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Tourismusbranche 700 Millionen bis 3,5 Milliarden Euro: Bieterkampf um die Airlines von Thomas Cook

Immer mehr Interessenten melden sich für die Ferienfluggesellschaften von Thomas Cook. Doch die Zeit wird knapp. Derweil sinken die Chancen der Lufthansa.
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Immer mehr Interessenten melden sich für die Ferienfluggesellschaften des angeschlagenen Reisekonzerns Thomas Cook. Quelle: dpa
Condor-Flieger

Immer mehr Interessenten melden sich für die Ferienfluggesellschaften des angeschlagenen Reisekonzerns Thomas Cook.

(Foto: dpa)

FrankfurtEs ist ein weiterer Interessent, der angeblich seine Hand nach den Airlines des angeschlagenen Reisekonzerns Thomas Cook streckt. Die portugiesische Charter-Fluggesellschaft Hi Fly soll ein formloses Gebot für alle Airlines von Thomas Cook unterbreitet haben. Das berichtet jedenfalls die britische Boulevardzeitung „The Mail“, die Sonntagsausgabe der „Daily Mail“. Bestätigt sind diese Informationen bislang nicht. Doch sie würden sich ins Bild fügen.

Anders als von einigen in der Branche vorhergesagt, sind die Ferienfluggesellschaften von Thomas Cook, zu denen auch die deutsche Condor gehört, alles andere als ein Ladenhüter. Wer mangels Interesse an den Töchtern auf ein vorzeitiges Ende von Thomas Cook setzt, könnte falsch liegen.

Mittlerweile haben neben der Lufthansa auch die britische Virgin Atlantic, unterstützt wohl von der US-Airline Delta und der französisch-niederländischen Air France-KLM sowie der US-Airline-Investor Indigo, der etwa an der ungarischen Wizz Air beteiligt ist, ihr grundsätzliches Interesse an Teilen oder der gesamten Airline-Gruppe des britischen Konzerns geäußert.

Zudem hat der Finanzinvestor Triton Partners erklärt, das skandinavische Airline-Geschäft kaufen zu wollen. Die chinesische Fosun-Gruppe, die als Eigentümer des Club Med bereits mit Thomas Cook verbunden ist, könnte sich sogar ein Gebot für den gesamten Konzern vorstellen.

Thomas Cook hatte seine Airlines vor wenigen Monaten zum Verkauf gestellt. Konzernchef Peter Fankhauser will mit den Erlösen den Schuldenberg reduzieren und das Kerngeschäft als reiner Reiseveranstalter ohne eigene Airline stärken.

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Für Lufthansa bedeutet die neue Situation: Die Chancen, den erhofften Zuschlag für Condor zu bekommen, sind in den vergangenen Wochen zumindest tendenziell gesunken. Denn anders als alle anderen bekannten Bieter hat Europas größte Fluggesellschaft ein Problem. Denn sie fliegt in direkter Konkurrenz zu Condor. Die Lufthansa-Gruppe mit ihrem touristischen Ableger Eurowings dominiert Teile des deutschen Marktes. Eine Übernahme von Condor dürfte damit in Brüssel auf kartellrechtliche Bedenken stoßen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr weiß das. Er musste schon mal die Erfahrung machen, dass ihm die EU-Kartellwächter einen Einkaufswunsch abschlugen. Die EU-Kommission hatte der „Hansa“ Ende 2017 die Übernahme der früheren Air Berlin-Tochter Niki untersagt. Dennoch gab sich der Lufthansa-Chef zuletzt kämpferisch. „Wir sind die einzigen, die die Einheit von Condor gewährleisten können“, hatte Spohr Anfang Mai am Rande der Hauptversammlung gesagt.

Natürlich werde es im Falle eines Zuschlags für die gesamte Condor Auflagen geben. Ob diese dann zu hoch seien und eine Übernahme unattraktiv machen würden, das müsse man abwarten, so Spohr. Um sich als Bieter nicht vorzeitig selbst aus dem Rennen zu schießen, wäre Lufthansa sogar bereit, ebenfalls für die gesamte Airline-Gruppe von Thomas Cook zu bieten.

Zeit als Problemfaktor

Das Problem: Um mögliche Auflagen zu prüfen, braucht die EU-Kommission Zeit. Ob Thomas Cook Spielraum für eine möglicherweise vertiefende Kartellprüfung hat, ist aber fraglich. Der Konzern hat sich gerade bei Banken eine Kreditlinie über 300 Millionen Pfund gesichert.

Zusammen mit den bereits zugesagten Krediten von rund 875 Millionen Pfund dürfte der Konzern damit zwar gut über den reiseschwachen Winter kommen. Doch die Banken stellen Bedingungen: Thomas Cook muss rasch Fortschritte beim geplanten Verkauf der Airlines zeigen.

In der Konzern-Zentrale in London ist man zuversichtlich, dass das auch gelingen wird. „Unser vorrangiger Fokus ist die strategische Überprüfung der Fluggesellschaften, und das kommt gut voran“, heißt es auf Anfrage und mit Verweis auf die zahlreichen Interessenten.

Konkret bedeutet das allerdings: Wenn Thomas Cook den zusätzlichen Kreditrahmen von 300 Millionen Pfund mit Beginn der Wintersaison im Oktober abrufen will, müssten die Banken zumindest grob wissen, wie es um den Airline-Verkauf steht. Eine monatelange Kartellprüfung mit unsicherem Ausgang dürfte dabei eher weniger Gefallen finden.

Entscheidend ist für einen Zuschlag zudem der Preis, mehr vielleicht als bei anderen Verkäufen. Bisher mussten die Interessenten nur unverbindliche Angebote unterbreiten – noch ohne konkrete Zahlen. In den nächsten Wochen beginnt die sogenannte Due Diligence. Die Bücher werden geprüft, auch um die eigene Preisvorstellung festzulegen. Einfach wird das nicht. Schätzungen von Analysten weisen für den Wert der Airline-Gruppe eine enorme Bandbreite auf. Sie reicht 700 Millionen bis 3,5 Milliarden Euro.

Für den Condor-Chef wäre die Lufthansa eine gute Perspektive. Quelle: Condor
Ralf Teckentrup

Für den Condor-Chef wäre die Lufthansa eine gute Perspektive.

(Foto: Condor)

Ein Problem bei der Kalkulation ist die in die Jahre gekommene Flotte. Sie müsste dringend erneuert werden. Einerseits können die dafür erforderlichen Investitionen als ein Argument genutzt werden, den Preis zu drücken. Andererseits hat die abgeschriebene und bezahlte Flotte auch einen Vorteil: Der Käufer muss nicht mit Leasingfirmen zeitaufwendig neue und vielleicht teure Verträge für die Jets abschließen.

Zudem hat er die Möglichkeit, über neue und spritsparende Flugzeuge die Profitabilität seines Neuerwerbs ohne umfassende Restrukturierung sofort nach oben zu treiben. Das dürfte auch das Interesse von professionellen Airline-Investoren wie Indigo erklären.

Der gebotene Preis ist deshalb so wichtig, weil der Reisekonzern die Mittel dringend braucht. Zum einen ist der Schuldenberg wegen der schlecht laufenden Geschäfte zuletzt deutlich gestiegen. Die sogenannte Netto-Finanzverschuldung – die Finanzverbindlichkeiten abzüglich der Barmittel – legte von Ende März 2018 bis Ende März dieses Jahres von 886 Millionen auf 1,247 Milliarden Pfund zu.

Zum anderen braucht Konzernchef Fankhauser Liquidität für die Neuausrichtung und Stärkung des Kerngeschäfts. In der Reisebranche tobt ein brutaler Preiskampf. Der heiße Sommer hatte im vergangenen Jahr vielen Urlaubern zudem die Lust am Fernurlaub vermiest. Noch dazu leidet Thomas Cook wegen des Brexits unter der Unsicherheit seiner Kunden in der britischen Heimat.

Analysten von UBS haben ausgerechnet, dass Thomas Cook mit den Airlines mindestens 1,1 Milliarden Euro erlösen müsste, sollte sich das Geschäft rechnen. Denn bei einem Verkauf der Airlines könnte sich Fankhauser zwar über einen wichtigen Einmalerlös freuen. Der Konzern würde aber im Gegenzug einen Ertragsbringer abgeben. Im letzten Fiskaljahr 2018 (zu Ende September) erreichte die Airline-Gruppe mit einer Ergebnismarge von 3,67 Prozent einen deutlich besseren Wert als das Kerngeschäft als Reiseveranstalter, das auf bescheidene 2,17 Prozent kam.

Die Frage ist, inwieweit Lufthansa bereit ist mitzubieten. Einerseits kann die deutsche Airline ein gewisses Preisniveau durchaus rechtfertigen, weil mit der Übernahme von Condor der wichtige Heimatmarkt abgesichert würde. Ein solcher strategische Preis liegt häufig über dem Wert des gekauften Objektes.

Im Blick der Aktionäre

Andererseits werden die Investoren der „Hansa“ sehr genau auf die Finger schauen. Die Erfahrungen mit der Übernahme von Teilen der insolventen Air Berlin sitzt den Aktionären noch tief in den Knochen. Der Deal und die Integration des Neuerwerbs in den Ableger Eurowings hat diesen tief in die roten Zahlen gedrückt.

Das stimmt einige Investoren eher skeptisch, was weitere Zukäufe angeht. „Wir Aktionäre wissen gar nicht, warum Lufthansa unbedingt die Nummer drei im europäischen Billigflug-Segment werden muss“, hatte etwa Michael Gierse, Portfolio-Manager bei Union Investment, auf der Hauptversammlung von Lufthansa die Strategie kritisiert. Hier die richtige Balance zu finden wird für das Team um Lufthansa-Chef Spohr nicht einfach.

Thomas Cook-Chef Fankhauser wiederum hat bei dem Airline-Verkauf eine ganz andere Erfahrung vor Augen. Der Konzern war 2011 schon einmal in große finanzielle Schwierigkeiten geraten und stand nahe vor dem Aus. Auch wenn Fankhauser damals nicht auf dem CEO-Posten bei Thomas Cook saß, möchte er eine Wiederholung der Ereignisse partout verhindern. Deshalb steuerte er mit dem Verkauf der Airlines sowie der Kreditzusage für den Winter frühzeitig gegen.

Doch Fankhauser weiß auch, wie wichtig es ist, allen Beteiligten schnell wieder eine klare Perspektive zu geben. Als vor einigen Tagen ein Analyst der Citygroup für Thomas Cook rechnerisch das Kursziel null vorgab, machten sofort Insolvenzgerüchte die Runde. Für den Konzern ist das eine äußerst brenzlige Situation.

Denn das Schlimmste, was dem britischen Unternehmen jetzt passieren könnte, wäre ein Abkehr der Kunden und Partnerfirmen. „Ein Reiseunternehmen wie Thomas Cook beruht auf dem Vertrauen und der Zuversicht unserer Kunden und Lieferanten“, heißt es in London. Angesichts des jüngsten „Lärms“, den es rund um den Konzern gegeben habe, sei es sicherlich nicht überraschend, dass man intensiv mit den Zulieferern in der Diskussion sei, um diese davon zu überzeugen, dass man über ausreichend Liquidität verfüge.

Bei Condor dürften viele Mitarbeiter derweil weiterhin auf einen Zuschlag von der Lufthansa hoffen. Man kennt sich, Condor gehörte bis Anfang 2009 anteilig zum Konzern. Auch Condor-Chef Ralf Teckentrup kann sich gut vorstellen, bei der „Hansa“ anzudocken. Ob der gewünschte Deal klappt, bleibt abzuwarten. Auch wenn Lufthansa noch eine sehr scharfe „Waffe“ im Wettlauf um die Ferienfluggesellschaft von Thomas Cook in der Hinterhand hat.

Am größten deutschen Drehkreuz Frankfurt steigen viele Fluggäste aus Lufthansa-Jets in die Maschinen von Condor um. Die Abhängigkeit von Lufthansa ist aufseiten von Condor also groß. Zudem hat Lufthansa bereits angekündigt, Eurowings auf jene Strecken schicken zu wollen, die auch Condor anbietet. Das ist einerseits Abschreckung für jeden anderen Bieter. Es ist andererseits aber auch ein Hinweis darauf, dass Lufthansa Condor nicht um jeden Preis haben will. Notfalls wächst man mit Eurowings eben aus eigener Kraft weiter.

Mehr: Zu hoher Investitionsbedarf, zu niedrige Rentabilität. Die Lufthansa im Bilanzcheck.

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