Ursachen für die Niedergang Der vernichtende Geiz des Anton Schlecker

Drei Monate nach dem endgültigen Aus für Schlecker ist die Ursachenforschung noch lange nicht abgeschlossen, im Gegenteil. Nun gibt es das erste Buch über die Pleite der Drogeriekette.
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Tristesse Deluxe: Leere Regale im Neonlicht. Quelle: dapd

Tristesse Deluxe: Leere Regale im Neonlicht.

(Foto: dapd)

DüsseldorfBei Schlecker gab es vieles – nur ein Firmenlogo besaß die Drogeriemarktkette nie. Hätte sie eines gehabt, die Neonröhre hätte ihren Platz haben müssen. Sie ist das Sinnbild für Schlecker und auch symptomatisch für den Niedergang.

Keine andere Kette im Einzelhandel hat ihre Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Läden, wie Roland Alter es nennt. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. Nun erscheint sein neues Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“.

Es ist das erste Buch über die Pleite des Imperiums und fasst Aufstieg und Niedergang zusammen. Das taten zahllose Zeitungsredakteure auch schon. Dennoch lohnt sich die Lektüre von Alters Buch, auch wenn die ganz große Nähe fehlt und seine Informationen nicht irrsinnig viel Neues bieten.

Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner Geiz gescheitert. Als Sinnbild dafür steht eben die Neonröhre. Weil sie die extreme Einfachheit der Filialen repräsentiert. Und weil sie für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten, steht. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben und die Filialen verschönern müssen.

Dann hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes. Und so schreibt Alter: „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht  zu Fall gebracht hat: Geiz.“

Dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Menschen bevorzugen Routineaufgaben und besitzen geringen Ehrgeiz. Der Autor führt Belege an und fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“

Nun ist es ja nicht so, dass dieses Modell nicht ziemlich genau 30 Jahre lang sehr effektiv funktioniert hätte. Anton Schleckers Spiel begann, als das Gesetze gegen Wettbewerbsbeschränkungen Anfang 1974 geändert wurde. Bis auf wenige Ausnahmen wie Bücher bedeutete dies das Ende der Preisbindung. Von nun an konnte der Händler entscheiden, für welchen Preis er seine Produkte verkaufen wollte.

Anton Schlecker reagierte bei Drogerieartikeln schneller als alle anderen. Der Sohn eines Metzgermeisters kannte sich im Filialsystem bestens aus und hatte den nötigen Weitblick für die neue Situation. 1975 eröffnete er den ersten Drogeriemarkt, 1977 waren es bereits 100 Filialen, 1984 knackte Schlecker die Tausendermarke. Bis 2004 wuchs die Kette immer weiter. Dann kam die Wende.

Nun offenbarten sich die massiven strukturellen Schwächen auch in der Bilanz. Der Umsatz stieg praktisch nicht mehr. Die Krise war längst da, doch schon zu diesem Zeitpunkt trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären. Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.

Und so schließt am 27. Juni 2012 der letzte Laden. Wenige Wochen später sind auch die letzten übrigen XL-Filialen dran. Anton Schlecker tritt immer noch nicht in Erscheinung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Es besteht der Verdacht auf Insolvenzverschleppung. Es bleibt nur noch, die Lehren aus der Schlecker-Pleite zu ziehen.

Bibliografie:
Roland Alter
Schlecker. Oder: Geiz ist dumm – Aufstieg und Fall eines Milliardärs
Rotbuch Verlag, Berlin 2012
191 Seiten

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11 Kommentare zu "Ursachen für die Niedergang: Der vernichtende Geiz des Anton Schlecker"

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  • Neonröhren leuchten rot. Wenn man einen ganzen Artikel um eine Lampe herum schreibt, sollte man doch wenigstens die richtige Bezeichnung wissen: Leuchtstofflampe
    Schließlich waren die Läden kein Bordell (auch wenn es möglicherweise erfolgsversprechender gewesen wäre)

  • Sie meinen die Bildungsferne von A.Schlecker ? Verstehe ich gut, als gelernter Metzger ist man nicht gerade optimal qualifiziert um ein riesiges Handelsunternehmen zu führen.

  • Wieso läuft der Kerl nebst seinem Geflügel noch frei rum?

    Der ist doch schon in der Vergangenheit wegen Betruges rechtskräftig verurteilt worden.

    Schluß mit Villa in Ehingen - ab auf den Hohenasperg.

    Die Zelle von Peter Graf ist gerade frei - das ist der Wahnsinnige, der in Plastiktüten das Honorar seiner Tochter in bar vom Tennisplatz getragen hatte.

    Bis die Steuerfahndung kam...

  • "URSACHEN FÜR DIE NIEDERGANG"

    Ursache für den Niedergang Deutschlands wird die Bildungsferne großer Bevölkerungsteile sein!

  • Hallo Makrooekonom..Ich stand kurz nach der Jahrtausendwende in engem Kontakt zu einem der Hauptlieferanten Schleckers. Bereits seinerzeit gab es Fragezeichen zu Schlecker. Bereits seinerzeit hatten DM und Rossmann wesentlich höhere Umsätze je m2.

    Schlecker hatte sehr viele Filialen eröffnet, die Lieferanten haben diese Filialen mit Waren gefüllt, Zahlungsziele 90 Tage, 120 Tage (wie andere Einzelhändler auch). Dadurch hat sich Schlecker Liquidität geschaffen ohne Bankkredite zu benötigen, oder besonders profitabel sein zu müssen.

    Vandale

  • Dazu kommt noch die extrem schlechte Presse, bis hin zu Boykottaufrufen aus politischen Ecken, die sich jetzt über die Pleite und die Arbeitslosen aufregen.

  • Auch der Kommentator kann irren. Selbstverständlich hat Schlecker eine konsolidierte Bilanz veröffentlicht. Die Zahlen taugen nur für einen groben Überblick und sind sicher nur eine Anregung zum Nachdenken. Umso unverständlicher ist das Geschwurbel der Schlecker-Kritiker. Man sollte sich lieber fragen, weshalb ein Unternehmen, das noch kurz zuvor eine relativ solide Eigenkapitalausstattung und minimale Bankkredite ausweist, plötzlich in die Insolvenz gerät.

  • Die Insolvenz von Schlecker wirft tatsächlich viele Fragen auf und ist ein betriebswirtschaftlich interessantes Thema.

    Da Schlecker jedoch niemals Bilanzen, GuVs, Liquiditätsrechnungen, Lageberichte o.ä. veröffentlicht hat müssen die Kritiker auf wichtige Analyseinstrumente verzichten.

    So erscheint jede Kritik an dem jahrzehntelang erfolgreichen Unternehmenskonzept als eine Gemengelage von Gerüchten und Besserwisserei.

    Wie kann man ein Unternehmen

  • Theorien aus dem Elfenbeinturm - oder Frechheit siegt
    Der Fall Schlecker macht wieder einmal exemplarisch deutlich woran die deutsche BWL seit Jahrzehnten leidet. Mit Phantasie und Schneegestöber werden aus der sicheren Distanz ein paar griffige Behauptungen zu unternehmerischen Wahrheiten verklärt. Wesentliche Gesichtspunkte werden ignoriert oder sind nicht bekannt.

    Tatsache ist, daß gegen Schlecker schon seit Jahren eine massive Kampagne lief. Bei Schlecker wurden die Arbeitsbedingungen angeprangert, die bei anderen Unternehmen als selbstverständlich hingenommen wurden. Nach der Insolvenz sprachen Gewerkschaften und Politiker plötzlich von wertvollen Arbeitsplätzen!!!

    Tatsache ist, daß das Unternehmen in einer Gesellschaftsform geführt wurde, die einer erfolgreichen Sanierung im Wege stand. Warum Anton Schlecker diese riskante Gesellschaftsform fortführte wisssen wahrscheinlich nur die Familienmitglieder, einige Führungskräfte, wichtige Lieferanten und Banken.

    Tatsache ist, daß wir seit 2007 eine Finanzkrise haben.
    Genau in dieser kritischen Phase kaufte Schlecker Ihr Platz. Ein Unternehmen, das nicht gerade erfolgsverwöhnt war.
    Die Auswirkungen der Finanzkrise auf Schlecker kennen wahrscheinlich nur die Familienmitglieder, einige Führungskräfte, wichtige Lieferanten und Banken.

    Tatsache ist, daß das Konzept von Schlecker schon immer einige Fragen aufwarf. Zielgruppe und Preisniveau waren auch in den Zeiten des Erfolgs nicht verstehbar. Manche Läden schienen jahrelang ohne nennenswerte Kundschaft zu existieren.

    Tatsache ist, daß bei Schlecker der Generationenwechsel mißlungen ist. Die Gründe kennen wahrscheinlich nur ... siehe oben, aber sicher kein externer Betriebswirtschaftler, der das Unternehmen mit dem Fernglas beobachtet.

    Geiz ist keine ökonomische Kategorie sondern eine polemisch-demagogische Wertung.

    Es ist geradezu albern, Schlecker ein fehlendes Firmenlogo vorzuwerfen. Schlecker stand als Eigenname für sich.

  • Der Unterschied zwischen Aldi und Schlecker ist aber die Zielgruppe:
    Der Otto-Normalverbraucher kauft seine Otto-Normalprodukte bei Aldi ein - weil es preiswert ist und schnell geht. Vor allem aber, weil es preiswert ist.
    In Drogieriemärkte geht er, wenn er etwas besonderes will: besonders gute Gesichtscreme, besonders entspannende Masken, besonders wohlriechendes Parfum. Exquisite Produkte eben - nicht billige (denn die kauft er ja auf dem Weg von den Nudeln zum Mehl im Aldi).

    Dazu gehört aber auch das Lebensgefühl: hier ist etwas tolles, etwas besonders. Das Gefühl hatte man bei Schlecker nie.

    Schleckerfilialen waren übrigens meiner Meinung nach deutlich unangenehmer als Aldi-Läden. Die Beleuchtung mag vergleichbar sein: im Aldi sind die Gänge aber schön breit, die gesamte Filiale übersichtlich und man ist nirgendwo eingepfercht. Bei Schlecker war es dunkel, Gänge waren 80-100 cm breit und die Regale überkopfhoch, was dazu führte, dass man immer beengt, eingeschlossen war.

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