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Warenbelieferung Die Coronakrise macht Lieferketten zu Lieferpuzzles

Die Corona-Maßnahmen der Politik sorgen zum einen für Lieferengpässe. Sie trennen aber auch die Transporteure: Wer gewinnt und wer verliert.
31.03.2020 - 10:46 Uhr Kommentieren
Discounter wie Aldi, Lidl oder Netto erhielten in den vergangenen Tagen sogar 25 Prozent mehr Ware als üblich. Quelle: dpa
Ladefläche eines Lkw

Discounter wie Aldi, Lidl oder Netto erhielten in den vergangenen Tagen sogar 25 Prozent mehr Ware als üblich.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Engpässe bei Nudeln, Mehl und Toilettenpapier, Überkapazitäten in den Seehäfen – die Coronakrise schafft in der Warenversorgung ein bislang unbekanntes Phänomen: Während bei einigen Transporteuren in diesen Tagen das Personal knapp wird, bemühen sich andere um Kurzarbeitergeld, weil Aufträge wegbrechen.

Wie sich die Ungleichgewichte derzeit verteilen, geht aus den Zahlen der Ulmer Frachtbörse Transporeon hervor, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen. Danach ist es insbesondere die Versorgung mit Lebensmitteln, die den Transportmarkt am kräftigsten durcheinanderwirbelt.

„Ein Drittel aller Lebensmittel-Lieferungen gingen vor der Coronakrise üblicherweise an Hotels, Restaurants und Kantinen“, berichtet Transporeon-CEO Stephan Sieber. „Dieser Markt ist nun nahezu weggebrochen.“

Weil seit dem faktischen Shutdown deutlich mehr Speisen daheim zubereitet werden, führen die einstigen Transportwege nun in Richtung Supermarkt. Ein Plus von 20 Prozent zählt die Logistikplattform Transporeon bei den Anlieferungen. Discounter wie Aldi, Lidl oder Netto erhielten in den vergangenen Tagen sogar 25 Prozent mehr Ware als üblich.

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    Einen ähnlichen Rollentausch beobachten Logistiker auch bei der Büroversorgung. „Die Belieferung von Officegebäuden mit Büromaterial fällt derzeit deutlich“, beobachtet Karl Gernandt, der für den Großinvestor Klaus-Michael Kühne unter anderem den Schweizer Speditionsriesen Kühne + Nagel beaufsichtigt. Doch die millionenfache Verlagerung von Jobs ins Homeoffice beflügelt überraschend eine ganz andere Branche, wie Gernandt in den Logistikzentren beobachtet: „Die Nachfrage nach bunten Espresso-Kapseln explodiert derzeit förmlich.“

    Weniger überraschend, dafür aber weitaus gravierender verschieben die behördlich verordneten Ladenschließungen den Warenfluss im Einzelhandel. „Die Bekleidungslager des Zara-Mutterkonzerns Inditex sind derzeit ohne Bewegung“, berichtet ein Spediteur. Andererseits: Das Online-Kaufhaus Amazon profitiert wie kaum ein anderer von den leergefegten Fußgängerzonen. Allein in Deutschland, kündigte der US-Konzern neulich an, wolle man 350 zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.

    Auch Apple startet inzwischen wieder durch, indem sich der iPhone-Hersteller in vielen Regionen nun allein auf den Onlinevertrieb beschränkt. „In China sind die Produktionsstätten und Offices wieder geöffnet“, berichtet Gernandt, „selbst in Wuhan.“ Auch in Europa, wo Apples stationärer Vertrieb zum Erliegen gekommen ist, laufe das Onlinegeschäft über die E-Fulfillment-Center auf Hochtouren.

    Probleme für die Containerschifffahrt

    Nicht minder trennt das Coronavirus die Verkehrsträger in Gewinner und Verlierer. Gebeutelt ist dabei seit Jahresbeginn die Containerschifffahrt, deren Abfahrten aus China fast 15 Wochen lang nahezu gestoppt wurden. „Wir rechnen in diesem Jahr mit einem starken Rückgang von Umsatz und Gewinn“, fürchtet deshalb Angela Titzrath, Vorstandschefin des Hamburger Hafenbetreibers HHLA.

    Grafik

    Zur Sorge hat sie allen Grund: 75 Schiffsanläufe aus Asien nach Europa fielen seit Ausbruch der Pandemie aus, errechnete die Kopenhagener Beratungsfirma Sea Intelligence. Weltweit lieferten Reedereien seit Jahresbeginn 1,9 Millionen Standardcontainer (TEU) weniger aus als im Vorjahr. Ihren Erlös habe dies hochgerechnet um 1,9 Milliarden Dollar geschmälert, glauben die dänischen Experten.

    Zwar rechnen Hafenbetreiber wie die HHLA ab Ende April mit einem wieder anziehenden Geschäft, weil sich derzeit die ersten Frachter aus China wieder voll beladen auf den Weg machen. „Den Rückgang des ersten Halbjahres wird das aber wohl nicht ausgleichen“, sagt Titzrath.

    Ganz anders sieht es in der Luftfracht aus, die in den vergangenen Jahren eher magere Ergebnisse einfuhr. Weil die Belieferung über den Seeweg in den vergangenen Wochen stockte, ordern viele Firmen dringend benötigte Güter nun über den Luftweg.

    Entsprechend groß ist hier jetzt der Engpass. „Die Kapazitäten werden schon deshalb knapp“, berichtet Transporeon-Chef Sieber, „weil Transportraum in den Passagierfliegern fehlt.“ Bislang beförderten diese rund 50 Prozent des weltweiten Luftfracht-Aufkommens, doch viele Verbindungen sind nun eingestellt.

    Der Hamburger Hafenbetreiber HHLA rechnet in diesem Jahr mit einem starken Umsatz- und Gewinnrückgang. Quelle: dpa
    Hamburger Hafen

    Der Hamburger Hafenbetreiber HHLA rechnet in diesem Jahr mit einem starken Umsatz- und Gewinnrückgang.

    (Foto: dpa)

    Das aber führt zu dramatischen Auswirkungen auf die Frachtraten, wie Sieber berichtet: „Auf dem Spotmarkt für Luftfracht werden kurzfristige Angebote mit bis zu mehr als verdoppelten Preisen gehandelt, weil es an Transportkapazitäten fehlt.“ Die Preiserhöhungen treffen dabei vor allem die Pharmaindustrie, wie die Zahlen der Frachtbörse zeigen: Viele Arzneimittelhersteller lassen sich die benötigten Grundstoffe inzwischen einfliegen, weil ihre Produktion sonst stillstünde. Hinzu kommt bei ihnen, wie Spediteure berichten, dass die Nachfrage nach Medikamenten in diesen Tagen weltweit kräftig anzieht.

    Kapazitätsengpässe gibt es inzwischen auch beim Lkw-Verkehr. „Das Angebot für den europäischen Straßentransport ist innerhalb von zwei Wochen um fast ein Fünftel zurückgegangen“, berichtet Sieber, „besondere Engpässe sehen wir für Fahrten von und nach Italien, Spanien, Frankreich und Benelux.“

    Allerdings zeigten sich auch hier Branchenunterschiede: „In der chemischen und pharmazeutischen Industrie sowie im Handel steigt die Transportnachfrage auf dem Spotmarkt – in der Automobilindustrie ist sie in der zweiten Märzhälfte auf Zweimonatssicht um 40 Prozent eingebrochen.“

    Selbst die Versorgung über die deutschen Wasserstraßen ist nicht gesichert

    Die meisten Hersteller haben ihren Werken einen Produktionsstopp bis nach Ostern verordnet. „Viele Automobil-Speditionen suchen derzeit händeringend nach Aufträgen“, bestätigt Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL). „Den geschädigten Unternehmen sollte der Gesetzgeber kurzfristig mit der Aussetzung von Sozialabgaben oder Erleichterungen bei der Einfuhrumsatzsteuer zur Seite springen.“

    Nicht einmal die Versorgung über die deutschen Wasserstraßen scheint derzeit gesichert, die für sieben Prozent des innerdeutschen Warenverkehrs stehen. Anlass zur Sorge bereiten die strengen Einreise- und Quarantänebestimmungen in den meisten Ländern Osteuropas, die für ausländische Besatzungsmitglieder die Arbeit auf deutschen Schiffen erheblich erschweren. Denn Bordmitglieder, die während ihrer Freischicht in ihr Heimatland reisen, laufen Gefahr, keine Ausreisegenehmigung mehr zu erhalten – oder bei der Heimreise in eine 14-tägige Quarantäne zu geraten.

    „Die Hälfte unserer Mitarbeiter stammt von außerhalb Deutschlands“, berichtet Ralph van Beek, bei der emsländischen Reederei Deymann verantwortlich für den Personaleinsatz. „Noch bieten viele von ihnen Mehrarbeit an, weil sie nicht daheim in Quarantäne kommen wollen“, berichtet er von den Besatzungen seiner 35 Binnenschiffe. „Die Bereitschaft dürfte aber abhängig sein von der Dauer der Krise.“

    Gerät der Verkehr auf Rhein, Main, Mosel oder Elbe ins Stocken, würde es vor allem für Stromerzeuger, Stahlkocher und Chemieproduzenten eng. Die knapp 2000 deutschen Binnenfrachter transportieren insbesondere Erze, Kohle, Mineralöl- und chemische Erzeugnisse. Sogar acht Millionen Tonnen Nahrungs- und Genussmittel wurden vergangenes Jahr über Deutschlands Wasserstraßen befördert.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Angesichts solcher Verwerfungen fällt es Europas Speditionen immer schwerer, die Lieferketten in den Griff zu bekommen. „Aus der Supply Chain ist ein Supply Puzzle geworden“, berichtet Karl Gernandt. Was die Prognose künftiger Warenströme für den Kühne + Nagel-Mann besonders schwierig macht: Weil es derzeit gleichzeitig in Europa und den USA zu einem Shutdown kommt, sagt er, gebe es bei Engpässen kaum noch Ausweichmöglichkeiten. „Das war so lange noch anders, wie sich die Corona-Epidemie weitgehend auf China beschränkte.“

    Ebenfalls unvorhersehbar ist für ihn die künftige Nachfrage. „Derzeit steigt die Anzahl von Kurzarbeitern und Arbeitslosen rapide“, beobachtet Gernandt. „Der Konsum wird deshalb nach dem Lockdown nicht wieder sofort auf das alte Niveau springen.“ Mit seiner Forderung dürfte er deshalb vielen Logistikunternehmern aus der Seele sprechen: „Die Bekämpfung der Coronakrise dürfen wir nicht allein den Politikern überlassen“, mahnt er. „Die Wirtschaft muss dringend mit an den Tisch.“

    Mehr: So sichern Unternehmen in der Coronakrise ihre Liquidität

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