4) und in Spanien (mehr als 40 Filialen) noch mehr Verkaufsflächen schaffen.

    Und dann gibt es ja noch den riesigen US-Markt. Dort betreiben die Iren erst neun Filialen. „Jetzt haben wir ein Modell, um in den USA weiter zu expandieren“, ist Bason überzeugt. „Wir haben die Filialen zum Teil etwas verkleinert“, verrät er die Kurskorrekturen, so wie jetzt auch den neuesten deutschen Store in Wuppertal.

    Startseite
    0 Kommentare zu "Textildiscounter: Wie Primark vom Jäger zum Gejagten wurde"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%