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Zukunftstechnologie Deutsches Weltraum-Start-up sammelt Geld ein – die Branche steckt dennoch im Dilemma

Morpheus aus Dresden baut mit großem Erfolg Manövriertriebwerke für Satelliten. Kapital muss sich das Start-up überwiegend in den USA suchen – wie viele Tüftler.
26.08.2020 - 16:35 Uhr Kommentieren
Dresdner Start-Up Morpheus gewinnt Investoren Quelle: Morpheus
Animation eines Minisatelliten mit dem Morpheus-Antrieb

Das Dresdener Start-up Morpheus Space konnte eine erste Finanzierungsrunde erfolgreich abschließen.

(Foto: Morpheus)

Düsseldorf, Frankfurt Es ist eine Warnung, auf die normalerweise niemand mehr reagieren kann: inaktiver Satellit auf Kollisionskurs mit aktivem Kleinstsatellit. Doch als sich die US-Luftwaffe Ende Juli mit einem solchen Alarm an die Uni Würzburg wendet, ist es anders. Die Forscher starten ein installiertes Triebwerk und steuern ihren nur zehn mal zehn mal zehn Zentimeter kleinen Satelliten tiefer in eine sichere Umlaufbahn.

Es ist eine große Revolution im Weltraum, ermöglicht von einem kleinen Start-up aus Dresden: Morpheus Space. Das entwickelt und baut die Antriebe, die auch auf Minisatelliten betrieben werden können.

Und am Mittwoch hat die Sieben-Mitarbeiter-Firma eine Erfolgsmeldung verkünden können. Das Start-up sammelt in seiner ersten Finanzierungsrunde eine zwar unbekannte Summe ein. Doch neben dem deutschen Investor Vsquared Ventures steigen gleich fünf US-Wagniskapitalgeber ein – darunter In-Q-Tel, das mit Regierungsmitteln arbeitet, und Pallas Ventures, die sich auf die nationale Sicherheit der USA fokussiert haben. Mitglied im Aufsichtsrat bei Morpheus wird dessen Managing Director und ehemaliger Marineminister der USA, Richard V. Spencer.

Ist das ein Hinweis auf eine mögliche Abwanderung des Jungunternehmens? Mitgründer Daniel Bock hat eine andere Erklärung für das starke US-Engagement. Man habe auch in Deutschland mit vielen Investoren gesprochen, sagt er: „Letztlich haben wir uns mit unserer Start-up-Mentalität in der amerikanischen VC-Welt besser aufgehoben gefühlt.“

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    In Deutschland würden viele Investoren vor dem extrem riskanten Geschäft zurückschrecken, so Bock: „In der Raumfahrt gibt es kein Zurück und harte Deadlines. Die Rakete startet mit einem oder ohne.“ Er sei aber trotzdem froh, dass ein Wagniskapitalgeber aus Deutschland die Runde anführt und „die deutschen und europäischen kulturellen Werte“ in die Investorengemeinschaft einbringe.

    Geldgeber kommen vor allem aus Amerika

    Morpheus teilt das Schicksal vieler deutschen Jungunternehmen in der Raumfahrt. Das technische Know-how im Land der Tüftler ist groß, die Neugier auch. Doch die Finanzmittel und die Unterstützung für neue Ideen in der Raumfahrt kommen vor allem aus den USA.

    Dort sitzen die großen Risikokapitalgeber, die den Weltraum als Markt ins Visier genommen haben. Dort sitzen auch die meisten Start-ups in diesem Bereich. Eines der bekanntesten: SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk.

    Nach Berechnungen der Analyse- und Technologiefirma Bryce Space and Technology hatten im vergangenen Jahr 180 der insgesamt 330 „Space-Start-ups“ ihren Sitz in den USA. Insgesamt flossen im vergangenen Jahr laut Bryce weltweit 5,7 Milliarden US-Dollar an Jungunternehmen in der Raumfahrt. Ein Jahr zuvor waren es noch 3,5 Milliarden Dollar.

    Raumfahrt boomt also, auch in der Gründerszene. Die Non-Profit-Organisation „Space Foundation“ schätzt den Umsatz der weltweiten Raumfahrtindustrie im Jahr 2019 auf gut 420 Milliarden US-Dollar. Die Aussicht, sich auch nur einen Teil dieser Summe zu sichern, ist verlockend.

    Grafik

    Es ist aber auch die Chance, mit neuen Ideen die Welt zu verändern, die innovative Jungunternehmen anzieht. Doch die Rahmenbedingungen in Deutschland sind nach wie vor mäßig.

    Das hat grundsätzlich auch die Bundesregierung erkannt. „Wir wollen die Beteiligung innovativer mittelständischer Unternehmen bei Luft- und Raumfahrtprojekten erhöhen. Wir werden ein Weltraumgesetz auf den Weg bringen, um Investitions- und Rechtssicherheit für nicht staatliche Raumfahrtaktivitäten zu schaffen“, heißt es im Koalitionsvertrag.

    „Wir sehen uns als Treiber in Europa für den Aufbau eines Space-Ökosystems“, sagt Thomas Jarzombek, der Luft- und Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung. Auch sehe man zunehmend Venture-Capital-Investments in deutsche Weltraumunternehmen, vor Kurzem erst sei hier ein weiterer Fonds mit über 100 Millionen Euro und dem Investmentschwerpunkt Raumfahrt gestartet. „Hier begleiten wir Investitionen mit Co-Investments durch KfW Capital und den ERP-EIF-Dachfonds, auch der Hightech-Gründerfonds investiert aktiv in mehrere Space-Start-ups.“

    Mehr kommerzielle Anfragen

    Berechnungen von Bryce bestätigen den Trend zumindest grundsätzlich. Danach konnten im vergangenen Jahr vor allem Jungunternehmen außerhalb der USA neue Mittel einsammeln. Ihre Zahl stieg von 47 auf 79. Erstmals bekamen damit mehr Raumfahrt-Start-ups außerhalb der Vereinigten Staaten Finanzmittel als innerhalb (56).

    Gleichzeitig wuchs auch die Zahl der nicht amerikanischen Investoren, die sich für Raumfahrt interessieren. Die Experten von Bryce beziffern diese auf 205, im Vergleich zu 123 aus den USA. Der Haken: Die meisten der nicht amerikanischen Geldgeber sitzen in China oder Japan. Deutschland fällt hier ab.

    Dennoch verweist Walther Pelzer, Vorstand für das Raumfahrtmanagement beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), darauf, dass auch hierzulande künftig mehr staatliche Gelder in Raumfahrtprogramme fließen werden. So wurden die Mittel für das europäische Raumfahrtprogramm ESA im November aufgestockt. 3,3 Milliarden Euro zahlt allein Deutschland und ist mit fast 23 Prozent größter Geldgeber des Programms.

    „Wir haben den deutschen Beitrag für die sogenannten Business-Inkubationszentren der ESA deutlich gesteigert“, sagt Pelzer. Und man habe gute Ideen, wie man über Projekte, die man im Wettbewerb vergeben wolle, den Technologietransfer in die Industrie und speziell die Förderung von Start-ups unterstützen könne. „Zur Umsetzung dieser Ideen sind wir mit der Bundesregierung im Gespräch, um die notwendigen Mittel im sogenannten Nationalen Programm für Weltraum und Innovation zu erhalten.“

    Nach Ansicht des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) ist das deshalb so wichtig, weil sich die Raumfahrt stark verändert. Lange sei sie von institutionellen Aufträgen geprägt gewesen. In den letzten Jahren sei dagegen der kommerzielle Sektor nachhaltig angewachsen.

    Es fehlt ein nationales Raumfahrtgesetz

    Gleichzeitig müsse auch der Staat mehr investieren. Insbesondere im Vergleich mit den USA zeige sich, dass staatliche Investitionen in Europa und in Deutschland nicht mit dem US-Budget mithalten würden – nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch relativ zum BIP, so der BDLI.

    Vor allem aber fehlt nach wie vor das versprochene Weltraumgesetz. Wie wichtig es ist, zeigt das Beispiel USA. Dort hat die Regierung das Geschäft im All schon vor Jahren klar geregelt und damit verbindliche Rahmenbedingungen für Investoren und Unternehmen geschaffen. So wurde unter anderem festgelegt, dass die Nasa nicht alles selbst machen und organisieren, sondern sich auch Know-how und Dienstleistungen dazukaufen soll.

    Bock von Morpheus sieht hier im deutschen und europäischen System noch einige Probleme. „In den USA wurden spezielle Förderprogramme für kleine und mittelständische Unternehmen mit sehr schlanken Auswahlprozessen auf den Weg gebracht.“ Entscheidungen über kleine Summen würden auch mal auf der Basis von zehn Folien getroffen. „In der EU bereitet man sich jahrelang vor und bekommt das Geld am Ende vielleicht doch nicht.“

    Das Raumfahrt-Start-up SpaceX des Tesla-Gründers Elon Musk gilt als das Paradebeispiel für erfolgreiche Firmenneugründungen in dem schwierigen Markt. Quelle: imago images/UPI Photo
    Start einer SpaceX-Rakete

    Das Raumfahrt-Start-up SpaceX des Tesla-Gründers Elon Musk gilt als das Paradebeispiel für erfolgreiche Firmenneugründungen in dem schwierigen Markt.

    (Foto: imago images/UPI Photo)

    Eine Einschätzung, die Michael Santo von dem auf Luft- und Raumfahrt fokussierten Beratungsunternehmen H&Z teilt. „Junge und sehr innovative Lösungen bekommen da eher Krümel, sofern sie nicht durch einen der Großen massiv protegiert werden.“ Echte Konzeptwettbewerbe mit sehr hohen Förderungen würden fast nur Start-ups gewinnen, die zumindest mal durch die „old guys“ schon ein erstes Prüfsiegel erhalten haben.

    Umso wichtiger sind die kleinen Erfolgsgeschichten wie Morpheus. Bock hat vor fast zehn Jahren an der Technischen Universität Dresden angefangen, die Technologie für seine Mini-Antriebe zu entwickeln. Dabei fand er Mitstreiter aus anderen Disziplinen. Sie bekamen Hilfe über staatliche Forschungsprogramme und gründeten ihre Firma aus, als sie die Voraussetzungen für die industrielle Massenproduktion bereits geschaffen hatten.

    Der Morpheus-Antrieb ist so groß wie eine Fingerkuppe, Treibstoff inklusive. „Hier drin ist Gallium gespeichert, ein sehr spezielles Metall, das schon bei 30 Grad Celsius flüssig wird“, erklärt Bock. „Im flüssigen Zustand können wir die Ladungen trennen und schnelle Teilchen nach draußen beschleunigen – das gibt Schubkraft, also im Endeffekt Antrieb.“ Die Technologie sei so effizient, dass es kaum möglich sei, den ganzen Treibstoff zu verbrauchen.

    „Bei einem großen Satelliten nehme ich einfach mehr davon und arrangiere sie nebeneinander“, sagt Bock: „Das Ganze lässt sich super einfach mit einem Stecker auf die Außenhaut anbringen: Plug and Play, das kennt man in der Raumfahrt eigentlich nicht.“

    Zwischen 30.000 und 50.000 Satelliten sollen laut Bock im nächsten Jahrzehnt in den Orbit geschossen werden. Zusammen mit den zusätzlichen Softwaredienstleistungen, die Morpheus plant, sei der Markt insgesamt einige Milliarden Euro groß.

    Es sind solche Ideen, auf die auch Raumfahrtkoordinator Jarzombek hofft: „Ich sehe viele Talente, die in Deutschland etwas aufbauen wollen und sich auch klar zum Standort bekennen.“

    Mehr: Die Quantenoffensive: Wie Deutschland den Vorsprung der USA aufholen will

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