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Hans Dieter Pötsch

Der vom Finanzvorstand zum Aufsichtsratsvorsitzenden aufgestiegene Manager ist im Dieselskandal nach Informationen des Handelsblatts aus Ermittlerkreisen noch stärker ins Visier der Staatsanwaltschaft Braunschweig gerückt.

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

Abgasaffäre VW-Aufsichtsratschef Pötsch gerät im Dieselskandal stärker unter Verdacht

Schon im Frühsommer 2015 soll der VW-Chefjurist den damaligen Finanzchef zum Handeln in der Dieselkrise gedrängt haben. Doch Pötsch hatte andere Sorgen.
2 Kommentare

Düsseldorf Fußball war wichtiger in Wolfsburg, selbst im Sommer 2015: Volkswagen hatte seit Jahren millionenfach Dieselmotoren in seinen Fahrzeugen manipuliert, nun waren Aufseher aus Umweltbehörden in den USA dem deutschen Traditionshersteller Michael Ganninger suchte das Gespräch mit der Konzernspitze. Doch dem Chefjuristen von Volkswagen stand ein anderes Thema im Weg: Kevin de Bruyne.

Der belgische Wunderfußballer brachte die VW-Manager um den Verstand. 2014 zum Werksklub gekommen, wurde der 23-Jährige auf Anhieb zum Motor der Mannschaft, erzielte zehn Tore und gab 21 Vorlagen. Unter seinem Kommando belegte der VfL Wolfsburg den zweiten Platz in der Bundesliga und krönte die Saison mit dem Gewinn des DFB-Pokals – dem ersten in der Vereinsgeschichte. De Bruyne schoss im Finale gegen Dortmund das 2:1 und wurde Deutschlands Fußballer des Jahres.

Bald kamen Gerüchte auf, dass De Bruyne ins Ausland wechseln könnte. Die fußballverrückten VW-Vorstände in Wolfsburg rangen um Optionen. Drohen? Zahlen? Betteln? Für die Dieselfragen des Chefjuristen jedenfalls war da einfach nicht die Zeit, befanden gleich drei Vorstände.

Ein Zeuge berichtete später der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Ganninger habe erzählt, dass er beim damaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch zu dem Thema vorsprechen wollte. Auch Vorstandschef Martin Winterkorn und Beschaffungsvorstand Garcia Sanz seien anwesend gewesen. Aber Ganninger sei nicht zu Wort gekommen. Die Herren hätten sich darüber unterhalten, wie man den Wechsel De Bruynes verhindern könne.

Der Rest ist bekannt: Der begehrte Fußballer verließ den Klub in Richtung England. Das traf die VW-Vorstände schwer, doch der viel härtere Schlag folgte erst noch. Für den jahrelangen Betrug mit den Dieselmotoren wurde Volkswagen erst in den USA, später auch in Europa zur Kasse gebeten. Aktuelle Zwischensumme: mehr als 20 Milliarden Euro.

Martin Winterkorn ist schon zurückgetreten, nun holen die Fehler der Vergangenheit auch Hans Dieter Pötsch ein. Der vom Finanzvorstand zum Aufsichtsratsvorsitzenden aufgestiegene Manager ist im Dieselskandal nach Informationen des Handelsblatts aus Ermittlerkreisen noch stärker ins Visier der Staatsanwaltschaft Braunschweig gerückt. Pötsch soll 2015 zwei Monate früher als bis dato bekannt über drohende Konsequenzen aus der Abgasaffäre in den USA informiert gewesen sein, aber nicht die richtigen Maßnahmen ergriffen haben, so der Verdacht der Staatsanwälte.

Gegen Pötsch ermitteln die Strafverfolger seit geraumer Zeit wegen Marktmanipulation, ebenso wie gegen den aktuellen VW-Vorstandschef Herbert Diess und seinen Vorvorgänger Winterkorn. Alle drei Manager sollen Informationen über die Manipulation von mehr als einer halben Million Fahrzeuge in den USA zurückgehalten haben, damit der Wert der VW-Aktien nicht einbrach.

Pötsch wäre nach früherer Sicht der Ermittler spätestens im Nachgang eines VW-Meetings am 28. August 2015 dazu verpflichtet gewesen, die Kapitalmärkte über die drohenden Kosten zu informieren, Winterkorn und Diess sogar schon früher, und zwar nach einem Treffen des sogenannten Schadenstisches, am 27. Juli 2015. Jetzt gehen die Strafverfolger allerdings offenbar davon aus, dass Pötsch bereits im Juni 2015 von Ganninger genügend Informationen erhielt, um die Aktionäre in Kenntnis zu setzen.

Legt man gar die jüngste Einschätzung der 22. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart zugrunde, hätten die Anleger sogar noch weit früher informiert sein können. Nach Ansicht des Gerichts hätte Martin Winterkorn schon aufgrund zweier Memoranden aus der Abteilung für Qualitätssicherung und Produktsicherheit aus dem Mai 2014 Anlass gehabt, die Kapitalmärkte zu informieren. Allerdings maß Winterkorn diesen Memoranden offenbar keine weitere Bedeutung bei.

Pflichtwidrig gehandelt

Ein grober Fehler, wie sich im Nachhinein zeigte und wie nun auch das Landgericht Stuttgart feststellte. Winterkorn habe pflichtwidrig gehandelt, so die Richter, die den VW-Mutterkonzern Porsche SE deshalb

am Mittwoch dieser Woche zu Schadensersatz in Höhe von 47 Millionen Euro verurteilten. Öffentlich wurde der Skandal schließlich am 18. September 2015 durch die US-Umweltbehörde Epa. Volkswagen informierte die Finanzwelt am 22. September über die Dimension des Betrugsskandals. Der Aktienkurs brach ein, Anlegergelder in Milliardenhöhe gingen verloren.

Intern, so geht es teils auch aus der Klageerwiderung des Konzerns auf eine milliardenschwere Musterklage der Sparkassentochter Deka hervor, sah die Vorgeschichte so aus: Volkswagen schaltete Ende Mai 2015 seine Rechtsabteilung ein, nachdem Mitarbeiter der für Fahrzeugzulassungen zuständigen Abteilung stutzig geworden waren. Die US-Behörden stellten ohne Ende Fragen zu Abgaswerten von Dieselmotoren.

Obwohl die Ingenieure ihre Kollegen beschwichtigten, überlegte die Rechtsabteilung, welche Folgen illegale Praktiken haben könnten. Dabei waren auch mögliche Strafzahlungen ein Thema. Rechtschef Ganninger soll daraufhin Pötsch Ende Mai über die Probleme in den USA berichtet und ihn zudem gebeten haben, Winterkorn zu informieren.

Ganninger, der das Unternehmen Anfang 2016 auf eigenen Wunsch verließ, wollte sich auf Rückfrage zu den damaligen Gesprächen mit Pötsch nicht äußern, auch Pötschs Verteidiger und die Staatsanwaltschaft wollten zu den neuen Vorwürfen nicht Stellung nehmen.

Zweifel der Ermittler

Im VW-Konzern sieht man die Entwicklung auf Anfrage entspannt: „Herr Pötsch ist im Sommer 2015 mehrfach auf das sogenannte Dieselthema angesprochen worden. Keine dieser Ansprachen hatte jedoch Inhalt und Qualität, dass sich für Herrn Pötsch daraus eine kapitalmarktrechtliche Relevanz ergeben hatte“, sagt ein Konzernsprecher. Pötschs Einschätzung des Themas sei auf der Grundlage der ihm damals eröffneten Sachlage eine andere gewesen und habe insbesondere auch im Einklang mit der Beurteilung der Angelegenheit durch Ganninger gelegen.

Die Staatsanwaltschaft hat daran offensichtlich Zweifel. Die Ermittler haben zahlreiche Zeugen befragt, Tausende von E-Mails und VW-interne Dokumente ausgewertet. Sie zeichnen nun das Bild, dass Finanzchef Pötsch das Dieselthema nicht nur schon im Juni 2015 bei Winterkorn adressierte, sondern seinen Chef anschließend auch auf dem Laufenden hielt.

Dies räumt auch der Konzern an anderer Stelle ein. In der Klageerwiderung in einem Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig weist VW die milliardenschweren Ansprüche der Aktionäre zwar zurück, beschreibt aber, dass Winterkorn schließlich Pötsch Mitte Juli geantwortet habe: Die Spezialisten im Unternehmen hätten ihm zugesagt, das Problem zu lösen.

Volkswagen widerspricht damit der früheren Darstellung Winterkorns, er habe vor September 2015 nichts von dem Dieselthema gewusst. Und nahm die Staatsanwaltschaft Braunschweig anfangs Pötsch ausdrücklich von den Vorwürfen aus, ist der ehemalige Finanzchef nun selbst ins Zentrum der Ermittlungen gerückt. Die Entscheidung, den seit 2003 als Finanzvorstand von Volkswagen agierenden Pötsch im Oktober 2015 zum Aufsichtsratsvorsitzenden werden zu lassen, wirkt damit ungeschickter denn je.

Und auch für den VfL Wolfsburg lief es zuletzt alles andere als optimal. Der Werksklub landete in der Bundesliga zweimal hintereinander nur auf Platz 16.

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2 Kommentare zu "Abgasaffäre: VW-Aufsichtsratschef Pötsch gerät im Dieselskandal stärker unter Verdacht"

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  • Man wundert sich dass die Kunden, ob privat oder geschäftlich überhaupt noch ein Fahrzeug dieser Marke kaufen...

  • ...unfassbar ...was für eine Dekadenz!!!

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