Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Verpackungsindustrie Ökobilanz: Sechs Mythen über Plastik und Papier

Konsumgüterhersteller tüfteln an innovativen Verpackungen aus Papier oder Bioplastik. Doch die Ökobilanz der nachwachsenden Materialien ist durchwachsen.
14.07.2021 - 04:09 Uhr Kommentieren
Die Verpackungen von Konsumgütern werden noch immer zu selten verwertet. Stattdessen landen sie im Restmüll. Quelle: dpa
Müll

Die Verpackungen von Konsumgütern werden noch immer zu selten verwertet. Stattdessen landen sie im Restmüll.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Immer mehr Konsumgüterproduzenten entwickeln Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen. Dabei steht vor allem Papier hoch im Kurs. Als Vorreiter gilt der Tiefkühlspezialist Frosta. Damit reagieren die Unternehmen auf den zunehmenden Druck von Politik und Öffentlichkeit, Plastikmüll zu minimieren.

Das Müllproblem drängt. 4,3 Millionen Tonnen Plastikverpackungen werden in Deutschland jedes Jahr produziert, zeigen Zahlen der Industrievereinigung Kunststoffverpackung. Noch nicht einmal die Hälfte der Plastikverpackungen wurde 2018 stofflich verwertet, ermittelte die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung.

Umweltforscher plädieren daher für Mehrwegsysteme. „Das Problem sind die Einmal-Benutzungen“, sagt Viola Wohlgemuth, Konsumgüterexpertin der Umweltorganisation Greenpeace. Doch wie gut schneidet Papier eigentlich gegenüber Plastik in einer umfassenden Ökobilanz ab? Und wie nachhaltig ist Biokunststoff? Das Handelsblatt hat sechs Mythen über Plastik- und Papierverpackungen entzaubert.

1. Papiertragetaschen sind besser als Plastiktüten

Das lässt sich nicht pauschal bestätigen. Kunststoff besteht aus Rohöl, dessen Quellen irgendwann erschöpft sind. Papier hat in der Regel pro Kilo Material einen deutlich kleineren ökologischen Fußabdruck als Kunststoff. Je nach Abfallverwertung erzeugt Polyethylen 2,2 und 3,1 Kilo CO2-Äquivalente pro Kilo Produkt. Bei Papier liegt dieser Wert zwischen 0,42 und 0,8 Kilo.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Eine Papiertragetasche ist jedoch schwerer als eine Plastiktasche, um die gleichen Eigenschaften wie Reißfestigkeit zu erzielen. Die Umweltvorteile von Papier verlieren sich, sobald deutlich mehr Material im Vergleich zu Kunststoff nötig ist.

    „Das Plastiktütenverbot war eigentlich ein Bärendienst“, meint deshalb Benedikt Kauertz, Ökobilanzexperte des Instituts für Energie und Umweltforschung (Ifeu) aus Heidelberg. Denn in Deutschland gab es auch seit Langem Plastiktragetaschen weitgehend aus Recyclat, erkennbar am Blauen-Engel-Siegel.

    „Papiertragetaschen sind für die Umwelt oft schlechter als solche aus recyceltem Kunststoff. Wenn, dann hätte man konsequent alle Einwegtaschen verbieten müssen - unabhängig vom Material“, sagt Kauertz.

    2. Kunststoffverpackungen haben eine bessere Ökobilanz als Papier

    Das hängt vom Einzelfall ab. Eine Faustregel: Ist die Papierverpackung nicht schwerer als ihr Plastik-Pendant, ist Papier unter Umweltaspekten vorzuziehen. Erdbeerschälchen aus Pappe etwa sind ökobilanziell günstiger, weil sie fast so leicht sind wie solche aus Kunststoff. Moderne Papierverpackungen werden immer dünner.

    Das Ifeu hat Tiefkühlpackungen für Gemüse verglichen: Von der Ökobilanz zeigte ein innovativer Papierbeutel die geringsten Beiträge, eine beschichtete Faltschachtel aus Papier die höchsten. Denn sie ist deutlich schwerer als der Papierbeutel und ein untersuchter Plastikbeutel. Der Kunststoffbeutel ist problematisch, weil er endliche fossile Ressourcen verbraucht.

    Eine andere Untersuchung des Ifeu hat gezeigt, dass Getränkekartons von der Ökobilanz am besten abschneiden. Im Vergleich zu Glas, Dose und Plastikbecher oder -beutel können bis zu 63 Prozent CO2-Emissionen und bis zu 69 Prozent fossile Ressourcen eingespart werden. „Vom Verbundmaterial werden aber die Kunststoff- und Aluschichten derzeit noch überwiegend thermisch verwertet", sagt Kauertz.

    3. Papierverpackungen sind gut recycelbar

    Die Altpapiereinsatzquote der deutschen Papierindustrie lag 2020 bei 79 Prozent, ermittelte der Verband deutscher Papierfabriken. Für Kartonage-Packungen wird meist Altpapier verwendet. Allerdings wird für Papier, das Kontakt mit Lebensmitteln hat, kein recyceltes Material verwendet. Sonst könnte vom Kaffeebecher oder der Teeverpackung schädliches Mineralöl aus Druckfarben in die Lebensmittel übertreten.

    Lebensmittelverpackungen bestehen meistens aus Verbundmaterialien. Lediglich die Fasern können beim Recycling herausgezogen und verwertet werden, die anderen Schichten aus Kunststoff und Aluminium werden meist verbrannt.

    „Ein eigener Recyclingkreislauf nur für Lebensmittelverpackungen aus Papier wäre sinnvoll - mit spezieller Materialkontrolle am Anfang“, meint Ökobilanz-Experte Kauertz. Dann wäre man nicht mehr zwingend auf Primärfaser angewiesen. Denn die Herstellung von Altpapier benötigt laut Bundesumweltamt drei- bis viermal weniger Energie und zwei bis sechsmal weniger Wasser als die Papierherstellung aus Holz.

    Umweltschützer weisen auf die Klimaschädlichkeit des Abholzens der Wälder hin. Quelle: imago stock&people
    Abholzarbeiten in Deutschland

    Umweltschützer weisen auf die Klimaschädlichkeit des Abholzens der Wälder hin.

    (Foto: imago stock&people)

    4. Verpackungspapier ist klimaschädlich, weil Wälder abgeholzt werden

    Viele Verpackungspapierhersteller sitzen in Skandinavien und haben integrierte Produktionen – vom Wald bis zum Verpackungsmaterial. Der hohe Energiebedarf für die Papierproduktion wird oft aus Restholz gedeckt. „Also vor allem aus nachwachsenden Rohstoffen“, sagt Ifeu-Experte Kauertz. Die Wälder werden wieder aufgeforstet und nachhaltig bewirtschaftet.

    Dem schwedischen Forstunternehmen Sveaskog zufolge betrug der jährliche Zuwachs im schwedischen Wald 2019 etwa 120 Millionen Festmeter Holz – bei etwa 90 Millionen Festmeter Einschlag. Allerdings stehen die Monokulturen in der Kritik. „Der Kahlschlag an den weltweiten Ölreserven ist jedoch ökologisch schlimmer als die nachhaltige Nutzung von Wäldern. Denn Öl wächst anders als Holz nicht nach“, sagt Kauertz.

    Greenpeace-Konsumgüterexpertin Wohlgemuth sieht das flächendeckende Abholzen der Wälder allerdings kritisch. Diese seien CO2-senkend und trügen damit zu einer Verbesserung des Klimas bei. Auch den aktuellen Boom um Bambus-Produkte bemängelt Wohlgemuth. Das Trendmaterial werde oft in China mithilfe von Chemikalien kurzfristig angebaut und abgeholzt. „Für die Klimabilanz ist das eine Katastrophe“, sagt sie.

    Mehr zum Thema:

    5. Biokunststoff ist nachhaltiger als Papier

    Biokunststoff besteht aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Zuckerrohr und gilt dadurch als die bessere Variante im Vergleich zu herkömmlichem Kunststoff. Der Begriff nachwachsend führt allerdings ein wenig in die Irre. Denn er suggeriert, dass es sich hierbei um unendliche Ressourcen handelt. Tatsächlich verbraucht die Erzeugung pflanzlicher Rohstoffe Böden, Wasser, Dünger und oft auch Pestizide.

    Auch Papiermühlen verwenden viele Chemikalien. Aber im Vergleich zur Herstellung von Biokunststoffen sei Papier doch noch ein recht naturnahes Produkt, meint Kauertz.

    Greenpeace-Expertin Wohlgemuth hält Biokunststoff nicht für die Lösung des Verpackungsproblems. Einerseits gebe es keine einheitliche Definition des Materials, bemängelt sie. Zudem sei die Ökobilanz eines Biokunststoffs von zahlreichen Faktoren abhängig, etwa der Herkunft des Materials, der Transportwege, der Verarbeitung und nicht zuletzt der Frage des Verbundmaterials. „Es kommt daher aufs Detail an“, sagt Wohlgemuth.

    Hinzu kommen ganz praktische Probleme: Bioplastiktüten werden in der Praxis faktisch nicht kompostiert und nicht recycelt, wie die Umweltorganisation BUND feststellt. Denn sie benötigen zu lange für die Verrottung im Kompostwerk. Im Bioabfall lassen sie sich zudem kaum von herkömmlichen Plastiktüten unterscheiden und werden häufig aussortiert. So landen sie überwiegend im Restmüll.

    6. PET-Flaschen sind schlechter für die Umwelt als andere Flaschen

    Glas genießt ein höheres Ansehen als Plastik. Aber auch hier muss der Vergleich zahlreiche Variablen berücksichtigen. Glas-Mehrwegflaschen können zwar bis zu 50 Mal wiederverwendet werden, sie sind wegen ihres hohen Transportgewichts aber nur im regionalen Umkreis bis etwa 200 Kilometer ökologisch sinnvoll. PET-Flaschen sind leichter als Glasflaschen und verbrauchen deshalb beim Transport weniger CO2. PET-Mehrwegflaschen können allerdings nur 25 Mal befüllt werden.

    Sie sind von der Ökobilanz her besser als Einweg-PET. Deutschland hat sehr gute Recyclingstrukturen für bepfandete PET-Flaschen. 93 Prozent der PET-Flaschen wurden laut Industrievereinigung Kunststoffverpackungen 2020 recycelt, allerdings werden nur 38 Prozent davon zu neuen Flaschen.

    Hierzulande macht es wenig Sinn, etwa von bepfandeten PET-Flaschen, deren Material im Kreislauf recycelt wird, auf Flaschen aus Papier umzustellen. The Paper Bottle Company arbeitet mit Coca-Cola, Carlsberg und Absolut an Prototypen. Für viele Weltregionen ohne PET-Kreisläufe wäre dies durchaus vorteilhaft.

    Doch auch hier gelte es, die Sammlung und die Verwertung der Verpackung im Blick zu halten, sagt Ifeu-Experte Kauertz. Denn die Vermüllung der Umwelt stelle ein großes Problem dar - unabhängig vom Verpackungsmaterial, klagt er. Es dauert nach Schätzungen der Meeresschutzorganisation 40cean bis zu 450 Jahre, bis eine Einweg-PET-Flasche im Meer abgebaut ist.

    Mehr: Ein kanadischer Gründer macht Plastikmüll aus den Meeren zum profitablen Geschäft.

    Startseite
    Mehr zu: Verpackungsindustrie - Ökobilanz: Sechs Mythen über Plastik und Papier
    0 Kommentare zu "Verpackungsindustrie: Ökobilanz: Sechs Mythen über Plastik und Papier"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%