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Textilfabrik in Indien

Der Bangladesh Accord, der die Sicherheitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch verbessern sollte, steht vor dem Aus.

(Foto: Lonely Planet Images/Getty Images)

Textilindustrie Bangladesch schmeißt Kontrolleure raus – Modeindustrie droht Rückfall in alte Zeiten

Westliche Modefirmen haben die Fabriken sicherer gemacht. Jetzt verweist die Regierung die Prüfer des „Bangladesh Accord“ des Landes. Ein Desaster für die Unternehmen.
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Düsseldorf Noch Anfang November hatte der „Bangladesh Accord“ stolz seine jüngste Zwischenbilanz verkündet. Mehr als 900 Textilfabriken, die für westliche Modelabels arbeiten, hatten die festgestellten Mängel an der Statik und der Feuersicherheit fast komplett beseitigt.

Neue Rettungstreppen, Notausgänge, Brandmeldeanlagen und verstärkte Zwischendecken sollen dafür sorgen, dass sich Katastrophen wie der Einsturz der Fabrik Rana Plaza mit mehr als 1100 Toten vor fünf Jahren nicht mehr wiederholen.

Die rund 100 Prüfer, die für den Accord arbeiten, sind jeden Monat zu mehr als 500 Inspektionen ausgerückt, haben mit Fabrikbesitzern verhandelt, Tausende von Textilarbeitern in Sicherheitsfragen geschult. Und mehr als 100 Fabriken wurden auf die schwarze Liste gesetzt und von weiteren Aufträgen ausgeschlossen, weil ihre Besitzer nicht bereit waren, die Sicherheit der Arbeiterinnen und Arbeiter zu verbessern.

Was in Bangladesch erreicht wurde, ist weltweit beispiellos. Der Accord, ein Abkommen von fast 200 westlichen Modefirmen mit lokalen Gewerkschaften, hat die Zahl der Todesfälle in Textilfabriken in Bangladesch auf null reduziert. „Ich halte die bisherige Arbeit des Accords für sehr gut“, lobt Gisela Burckhardt, Geschäftsführerin von Femnet, einer Organisation, die sich für Rechte der Textilarbeiterinnen einsetzt.

„Der Accord hat eine phänomenale Veränderung bei der Sicherheit der Gebäude gebracht“, bestätigte auch Kalpona Akter, eine der führenden Gewerkschafterinnen aus Bangladesch, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

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Doch all das steht nun vor dem Aus. Getrieben von der Lobby der lokalen Fabrikeigentümer will die Regierung von Bangladesch die Zusammenarbeit mit dem Accord zum 30. November beenden. Das Büro des Accords soll das Land verlassen, die Kontrollen der Fabriken wird dann eine neue staatliche Behörde mit dem Namen Remediation Coordination Cell (RCC) übernehmen.

Dass eine staatliche Behörde die Übersicht über die Fabriken übernimmt, hört sich auf den ersten Blick wie eine Selbstverständlichkeit an. Doch für die westlichen Firmen ist es ein Desaster, das ihre Bemühungen um eine sichere Produktion zurückwerfen dürfte. Denn sie hätten dann keine Kontrolle mehr über die Bedingungen in den Fabriken.

„Die Regierung hat weder ausreichend ausgebildete Ingenieure, die die gleiche Leistung wie die Accord-Ingenieure erbringen können, noch gibt es eine ausreichend unabhängige Struktur wie den Accord, die die Maßnahmen um- und durchsetzen kann“, sagt Femnet-Chefin Burckhardt. Sie befürchtet, dass künftig „wieder lasch geprüft wird“, so wie vor dem Einsturz von Rana Plaza.

Die Textilfirmen stehen nun vor einem Dilemma. Sollten die Sicherheitsstandards wieder sinken, müssten sie im Grunde Produktion aus dem Land abziehen, um glaubwürdig zu bleiben. Doch Bangladesch ist nach China ihr zweitwichtigster Lieferant. Deutschland hat im vergangenen Jahr Kleidung im Wert von fünf Milliarden Euro aus Bangladesch eingeführt. Ein kurzfristiger Ersatz für diese Produktionskapazitäten in anderen Ländern ist nicht in Sicht.

Nanda Bergstein, Direktorin Unternehmensverantwortung bei Tchibo, zeigt sich „bestürzt, dass die Institutionen in Bangladesch einen frühzeitigen Abbruch des Accords vorantreiben, ohne dass eine transparente, unabhängige und tragfähige Übergangsstruktur existiert“. Die „überstürzte Ausweisung des Accords aus dem Land“ hält sie für „einschneidend“.

Auch der Textildiscounter Kik, eines der Gründungsmitglieder des Accords, sieht die Entwicklung mit großer Sorge, betont Ansgar Lohmann, der dort den Bereich Unternehmensverantwortung leitet. „Sollte der Accord gezwungen sein, Bangladesch zu verlassen, wäre dies ein herber Rückschlag“, so Lohmann.

Ob die noch erforderlichen Arbeiten dann vollendet werden können, erscheine zum heutigen Zeitpunkt zumindest fraglich. „Für die Beschäftigten in den Textilfabriken wären dies schlechte Nachrichten.“

Kern des Problems ist es, dass in Ermangelung staatlicher Vorschriften und Kontrolle die westlichen Modefirmen in Eigeninitiative begonnen haben, die Textilindustrie in Bangladesch sicherer zu machen. Grundlage ist das sogenannte Accord-Abkommen, das sie gemeinsam mit den lokalen Gewerkschaften im Mai 2013 geschlossen hatten, nachdem die Katastrophe von Rana Plaza die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt hatte.

In diesem Abkommen werden allen Textilfabriken, die Aufträge von den beteiligten Unternehmen bekommen wollen, genaue Vorschriften bezüglich Brandschutz und Gebäudesicherheit gemacht. Die Erfüllung dieser Standards und dazu notwendige Umbauten werden von Mitarbeitern des Accords überwacht. Im Gegenzug bekommen die Fabriken Garantien für Aufträge über mehrere Jahre. Ein ähnliches Abkommen haben US-Unternehmen unter dem Namen „Alliance“ geschlossen.

Politiker sind gegen Kontrolle

Doch viele Fabrikbesitzer haben die Auflagen nur widerwillig erfüllt. Auch viele Politiker des Landes störte es, dass westliche Firmen quasi hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Als der Accord kürzlich ankündigte, die Aufträge für rund 500 Fabriken wegen fehlender Nachbesserungen nicht zu verlängern, eskalierte die Situation.

„Wir können das nicht akzeptieren“, schimpfte Wirtschaftsminister Tofail Ahmed. „Wir brauchen Accord und Alliance nicht mehr“, verkündete er. Das Land sei selbst in der Lage, die Kontrollen durchzuführen.

Die Regierung von Bangladesch beruft sich bei der Kündigung auf ein Urteil des höchsten Gerichts des Landes. Der Fabrikant Smart Jeans hatte geklagt, weil ihm der Accord wegen unzureichender Sicherheitsstandards gekündigt hatte. Das Gericht hatte daraufhin angeordnet, dass der Accord seine Arbeit einstellen müsse. Danach hatte die Regierung zunächst einen neuen Vertrag geschlossen, der eine Übergangsphase von mindestens drei Jahren vorsah. Doch nun sieht sie sich daran nicht mehr gebunden.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat Bangladesch mehrfach aufgefordert, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken, selbst Minister Gerd Müller intervenierte persönlich. In der vergangenen Woche hat auch das EU-Parlament eine Resolution verabschiedet, in der es eine Verlängerung des Accords über den November hinaus fordert. Doch alles war bisher vergeblich.

Die Accord-Organisatoren selbst sind „tief enttäuscht über die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs“, wie Accord-Sprecher Joris Oldenziel dem Handelsblatt sagte. Er macht klar, dass die nationale Behörde RCC noch nicht in der Lage sei, die Sicherheit in allen Fabriken in Bangladesch sicherzustellen. Es müssten dort weitere Kapazitäten geschaffen werden, um die Aufgaben des Accords voll zu übernehmen. Sonst entstehe „eine Lücke in der Fabriksicherheit“, mahnte Oldenziel.

Der Accord bereitet einen Plan B vor, falls es bei der Kündigung bleibt. So will er dann das Team im Amsterdamer Büro verstärken und internationale Ingenieurfirmen beauftragen, die Sicherheitskontrollen in Bangladesch durchzuführen.

Doch die Modefirmen haben große Bedenken, ob das funktioniert. C&A beispielsweise macht als eines der Gründungsmitglieder klar, dass die Kündigung des Accords für viele Modefirmen klare Konsequenzen hat: Sollte das Oberste Gericht seine Entscheidung nicht zurücknehmen, hätte Accord keine Möglichkeit mehr, die auditierten Fabriken in Bangladesch zu besuchen und vereinbarte Verbesserungsprogramme zu kontrollieren, teilte das Unternehmen mit.

Die Modefirmen, die den Accord unterschrieben haben, müssten dann „die Geschäftsbeziehungen mit diesen Zulieferbetrieben beenden“.

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