Karstadt-Filiale in Düsseldorf

Das Unternehmen hat zwar im vergangenen Jahr nach langer Zeit mal wieder einen kleinen operativen Gewinn gemacht. Doch auch hier erodiert das Geschäft.

(Foto: dpa)

Warenhaus-Fusion Die schiere Not treibt Karstadt und Kaufhof zusammen

Kaufhof und Karstadt stehen vor dem Zusammenschluss. Der 3,7 Milliarden Euro schwere Deal soll zunächst kaum Schließungen beinhalten.
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Düsseldorf, Berlin, HamburgEs gibt Spekulationen, die sind nicht totzukriegen. Ein Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof ist so eine Geschichte, die seit Jahren regelmäßig aufkommt. Immer jedoch scheiterten Annährungsversuche: Mal lief die eine Kette zu schlecht, mal die andere. Dann wieder hatte Olaf Koch, Chef des damaligen Kaufhof-Eigentümers Metro, persönliche Vorbehalte gegen den Karstadt-Sanierer René Benko und verkaufte lieber an die kanadische HBC.

Doch jetzt scheint es soweit zu sein. Die Meldungen sind konkret wie nie, die Voraussetzungen gut. Die Kanadier haben es nämlich nicht geschafft, das Kaufhof-Geschäft zu stabilisieren. Die von Koch verkaufte Perle Kaufhof erwies sich bei näherer Betrachtung als billiger Modeschmuck. Auf der anderen Seite scheint der Österreicher Benko bei seinen Investoren uneingeschränktes Vertrauen zu genießen – gestützt auf den Fakt, dass Karstadt tatsächlich wieder auf einigermaßen stabilen Beinen steht.

Die Kanadier können nun ihren Aktionären einen Teilausstieg präsentieren, gestützt auf die werthaltigen Immobilien. Benko hat sein Angebot deutlich aufgestockt: Zuletzt hatte er im November 2017 rund drei Milliarden Euro für eine Komplettübernahme von Kaufhof geboten. Dieses Angebot hatte HBC-Großaktionär und Chairman Richard Baker als zu niedrig bezeichnet und offiziell zurückgewiesen.

Jetzt legt Benkos Signa-Holding nach: Sie würde laut der aktuellen Vorvereinbarung für die Übernahme etwa 1,1 Milliarden Euro zahlen und zusätzlich 750 Millionen Euro an Schulden übernehmen, wie es hieß. Damit würde das Europageschäft von HBC nun mit 3,7 Milliarden Euro bewertet.

Karstadt und Kaufhof sind jedoch ein Politikum – weit über die eigentliche wirtschaftliche Bedeutung hinaus. Die Häuser stabilisieren etliche deutsche Innenstädte, die zu veröden drohen. Zudem trommelt die Gewerkschaft Verdi stets für den Erhalt der Arbeitsplätze. Ein Zusammenschluss sah da stets wie eine Drohung aus: Die Hälfte der Häuser könnte schließen, meinten einige Experten.

Sitz der neuen Gesellschaft ist noch offen

Die aktuelle Vereinbarung sieht jedoch vor, dass nur drei bis fünf Häuser dichtmachen sollen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ aus Verhandlungskreisen. Die „Wirtschaftswoche“, die den sich anbahnenden Deal als erstes vermeldete, hatte noch von bis zu 15 Häusern geschrieben.

Klar ist: Auch das sind weniger, als selbst Optimisten befürchtet hatten. Ob das reicht, bleibt jedoch abzuwarten. Beide Marken sollen laut „Süddeutscher Zeitung“ zumindest anfangs erhalten bleiben. Offen ist, wo der Sitz der Gesellschaft sein wird. Kaufhof residiert in Köln, Karstadt in einem bemerkenswerten 70er-Jahre-Bau in Essen. Offenbar ist Karstadt-Chef Stephan Fanderl bereit, den Essener Sitz aufzugeben. Es könnte auf einen völlig neuen Standort in der Mitte, etwa in Düsseldorf, hinauslaufen. Selbst ein Sitz im steuergünstigen Luxemburg ist laut Handelsblatt-Informationen nicht völlig ausgeschlossen.

„Deutsche Warenhaus AG“ – Fusionieren Kaufhof und Karstadt zum Mega-Kaufhaus?

Zuversichtlich stimmt, dass Benko nach der Fusion unter Gleichen offenbar auf dem Fahrersitz Platz nehmen soll. Sein Karstadt-Chef Fanderl hat bewiesen, dass er das deutsche Warenhausgeschäft versteht. Die Irrwege des früheren Eigners Nicolas Berggruen hat er verlassen.

Dennoch sind die Herausforderungen groß. Die schiere Not treibt die bisherigen Kontrahenten zusammen. Kaufhof hat im vergangenen Jahr hohe Verluste bei sinken Umsätzen gemacht. Und auch für dieses Jahr erwartet das Management keine entscheidende Besserung. Karstadt hat zwar im vergangenen Jahr nach langer Zeit mal wieder einen kleinen operativen Gewinn gemacht. Doch auch hier erodiert das Geschäft. So zeigt bei Karstadt in diesem Jahr die Umsatzentwicklung weiter nach unten, wie in Branchenkreisen zu hören ist.

Vor allem die Umbrüche beim Kanadischen HBC-Konzern ermöglichen nun den Deal. Auch der missratene Zukauf in Europa hat dort zu Management-Wechseln geführt. Die neue HBC-Chefin Helena Foulkes geht sehr viel pragmatischer an strategische Entscheidungen heran und fühlt sich nicht an Aussagen der Vergangenheit gebunden. Sie hat den klaren Auftrag der Eigentümerfamilie um Richard Baker, alles im Konzern zu überprüfen und auf Zukunftsfähigkeit zu trimmen.

Besitzverhältnisse machen den Deal kompliziert

Dazu kommt: Der aktivistische Investor Jonathan Litt macht seit Monaten unter den HBC-Aktionären Stimmung für einen Verkauf von Unternehmensteilen. Er fordert insbesondere einen Verkauf von Immobilien, um so Unternehmenswerte zu heben. „Diese mögliche Transaktion mit Signa könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein“, sagt er nun. Er erhofft sich daraus eine deutliche Steigerung des Werts pro Anteil für die Aktionäre. Schon den früher angebotenen Deal zu einem Kaufpreis von drei Milliarden hatte er befürwortet.

Was den Forderungen von Litt entgegenkommen würde: Bei einem Abschluss mit Signa ginge es im Wesentlichen um Immobilien. Das verlustreiche Kaufhof-Geschäft an sich hat kaum einen echten Wert. Doch HBC gehören 40 Warenhaus-Immobilien in Deutschland, die das Unternehmen in eine Gesellschaft zusammen mit dem Immobilienunternehmen Simon Properties eingebracht hat. Nach Informationen der „Wirtschaftswoche“ würden allein die Anteile an Immobilienpaketen, an denen Signa interessiert ist, mit rund 800 Millionen Euro bewertet.

Was einen Deal zusätzlich kompliziert macht: HBC gehört in Europa nicht nur Kaufhof. Der kanadische Handelskonzern betreibt auch in den Niederlanden eine Kette von Warenhäusern unter der Marke Hudson’s Bay. Außerdem hat er noch zahlreiche Standorte der bisher schlecht laufenden Luxus-Outlets Saks Off 5th in Deutschland und den Niederlanden. Diese müssten aus Sicht von HBC unbedingt Teil des Pakets werden, weil es sich nicht lohnt, sie separat weiter zu betreiben.

Und selbst wenn sich Signa und HBC einigen, stehen noch schwierige Gespräche mit der Gewerkschaft Verdi über einen möglichen Sanierungstarifvertrag für die Kaufhof-Mitarbeiter an. Verdi hatte vergangene Woche die Gespräche über einen Gehaltsverzicht der Mitarbeiter mit Verweis auf die ungeklärte Situation auf Eis gelegt. Das Kaufhof-Management hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass das Unternehmen mit Gehältern nach dem Flächentarif nicht zukunftsfähig ist. Verdi fordert bereits, die Arbeitsplätze tarifvertraglich abzusichern.

Verdi hatte vergangene Woche die Gespräche über einen Gehaltsverzicht der Mitarbeiter mit Verweis auf die ungeklärte Situation auf Eis gelegt. Das Kaufhof-Management hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass das Unternehmen mit Gehältern nach dem Flächentarif nicht zukunftsfähig ist.

Auch deswegen wird jetzt eine Verschmelzung von Kaufhof auf Karstadt geprüft. Denn Karstadt hat bereits einen eigenen Tarifvertrag mit deutlich niedrigeren Personalkosten durchgesetzt. Der könnte, so die Überlegung der Juristen, möglicherweise über die Hintertür dann auch bei Kaufhof eingeführt werden.

Vorbild könnte dabei die Metro sein: Das Unternehmen hatte nach ergebnislosen Verhandlungen mit Verdi die Tochter Real einfach auf das Unternehmen Metro Services verschmolzen. Diese hatte bereits einen Tarifvertrag mit der Kleingewerkschaft DHV abgeschlossen, der niedrigere Personalkosten vorsieht. Und der gilt nun auch bei Real.

Sorgen gibt es auch unter den Lieferanten der Kaufhäuser, die statt zwei Großabnehmern künftig nur noch einem Riesenkunden gegenüberstehen. Der Chef des Bielefelder Mode-Dienstleister Katag, Daniel Terberger, sagte dem Handelsblatt, er begrüße den Deal, weil er die Innenstädte stärken könne. Bei einigen Modemarken ruft er jedoch wohl auch Aufregung hervor, weil die Konditionen neu ausgehandelt werden müssen.

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