Übernahme Air Berlin verhandelt mit drei Airlines

Die Übernahmegespräche bei Air Berlin laufen schon seit Wochen. Es soll drei Interessenten für Teile des Geschäfts geben. Verkehrsminister Dobrindt wirbt für eine deutsche Lösung. Doch es gibt auch ernsthafte Bedenken.
Update: 17.08.2017 - 11:01 Uhr 1 Kommentar

Air Berlin klettert durch Übernahmeverhandlungen nach oben – Dax droht Rückschlag

Air Berlin klettert durch Übernahmeverhandlungen nach oben – Dax droht Rückschlag

Berlin Die insolvente Air Berlin verhandelt mit drei Interessenten über eine Übernahme von Teilen ihres Geschäfts. „Neben der Deutschen Lufthansa stehen wir mit zwei weiteren Interessenten aus der Luftfahrt in Kontakt“, sagte Vorstandschef Thomas Winkelmann der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Gespräche liefen schon seit Wochen.

Alle Unternehmen seien „in finanzieller Hinsicht seriös, vom Volumen her ausreichend groß, um Air Berlin eine sichere Zukunft zu bieten, und hätten zudem das Interesse, weiterhin vom Standort Deutschland aus zu operieren“, sagte Winkelmann. Namen wollte er nicht nennen. Alle Interessenten seien börsennotiert. Eine juristisch belastbare Vereinbarung, die den Betrieb zentraler Geschäftseinheiten und das Gros der Beschäftigten absichere, will Winkelmann der Zeitung zufolge noch im September treffen.

Der schnelle Aufstieg und tiefe Fall der Krisen-Airline
1978
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Der US-Pilot Kim Lundgren (links, mit Sohn Shane) gründet die Air Berlin Inc. als Berliner Charterfluggesellschaft mit zwei Flugzeugen.

1979
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Erstflug von Berlin nach Palma de Mallorca.

1991
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Joachim Hunold (Bild) und Kim Lundgren gründen die Air Berlin GmbH.

2003
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Air Berlin steigt auf zur zweitgrößten Fluggesellschaft in Deutschland nach Lufthansa, gemessen an der Passagierzahl.

2004
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Air Berlin steigt bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki ein.

2005
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Die GmbH wird in eine Aktiengesellschaft nach britischem Recht (PLC) umgewandelt - in die Air Berlin PLC.

2006
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Air Berlin geht am 11. Mai in Frankfurt an die Börse. Später übernimmt das Unternehmen die deutsche Fluggesellschaft dba.

„Alle Beteiligten sind jetzt dazu aufgerufen, zügig, aber gewissenhaft zu verhandeln“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir haben die beihilferechtliche Prüfung des Überbrückungskredits bei der EU-Kommission bereits eingeleitet und gehen von ihrer Konformität sowie einer wettbewerbsgerechten Veräußerung aus.“

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft hatte am Dienstag Insolvenz angemeldet, weil Großaktionär Etihad die Verluste des Unternehmens nicht mehr ausgleichen will. Der Flugbetrieb ist durch einen Kredit des Bundes über 150 Millionen Euro noch für etwa drei Monate gesichert. Bei den Übernahmegesprächen geht es laut Winkelmann um Teile von Air Berlin und auch von ihrer Tochter Niki. Außer der Lufthansa soll unter anderem Ryanair-Konkurrent Easyjet und auch Tuifly interessiert sein. Auch die Thomas-Cook-Tochter Condor hat Interesse angemeldet.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) favorisiert offensichtlich eine deutsche Lösung. Die Abwicklung der insolventen Fluglinie sei eine gute Möglichkeit für die deutsche Luftfahrt, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Wir brauchen starke deutsche Flughäfen und Luftverkehrsunternehmen. Jetzt sollte die Chance ergriffen werden, die 140 Maschinen, Kapazitäten und Mitarbeiter von Air Berlin strategisch aufzustellen, um die Stellung der deutschen Luftverkehrswirtschaft im internationalen Markt zu stärken.“

Winkelmann zeigte sich zuversichtlich, viele der rund 8600 Arbeitsplätze retten zu können. „Ich glaube, trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und einen Großteil der Jobs zu sichern. Das kriegen wir hin“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Gespräch mit „Bild“ und „B.Z.“ sagte er aber auch: „Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Marke Air Berlin verschwindet.“

Die Pläne der Lufthansa stoßen weiter auch auf Gegenwind. „Air Berlin und Lufthansa sind auf vielen Flugstrecken direkte Konkurrenten“, sagte der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, der Zeitung „Rheinische Post“. Lufthansa müsse bei einer Übernahme „mit strengen Bedingungen und Auflagen rechnen“. Dazu zähle der Verzicht auf weite Teile der begehrten Landerechte von Air Berlin.

Kritik übte der Kommissionschef auch an der Hilfe der Bundesregierung. Außenminister Sigmar Gabriel verteidigte den Einsatz hingegen. „Wir haben einen Brückenkredit gebilligt für Air Berlin, weil sonst pro Tag 80.000 Menschen in der Urlaubszeit an Flughäfen gestanden hätten“, sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. „Das hätte die Größenordnung einer nationalen Krise angenommen.“

Zuvor hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Hilfe verteidigt, Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) wies Kritik daran in der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag) ebenfalls zurück, bescheinigte der Firmenleitung allerdings „Fehler in der Unternehmensstrategie“. Man habe sich nicht entscheiden können, ob man Ferien-Flieger oder Geschäftsreisen-Anbieter sein wolle.

Der Billigflieger Ryanair erneuerte seine schwere Kritik an dem Kredit. „Unserer Meinung nach ist es offensichtlich, dass die Bundesregierung mit Lufthansa Hand in Hand daran arbeitet, Konkurrenz für Deutschland fernzuhalten“, sagte Marketingchef Kenny Jacobs der „Bild“-Zeitung.

Die spektakulärsten Airline-Pleiten
2017: Air Berlin
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Mit Air Berlin hat die zweitgrößte Airline Deutschlands Insolvenz angemeldet. Die Pleite bahnte sich seit längerem an: Das Unternehmen mit rund 8.600 Beschäftigten schrieb seit Jahren Verluste und hielt sich hauptsächlich durch Finanzspritzen ihres Großaktionärs Etihad noch in der Luft. Am Freitag drehte die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate den Berlinern aber den Geldhahn zu. Mit dem Kredit von 150 Millionen Euro stellt nun der Bund den Flugbetrieb vorerst sicher.

Harter Wettbewerb
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Air Berlin ist kein Einzelfall. Die goldenen Zeiten der Luftfahrt sind seit der Liberalisierung des Marktes, die in den 1980er-Jahren einsetzte, vorbei. Seitdem regiert ein knallharter Wettbewerb die Lüfte. Auch die Branchenkrise nach den Anschlägen des 11. September 2001 und das Aufkommen der Billigflieger sorgen dafür, dass viele bekannte Airlines in die Pleite gerutscht sind.

1991: Pan American Airways
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Wie kein zweites Unternehmen stand „Pan Am“ für das glamouröse Jet-Zeitalter. 1927 flogen die ersten Postflugzeuge unter dem Namen zwischen Florida und Havanna. Schnell wurde das Unternehmen zu einer der größten US-Fluggesellschaften. Die Airline war eine der ersten, die Interkontinentalflüge anbot, und setzte zahlreiche Standards in der zivilen Luftfahrt. Das blau-weiße „meatball“-Logo von Pan American genießt bis heute Kultstatus.

1991: Pan American Airways
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In den 1980er-Jahren begann der Stern von Pan Am zu sinken. Durch die Deregulierung des US-Marktes kamen zahlreiche Konkurrenten auf. 1988 wurde über dem schottischen Lockerbie eine Maschine durch einen Terroranschlag zum Absturz gebracht, was das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterte. 1991 folgte die Übernahme durch Delta Air Lines.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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Auch TWA gehörte zu den Pionieren der Luftfahrt. Gegründet 1930 als „Transcontinental and Western Air“, machte der exzentrische Milliardär Howard Hughes („The Aviator“) das Unternehmen zur zeitweise größten Airline der Welt. Hinter Pan Am war TWA die inoffiziell zweite Flaggschiff-Gesellschaft der USA. 1985 kaufte der Investor Carl Icahn TWA.

1992, 1995 und 2001: Trans World Airlines
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In den 1990er-Jahren musste TWA zwei Mal in kurzer Folge Gläubigerschutz beantragen. 1996 starben beim Absturz einer Boeing 747 über dem Atlantik 230 Menschen. Die stark geschrumpfte Airline kam 2001 wieder in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Konkurrent American Airlines übernommen.

2001: SwissAir
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1931 gegründet galt die Airline wegen ihrer finanziellen Stabilität lange als „fliegende Bank“. Aufgrund der politischen Neutralität der Schweiz konnte SwissAir zahlreiche lukrative Ziele in Afrika und im Nahen Osten anfliegen.

Kanzlerin Merkel bezeichnete die Gefahr als relativ gering, dass am Ende der Steuerzahler die Rettung von Air Berlin bezahlen müsse. „Sonst hätten wir diesen Überbrückungskredit oder Brückenkredit gar nicht geben dürfen.“ Air Berlin stelle noch Werte dar, etwa über deren Landerechte.

Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) sprach sich dafür aus, EU-weit alle Fluggesellschaften zu einer Insolvenzabsicherung zu verpflichten. „Weder die Reisenden noch die Steuerzahler dürfen am Ende die Kosten dafür tragen, wenn ihre Fluggesellschaft während einer Reise in die Insolvenz muss“, sagte er dem Handelsblatt.

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  • dpa
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1 Kommentar zu "Übernahme: Air Berlin verhandelt mit drei Airlines"

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  • Wenn Dobrindts "deutsche Lösung" die Übernahme durch die Lufthansa sein soll, dann können der "deutsche Verbraucher" schonmal das Scheckbuch zücken: Inlandsflüge werden dann in jedem Fall teurer. Insofern kann eine "englische Lösung" - auch für den Lufthansa-Kunden - interessanter sein. Es schadet nicht, wenn der Kranich etwas Wettbewerbsdruck spürt.

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