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Verbraucherschützer Klaus Müller „Lebensmittelbranche hat mit brachialer Kampagne jede Kennzeichnung verhindert“

Verbraucherschützer Klaus Müller begrüßt die Einführung der Nutriscores. Doch er sieht nach wie vor Verbesserungspotenzial für gesündere Nahrung.
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Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen kritisiert die Nahrungsmittelindustrie. Quelle: Caro / Waechter / FOTOFINDER.COM
Klaus Müller

Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen kritisiert die Nahrungsmittelindustrie.

(Foto: Caro / Waechter / FOTOFINDER.COM)

DüsseldorfHerr Müller, die Deutschen essen immer mehr Fertigprodukte und Snacks. Was ist an Tiefkühlpizza oder Früchtejoghurt so ungesund?
Alle Krankenkassen rechnen uns vor, dass die Kosten durch Diabetes und andere ernährungsbedingte Krankheiten dramatisch zunehmen. Ein Grund ist, dass viele Lebensmittel immer süßer, fetter und salziger geworden sind. Für Verbraucher ist das aber schwer zu erkennen.

Zucker- und Fettanteil oder Kalorien werden ja nicht verheimlicht.
Sicher, auf der Rückseite steht eine Nährwert-Tabelle, aber die Erfahrung zeigt: Im Supermarkt entscheiden wir uns intuitiv binnen Sekunden bei einer unüberschaubaren Vielfalt im Regal. Wir lassen uns von bunten Werbeversprechen verlocken. Deshalb brauchen wir eine Nährwert-Kennzeichnung auf der Produktvorderseite, die leicht zu verstehen ist und allen hilft.

Warum gibt es so etwas in Deutschland noch immer nicht – anders als in Frankreich oder Großbritannien?
Weil die Lebensmittelbranche mit einer brachialen Kampagne jede Form von Kennzeichnung, die Orientierung gibt, verhindert hat. Sie hat den Mythos hochgehalten, es gebe keine guten oder schlechten Lebensmittel. Und die Bundesregierung hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, das Thema entschieden anzugehen.

Nun haben einige Lebensmittelhersteller selbst die Initiative ergriffen. Danone, Iglo, Bofrost und zuletzt auch Nestlé wollen den Nutriscore einführen. Der Durchbruch?
Das freut uns natürlich, denn das zeigt: Alte Fronten brechen auf. Bisher haben nur Verbraucherschützer, Ärzte, Krankenkassen für eine farbliche Kennzeichnung getrommelt. Die Hersteller waren vehement dagegen. Der Vorstoß einiger Unternehmen ist ein riesiger Schritt nach vorne. Da waren sie schneller als die Politik.

Iglo wurde es allerdings gerichtlich verboten, den Nutriscore aufzudrucken. Ein herber Rückschlag?
Dieses Urteil unterstreicht, dass die Politik endlich klare Regeln schaffen muss, um die Rechtsunsicherheit zu beenden.

Ist da ein Alleingang Deutschlands sinnvoll?
Die Wirtschaft will keine nationalen Alleingänge. Wir brauchen eine europäische Lösung. Das haben auch Hersteller eingesehen, die lange ablehnend waren. Der Nutriscore scheint sich durchzusetzen, Frankreich, Spanien und Belgien setzen schon darauf.

Wo sehen Sie die Vorteile von Nutriscore?
Eine Formel rechnet Ungesundes wie Zucker, Salz und gesättigte Fette sowie Positives wie Obst, Gemüse oder Ballaststoffe in einen einzigen Wert um. Fünf Stufen von dunkelgrün bis dunkelrot sind leicht verständlich und von den Energieklassen für Elektrogeräte bekannt.

Kritiker warnen, Hersteller könnten Zucker oder Fette durch andere fragwürdige Stoffe ersetzen und die Lebensmittel „aufpimpen“, damit sie besser abschneiden.
Die Kritik ist berechtigt. Aber keine Form von Kennzeichnung löst alle Probleme. Regionalität oder der CO2-Fußabdruck werden ja auch nicht berücksichtigt. Die Berechnungsformel, auf der Nutriscore basiert, ist nicht perfekt. Wenn Nutriscore in der EU aber verbindlich wird, sollte man Schwächen korrigieren.

Eine Cola light schneidet relativ gut ab, anders als Orangensaft. Ist das sinnvoll?
Fruchtsäfte sind eben oft Zuckerbomben. Besser sind Wasser oder Schorlen, die bekommen auch bessere Bewertungen.

Schreckt eine rote Ampel nicht vom Kauf von Orangensaft ab? Greifen Verbraucher dann eher zur Cola mit Süßstoff und Zusätzen, weil sie grün gekennzeichnet ist?
Nutriscore ersetzt keine Verbraucherbildung und keine Kochkultur. Die Ampelfarben geben aber ein Signal: Trinke Orangensaft in Maßen! Die Menschen werden aber sicher nicht aufhören, Schokolade zu essen, nur weil die Ampel rot zeigt.

Was zeigen die Erfahrungen der Länder mit Lebensmittelampeln?
Untersuchungen aus Großbritannien und Frankreich zeigen immer wieder, dass die Ampelfarben am besten dabei helfen, gesündere Produkte auszuwählen. Der Einkaufskorb wird insgesamt ausgewogener. Zum Beispiel, weil die Menschen die Fertigpizzen Margarita verglichen und dann häufiger die mit weniger Fett und Salz kaufen. Da merken die Hersteller, gesündere Lebensmittel zahlen sich aus.

In Großbritannien gibt es eine Zuckersteuer auf Limonaden. Wünschen Sie sich das auch für Deutschland?
Wenn wir so eine Diskussion beginnen würden, gingen erstmal alle Klappen runter. Ich finde es richtig, dass Landwirtschaftsministerin Klöckner als Erste seit Jahren die Diskussion um gesündere Lebensmittel ernsthaft führt. Da ist eine sinnvolle Kennzeichnung ein erster Schritt. Aber zur Wahrheit gehört auch: Die Abgabe, die Hersteller in Großbritannien zahlen müssen, wenn ihre Limonaden einen bestimmten Zuckergehalt überschreiten, hat schnell zu einer beachtenswerten Zuckerreduktion bei den Produkten geführt.

Verbraucher zu befragen, verzögert die Sache aber wieder.
Wir könnten uns heute schon für den Nutriscore aussprechen, aber ich akzeptiere, dass es hier tiefe Gräben gegeben hat. Wenn eine Verbraucherbefragung der Königsweg ist, diese Diskussion zu befrieden, dann habe ich auch noch ein paar Monate Geduld. Den Weg, den die Ministerin geht, lobe ich ausdrücklich – so etwas tue ich nicht häufig. Ihr Weg ist mutig, denn der Widerstand der Hersteller ist groß.

Wie sollte die Verbraucherbefragung gestaltet sein?
Ich freue mich, dass endlich den Verbrauchern zugehört wird. Es sollten aber genügend Menschen befragt werden. Schulabschlüsse und Einkommensniveau sollten besonders berücksichtigt werden, denn die Faktoren hängen deutlich mit Fehlernährung zusammen. Mit einem Label wird den Menschen ja nicht die Verantwortung beim Einkaufen abgenommen. Keiner wird bevormundet. Die Erfahrung zeigt, dass die Verbraucher eine solche Orientierung nutzen und bewusster einkaufen. Das nutzt der ganzen Gesellschaft.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Das essen die Deutschen am liebsten: Fünf Erkenntnisse des Ernährungsreports.

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