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Abgasaffäre Porsche-Vorstand ließ Gespräch mit Ex-VW-Chef Müller heimlich aufzeichnen

Die Ehefrau von Wolfgang Hatz schnitt Telefonate mit hochrangigen VW-Managern mit. Nun geben die Protokolle den Ermittlern im Dieselskandal neue Einblicke.
Update: 19.03.2019 - 17:01 Uhr Kommentieren
VW: Porsche-Vorstand ließ Gespräch mit Chef Müller aufzeichnen Quelle: AFP
Matthias Müller

Der damalige VW-Chef stand in der Dieselaffäre unter Druck.

(Foto: AFP)

Düsseldorf„Wolfgang, hörst du mich noch?“ Matthias Müller war nicht zu beneiden. Keine zwei Monate war die Dieselaffäre jetzt alt, schon musste der neue Vorstandsvorsitzende von Volkswagen solche Gespräche führen. Ein alter Weggefährte war am Telefon. Wolfgang Hatz, Entwicklungsvorstand bei Porsche, befand sich im Zwangsurlaub. Er wollte wissen, wie es nun mit ihm weitergehen würde.

„Mia, i moan, i muaß, i muaß, i wui da do nix vormacha, äh, mia kennan nicht gegen den Aufsichtsrat von VW entscheiden“, sagte Müller in breitem Bayerisch. Hatz konterte. Er habe doch nichts getan. Die „Bescheißsoftware“, mit der die Reinigung der Abgase bei Dieselmotoren abgestellt wurde, sei doch auf dem Mist der Konzernmutter gewachsen.

Müller versuchte zu beruhigen: „I moan, i konn da bloß, i konn da bloß oans song, des kannst ma glauben oder ned, i versuach di do wirklich rauszuhauen, ja ... Aber soboid do dei Name halt irgendwo auftaucht, dann wird’s halt schwierig.“ Zur Verabschiedung ein aufmunterndes „Behalt die Nerven!“.

Was Müller damals nicht ahnte: Wolfgang Hatz hatte ziemlich starke Nerven – stark genug, um das Gespräch aufzeichnen zu lassen. Hatz telefonierte in seinem Dienstwagen mit Müller, neben ihm saß seine Ehefrau und schnitt per Smartphone mit. Später fand die Staatsanwaltschaft die Audiodateien – nun sind die Hatz-Gespräche Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft München II.

Die Telefonate sind ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich. Was Volkswagen-Vorstände über die Dieselaffäre sagen, ist in der Regel zuvor juristisch geprüft und von PR-Experten weichgespült. Hier sprechen die Manager ungeschützt – und ihre Worte sind derb. Dass der eine dabei den anderen aufzeichnete, zeigt das Misstrauen im Konzern. In Zeiten der Krise war sich jeder selbst der Nächste.

Die Beteiligten wollen den Vorgang auf Anfrage nicht kommentieren. Über Anwälte ließen sie mitteilen, sie würden während der laufenden Ermittlungsverfahren in der Dieselaffäre keine Stellungnahme abgeben. Auch Porsche schwieg.

Die Staatsanwaltschaft München II führt Hatz heute als Beschuldigten, maßgeblich verantwortlich für einen massenhaften Betrug. Der Tatvorwurf bezieht sich auf seine Zeit bei Audi, wo Hatz lange als Chef der Aggregateentwicklung wirkte. Audi gilt als Keimzelle des Dieselskandals. Die Praxis, die Reinigung von Abgasen im Straßenbetrieb auszuschalten, soll hier entwickelt worden sein.

„Regieanweisung“ im Auto

Hatz hatte deshalb einiges zu befürchten – und entschloss sich offenbar, seine Verteidigung mit illegalen Methoden aufzupolstern. Telefonate ohne Wissen des Gesprächspartners aufzuzeichnen und an Dritte weiterzugeben ist in der Regel nicht zulässig.

Doch Hatz’ Ehefrau schnitt nicht nur mit, was VW-Chef Müller sagte, sondern zeichnete auch Gespräche ihres Ehemanns mit Porsche-Chef Oliver Blume und Hatz’ Stellvertreter Michael Steiner auf. Dann schickte sie die Dateien an den Anwalt ihres Manns.

„Hier ein sehr langes, aber durchaus informatives Gespräch zur aktuellen Lage mit brauchbaren Formulierungen“, schrieb Frau Hatz am 22. November 2015. „Herr Steiner ist der Stellvertreter von Wolfgang sowie der offizielle Aufklärer der Diesel-Sache.“

Auf den Mitschnitten sind nicht nur die Gespräche von Hatz zu hören, sondern auch die „Regieanweisungen“ seiner Ehefrau. Hatz solle doch Müller noch dies fragen oder Steiner das, flüsterte Frau Hatz. Sie sah sich offenbar selbst als Teil der Verteidigung.

Die Staatsanwaltschaft München II führt den früheren Porsche-Vorstand heute als Beschuldigten, maßgeblich verantwortlich für einen massenhaften Betrug. Quelle: Bloomberg
Wolfgang Hatz im November 2013

Die Staatsanwaltschaft München II führt den früheren Porsche-Vorstand heute als Beschuldigten, maßgeblich verantwortlich für einen massenhaften Betrug.

(Foto: Bloomberg)

Nun könnten ihre Aufzeichnungen Teil einer möglichen Anklage sein. Hatz redete seinen Arbeitgeber am Telefon im Zweifel noch tiefer in die Krise. „Es isch schon, ähm, so viel sei erlaubt zu sagen, es isch schon ein leichter Unterschied, weil, des isch eigentlich keine illegale Software, ja, ähh, äh, so wie VW des gmacht hat“, sagte Hatz zu Müller.

Es waren nicht die Worte, die Müller hören wollte. Als Hatz nicht weiterkam, rief er Porsche-Chef Blume an. War sein Job noch sicher? Was trieb der Aufsichtsrat jetzt? Dort werde halt „Politik gemacht“, antwortete Blume. „Die da alle, ähm, ja, keinen Arsch in der Hose haben.“ Blume schätzte Hatz’ Chancen auf den Verbleib im Unternehmen auf fifty-fifty.

Im Frühjahr 2016 setzte Volkswagen Hatz vor die Tür. Als Trostpflaster bekam er zwölf Millionen Euro Abfindung mit auf den Weg – allerdings unter dem Vorbehalt, dass er keine Pflichtverletzungen begangen haben durfte.

Im September 2017 wurde Hatz festgenommen und kam für neun Monate in Untersuchungshaft. Seit Juni 2018 ist er gegen eine Kaution von drei Millionen Euro auf freiem Fuß. Er bestreitet jedes Fehlverhalten, wird aber wohl nie mehr bei Volkswagen arbeiten.

Höchstwahrscheinlich dagegen ist eine Anklage – und eine Konfrontation mit den Gesprächen, die er auch mit seinem ehemaligen Stellvertreter Steiner führte. In dem Hin und Her machten sich die Männer gegenseitig Mut.

Immer wieder verwies Hatz darauf, dass die eigentliche Schuld doch bei der Konzernmutter liege, dort habe man wirklich eine „Bescheißfunktion“ eingebaut. Bei Audi dagegen sei die entsprechende Programmsoftware einfach eine „unglückliche Bedatung“ gewesen. Darauf Steiner: „Nur so trottelig programmiert.“ Und wieder Hatz: „Des war einfach Idiotie.“

Hatz ist nicht der Blödheit beschuldigt, sondern des Betrugs. Sein eigener Telefonmitschnitt könnte vor Gericht nun gegen ihn verwendet werden. 35 Minuten dauerte allein eines seiner Telefonate mit Steiner.

Detailreich tauschten sich die beiden Ingenieure über die Einzelheiten der Software aus, die im Zentrum des Skandals steht. Dann kam das Gespräch auf die Diskussion mit der US-Umweltbehörde EPA. Und Steiner sagte: „Also, wir haben auch nicht versucht, die jetzt noch ein zweites Mal zu verarschen.“

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