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TV-Kritik „Ikea-Check“ Stress am Hochregallager

Ikea ist preiswert und behandelt seine Mitarbeiter fair. Oder? Der ARD-„Markencheck“ hat sich das schwedische Möbelhaus vorgenommen – und kommt teils zu anderen Ergebnissen. Verbrauchern nutzt die Doku aber nur begrenzt.
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Ikea-Filiale in Zagreb: „Das hier sind die gefährlichen Gänge“. Quelle: AFP

Ikea-Filiale in Zagreb: „Das hier sind die gefährlichen Gänge“.

(Foto: AFP)

BerlinNeulich bei Ikea: Familie Pauli ist gekommen, um ein Bett für ihre Tochter zu kaufen. Mutter Jenny ist großer Ikea-Fan, ihr Mann Markus eher weniger. Gerade haben sie sich durch die erste Hälfte der Möbelausstellung gearbeitet. Jenny: „Wollen wir nicht noch nach einer Küche schauen?“ Markus, trocken: „Nein.“ Eine Etage tiefer folgt dann die Markthalle. „Das hier sind die gefährlichen Gänge“, sagt Markus. Oben seien sie noch halbwegs zügig durchgekommen, hier fielen an jeder Ecke Dinge in den Wagen. Am Ende steht eine Rechnung von 460,28 Euro – dann natürlich haben die Paulis wieder Dinge gekauft, die sie ursprünglich gar nicht haben wollten. Wie jedes Mal bei Ikea.

Fast jeder hat solche Situationen schon selbst erlebt. Das brachte die Macher des populären „Markencheck“-Formats am Montagabend im Ersten dazu, erneut (nach einem ersten Ikea-Check im Jahr 2011) das schwedische Möbelhaus zu testen. Mit lustigen, zum Teil an die „Knoff-Hoff-Show“ erinnernden Experimenten versuchten sie, hinter die Fassade zu schauen. Meistens griffen sie sich allerdings eher einen Aspekt des Unternehmens heraus und thematisieren ihn – ihre Ergebnisse sind interessant, doch kommt der Mehrwert für Verbraucher zu kurz. Dass die Prüfer einige Haare in der Suppe des bekannten Möbelhauses finden, versteht sich von selbst.

Was Sie noch nicht über Ikea wussten
Auf den Hund gekommen
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Ein Bello zwischen Billys: Bei Ikea gibt es auch Hunde. Allerdings hat der Möbelriese nicht gleich die Lampen-Abteilung zum Welpen-Paradies umfunktioniert. Und zusammenbauen muss die Kläffer auch niemand. Die Hunde im Geschäft sind nur Pappaufsteller und dienen einem guten Zweck: Sie sind originalgetreue Abbilder realer Hunde im Tierheim, die ein neues Zuhause suchen. "Wir dachten, es sei die perfekte Möglichkeit, Menschen zu zeigen, wie ihr Zuhause mit einem Haustier darin aussehen würde“, erklärt eine Ikea-Marketing-Mitarbeiterin dem „Business Insider“. Für das Projekt „Home for Hope“ arbeitet Ikea mit mehreren Tierheimen zusammen. Bislang gibt es die Ikea-Hunde in den Städten Tempe (Arizona) und Singapur.

(Foto: Screenshot)
Eine Menge Holz
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Ikea ist der unangefochtene Gigant unter den Möbelhäusern – und einer der ganz Großen auf dem weltweiten Holzmarkt. Dem „Pacific Standard“ zufolge verbraucht der schwedische Konzern rund ein Prozent der weltweiten Holzproduktion. Insgesamt sind das rund 14 Millionen Kubikmeter Holz, die Ikea pro Jahr in Bretter und Spanplatten steckt – Papier- und Verpackung nicht mit eingerechnet.

(Foto: dpa)
Gut gebettet
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Jeder zehnte Westeuropäer wird auf einer Ikea-Matratze gezeugt – behauptet Jan Kluge in seinem Buch „Unliebsame Wahrheiten“. Besonders die Engländer scheinen sich dabei auf schwedischen Matratzen wohlzufühlen. In dem Königreich soll sogar jedes fünfte Neugeborene ein Ikea-Kind sein.

(Foto: dpa)
Beliebter als die Bibel
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Jedes Jahr im Herbst beginnt für Ikea die hektischste Phase des Jahres. Dann bringt das Unternehmen nämlich seinen neuen Katalog heraus – und lockt in den folgenden Monaten die meisten Kunden in die Einrichtungszentren. Mittlerweile gibt es den 300-seitigen Katalog zwar auch digital und als App, aber auch die gedruckte Variante geizt nicht mit Superlativen: Der Katalog für 2016 wurde rund 220 Millionen Mal gedruckt. Zum Vergleich: Die Bibel wird, Schätzungen zufolge, rund 100 Millionen Mal verkauft oder verteilt.

(Foto: obs)
Spielplatz für Männer
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Wer einmal im Möbelhaus drin ist, soll so schnell nicht mehr rauskommen. So lautet die Formel von Ikeas Kundenpolitik. Die Besucher sollen sich Zeit nehmen, stöbern, schlendern und kaufen – vor allem Frauen. Und damit die beim Einkaufsbummel nicht gestört werden, erprobt Ikea eine „Männerkrippe“.  Bei kostenlosen Softdrinks, Playstation und Kicker können Frauen ihre Männer dort „abgeben“, um ungestört die Kreditkarte heiß laufen zu lassen. In einer Filiale in Sydney hat Ikea das Programm „Mänland“ bereits getestet. Mit Erfolg, sagt der Konzern.

(Foto: ap)
Erfolgreich mit Köttbullar und Hot Dogs
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Ikea gehört in  Deutschland zu den umsatzstärksten Systemgastronomen. Mit einem Jahresumsatz von 230 Million Euro (2017) hängt der Möbel-Riese selbst Vapiano und Starbucks locker ab.

(Foto: dpa)
Alle zehn Sekunden ein Billy
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Das Bücherregal „Billy“ ist einer der Ikea-Verkaufsschlager schlechthin. Seit 1979 verkauft der Konzern das schlichte Bücherbord in rauen Mengen. Deutlich über 41 Millionen Stück sollen es bisher sein, genaue Zahlen veröffentlicht das Möbelunternehmen nicht. Wie BBC News errechnet hat, nimmt das Bücherregal damit weltweit einen Spitzenplatz ein: Alle Ikea-Filialen und rund 690 Millionen Besucher jährlich zusammengenommen, kauft alle zehn Sekunden ein neuer Kunde ein Billy-Regal. Seit Sie das erste Bild dieser Galerie aufgerufen haben, sind also wieder Dutzende neue Bücherregale verkauft worden.

(Foto: dpa)

Die Auswahl der Kategorien, in denen Ikea „gecheckt“ wird, wirken entsprechend willkürlich. Die Sendung beginnt mit einem Test, wie viel Stress Verbraucher beim Ikea-Einkauf empfinden. Es folgt ein Test des „Ikea-Prinzips“, dann die Qualität der Produkte und zum Schluss die Fairness des Unternehmens denen gegenüber, die ihre Möbel herstellen. Die Preise von Billy, Ivar und Co. werden hingegen nicht mit denen von Wettbewerbern verglichen. Hier hätte sich ein Vergleich aber durchaus gelohnt – gehen doch viele Verbraucher direkt zu Ikea, weil die Marke als preiswert gilt.

Der „Stress“-Test: Mutter und Tochter Koller, erstere mit Rollator, werden erst zu Höffner, dann zu Ikea geschickt. Mit ihnen insgesamt 20 Probanden, ausgestattet mit Stress-Sensoren für Puls und Schrittzahl. Alle haben den gleichen Auftrag: Mit 350 Euro in der Tasche drei Möbelstücke kaufen, auf die sie sich vorher festgelegt haben. Zeitlimit: Zwei Stunden. Bei Höffner läuft es entspannt ab, die beiden Damen finden einen freundlichen Verkäufer, der ihnen die gewünschten Dinge zusammenstellt und sind bald wieder draußen. Bei Ikea erweist es sich gerade im Hochregallager der Selbstbedienungsabteilung als arg hinderlich, mit Rollator unterwegs zu sein. Schließlich finden die beiden jedoch auch dort einen Mitarbeiter, der ihnen hilft.

Die Auswertung vom Stress-Experten fördert dann zu Tage, was der Zuschauer schon längst ahnt: Die Probanden empfinden bei Ikea im Durchschnitt mehr Stress, als bei Höffner. Doch hier zeigt sich, dass die ARD-Prüfer zu vorschnellen Schlussfolgerungen neigen: Ikea-Möbelhäuser sind natürlich nicht dafür konzipiert, gegen die Uhr etwas zu finden. Freilich kann man darüber streiten, ob das gut so ist. Aber pauschal zu folgern, Kunden von Ikea seien gestresster, greift zu kurz.

Mit versteckter Kamera in die Fabrik

Es folgt der Test des „Ikea-Prinzips“. Ohne dass es genau gesagt wird, ist damit gemeint, dass Kunden ihre Möbel in Einzelteilen bekommen – und zu Hause erst einmal selbst aufbauen müssen. Eine Bastelgruppe von 40 Frauen mittleren Alters bekommt jeweils einen Ikea-Nachttisch. Die eine Hälfte bekommt ihn fertig, die andere muss ihn erst zusammenbauen. Im Anschluss werden beide Gruppen gefragt, wie viel sie für ihren Nachttisch bezahlen würden, müssen also für ihn „bieten“.

Das Ergebnis ist überraschend: Bei denen, die das Tischchen fertig vorgesetzt bekommen haben, geht es für 29 Euro weg – in der Do-it-yourself-Gruppe hingegen für fast 40 Euro. Offenbar sind Kunden bereit, für ihren Stolz, ein eigenes Möbelstück gebaut zu haben, extra zu bezahlen. Ein Markensoziologe erklärt, dass US-amerikanische Studien diesen Effekt sogar beziffern können. Doch auch hier wieder: Das Ergebnis ist zweifellos interessant, nur was nützt es dem Verbraucher, der sich überlegt, wo er seine Möbel kaufen soll?

Der Film schließt mit einem investigativen Fairness-Check. Die Autoren wollen überprüfen, ob Ikeas Produkte tatsächlich so fair hergestellt werden, wie es die Werbung des Konzerns suggeriert. Ikea hat sich hier tatsächlich Eindrucksvolles auf die Fahnen geschrieben: Von „demokratischem Design“ spricht das Marketing. Allerdings ist zu den Testern zu bemerken, dass in jeder Folge der sechs „Markencheck“-Staffeln in der Vergangenheit, in denen die Kategorie Fairness Thema war, für jede getestete Marke stets ein negatives Ergebnis herauskam. Ob die Autoren also wirklich ganz unvoreingenommen an den Test herangehen, ist zweifelhaft.

In der Tat endet auch der Ikea-Fairness-Check mit der Note „vorgetäuscht“. Die Journalisten reisen einer Kommode hinterher, die laut Packungsaufschrift in Litauen hergestellt wird. Dort wollen sie die Arbeitsbedingungen überprüfen – finden jedoch heraus, dass das Möbelstück tatsächlich in Weißrussland hergestellt wird.

Sie geben sich als Holzwissenschaftler aus und drehen mit versteckter Kamera in der Fabrik. Diese Investigativ-Einlage ist gut gemacht – im Gegensatz zu Formaten wie RTLs „Team Wallraff“ zeigt sie, dass solcher Journalismus durchaus auch ohne übermäßigen Pathos auskommt. Sie können beweisen, dass die fragliche Kommode tatsächlich in Weißrussland hergestellt wird, entgegen der Deklaration von Ikea. In dem letzten diktatorisch regierten Staat in Europa sind Hungerlöhne und Massenverhaftungen an der Tagesordnung.

Jenny Pauli, Ikea-Fan aus Bottrop, hat sich noch nie gefragt, wo ihre Lieblingsmöbel hergestellt werden, wie sie freimütig in die Kamera sagt. Der Kunde sieht eben nur das Ikea-Möbelhaus.

Fazit:
Eine interessante Doku über eine der bekanntesten Marken in Deutschland. Der Verbraucherblickwinkel, den der Titel suggeriert, bleibt jedoch an einigen Stellen etwas auf der Strecke.

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3 Kommentare zu "TV-Kritik „Ikea-Check“: Stress am Hochregallager"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Lieber Herr delso delsa,

    kann es sein, dass Sie jeden Überbringer einer Nachricht, die Ihrem mühsam zurechtgelegten und sorgsam gepflegten Weltbild einen Kratzer verpassen könnte pauschal für "tendenziös, vorurteilsbeladen, neidisch und überkritisch" halten, um weiter ungestört Ihr - sorgsam den Erwartungen Ihres privaten Umfelds angepasstes - Leben in Ihrem obwohl mühsam zurechtgezimmerten einsturzgefährdeten (Selbst-) Truggebäude leben zu können?

    Mag ja sein, dass WDR / ARD beim Drehen ihrer Dokus eher das wahrnehmen und aufzeichnen, was ihren Erwartungen entspricht (übrigens, JEDER Mensch hat Vorurteile; geht gar nicht anders, denn bei jedem Einzelnen hat sein eigenes Wissen, seine eigenen Erfahrungen und folglich unterscheidet sich sein Blickwinkel von dem anderer! Außerdem muss unser Hirn die ganze Flut an Informationsflut einigermaßen sortieren können. Wir sollten uns dieser Tatsache aber bewusst sein!).

    Dass der WDR bzw. die ARD-Anstalten aber bewusst Falschinformationen verbreiten würden, halte ich für eine unverschämte Unterstellung.

    Es kann auf jeden Fall nur von Vorteil sein, sich diese Sendungen anzusehen, da man danach immer einiges mehr weiß als vorher. Man lernt also beim Zuschauen tatsächlich dazu.

    Das heißt ja noch lange nicht, dass man die erhaltenen Informationen nicht kritisch hinterfragen sollte (ist sogar erwünscht, s.o. unter „jeder Mensch hat Vorurteile“).

    Aber bitte höfliche und sachliche bleiben!

  • Ein netter Exkurs: über Billies Zerfall und Ikeas Aufstieg.
    Und dass Lukaschenko Preise machen kann, die sich gewaschen haben, das kam nebenbei auch mit rüber.
    Einzig der "Marktcheck" wirkt etwas demode, es sei denn man beleuchtete einmal den Qualitätsproduktabsatz von Firmen wie Rheinmetall oder anderen Wertschöpfern im Gemeinwesen.
    Und sage keiner, dass könne deutsche Arbeitsplätzchen gefährden...

  • Wie so oft bei WDR / ARD, tendenziös, vorurteilsbeladen,
    neidisch und überkritisch gegen jedes Unternehmen, ob
    Aldi, Rewe, Lidl, oder Ikea. Schade um die zwangsbeigetriebene TV-Gebühren !