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737-Max-Absturz Boeing-Zulassungsverfahren gerät ins Visier der Ermittler

Der US-Konzern zertifizierte angeblich selbst Flugzeugteile im Auftrag der Behörden. Das Verfahren wird nun überprüft. Der Druck auf Boeing steigt.
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Das US-Verkehrsministerium nimmt die Zulassung des Fliegers unter die Lupe. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Boeing 737 Max 8

Das US-Verkehrsministerium nimmt die Zulassung des Fliegers unter die Lupe.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Frankfurt Es wird ungemütlich für den US-Flugzeughersteller Boeing. Das US-Verkehrsministerium hat sich das Zulassungsverfahren für den Kurz- und Mittelstreckenjet 737 Max vorgenommen. Das berichtet das „Wall Street Journal“. Eine Bestätigung gibt es bislang nicht.

Angeblich hat das Ministerium die Untersuchung bereits nach dem ersten Absturz einer 737 Max von Lion Air im vergangenen Oktober in Indonesien begonnen. Nach dem neuerlichen Absturz eines Jets am Sonntag vor einer Woche in Äthiopien dürften die Experten noch genauer hinschauen.

Im Mittelpunkt steht die Freigabe des sogenannten MCAS-Systems, das bei einem zu steilen Steigflug automatisch eingreift. Es wurde für die 737 Max entwickelt, um größere und effizientere Triebwerke verwenden zu können. Die müssen weiter vorne an den Flügeln montiert werden, was den Jet dazu verleitet, schnell zu steil aufzusteigen und dann abzustürzen.

Nach bisherigen Erkenntnissen hat das MCAS-System Anteil am Absturz der ersten Maschine von Lion Air im vergangenen Oktober. Wegen falscher Sensordaten leitete das System einen Sinkflug ein.

Die Piloten versuchten wieder und wieder, die Maschine nach oben zu ziehen, doch schließlich stürzte der Jet ins Meer. Der zweite Absturz in Äthiopien weist einen ähnlichen Flugverlauf auf.

Die Prüfung des Ministeriums könnte heikle Fakten zutage fördern. Die in der Regel bei Boeing gut informierte „Seattle Times“ berichtet, dass Boeing der US-Flugaufsicht FAA nicht alle Informationen zu dem MCAS-System zukommen ließ. In den FAA-Unterlagen werde erklärt, dass das System das Ruder maximal um 0,6 Grad korrigieren könne. Boeing habe aber nachträglich einen Winkel von bis zu 2,5 Grad erlaubt.

Das ist die Hälfte der überhaupt möglichen Ruderbewegung und hat massive Auswirkungen auf den Flugverlauf. Klar ist angeblich auch nicht gewesen, dass sich die Wirkung der Software verstärkt, je mehr die Piloten versuchen gegenzulenken.

Luftfahrtexperten sind irritiert

Sollten sich die Informationen der Zeitung bestätigen, würde das eine bedrohliche Macht des MCAS-Systems zeigen. Dabei basieren die Berechnungen offensichtlich nur auf einem Sensor.

Vor allem das irritiert Luftfahrtexperten. „Es ist sehr verwunderlich, wenn es stimmen sollte, dass das MCAS-System nur von einem Sensor gespeist wird“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting: „In der Luftfahrt und auch in den Vorschriften der FAA gilt eigentlich immer, dass alle flugrelevanten Systeme redundant vorhanden sein müssen.“

Wie Boeing das System dennoch durch die Prüfung bekommen konnte, ist nicht bekannt. An dieser Stelle könnte die FAA ins Visier der Ermittler geraten. Nach Informationen der „Seattle Times“ hat die Behörde große Teile der Zertifizierung an Boeing selbst übertragen. Das MCAS-System soll dazugehört haben.

Die FAA verteidigt dieses Vorgehen und spricht von einer seit zehn Jahren erprobten Praxis, die die Sicherheit der Jets deutlich erhöht habe. Tatsächlich ist eine enge Zusammenarbeit von Flugaufsichtsbehörden und Herstellern nicht unüblich. Es geht um sehr komplexe Technologiethemen, und die Behörden sind chronisch unterbesetzt.

Doch das Desaster mit der 737 wirft die Frage auf, ob diese Zusammenarbeit nicht mittlerweile viel zu weit geht. Boeing wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern, verweist lediglich darauf, das die Zertifizierung des Flugzeugs streng nach den geltenden Regeln erfolgt sei.

Warten auf das Update

Trotz der aktuellen Entwicklung gehen einige Luftfahrtexperten davon aus, das Boeing die Probleme recht schnell in den Griff bekommen kann. So rechnet Scott Hamilton vom Informationsdienstleister Leeham damit, dass das angekündigte Softwareupdate in Kürze vorliegen wird und von der FAA bis Ende April freigegeben werden kann.

Er schätzt, dass die Flugverbote, die weltweit für die 737 verhängt wurden, in sechs Wochen wieder aufgehoben werden könnten.

In Airline-Kreisen ist man nicht so optimistisch. „Die Frage ist, ob etwa die europäische EASA einer Freigabe durch die FAA vertraut oder die Software selbst überprüfen will“, sagt der Manager einer Fluggesellschaft. Sun Express erwartet im Frühsommer die ersten 737-Max. Das Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa und Turkish Airlines plant aber auch mit dem Szenario, dass die Behörden den Jet nicht so schnell wieder freigeben.

„Wir arbeiten aktuell mit Hochdruck an der Bereitstellung von Ersatzkapazitäten“, erklärt eine Sprecherin. Man halte die Entscheidung für die Max weiterhin für richtig. „Voraussetzung für den Einsatz ist aber nach wie vor die uneingeschränkte Lufttüchtigkeit des Musters.“

Trägt die US-Flugaufsicht eine Mitschuld?

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