WPP steigert Umsatz Fußball und Brexit helfen dem Werberiesen

Brexit-Sorgen? Der Werbegigant WPP verdient dank des schwachen Pfund prächtig. Doch für Konzernchef Martin Sorrell, einer der Top-Verdiener in Europa, könnte das Votum trotzdem Folgen haben.
Im vergangenen Jahr erhielt Sorrell, seit fast 30 Jahren WPP-Chef, mehr als 70 Millionen Pfund - rund 82 Millionen Euro. Quelle: Reuters
Martin Sorrell

Im vergangenen Jahr erhielt Sorrell, seit fast 30 Jahren WPP-Chef, mehr als 70 Millionen Pfund - rund 82 Millionen Euro.

(Foto: Reuters)

LondonWPP ist der größte Werbekonzern der Welt: Zu der Gruppe mit Sitz in London gehören Agenturen wie Ogilvy, Grey, Scholz & Friends, aber auch Marktforschungsunternehmen wie TNS oder Kantar. In den vergangenen Jahrzehnten hat WPP-Chef Sir Martin Sorrell – im Jahr 2000 wurde der heute 71-Jährige von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand gehoben – den Konzern immer weiter vergrößert, immer mehr Firmen geschluckt.

Doch ein Zukauf sorgt nun für eine böse Überraschung in der Halbjahresbilanz: Üppige 83 Millionen Pfund (umgerechnet 97 Millionen Euro) mussten auf den Wert der amerikanischen Internet-Marktforschungsfirma Comscore abgeschrieben werden. Die Firma hat keine Ergebnisse für 2015 veröffentlicht, weil ein interner Untersuchungsausschuss die Bücher durchforsten muss. Der Aktienkurs stürzte daraufhin ab. Und WPP ist nach eigener Aussage „verwundert, warum die Untersuchung so lange dauert, noch nicht abgeschlossen ist und sich als so teuer erweist“.

Der Gewinn des Werberiesen halbierte sich nicht zuletzt wegen dieser heftigen Abschreibung: 282 Millionen Pfund lautete das Ergebnis nach Steuern für das erste Halbjahr 2016 – ein Jahr zuvor waren es noch 601 Millionen Pfund gewesen. Dabei laufen die Geschäfte von WPP eigentlich sehr gut: Der Umsatz stieg um knapp zwölf Prozent auf 6,5 Milliarden Pfund, der bereinigte Gewinn kletterte um 15 Prozent auf 769 Millionen. Diese Zahlen sind sogar besser als von Analysten erwartet, die WPP-Aktie legte in London kräftig zu.

Vor der Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer hatten viele Kunden des Konzerns noch Werbung in Auftrag gegeben – und sogar der Brexit erwies sich als positiv. Denn nachdem das Pfund Sterling im Zuge des Referendums deutlich fiel, machte WPP mit der Umrechnung der Erträge aus Europa Gewinn. Vielleicht versöhnt das WPP-Chef Sorrell etwas, denn der hatte sich enttäuscht über den überraschenden Ausgang des Referendums gezeigt.

Ein „Desaster“ sei die Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, hatte er kürzlich in einem Zeitungsinterview erklärt. Seine Großeltern waren einst aus Osteuropa nach Großbritannien eingewandert und Sorrell hatte sich für „Remain“ engagiert. Als Konsequenz des Referendums – bei dem rund 72,2 Prozent zur Wahl gegangen waren, von denen rund 51,9 Prozent für den Brexit gestimmt hatten – machte Sorrell sich für die Einführung einer allgemeinen Wahlpflicht stark. „Jeder sollte wählen müssen“, sagte er der „FAZ“, „wenn jemand nicht wählen geht, sollte er bestraft werden.“

Die erfolgreichsten Werbekampagnen des Jahres
Platz 10: „Verschwindende Tiere“
1 von 11

Grabarz & Partner, die im vorigen Jahr mit ihrer Anti-Nazi-Kampagne „Rechts gegen Rechts“ die meisten Nägel eingesammelt hatte, liegt in diesem Jahr mit einer Kampagne auf dem zehnten Platz. Für die gemeinnützige Organisation Robin Wood haben die Werber Plakate gezeichnet, in denen bedrohte Tierarten sich zu einem Teil auflösen. „Konzeptionell stark“, meinte die Jury.

Platz 9: Berliner Morgenpost – „Das ist Berlin“
2 von 11

Und noch eine Printkampagne, und nochmal Berlin. Die Werbeagentur Römer Wildberger hat viele entlarvende Motive mit hintergründigen Texten kreiert. Zum Beispiel: „Berlin ist, wenn’s härter gesagt als gemeint ist.“, dazu eine junge Kellner, auf deren T-Shirt der Spruch steht: „Trinkgeld sonst Schnauze!“. „Das ist eine extrem witzige Kampagne, die mehr ist als Werbung für ein Medium, sondern vielmehr für den Standort Berlin“, meinte ADC-Chef Stephan Vogel.

Platz 8: Hornbach – „Es gibt immer was zu tun“
3 von 11

Es ist die zweite Hornbach-Arbeit, mit der sich Heimat bei ADC-Festival beworben hat. Eine integrierte Kampagne – das heißt, sie bedient viele verschiedene Medienkanäle –, die das Thema Integration behandelt. Motto: Auch wenn wir verschiedenen sind, können wir zusammen an einem Projekt arbeiten – und uns verstehen. Es ist ein kritischer Blick der Heimat-Werber auf eine Welt, die „nicht in Ordnung ist“, wie die Jury meinte.

Platz 7: Hamburger Abendblatt – „Illustrationskampagne“
4 von 11

Die Illustrationen, die Oliver Voss für das „Hamburger Abendblatt“ gemacht hat, seien „extrem gut gemacht“, meinte ADC-Chef Stephan Vogel. Detailreiche Darstellungen gespickt mit Sprüchen wie „Als Hamburger lasse ich mir nichts erzählen, ich lese es im Hamburger Abendblatt.“ Die Arbeiten von Oliver Voss, der früher bei Jung von Matt gearbeitet hat, werden oft vom ADC ausgezeichnet.

Platz 6: Edeka – „#heimkommen“
5 von 11

Den rührenden Weihnachtsfilm, den Jung von Matt für den Kunden Edeka erstellte, hatten viele Branchenbeobachter bereits als heimlichen ADC-Gewinner in diesem Jahr ausgemacht. Er wurde im Dezember veröffentlicht und generierte bis heute knapp 48 Millionen Aufrufe allein auf Youtube. Der Film, in dem ein alter Mann seinen eigenen Tod inszenierte, um endlich einmal wieder seine Kinder zu sehen, traf mitten ins Herz einer zerrissenen Gesellschaft. Das Thema Altern und Einsamkeit sei „meisterlich umgesetzt“, urteilte die Jury.

Platz 5: „Die Hornbach-Frühjahrskollektion“
6 von 11

Die Agentur Heimat hat beim ADC-Festival fast immer eine Kampagne ihres Stammkunden Hornbach im Rennen. Dieses Jahr sind es mehrere. „Die Hornbach-Frühjahrs-Kollektion“, in der eine verdreckte, zerlöcherte Gartenjeans der Held der Kampagne ist, liegt im Kampagnenvergleich auf dem fünften Platz. Das sei etwas völlig Neues, so sagte ADC-Chef Stephan Vogel, die Heimwerkerkleidung zu heroisieren.

Platz 4: Berliner Verkehrsbetriebe – „Is‘ mir egal“
7 von 11

Dass Werbung Spaß machen kann, beweist die Kampagne „Is’ mir egal“. Jung von Matt ließ den Neuköllner Kazim Akboga rappend durch die Waggons ziehen und erzielte damit die vierthöchste Nagel-Ausbeute in diesem Jahr. Akboga hatte es mit diesem Song bereits bei der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ versucht – Dieter Bohlen gefiel es damals aber nicht. Stephan Vogel vom ADC meint trotzdem: Wenn Marken einen so gut Job machen, werden sie selbst ein Stück Popkultur.

Für ihn persönlich hat der Brexit möglicherweise weitergehende Folgen: Theresa May, die im Zuge des Referendums zur Premierministerin des Landes gewählt wurde, will gegen überhöhte Managergehälter vorgehen. Bei diesem Thema denken viele an Sorrell: Seit Jahren gehört er zu den Spitzenverdienern in ganz Europa.

Im vergangenen Jahr erhielt Sorrell, der seit fast 30 Jahren Chef den von ihm gegründeten Werbekonzern führt und mit gut 1,5 Prozent an ihm beteiligt ist, mehr als 70 Millionen Pfund - rund 82 Millionen Euro. Selbst der deutsche Spitzenreiter, Daimler-Chef Dieter Zetsche, verdient mit rund 14 Millionen Euro nicht annähernd so viel. Die anderen Chefs der börsennotierten Unternehmen im britischen Leitindex FTSE100 kommen auf durchschnittlich 5,5 Millionen Pfund (rund 6,4 Millionen Euro).

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: WPP steigert Umsatz - Fußball und Brexit helfen dem Werberiesen

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%