Tuifly-Besatzungen Die ungewöhnliche Krankheitswelle

Seit Beginn der Woche verspäten sich Flüge der Fluggesellschaft Tuifly oder fallen ganz aus. Und das Problem verschärft sich von Tag zu Tag. Der Grund: massenhaft krankgemeldete Mitarbeiter. Die haben Angst um ihren Job.
Die Mitarbeiter-Krankheitswelle bei Tuifly trifft vor allem sie: die Urlauber, die sich auf die Erholung am Strand gefreut hatten und nun am Flughafen festsitzen. Quelle: dpa
Gestrandet am Flughafen

Die Mitarbeiter-Krankheitswelle bei Tuifly trifft vor allem sie: die Urlauber, die sich auf die Erholung am Strand gefreut hatten und nun am Flughafen festsitzen.

(Foto: dpa)

HannoverHannover Airport, 9 Uhr morgens: Eine Großmutter liegt erschöpft mit Tochter und Enkelkind auf ihren Koffern und versucht zu schlafen. „Wie es weiter geht, wissen wir nicht“, sagt die alte Dame. Kurz nach Mitternacht war sie an der Heimatbasis des Ferienfliegers Tuifly eingetroffen, um in den Urlaub nach Antalya zu fliegen. Doch der Flug um 4 Uhr wurde kurzfristig abgesagt. So wie ihnen geht es zurzeit vielen Tuifly-Fluggästen in Deutschland. Entspannt am Strand liegen wollen sie, vor dem ersten Herbstgrau im Süden noch mal Sonne tanken. Doch für einige beginnt der Start in die Herbstferien mit Neonlicht und harter Airport-Bank in der Wartehalle.

Der Grund dürfte in der Zukunftsangst vieler Flugzeugbesatzungen begründet sein, die mit Sorge auf die Neuordnung ihrer Airline blicken. Angst macht krank – offenbar auch extrem kurzfristig. Seit Tagen mehren sich daher die kollektiven Krankmeldungen der Tuifly-Besatzungen. Da viele von ihnen auch für Air Berlin fliegen, wirbeln sie auch deren Flugpläne gehörig durcheinander. Tuifly hat am Donnerstag für den Partner Air Berlin nach dessen Angaben keinen einzigen der täglich 90 Flüge durchgeführt.

Handelt es sich wirklich um eine plötzliche Epidemie des Unwohlseins oder doch eine konzertierte Mitarbeiter-Aktion? Die Gewerkschaften verneinen, dass sie bei dieser Krankheitswelle involviert sind. „Wenn wir als Gewerkschaft für unsere Rechte kämpfen, tun wir das mit offenem Visier“, sagt Markus Wahl von der Piloten-Vereinigung Cockpit (VC). Doch der zeitliche Zusammenhang drängt Fragen auf.

Denn begonnen hatte das ungesunde Tuifly-Arbeitsklima direkt nach dem Bekanntwerden der Vorstandspläne für eine Umstrukturierung der Gesellschaft. „Es geht den Airlines derzeit nicht nur um eine Neustrukturierung des Luftverkehrsmarktes, sondern um eine grundlegende Umgestaltung der Arbeitsbeziehungen in der Branche zu Lasten der Beschäftigten“, sagt Herbert Behrens, der Obmann der Fraktion Die Linke im Verkehrsausschuss des Bundestages.

Das sind Europas größte Billigflieger
SunExpress
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Die 1989 gegründete türkische Airline hat eine Flotte von 64 Fliegern und erwirtschaftet jährlich 1,1 Milliarden Euro Umsatz. In Deutschland fliegt die Airline unter anderem Hannover, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München an.

Quelle: CAPA, Unternehmensangaben

Stand (Größe der Flotte): Mai 2016

Transavia
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Die niederländische Tochter von Lufthansa-Rivale Air France bietet seit dem 30. Mai zwölf innerdeutsche Flüge pro Woche zwischen München und Berlin-Schönefeld an. Insgesamt verfügt die Airline über 66 Flieger und setzt 1,1 Milliarden Euro im Jahr um.

Pegasus
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Zuletzt konnte der türkische Billigflieger beeindruckende Wachstumszahlen vorweisen. Zwischen 2005 und 2014 hat sich der Umsatz verdreifacht. Mittlerweile beträgt er 1,1 Milliarden Euro. Zehn Prozent der internationalen Flüge aus der Türkei gehen auf das Konto der Airline. Die Flotte besteht aus 67 Fliegern.

Wizz Air
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Die Ungarn haben die niedrigsten Kosten in Europa, die nach Ryanair höchste Gewinnmarge und in ihrer osteuropäischen Heimat wenig Konkurrenz. Allerdings verschreckt Wizz mit ihrem extremen Geizservice, bei dem selbst Handgepäck an Bord extra kosten kann und fliegt meist nur kleine Städte an. Trotzdem setzt Wizz mit 67 Flugzeugen 1,4 Milliarden Euro um.

Eurowings
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Die Lufthansa-Tochter hat von der wohlhabenden Mutter die Vielflieger und das starke Bonusprogramm geerbt. Dazu hat Eurowings nach der Mutter die wertvollsten Startzeiten im wirtschaftlich starken Deutschland. Die Flotte verfügt aktuell über 89 Flieger. Der Umsatz beläuft sich auf 1,9 Milliarden Euro.

Norwegian
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Die Skandinavier beherrschen mit Norwegen den wohlhabendsten Flugmarkt in Europa. Dazu haben sie die beste Risikostreuung. Das Problem: Die Airline ist außerhalb Skandinaviens oft zu klein und bestenfalls noch in Großbritannien und Teilen Spaniens eine bekannte Marke, nicht aber in Deutschland und Frankreich. Trotzdem setzen die Norweger mit 98 Flugzeugen 2,4 Milliarden Euro um.

Vueling
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Im extrem umkämpften spanischen Markt hat Vueling dank ihrer Heimat Barcelona noch die beste Stellung. Die Konzernmutter IAG mit British Airways (BA) lässt ihrer Billigtochter viel Freiheit. Dazu erflog sich Vueling dank Serviceneuerungen einen guten Ruf. Vueling ist trotz allem etwas klein und nur in Spanien, Italien und Frankreich bekannt. Den großen Sprung in die hochpreisigen Märkte in Nordeuropa hat die Linie bisher gescheut. Mit 105 Flugzeugen setzen die Spanier jährlich zwei Milliarden Euro um.

Der Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen zeigt Verständnis für das kollektive Unwohlsein: „Der Unmut der Belegschaften von Tuifly und Air Berlin ist daher mehr als verständlich, die zum Spielball der Vorstände der großen Fluggesellschaften zu werden drohen.“ Und der weltgrößte Touristikkonzern Tui? Er versucht zur Zeit so viele Flugzeuge wie möglich auf dem freien Markt zu chartern, um die Ausfälle so gering wie möglich zu halten. Doch das Ergebnis ist überschaubar: Obwohl Tuifly am Donnerstag 18 zusätzlich gecharterte Flugzeuge anderer Airlines einsetzte, musste der Ferienflieger fast die Hälfte seiner 110 Flüge annullieren.

Unter der Hand geben Mitarbeiter der Airline zu verstehen, dass die ungewöhnliche Krankheitswelle kaum vor ihrem Ende als vielmehr vor ihrem Auftakt stehen könnte. Denn die Stimmung unter den Mitarbeitern ist schlecht. Die fürs Bodenpersonal zuständige Betriebsratschefin Karin Grobecker bestätigt, dass selbst ansonsten rivalisierende Gewerkschaften in einem spontan gebildeten Krisenstab den Schulterschluss suchten. „Wir tagen ohne Unterlass“, erklärte sie. Am Donnerstag forderte sie den Vorstand schriftlich auf, endlich Fakten rund um die geplante Neuordnung auf den Tisch zu legen. Sollte das nicht erfolgen, so droht sie bereits mit rechtlichen Schritten.

  • dpa
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