Verkaufsportal für Handgemachtes Was die Schließung von Dawanda für die Verkäufer bedeutet

Das Online-Portal für Selbstgemachtes stellt seinen Betrieb überraschend ein. Wie geht es jetzt mit den Verkäufern weiter?
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Auf dem Portal Dawanda können Näher, Bastler und Designer noch bis zum 30. August ihre handgemachten Produkte vertreiben. Danach stellt das Unternehmen seinen Betrieb ein. Quelle: ZB
Kuscheltiere selbst machen

Auf dem Portal Dawanda können Näher, Bastler und Designer noch bis zum 30. August ihre handgemachten Produkte vertreiben. Danach stellt das Unternehmen seinen Betrieb ein.

(Foto: ZB)

Berlin, DüsseldorfAls Maria Ribbeck am Abend des 30. Juni ihre E-Mails abrief, wartete eine unangenehme Überraschung auf sie in Ihrem Postfach. Die Puppenmacherin aus Berlin fand dort eine E-Mail vom Internetportal Dawanda mit der Kündigung. Sie kann ab Ende August keine Puppen mehr über das Portal für Selbstgemachtes verkaufen. Ribbeck war panisch.

Die deutsche Handelsplattform für Selbstgemachtes, Dawanda, will zum 30. August ihren Betrieb einstellen. Am 30. Juni gab Dawanda eine offizielle Pressemitteilung heraus.

Dawanda hatte erst vor Kurzem die schwarzen Zahlen verkündet, hatte jedoch seine Probleme. In den vergangenen Jahren fiel das Berliner Start-up vor allem mit Negativschlagzeilen auf. So entließ es 2017 mindestens ein Viertel seiner Mitarbeiter und hat laut „Deutsche Startups“ bis Ende 2015 rund 19 Millionen Euro verbrannt.

Gründerin und Geschäftsführerin Claudia Helming gibt sich dennoch selbstbewusst: „Gemeinsam mit unserer Community haben wir ‚Do-it-yourself‘ in den vergangenen zwölf Jahren in Europa salonfähig gemacht und handgemachte Produkte als neue Kategorie im E-Commerce etabliert.“

70.000 Verkäufer müssen umdenken

Die Leidtragenden sind jetzt vor allem die Verkäuferinnen und Verkäufer. Menschen wie Maria Ribbeck, die ihre handgemachten Produkte, Anleitungen zum Selbstmachen und Materialien verkaufen. Dawanda hat laut dem MDR, der sich auf Unternehmensangaben bezieht, 70.000 Verkäufer.

Auf der Website von Dawanda ist die Gesamtanzahl der Hersteller seit der Gründung angegeben: 360.000. Viele von ihnen sind selbstständig und verdienen mit den Verkäufen über Dawanda ihren Lebensunterhalt.

Maria Ribbeck verkauft online handgemachte Puppen sowie Anleitungen zum Selbstnähen. (Foto: privat)
Maria Ribbeck

Maria Ribbeck verkauft online handgemachte Puppen sowie Anleitungen zum Selbstnähen. (Foto: privat)

So auch Puppenmacherin Maria Ribbeck. Sie ist Dawanda-Verkäuferin seit der ersten Stunde und hat unter dem Nicknamen „Mariengold“ mittlerweile über 7.000 verkaufte Produkte. Sie vertreibt nicht nur handgenähte Puppen und Puppenkleider, sondern auch E-Books mit Anleitungen zum Selbernähen.

„Dawanda war sehr wichtig für mich“, sagt Ribbeck. „Als die Plattform an den Start ging, habe ich mich gerade selbstständig gemacht. Über Dawanda konnte ich ein breites Publikum erreichen und ohne hätte ich nicht davon leben können.“

Für eine Puppe braucht Ribbeck einen halben Tag. Sie ist sehr schnell – „jeder Arbeitsgriff sitzt“, sagt sie. Aber der Aufwand im Hintergrund sei groß: Sie müsse die Puppen noch fotografieren und in den Shop einstellen.

Auch für Michaela Wieland war Dawanda ein sehr wichtiges Standbein. „Schätzungsweise 70 Prozent meiner Aufträge kommen über Dawanda zustande“, sagt Wieland, die unter anderem Holzstempel, Magnete, Aufkleber und personalisierte Karten verkauft. Ihr Plan: wahrscheinlich zu Etsy wechseln.

Etsy ist der Konkurrent aus den USA. Das Konzept ist ähnlich, nur ist Etsy eine Plattform mit viel mehr internationalen Kunden und Verkäufern. „Wir teilen eine gemeinsame Vision sowie gleiche Ziele und Werte“, sagt Dawanda-Chefin Helming. „Dawanda und Etsy unterstützen passionierte Selbermacher und professionelle Designer darin, ihre einzigartigen Produkte anzubieten und geben Käufern damit eine Alternative zu industrieller Massenware.“

Umzugs-Tool soll den Wechsel zu Konkurrent Etsy erleichtern

Deswegen können alle Dawanda-Verkäufer nun zu Etsy wechseln – das soll ihnen durch ein Umzugs-Tool erleichtert werden, heißt es in der Pressemitteilung. Manche Verkäufer sind aber noch skeptisch, zum Beispiel Pauline Dohmen.

Pauline Dohmen nennt sich selbst näh- und handarbeitsverrückt. Sie verkauft online Nähanleitungen im PDF-Format. Quelle: klimperklein.blog
Pauline Dohmen

Pauline Dohmen nennt sich selbst näh- und handarbeitsverrückt. Sie verkauft online Nähanleitungen im PDF-Format.

„Das hat mich eiskalt erwischt“, sagt Dohmen, die ausführliche Nähanleitungen in PDF-Form verkauft, über das plötzliche Aus von Dawanda. Zumal sie die Nachricht erst über die Medien erfahren habe – sie habe einen Link zu einem Artikel von ihrer Angestellten zugeschickt bekommen. Bei Dohmen kommt ein Viertel des Umsatzes über Dawanda. Auch sie hat nun vor, zum US-Konkurrenten zu wechseln. Allerdings: „Etsy ist kein Vergleich zu Dawanda“, sagt Dohmen.

Auf Etsy seien viel mehr internationale Kunden unterwegs und die Plattform sei unübersichtlicher als Dawanda. Die deutsche Plattform ist laut Pauline Dohmen gut für Kunden, die stöbern wollen, die etwas konservativer sind und im Netz nicht so viel experimentieren wollen. Bei Etsy wäre das schwierig.

Maria Ribbeck ist da mit ihren Puppen schon besser aufgestellt, weil sie bereits ein Konto bei Etsy erstellt hat. „Dawanda macht 70 Prozent des Umsatzes aus, Etsy 30 Prozent. Aber das schwankt sehr“, sagt Ribbeck. Sie werde sich jetzt auf Etsy konzentrieren.

Aber: „Mein Account auf Etsy ist momentan auf den nordamerikanischen Markt ausgerichtet, die Account-Sprache ist Englisch. Ich werde also erst mal die Sprache umstellen und schauen müssen, dass ich auf Etsy auch so erfolgreich bin.“

Etsy stellt laut Verkäuferin keine Belege aus

Ribbeck sieht auch noch Handlungsbedarf auf Seiten des Portalbetreibers: „Etsy nimmt Gebühren, aber sie geben keine Rechnungen heraus, die ich später an das Finanzamt geben kann. Da das teilweise 200 Euro Gebühren im Monat sind, wäre das schon gut, wenn ich da eine Rechnung bekäme.“ Denn ohne Rechnungen lassen sich diese Betriebskosten nicht von der Steuer absetzen.

In Forenbeiträgen sind jetzt Vermutungen zu lesen, dass es bei Dawanda schlecht läuft, seit das Start-up einen Investor aus den USA hat. Der wollte mehr Wachstum sehen. Dawanda war für eine Stellungnahme dazu nicht zu erreichen. Laut „Deutsche Startups“ hält der Geldgeber „Insight Venture Partners“ seit Ende 2015 50 Prozent der Anteile von Dawanda.

Es gab aber noch ein schwieriges Thema: die Kommunikation. „Dawanda ist in der Kommunikation gar nicht gut. Wenn man technische Probleme hat, kann man lange auf Feedback warten“, sagt Maria Ribbeck. Die Wertschätzung gegenüber den Verkäufern sei nicht besonders hoch.

Ihre Panik vom Anfang ist mittlerweile verschwunden. Sie weiß, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Sie könnte auch einen eigenen Shop auf ihrer Internetseite gründen. Das kostet aber viel Zeit, Nerven und Geld.

Maria Ribbeck hat durch das Aus von Dawanda erst gemerkt, wie abhängig sie von diesen Portalen ist. „Ich bin überrascht, dass es so schnell zu Ende gehen kann. Deswegen habe ich noch ein wenig Bauchschmerzen. Aber ich hoffe, dass das in den nächsten Wochen weggeht.“

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