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Textilindustrie in Bangladesch „Die Katastrophe von Rana Plaza hätte verhindert werden können“

Die Gewerkschafterin Kalpona Akter beklagt, dass auch fünf Jahre nach dem Fabrikeinsturz von Rana Plaza noch Näherinnen ausgebeutet werden.
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Die Geschäftsführerin des Bangladesh Center for Worker Solidarity kämpft für die Rechte der Arbeiter in den Textilfabriken.
Kalpona Akter

Die Geschäftsführerin des Bangladesh Center for Worker Solidarity kämpft für die Rechte der Arbeiter in den Textilfabriken.

Bonn Kalpona Akter musste schon als 12-Jährige in den Textilfabriken von Bangladesch schuften. Seit 18 Jahren ist sie jetzt in der Gewerkschaft aktiv und ist heute Geschäftsführerin des Bangladesh Center for Worker Solidarity. Zum fünften Jahrestag des Einsturzes der Fabrik Rana Plaza mit 1134 Toten ist sie in Deutschland unterwegs, um in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ihres Landes wachzuhalten.

Frau Akter, warum musste erst eine Katastrophe wie Rana Plaza passieren, damit die Öffentlichkeit auf die Zustände in den Textilfabriken in Bangladesch aufmerksam wurde?
Genau das hat mich so wütend gemacht. Wir haben doch vorher schon so viele Kollegen verloren, Fabriken sind eingestürzt oder abgebrannt und schon viel früher haben wir versucht, ein Abkommen mit den Textilfirmen zu schließen. Wenn sie ein Abkommen wie den Accord schon 2011 unterzeichnet hätten, wären die Fabriken 2013 sicherer gewesen. Aber die Unternehmen haben sich erst bewegt, als sie gesehen haben, dass ihre Reputation in Gefahr ist.

Was hat die Industrie aus dieser Tragödie gelernt?
Rana Plaza war keine Tragödie, es war ein von Menschen gemachtes Desaster, das hätte vermieden werden können. Die Modefirmen, die Regierung und die Fabrikbesitzer haben es nicht verhindert, obwohl auch schon vor diesem Ereignis alle Fakten bekannt waren.

Aber in den vergangenen fünf Jahren hat sich doch immerhin viel verändert.
Der Accord hat eine phänomenale Veränderung bei der Sicherheit der Gebäude gebracht. Es ist sehr viel erreicht worden. Aber das ist nicht genug.

Ein Blick hinter die Kulissen von Bangladeschs Textilindustrie
Das folgenschwere Unglück
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Vier Jahre nach dem verheerenden Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Dhaka hat sich in der Textilindustrie in Bangladesch viel verändert. Noch immer gibt es zwar Tausende von Betrieben, in denen unter unmenschlichen Bedingungen gearbeitet wird. Doch der Accord, ein Abkommen zwischen Gewerkschaften und Textilfirmen, sorgt zumindest für Kontrollen und sicherheitstechnische Umbauten in den 1.800 Fabriken, die für den Westen produzieren. Handelsblatt-Reporter Florian Kolf hat sich vor Ort umgesehen, um zu schauen, wie weit der Wandel schon ist.

(Foto: dpa)
Mitten im Wohngebiet
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Die Textilfabriken liegen häufig mitten in der Hauptstadt Dhaka, wie hier im Stadtteil Mirpur. Oft sind es notdürftig umgebaute Etagen in früheren Wohnhäusern. Das führte zu großen statischen Problemen, da die Decken und Säulen für die großen Lasten nicht ausgelegt waren.

(Foto: Florian Kolf)
In der Fabrik
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Auch die Betriebe W. Apparels und Chancellor Garments in Dhaka fallen unter den Accord und mussten deshalb umfangreiche Umbauten vornehmen, um weiter für westliche Firmen produzieren zu können. Einer der wichtigsten Kunden von W. Apparels ist der deutsche Textildiscounter Kik. Noch sind hier nicht alle geforderten Umbauten umgesetzt.

(Foto: Florian Kolf)
Näherei
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Auf dieser Produktionsstraße werden Jeans genäht. Die Arbeiterinnen tragen jetzt einen selbstgenähten Mundschutz, damit sie die feinen Stofffasern nicht einatmen. Heute gibt es hier ein zweites Treppenhaus als Fluchtweg für die Arbeiterinnen, die Wege zwischen den Nähtischen sind frei und klar gekennzeichnet.

(Foto: Florian Kolf)
Brandschutz
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In allen Betrieben, die unter den Accord fallen, muss der Brandschutz verbessert werden. Dazu gehören neben praktischen Dingen wie Löscheimer und Schutzdecken eine Brandmeldeanlage, Brandschutztüren oder beleuchtete Notausgangschilder. W. Apparels ist gerade dabei, noch eine Hydrantenanlage nachzurüsten, die das Löschwasser in die oberen Etagen transportiert.

(Foto: Florian Kolf)
Vergiftungsgefahr
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Häufig wird in den Fabriken noch zu sorglos mit gefährlichen Chemikalien hantiert. Doch das Bewusstsein dafür ist gewachsen, wie dieses Warn-Graffiti bei W. Apparels zeigt. Im Betrieb gibt es immerhin eine Augenwaschanlage für den Fall eines Chemikalienunfalls.

(Foto: Florian Kolf)
Handarbeit
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Hier werden die Feinarbeiten an den Kleidungsstücken erledigt, Fäden abgeschnitten oder Schilder eingenäht. Die Frauen die hier arbeiten verdienen meist wenig mehr als den Mindestlohn von umgerechnet 61 Euro pro Monat. In der Regel machen sie deshalb Überstunden und arbeiten bis zu 60 Stunden in der Woche, um zumindest einigermaßen ihre Kosten zu decken.

(Foto: Florian Kolf)

Was fehlt denn?
Der Accord umfasst nur einen Teil der Fabriken, etwa 1600 von rund 5000. Die Regierung kann weder sagen, wie viele Fabriken kontrolliert wurden, noch hat sie einen einheitlichen Maßnahmenplan. Das hat nur der Accord. Diese Transparenz ist ein großer Vorteil des Accord.

Wer bremst denn bei der Ausweitung?
Die Regierung hat getan was sie konnte, um die Ausweitung zu verhindern. Sie glaubt, sie kann die Verantwortung für die Kontrollen alleine übernehmen, aber das nicht im geringsten wahr. Auch die Fabrikbesitzer stehen dem Accord ablehnend gegenüber, weil sie keine Stimme bei den Entscheidungen haben. Aber wenn sie Mitspracherecht hätten, würde der Accord nicht funktionieren. Der Accord rettet ihr Geschäft, aber sie verstehen das nicht.

Wie wichtig ist es, dass der Accord jetzt für drei Jahre verlängert wurde?
Der Accord darf nicht nur um drei Jahre verlängert werden. Er muss so lange laufen, bis die Regierung wirklich in der Lage ist, zu garantieren, dass die Kontrollen auch in Zukunft mit den Standards des Accord durchgeführt werden.

Aber immerhin gibt es doch die Gewerkschaften, die Einfluss nehmen können.
Auf dem Papier gibt es das Recht eine Gewerkschaft zu gründen, auch alle westliche Firmen haben das in ihren Codes of Conduct stehen. Aber was passiert, wenn Arbeiterinnen versuchen ihre Rechte durchzusetzen? Sie werden geschlagen, entlassen und landen auf schwarzen Listen, so dass sie keinen neuen Job bekommen. Die Fabrikbesitzer haben ganz gezielt Arbeiterinnen entlassen, die für die Rechte ihrer Kolleginnen gekämpft haben und versucht haben, eine gewerkschaftliche Vertretung aufzubauen.

Was konnten denn die Gewerkschaften bisher erreichen?
In den vergangenen fünf Jahren sind in 500 der rund 5000 Textilfabriken Gewerkschaften registriert worden, aber nur weniger als 50 von ihnen sind mehr oder weniger funktionsfähig und konnten auch einen Tarifvertrag in ihrer Fabrik durchsetzen.

Warum fordern Sie gleich eine Verdreifachung des Mindestlohns?
Der Mindestlohn in Bangladesch liegt heute bei knapp über 50 Euro, das reicht kaum zum Leben. Ein Drittel davon müssen die Mitarbeiter bereits für die Miete aufwenden. Eine durchschnittliche Arbeiterin kann davon nicht mal die Schulbildung für ihre Kinder oder eine gute Ernährung bezahlen, wie etwa Milch oder auch nur einmal im Monat Fleisch.

Würde eine solch starke Lohnerhöhung nicht die Preise für die Produkte deutliche erhöhen?
Unsere Arbeiter bekommen nicht mal drei Cents vom Verkaufspreis eines T-Shirts. Die westlichen Modefirmen sollten nicht nur für Sicherheit in den Fabriken sorgen, sondern auch dafür, dass die Arbeiter einen Lohn bekommen, der zum Leben reicht.

Aber viele Modefirmen sagen, dass sie keinen Einfluss auf Höhe der Löhne haben, weil ihnen die Fabriken nicht gehören.
Diese Ausrede zählt nicht. Wer einen Vertrag wie den Accord durchsetzen kann, der kann auch dafür sorgen, dass die Löhne steigen. Und es gibt ja auch noch uns Gewerkschaften. Wir können sie dabei unterstützen, dass das Geld bei den Arbeitern landet – wenn sie denn wollen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

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1 Kommentar zu "Textilindustrie in Bangladesch: „Die Katastrophe von Rana Plaza hätte verhindert werden können“"

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  • Schuld sind nicht die deutschen Verbraucher sondern die Verantwortlich vor Ort! Warum werden diese nicht angeklagt bzw. für ihr Verhalten haftbar gemacht, sondern nur der deutsche Verbraucher? Schämen sich die die dortigen Arbeitsnehmer nicht ??

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