Vielflieger: Doppelte Meilen für alle Flüge: Airlines zeigen sich kulant gegenüber ihren Topkunden
Die Fluggesellschaften versuchen ihre Stammkundschaft mit kulanten Regeln für das Sammeln von Meilen zu halten. Doch nach der Pandemie wird wohl deutlich weniger dienstlich gereist werden.
Foto: BloombergFrankfurt. So einfach war es wohl noch nie, bei „Miles & More“ Meilen zu sammeln. Seit dem 1. März und noch bis Ende Juni sollen Vielfliegern auf Flügen mit allen Airlines der Lufthansa-Gruppe und der voll integrierten Miles-&-More-Partner pro Flug doppelte Statusmeilen gutgeschrieben werden. Auch alle seit Jahresbeginn absolvierten Flüge werden nachträglich doppelt gebucht.
Dies ist Teil eines neuen Kulanzangebots von Europas größter Fluggesellschaft, um die Topkunden bei der Stange zu halten. Auch andere Fluggesellschaften kommen ihren treuen Kunden entgegen. So hat United Airlines die Hürden für das Erreichen eines Vielfliegerstatus deutlich gesenkt. Und Air France-KLM verteilt einen Bonus für Statusmeilen.
Vielflieger begrüßen die Aktionen. „Die Lufthansa ist sehr bemüht, die Statuskunden zum Fliegen zu bewegen und mit solchen Aktionen die Statusverlängerung zu vereinfachen“, sagt Arne Hess, Berater und bis zum Beginn der Pandemie Stammkunde bei der Airline. Das freue ihn.
Gleichzeitig ist Hess aber skeptisch, ob ihm diese Angebote viel bringen werden. „Es müssen sich natürlich auch Gelegenheiten ergeben, dass geflogen werden kann“, sagt der Berater: „Und da sieht es bei mir abseits von wenigen möglichen Urlaubsreisen beruflich finster aus.“
Es ist das Jahr drei der Pandemie. Doch während den Airlines die Tickets für Privatreisen aus den Händen gerissen werden, wird dienstlich nach wie vor verhalten gereist. Zwar hatte die Öffnung der USA für Geimpfte im vergangenen Herbst den Verkauf von Business-Tickets angeheizt. Doch die jetzt erst so richtig rollende Omikron-Welle hat für einen erneuten Dämpfer gesorgt.
Ukrainekrieg sorgt für neue Unsicherheit
Hinzu kommt die Unsicherheit wegen des Ukrainekriegs. Der treibt die Energie- und Rohstoffkosten vieler Unternehmen. „Viele Prognosen wackeln wegen des Kriegs. Erneut ist Sparen angesagt“, prognostiziert Gerald Wissel von der Luftfahrt-Beratungsfirma Airborne Consulting in Hamburg. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung der Unternehmen widerspiegelt, ist im März von 98,5 auf 90,8 Punkte gefallen – ein drastischer Rückgang.
„Aktuell sehen wir keinen Buchungsrückgang wegen des Kriegs, übrigens auch nicht bei Privatreisenden“, heißt es dagegen bei der Lufthansa. Aber wie erwartet schreite die Erholung der Geschäftsreisen deutlich langsamer voran als die der Privatkunden.
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Wie vorsichtig Firmen künftig bei Dienstreisen agieren, zeigt eine Umfrage des Geschäftsreiseverbands VDR unter seinen Mitgliedsunternehmen am 11. März. Nur 9,3 Prozent der Firmen gaben an, dass das Geschäftsreisevolumen wieder auf das Niveau vor der Krise zurückkehren wird. Über 60 Prozent gehen davon aus, dass künftig rund 30 Prozent weniger Dienstreisen stattfinden werden, elf Prozent erwarten, dass das Minus sogar bis zu 50 Prozent betragen kann.
Der Blick nach Nordamerika zeigt, dass sich die Fluggesellschaften wohl dauerhaft auf weniger Vielflieger einstellen müssen. Dort hat sich der inländische Luftverkehr deutlich schneller und stärker wieder erholt als in Europa und Deutschland. Das Land ist also eine Art Frühindikator. Nach Angaben des amerikanischen Airline-Verbands A4A lag die Zahl der Buchungen für Firmenreisen im Januar noch um mehr als 60 Prozent unterhalb des Vorkrisenniveaus.
Andrew Nocella, der Vertriebschef vom Lufthansa-Partner United Airlines, sprach Ende Januar von einer weiterhin schwer absehbaren Entwicklung bei Geschäftsreisen. Die Buchungszahlen erlaubten keinen klaren Trend, man brauche wohl noch etwas Geduld.
Die Buchungszahlen in den USA haben sich schneller wieder erholt – doch auch dort ist das Interesse an Geschäftsreisen eher gering.
Foto: Reuters„Die Frage ist: Werden Vielflieger jemals wieder annähernd so viel reisen wie vor der Pandemie? Die klare Aussage lautet: Nein“, sagt Frank Sarfeld, Berater und beruflich in normalen Zeiten viel unterwegs. Bei seinen früheren Arbeitgebern flog er oft zweimal in der Woche in die USA. „Das wird es nicht mehr geben“, sagt Sarfeld. Ein Bekannter, der bei einer Bank arbeite, habe berichtet, wie insbesondere kurze Meetings dauerhaft durch Videokonferenzen ersetzt würden.
Hinzu kommt: Bei eher kurzen Reisen etwa innerhalb Deutschlands setzen immer mehr Unternehmen auf den Zug – ungeachtet der nach wie vor großen Probleme der Deutschen Bahn bei der Verlässlichkeit. Zu groß ist mittlerweile der Druck, die eigene Klimabilanz zu richten, auch bei Reisen.
Das belegt der Erfolg einer Marketingkampagne der Deutschen Bahn kurz vor dem Jahreswechsel, des sogenannten „Glasgow Commitment“. Dabei hatte die Bahn Unternehmen einen 50-prozentigen Rabatt auf die Bahncard 100 angeboten, wenn diese zwischen dem 15. November und dem 23. Dezember 2021 bestellt wurde.
Nach Angaben eines Bahn-Sprechers nutzen rund 900 Firmen mit über 10.000 Personen das Angebot – viel mehr, als der Schienenkonzern erwartet hatte. Viele der neuen Kunden mussten deutlich länger auf ihre Bahncard warten als üblich.
Vielflieger sammeln verstärkt über Privatreisen
Firmen seien heute noch kostensensitiver als vor der Pandemie, glaubt Vielflieger Hess. Corona habe gezeigt, was digital alles möglich sei. „Es geht nichts über den persönlichen Kontakt. Man wird sich auch persönlich treffen, aber nicht mehr auf dem Niveau wie früher“, sagt Hess. „Das ist aus heutiger Sicht nicht nur Umweltverschmutzung, sondern auch Diebstahl meiner Lebenszeit. Da muss es schon gute Gründe für Reisen geben.“
Hess und Sarfeld versuchen nun wie viele andere, ihren Status über Privatreisen zu sichern. „Der Mensch wird immer reisen. So schön Deutschland ist, was man in der Pandemie gut kennenlernen durfte, so sehr treibt das Fernweh in fremde Länder“, sagt Hess.
Doch nur mit Urlaubsreisen ist es für die bisherigen Topkunden der Airlines schwer, den Status zu bewahren, selbst wenn man sich auf dem Weg in den Urlaub privat die Business-Klasse gönnt. Lufthansa könne die bisherigen Qualifikationshürden für die Vielflieger getrost vergessen, sagt Sarfeld: „Für Lufthansa kann die Lösung eigentlich nur sein, mehr Urlaubsverkehr auf der Langstrecke zu generieren. Und das versuchen sie ja auch mit der neuen Plattform Eurowings Discover.“
Doch konsequenterweise müssten dann auch die Vielfliegerprogramme entsprechend angepasst und stärker für Privatreisende geöffnet werden, so Sarfeld. „Der Urlaub beginnt für mich schon am Flughafen. Die Lounge ist da unverzichtbar“, sagt Hess. „Da sehe ich großes Potenzial bei den Vielfliegerprogrammen im Privatreisemarkt.“