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US-Flugzeugbauer Europäer vertrauen nach dem Absturz in Äthiopien Boeing nicht mehr

Europa macht dicht: Die Flugaufsicht EASA verhängt ein Flugverbot für die 737 Max. Der Druck auf die US-Flugaufsicht FAA wächst. Boeing-Chef Muilenburg telefoniert mit Trump.
Update: 13.03.2019 - 04:55 Uhr 1 Kommentar
Die Zweifel an der Sicherheit des Flugzeugtyps wachsen. Quelle: dpa
Trümmerteile an der Absturzstelle in Äthiopien

Die Zweifel an der Sicherheit des Flugzeugtyps wachsen.

(Foto: dpa)

Frankfurt, New YorkDie Krise des Kurz- und Mittelstreckenjets Boeing 737 Max hat Europa erreicht. Erst verhängte Großbritannien am Dienstag ein Flugverbot für den Jet, kurze Zeit später folgte Deutschland. „Sicherheit geht absolut vor. Bis alle Zweifel ausgeräumt sind, habe ich veranlasst, dass der deutsche Luftraum für die Boeing 737 Max ab sofort gesperrt wird“, erklärte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Auch die europäische Flugaufsicht EASA hat am Dienstagabend den Luftraum für alle Flugzeuge des Typs gesperrt. Zuvor hatten schon China, Indonesien, Singapur, Australien und Malaysia entsprechende Schritte eingeleitet. Immer mehr Länder schließen sich an: Neuseeland hat in der Nacht zum Mittwoch ein Start- und Landeverbot gegen alle Maschinen des Typs Boeing 737 Max verhängt. Die Entscheidung gilt zunächst ohne Befristung, wie die nationale Flugsicherheitsbehörde CAA in Wellington mitteilte. Betroffen ist davon allerdings nur die Fluggesellschaft der Fidschi-Inseln, Fiji Airways. Andere Gesellschaften fliegen Neuseeland mit Boeings 737 Max nicht an.

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben ebenfalls Maschinen vom Typ Boeing 737 Max 8 sowie 9 aus ihrem Luftraum verbannt. Grund seien die Ähnlichkeiten zwischen dem Flugzeugunglück in Äthiopien am Sonntag und dem Absturz einer Lion-Air-Maschine im Oktober 2018, teilte die Behörde für Zivilluftfahrt am Dienstagabend mit. Die Entscheidung ist von besonderer Bedeutung, da die Emirate als internationales Luftfahrt-Drehkreuz gelten.

Folgen treffen auch deutsche Fluggäste

Die Folgen sind drastisch, und sie treffen unmittelbar deutsche Fluggäste. Der Reisekonzern Tui muss seine 15 Max-Flugzeuge vorerst am Boden lassen. Betroffen sind nicht nur die Jets der britischen Airline des Konzerns. Auch die in Belgien fliegenden Maschinen werden geparkt, „um mehr Zeit zu haben, die Situation mit dem Hersteller und den Behörden zu diskutieren“, erklärte ein Sprecher des Unternehmens. Der europäische Billiganbieter Norwegian lässt seine 737 Max ebenfalls nicht mehr abheben. Mit 18 Maschinen dieses Typs ist Norwegian der größte Betreiber in Europa.

Damit wächst der Druck auf den Hersteller Boeing. Am Sonntag war eine fast fabrikneue Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines kurz nach dem Start abgestürzt. 157 Menschen kamen ums Leben. Rund fünf Monate zuvor war eine Maschine der Lion Air gleichen Typs mit 189 Menschen an Bord in die Java-See gestürzt. Die in der Luftfahrt ungewöhnliche Unfallserie mit einem neuen Flugzeugmuster veranlasst nun immer mehr Länder und ihre Luftfahrtaufsichten, den Jet vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen.

Hinzu kommen freiwillige „Groundings“ vieler Fluggesellschaften wie Ethiopian, Cayman Airways, Maroc Air und seit Dienstag auch der südkoreanischen Eastar Jet. In Indien erließen die Behörden die Auflage, dass Piloten, die die 737 Max steuern, mindestens 1.000 Stunden Flugerfahrung haben müssen. Mittlerweile dürfte weltweit deutlich mehr als die Hälfte der 350 ausgelieferten 737 Max-Maschinen am Boden stehen.

In den USA hat Boeing bisher noch die Unterstützung der Luftfahrtaufsicht FAA. Die US-Luftfahrtbehörde sieht auch in der Nacht zum Mittwoch keinen Anlass für eine solche Maßnahme. Bislang hätten die Überprüfungen der FAA keine „systemischen Leistungsprobleme“ bei dem Flugzeugtyp und keine Grundlage für ein Startverbot ergeben, teilte der amtierende Behördenchef Daniel Elwell auf Twitter mit. Auch hätten Luftfahrtbehörden anderer Länder der FAA keine Daten zur Verfügung gestellt, die Maßnahmen erforderlich machten.

Weiter hieß es in der Mitteilung, die „dringende Auswertung“ der Daten der am Sonntag abgestürzten Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines dauere an. Sollten sich dabei Hinweise ergeben, die die Flugtauglichkeit der Maschinen in Frage stellten, werde die FAA „sofortige und angemessene Maßnahmen“ ergreifen.

Die Rufe nach Konsequenzen der Luftfahrtbehörde nehmen derweil zu. Ranghohe Vertreter sowohl der Demokraten als auch der Republikaner sprachen sich für ein Startverbot des betroffenen Flugzeugtyps aus. Alle Flieger sollten am Boden bleiben, bis die Ursachen der jüngsten Abstürze und die Flugtauglichkeit geklärt seien, twitterte etwa der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Die einflussreichen demokratischen Senatoren Elizabeth Warren, Richard Blumenthal und Dianne Feinstein sowie Spitzenpolitiker Ted Cruz von den Republikanern schlossen sich der Forderung an.

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Boeing beharrt auch nach den Flugverboten auf der Sicherheit seines Jets. Allerdings habe man Verständnis dafür, dass Aufsichtsbehörden und Airlines „Entscheidungen treffen, die sie am angemessensten für ihre Heimatmärkte halten“.

Unterdessen hat Boeing-Chef Dennis Muilenburg die umstrittenen Maschinen vom Typ 737 Max verteidigt. In einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump habe Muilenberg versichert, dass das Flugzeugmodell sicher sei, teilte der US-Flugzeugbauer am Dienstagabend mit.

Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf zwei mit dem Gespräch vertraute Personen, Muilenberg habe bei Trump dafür geworben, kein Startverbot für baugleiche Maschinen in den USA zu verhängen. Abgesehen vom Nachbarstaat Kanada stehen die USA mit ihrer Einschätzung, dass die Boeing-Jets flugtauglich sind, mittlerweile ziemlich allein da.

Software-Überarbeitung notwendig

Am Montagabend hatte die US-Behörde FAA dem beliebten Flugzeug noch eine sogenannte „Continued Airworthiness Directive“ erteilt, eine Bescheinigung, dass der Jet weiterhin lufttüchtig ist. Allerdings ist dieser Titel zeitlich bis Ende April begrenzt und verbunden mit Auflagen.

Nötig seien unter anderem die Überarbeitung der Software und des Kontrollsystems MCAS, das einen Strömungsabriss verhindern soll, heißt es in einer FAA-Mitteilung. Beides sagte Boeing am Montagabend zu. Die Entwicklung des Updates sei bereits nach dem ersten Absturz der Lion-Maschine eingeleitet worden, betont man. Ziel sei, „ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen“.

Doch genau an dieser Sicherheit gibt es wachsende Zweifel. So berichtet das auf Flugunglücke spezialisierte Portal „The Aviation Herald“ von Inhalten des Funkverkehrs der Piloten von Ethiopian-Flug ET 302. Danach meldeten diese kurz nach dem planmäßigen Start Probleme mit der Geschwindigkeitsanzeige und dass sie Schwierigkeiten hätten, das Flugzeug zu steuern. Das erinnert an die bisher bekannten Vorgänge beim Absturz der Lion-Air-Maschine. Flugdaten belegen, dass der Jet für etwa zwölf Minuten ständig auf- und wieder abstieg, bis er unkontrolliert ins Meer stürzte.

Im Verdacht steht das sogenannte MCAS-System, ein automatischer Fluglagekorrektor. Er bezieht direkt Daten aus dem AOA-Sensor. AOA steht für „angle of attack“ und beschreibt den Anstellwinkel, den ein Flugzeug beim Starten einnimmt. Ist dieser zu steil, droht ein Strömungsabriss an den Flügeln, das Flugzeug wird unkontrollierbar.

Zum Problem wird dieses System dann, wenn etwa der AOA-Sensor falsche Informationen liefert, was nach den ersten Auswertungen der Daten der Lion-Air-Maschine wohl der Fall war. Denn stellt das MCAS-System einen zu steilen Winkel fest, korrigiert es diesen, indem es die Nase des Flugzeugs senkt, ohne dabei den Flugzeugführer einzubinden. Danach kann der Pilot den Jet zwar wieder steigen lassen, sollte das MCAS-System aber erneut einen zu steilen Anstellwinkel feststellen, drückt er die Nase wieder herunter. Nur wenn der Pilot die „Autopilot Stab Trim Funktion“ ausschaltet, wird dieser fatale Kreislauf durchbrochen.

Boeing hatte deshalb nach dem Lion-Air-Unglück die Airlines noch einmal auf das Prozedere zum Abschalten des Systems hingewiesen. Das nun angekündigte Softwareupdate soll das MCAS-System aber zusätzlich zügeln. So sollen zum Beispiel bestimmte Grenzen für das Absenken des Flugzeugs vorgegeben werden.

Die sieben Leben der Boeing 737

Die Boeing 737 Max ist eine Weiterentwicklung des Erfolgsmodells 737. Die ist bereits seit 1967 im Linienverkehr und wurde über die Jahre mehrfach überarbeitet. Fast 10 500 Maschinen des Typs wurden bisher ausgeliefert. Dass Boeing sich 2011 zu einer erneuten Modernisierung entschloss, lag nicht zuletzt am Erzrivalen Airbus. Der hatte ein Jahr zuvor die Neuauflage seines Bestsellers A320 angekündigt.

Mit der „new enginge option“ bot Airbus neue, spritsparende Triebwerke an. Das Angebot war so verlockend, dass treue Boeing-Kunden wie American Airlines begannen, mit der A320 neo zu liebäugeln. Boeing entschied, der wesentlich älteren 737 ebenfalls neue Triebwerke zu verpassen.

Doch anders als bei der A320 war das Unterfangen bei der 737 ungleich schwieriger. Die 737 hat tiefer liegende Tragflächen als der Airbus, die neuen größeren Triebwerke haben kaum Platz. Die Boeing-Konstrukteure mussten das Fahrwerk höher legen mit größeren Auswirkungen auf die Flugeigenschaften. Dennoch wurde 2017 die erste 737 Max ausgeliefert, vor allem Billigflieger griffen zu.

Sollte die FAA letztendlich doch noch ein Verbot für die 737 Max verhängen, wird die Situation für Boeing noch heikler. Der Konzern will die Fertigung der Max in den kommenden Monaten hochfahren, fast 4.700 Bestellungen sind im Orderbuch. Zudem steckt die FAA selbst in einer schwierigen Situation. Die Regierung Trump hat die Behörde vernachlässigt. Der Chefposten ist seit 14 Monaten interimistisch mit dem Stellvertreter besetzt. Am vergangenen Freitag wurde bekannt, dass Trump den Job wohl an den ehemaligen Delta-Topmanager Steve Dickson geben will.

Angesichts der unklaren Führung der Behörde sehen Experten wie Jim Hall, der ehemalige Vorsitzende des National Transportation Safety Board, Boeing in der Pflicht. „Boeing sollte die Flugzeuge freiwillig am Boden lassen“, sagte er dem Fernsehsender CNBC. Das würde beweisen, dass das Unternehmen Sicherheit wirklich an erste Stelle setze. Er persönlich würde jedenfalls ein Modell 737 Max zu diesem Zeitpunkt nicht betreten. „Wenn man seinen Flug ändern kann, würde ich es tun“, meint auch Alan Diehl, ein ehemaliger Luftsicherheitsermittler des National Transportation Safety Board.

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1 Kommentar zu "US-Flugzeugbauer: Europäer vertrauen nach dem Absturz in Äthiopien Boeing nicht mehr"

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  • Airbus long, Boeing short? ;-)
    Aber Achtung: Boeing ist Teil des US-amerikanischen MIK.
    Der nächste Krieg, den die Amis vom Zaun brechen, könnte daher auf europäischem Boden ausgetragen werden - und wenn die Europäer Glück haben, dann bleibt es "nur" bei einem Handelskrieg...