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30 Jahre nach der Wende Die Industriezentren des Ostens stehen vor einem neuen Umbruch

Eisenhüttenstadt, der Chemiepark in Leuna und das Braunkohlerevier in der Lausitz haben den Untergang der DDR überstanden. Nun steht erneut ein Wandel bevor.
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Ein Plakat erinnert an den Mitbegründer des Kommunismus, Karl Marx. Quelle: Dirk Eisermann/laif
Bitterfeld im Jahr 1983

Ein Plakat erinnert an den Mitbegründer des Kommunismus, Karl Marx.

(Foto: Dirk Eisermann/laif)

Düsseldorf, Eisenhüttenstadt Am Werkstor von Arcelor-Mittal in Eisenhüttenstadt scheint es, als sei die Zeit vor 30 Jahren stehen geblieben. Auf rostigem Grund prangt dort silbern das Schild eines Unternehmens, das es so eigentlich nicht mehr gibt: EKO Stahl, kurz für Eisenhüttenkombinat Ost.

Es ist der Name, den einst die Gründer der DDR für ein einmaliges kommunistisches Industrieprojekt auserkoren hatten. In Rekordzeit errichteten sie an der polnischen Grenze östlich von Berlin Hochöfen und eine sozialistische Planstadt für Zehntausende Beschäftigte auf der grünen Wiese.

Das Schild am Werkstor steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Dahinter arbeitet nun, drei Dekaden nach dem Mauerfall, ein durch und durch kapitalistischer Betrieb. Effizienz und Qualität zählen alles auf dem Stahlmarkt in Europa, wo mächtige Autokonzerne die Preise drücken – und die Konkurrenz aus weniger kostenintensiven Ländern wie Russland und der Türkei immer größer wird. Seit der Gründung 1950 stand der Ost-Betrieb mehr als einmal vor dem Aus, er hat sich aber trotz aller Widrigkeiten gehalten.

Heute ist das Werk eines der wenigen Beispiele für ein DDR-Unternehmen, das die Wende überlebt hat. Mehr als 10.000 Ost-Betriebe waren nach dem 9. November 1989 plötzlich mit der Marktwirtschaft konfrontiert. Von der DDR-Industrie blieb wenig übrig – viele Firmen waren zu marode und zu veraltet, vielfach gingen die Betriebe nach dem Mauerfall pleite, wurden zerschlagen oder zumindest radikal verkleinert.

Bis 1994 hat die Treuhand rund 3 500 DDR-Betriebe abgewickelt. Der Rest wurde privatisiert: 85 Prozent des Produktivvermögens gingen in westdeutsche Hände.

Eine De-Industrialisierung der ehemaligen DDR hat es aus Sicht von Historikern und Ökonomen aber nicht gegeben. In vielen Kernregionen Ostdeutschlands haben sich aus den Ruinen bis heute wieder neue und erfolgreiche industrielle Zentren entwickelt. So etwa im Stahl, in der Chemie und im Braunkohleabbau. Jetzt müssen sie sich in Zeiten von Digitalisierung und Dekarbonisierung aber ein weiteres Mal neu erfinden.

Stahl: Eine Stadt vom Reißbrett

In Eisenhüttenstadt künden riesige Industrieanlagen von der Geschichte des Stahlkochens am kargen Westufer der Oder. Von den einst sechs Hochöfen, die die DDR-Regierung bauen ließ, ist heute keiner mehr dauerhaft in Betrieb. Eine Anlage aus der Nachwendezeit schmelzt das angelieferte Eisenerz mittels angelieferter Kohle zu Roheisen. Eigene Rohstoffvorkommen gibt es nicht.

Schon die Planung des Werks sei nicht unter ökonomischen, sondern in erster Linie unter politischen Gesichtspunkten erfolgt, berichtet der Historiker Herbert Nicolaus, der über die Geschichte des Werks geforscht hat und heute bei Arcelor-Mittal die Kommunikation für den Standort in Eisenhüttenstadt leitet.

„Der damalige stellvertretende DDR-Ministerratsvorsitzende, Walter Ulbricht, hatte einen Zirkel genommen und um die Militärbasen der Alliierten in Westdeutschland Kreise gezogen, um festzustellen, welcher Standort für die Flugzeuge am weitesten entfernt sein würde“, so Nicolaus. „Übrig blieb ein Gebiet nahe Frankfurt an der Oder.“ Dort, wo heute Eisenhüttenstadt liegt.

Innerhalb weniger Jahre entstand im Grenzgebiet der DDR so nicht nur der größte Stahlstandort, sondern auch gleich eine ganze Planstadt nach sozialistischen Idealen. Kindergärten, eine Poliklinik, Kultur- und Freizeiteinrichtungen für Arbeiter und Ingenieure gleichermaßen sollten den sozialistischen Aufbau repräsentieren. 1988 zählte Eisenhüttenstadt bereits mehr als 53.000 Bewohner.

„Die Menschen kamen von überall in der DDR her, um für das EKO zu arbeiten“, erzählt Nicolaus. „Viele von ihnen waren Vertriebene aus den ehemals deutschen Gebieten in Polen und Tschechien. Einige wurden auch von weiter her durch die Versprechungen der sozialistischen Führung angezogen.“ Erfahrung im Stahl hatte keiner von ihnen.

Denn die deutschen Stahlbarone saßen mitsamt dem Industrie-Know-how seit jeher vor allem an Rhein und Ruhr sowie im Saarland. Unterstützung aus der Sowjetunion gab es für das Vorhaben bis 1952 nur wenig, denn bis dahin dachte die sowjetische Führung noch an eine kurzfristige Wiedervereinigung Deutschlands, die ein Stahlwerk in Brandenburg überflüssig gemacht hätte.

Und so griff man in der DDR auf Pläne der Nationalsozialisten zurück – und baute zwischen 1951 und 1954 sechs „Einheitshochöfen“, die für den Bau in eroberten Gebieten entwickelt, aber von den Nazis nie gebaut worden waren.

EKO hatte Probleme, unter Marktbedingungen zu produzieren

Jahrzehntelang fehlte dem EKO die Möglichkeit, das in den Hochöfen erzeugte Roheisen selbst zu verarbeiten. Erst 1984 folgte das Stahlwerk. Die Warmwalzanlage wurde zu DDR-Zeiten nie gebaut, was dazu führte, dass Stahlblöcke teils von Eisenhüttenstadt zum Walzen nach Westdeutschland transportiert werden mussten, bevor sie zurück im Osten weiterverarbeitet wurden.

Diese Voraussetzungen machten es dem EKO schwer, nach der Wende unter Marktbedingungen zu produzieren. Über Jahre fand sich kein Käufer, der bereit gewesen wäre, die nötigen Investitionen zu finanzieren. Für das EKO begann ein Überlebenskampf, der erst 1995 beendet wurde.

Mit dem belgischen Mischkonzern Cockerill-Sambre fand sich schließlich ein Käufer, der das Werk mit staatlicher Hilfe neu aufbaute. In den Jahren darauf wurden sowohl das neue Warmwalzwerk als auch ein neuer Hochofen in Betrieb genommen, der die Kapazität der sechs alten ersetzte. Das Werk suchte den Anschluss an die Automobilindustrie und landete nach mehreren Fusionen und Übernahmen bei Arcelor-Mittal.

Von den 20.000 Mitarbeitern, die das EKO zu seinen Hochzeiten ernährte, sind heute nur noch rund 2300 übrig geblieben. Auch die Stadt drumherum ist geschrumpft.

Seit den Achtzigerjahren hat sich die Bevölkerung auf 25.000 Menschen halbiert. „Man kann sagen: Trotz der schlechten Startbedingungen ist die Privatisierung von EKO am Ende aber geglückt“, sagt Unternehmenshistoriker Nicolaus.

Wichtig dafür war, dass Autohersteller nach dem Mauerfall Werke in den osteuropäischen Ländern aufbauten. „Hier war der Stahl aus Eisenhüttenstadt logistisch in vielen Fällen im Vorteil.“ Heute liegt der Anteil des Umsatzes, der mit der Autobranche verdient wird, bei etwa 50 Prozent.

So wie die Konkurrenz steht auch der Standort in Eisenhüttenstadt vor Herausforderungen: Die Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft bedeutet das Ende von Kohle und Hochofen. Es werden Investitionen in Milliardenhöhe fällig, um die Anlagen auf klimaschonende Produktionsverfahren umzustellen.

Der Mutterkonzern Arcelor-Mittal forscht derzeit an verschiedenen Wegen, das CO2 aus dem Produktionsprozess zu verbannen. Welches Verfahren für Eisenhüttenstadt infrage kommt, wird erst in einigen Jahren festgelegt.

Chemie: Brot, Schönheit, Dreck
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