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Abbvie kauft Allergan Das große Fressen: Neue Milliardenübernahme in der Pharmabranche

Der US-Konzern Abbvie greift nach dem Botox-Hersteller Allergan. Die Pharmabranche steuert damit auf einen Rekord bei Fusionen zu.
Update: 25.06.2019 - 18:01 Uhr Kommentieren
Allergan hat seinen Sitz in Dublin und ist vor allem für das Faltenmittel bekannt. Quelle: dpa
Botox-Spritze

Allergan hat seinen Sitz in Dublin und ist vor allem für das Faltenmittel bekannt.

(Foto: dpa)

New York, FrankfurtDie Übernahmewelle in der globalen Pharmaindustrie steuert auf ihren nächsten Höhepunkt zu: Am Dienstag kündigte der amerikanische Arzneihersteller Abbvie den Kauf des Botox-Produzenten Allergan für 63 Milliarden Dollar an. Gelingt die Übernahme, dürfte die Branche in diesem Jahr nach zweijähriger Pause auf einen neuen Rekord bei Fusionen zusteuern.

Mit den neuen Milliardendeals wollen die Hersteller aussichtsreiche Produkte als Umsatzbringer gewinnen. Auf der anderen Seite bringen ihnen Fusionen zusätzlichen Spielraum für Effizienzgewinne. Etliche Großkonzerne – darunter auch Abbvie – bekommen aus der eigenen Forschung nicht genügend Produktnachschub, um große Patentabläufe auszugleichen. Sie investieren daher weiter stark in den Zukauf von Produkten, Forschungsprojekten und kompletten Unternehmen.

Nach der geplanten, aber noch nicht vollzogenen Übernahme von Celgene durch Bristol-Myers Squibb ist die Übernahme von Allergan bereits der zweite Megadeal, der in diesem Jahr vereinbart wurde. Hinzu kommt die im Januar vollzogene Übernahme von Shire durch Takeda mit einem Volumen von rund 60 Milliarden Dollar.

„Das ist erst der Anfang einer Reihe von Fusionen, die kommen werden“, sagte Sarat Sethi vom Investmenthaus Douglas C. Lane im TV-Sender CNBC.

Neben den Großfusionen besteht bei den führenden Pharmakonzernen auch erheblicher Appetit auf ergänzende Zukäufe. Erst vergangene Woche hat der US-Konzern Pfizer die Übernahme des kleineren Herstellers Array Biopharma für knapp elf Milliarden bekanntgegeben. Andere Beispiele sind die Übernahme von Loxo Oncology durch Eli Lilly oder der Kauf der Biotechfirma Peloton durch Merck & Co.

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Allergan hat seinen Sitz in Dublin und ist selbst das Ergebnis verschiedener Zusammenschlüsse. Im Jahr 2015 hatte der europäische Pharmakonzern Actavis den US-Konkurrenten Allergan für 65 Milliarden Dollar gekauft und den Namen übernommen.

Das Generika-Geschäft verkaufte das Unternehmen an den israelischen Hersteller Teva. Kurz danach wollte Allergan wiederum mit Pfizer fusionieren. Das scheiterte jedoch am Widerstand der US-Steuerbehörden, die den geplanten Umzug nach Irland nicht erlaubt hätten.

Allergan ist vor allem als Original-Hersteller von Botox bekannt. Das Antifaltenmittel, dessen Patentschutz längst abgelaufen ist, setzt immer noch 2,4 Milliarden Dollar um und wird auch bei neurologischen Erkrankungen und bei Migräne eingesetzt. Zudem stellt Allergan das Mittel Restasis gegen Hornhautnarben bei trockenen Augen her.

Insgesamt stagnierte der Umsatz von Allergan im vergangenen Jahr bei knapp 16 Milliarden Dollar. Unter dem Strich verblieb dabei aufgrund hoher Abschreibungen auf Goodwill und immaterielle Assets ein Verlust von 5,1 Milliarden Dollar. Gleichzeitig generierte der Konzern aber auch einen Free Cashflow von rund 5,4 Milliarden Dollar.

Die Wachstumsperspektiven für die derzeitige Nummer 17 der Welt-Pharmaindustrie werden von Analysten nur als mäßig eingestuft. Verschiedene Mittel – darunter auch Medikamente gegen Alzheimer – haben ihren Patentschutz verloren. Analysten hatten zuletzt schon über eine Abspaltung einzelner Allergan-Sparten spekuliert.

Patentabläufe werden 2019 nach Analystenschätzungen voraussichtlich 1,4 Milliarden Dollar Umsatz kosten. Der Deal mit Abbvie sei ein „willkommener Exit“ für Investoren nach bewegten Jahren, schreibt der Analyst Randall Stanicky von RBC Capital Markets.

Bestseller Humira ohne Patentschutz

Auch für Abbvie haben sich nach einem starken Aufschwung in den letzten Jahren die Wachstumsaussichten deutlich eingetrübt. Der Konzern, der 2013 als Abspaltung von Abbott Laboratories entstanden ist, kämpft vor allem mit dem Ablauf seines Patents für den absoluten Pharmabestseller Humira. Das Mittel gegen Autoimmunkrankheiten wie Rheuma war 2018 mit 20 Milliarden Dollar das umsatzstärkste Medikament weltweit und steuerte etwa 60 Prozent des Abbvie-Umsatzes bei.

In Europa ist das Patent schon im vergangenen Oktober abgelaufen. Humira konkurriert seitdem mit günstigeren Nachahmerprodukten. Die internationalen Umsätze von Humira dürften nach Prognosen von Abbvie 2019 deshalb um etwa 30 Prozent schrumpfen. In den USA dürfte die Generika-Konkurrenz spätestens 2022 einsetzen.

Das Faltenmittel von Allergan setzt immer noch Milliarden um. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Botox

Das Faltenmittel von Allergan setzt immer noch Milliarden um.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Der Konzern aus Chicago mit steuerlichem Sitz in Delaware steht damit unter enormem Druck, neue Wachstumsträger zu finden. Er hat seine Pipeline in den letzten Jahren bereits durch eine Reihe von Deals verbreitert und zum Beispiel mit Boehringer Ingelheim eine Allianz für das aussichtsreiche und kürzlich zugelassene Schuppenflechte-Medikament Skyrizi vereinbart. Dennoch gehen viele Beobachter davon aus, dass Abbvie die Humira-Delle kaum ohne Rückgänge bei Umsatz und Ergebnis meistern kann.

Bereits für das laufende Jahr hatte der Konzern nur noch ein Prozent Wachstum in Aussicht gestellt. Er dürfte damit klar hinter dem erwarteten Marktwachstum von drei bis vier Prozent zurückbleiben. Und in den kommenden Jahren mit Ablauf der US-Patente für Humira dürfte es noch schwieriger werden.

Die Übernahme von Allergan sorgt dafür, dass sich das Gewicht von Humira in der Produktpalette verringert. Dennoch wurde der Deal zwiespältig im Markt aufgenommen: Die Analysten von Moody’s begrüßten explizit, dass das Unternehmen seine Abhängigkeit von Humira reduziert.

Die Experten trauen dem Unternehmen zu, innerhalb der nächsten zwei Jahre den geplanten Schuldenabbau von 15 bis 18 Milliarden Dollar zu stemmen, unter anderem wegen margenträchtiger Top-Produkte sowie Allergans Botox. Die Investoren an der Börse reagierten indessen verschreckt. Die Abbvie-Aktie verlor am Nachmittag fast 15 Prozent und hat damit seit Jahresbeginn fast ein Viertel an Wert eingebüßt.

Durch die Übernahme von Allergan wird Abbvie auf Basis der 2018er-Zahlen künftig etwa 48 Milliarden Dollar Umsatz generieren und damit nahezu zum Branchenführer Pfizer aufschließen. Der operative Cashflow der beiden Konzerne addiert sich auf rund 19 Milliarden Dollar und übertrifft damit sogar den von Pfizer. Zudem erwartet Abbvie rund zwei Milliarden Dollar an Kosteneinsparungen aus der Integration von Allergan.

Wachsende Verschuldung

Allerdings signalisiert die Transaktion auch die Bereitschaft der Pharmakonzerne, für ihre Expansion höhere Verschuldungsgrade als in der Vergangenheit zu riskieren. Das war auch bereits bei der Übernahme von Shire durch Takeda zu beobachten, die bei dem japanischen Konzern rund 45 Milliarden Dollar Schulden hinterlassen hat.

Abbvie bietet den Allergan-Aktionären 120,3 Dollar je Aktie in bar, den Rest in eigenen Aktien. Das bedeutet, dass der Konzern rund 40 Milliarden Dollar oder zwei Drittel des Kaufpreises in Cash bestreiten will. Die Nettoverschuldung des Konzerns inklusive Allergan dürfte dadurch bei Vollzug des Deals auf rund 90 Milliarden Dollar steigen, das mit Abstand höchste Niveau in der Branche.

Beide Konzerne bringen Finanzschulden in zweistelliger Milliardenhöhe mit in die Fusion. Abbvie hat sich in den vergangenen Jahren bereits durch kleinere Zukäufe verstärkt. So brachte etwa die Übernahme von Pharmacyclics vor drei Jahren Zugriff auf das sehr erfolgreiche Leukämie-Medikament Imbruvica.

Die Onkologie-Umsätze haben sich seither auf fast vier Milliarden Dollar verdoppelt. Das Geschäft ist jedoch nach wie vor viel zu klein, um das Riesenprodukt Humira zu ersetzen.

Akquisitionen: Die nächste Welle rollt an
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