Abgasskandal bei VW Ex-VW-Motorenchef Neußer – Die dunkle Seite des „Dr. Hollywood“

Mehrere Zeugen belasten den ehemaligen VW-Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer im Abgasskandal schwer. Trotzdem streitet er um Job und Geld.
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„Die Kündigung von Herrn Dr. Neußer ist bisher gar nicht begründet worden“, sagt sein Anwalt. Quelle: dpa
Heinz-Jakob Neußer

„Die Kündigung von Herrn Dr. Neußer ist bisher gar nicht begründet worden“, sagt sein Anwalt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, FrankfurtWer solche Führungskräfte hat, braucht keine Feinde. Fast 20 Jahre machte Heinz-Jakob Neußer Karriere bei deutschen Autokonzernen. Erst arbeitete er für Porsche, dann für Volkswagen. Ab 2013 gab es im riesigen VW-Reich niemanden, der mehr Verantwortung für die Motoren des Konzerns trug als Neußer. Dass sein Arbeitgeber ihn gerade geschasst hat, findet der Ingenieur völlig unverständlich.

„Die Kündigung von Herrn Dr. Neußer ist bisher gar nicht begründet worden, sagt sein Anwalt Axel Hoß. Er war für Neußer schon 2017 vor das Arbeitsgericht Braunschweig gezogen, weil Volkswagen seinem seit 2015 beurlaubten Mandanten keine Millionenboni mehr auszahlen wollte. Damals einigte man sich auf einen Vergleich. Auch der steht nun in Frage.

„Wir gehen arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen mit den Gekündigten nicht aus dem Weg“, sagt ein Volkswagen-Sprecher. Neußers Anwalt freilich hält den Rauswurf des Motorenchefs für willkürlich. Hoß: „Wenn es angeblich schwerwiegende Verfehlungen gegeben hat, dann muss sich VW sicherlich fragen lassen – und diese Fragen werden vermutlich von uns aufgeworfen werden –, aus welchen Gründen nur einzelne Personen gekündigt wurden.“

Ohne eine mögliche Schuld von Neußer zu entkräften, trifft der Anwalt einen Punkt. Was Volkswagen mit seinen Motoren anstellte, kostete den Konzern bereits mehr als 30 Milliarden Euro, da scheint die These von einigen wenigen Betrügern im Konzern mehr als fragwürdig.

Die „Clean Diesel“-Technologie, angepriesen als Meisterleistung deutscher Ingenieure, wurde von der US-Umweltbehörde EPA schon 2014 als Blendwerk enttarnt. Sauber fuhren die Dieselmotoren nur im Testbetrieb – wenn der Konzern ihre Zulassung erreichen wollte. Auf der Straße stießen sie teils 35 Mal so viel Giftgase aus wie erlaubt.

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Mehr als ein Jahr lang stemmte sich Volkswagen gegen die Realität: der millionenfache Betrug am Kunden und an den Zulassungsbehörden war aufgeflogen. Als die Amerikaner merkten, dass Volkswagen sich einfach nicht fügen wollte, machten sie die Fakten kurzerhand per Pressemeldung öffentlich.

Dies geschah am 18. September 2015. Wenige Tage später trat Konzernchef Martin Winterkorn zurück. 48 Stunden später wurde Neußer beurlaubt, erhielt aber weiterhin seine Bezüge. Am 8. Oktober 2015 durchsuchte die Staatsanwaltschaft Braunschweig seine Wohnung und setzte ihn auf die Beschuldigtenliste. Volkswagen zahlte weiter.

Dieser für Neußer nicht angenehme, aber auch nicht gänzlich unangenehme Zustand hielt fast drei Jahre. Erst Ende August 2018 erhielten er und eine Reihe weiterer hochrangiger Manager ihre fristlose Kündigung. „Grund für die Maßnahmen sind schwerwiegende Verfehlungen“, begründete VW-Personalvorstand Gunnar Kilian. „Wir ziehen die Konsequenz aus den nun vorliegenden Erkenntnissen.“

Wie so oft in den vergangenen drei Jahren waren die vermeintlich klaren Worte zugleich Eingeständnis eines Kontrollversagens. Zwar war richtig, dass die Volkswagen-Juristen erst in diesem Sommer die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft einsehen konnten. Aber hatte ihr Konzern nicht schon 2015 selbst für viele Millionen Euro eine Kanzlei angeheuert, um Ermittlungen anzustellen? Mehr noch: Was war eigentlich mit der internen Aufarbeitung?

Jahrelang rühmte sich der Konzern im Allgemeinen seines angeblich vorbildlichen Compliance-Systems und Konzernchef Winterkorn im Besonderen seines Schadenstisches. Das regelmäßig stattfindende Treffen bildete ein Forum, um Fehler nicht nur zu finden, sondern geradezu zu zelebrieren. Der Umgang mit Fehlern, predigte Winterkorn, gehörte zum Kern einer Führungskultur. Dabei sollten Verantwortliche nicht bestraft, sondern der Fehler genutzt werden, um den Konzern zu verbessern.

Was in Führungsseminaren gut klang, war im Unternehmensalltag freilich nicht von Belang. Volkswagen hat längst zugegeben, einem ungeheuren Betrug jahrelang laufen gelassen zu haben. Mehr als elf Millionen Motoren wurden manipuliert.

Wie das geschehen konnte? Winterkorn weiß es nicht, sagt Winterkorn. „Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig informiert wurde“, erklärte der VW-Chef, als er im Januar 2017 vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages saß. „Ich bin bestürzt. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren.“

Sie waren möglich – und sie geschahen. Dass damit Winterkorns eigene Fehler- und Führungskultur in Frage stand, mochte der VW-Chef aber nicht erkennen. Sein Rücktritt geschehe zum Wohle des Unternehmens, er selbst sei sich „keines Fehlverhaltens bewusst“, sagte Winterkorn.

Umweltverträglichkeit seiner Motoren? Nicht sein Ding. Abgasnormen? „Ich kannte nicht die Details. Dafür war die Motorenentwicklung verantwortlich.“

Die leitete bei Volkswagen seit Oktober 2011 Heinz-Jakob Neußer. 2012, so berichteten mehrere Zeugen der Staatsanwaltschaft Braunschweig, erklärten ihm seine Angestellten die Details der sogenannten Akustik-Funktion.

Die Software, schon 2006 von Bosch für Volkswagen entwickelt, war halb Raffinesse, halb Notnagel. Die Dieselmotoren, so erfuhr Neußer, waren technisch einfach nicht in der Lage, dauerhaft die Umweltvorgaben zu erfüllen. Also griff man zu einem Trick.

Immer wenn der Motor auf seine Umwelttauglichkeit untersucht wurde, schaltete die Software kurzfristig in den sauberen Modus. Erkannten die Sensoren, dass der Fahrer auf einer normalen Straßenfahrt unterwegs war, wurde die Abgasreinigung abgeschaltet.

Manche nannten ihn Mister Easy, andere Doktor Hollywood

Wie reagierte der Chef der Aggregateentwicklung? Neußers Strafverteidigerin Anette Voges will sich zu den Details des Dieselskandals und der Verwicklung seines Mandanten darin nicht äußern. Sie stellt aber die Glaubwürdigkeit derjenigen in Frage, die ihren Mandanten belasten: „Die Zeugen sind selbst beschuldigt und parteilich.“

Neußer selbst hat bisher nicht ausgesagt. Derzeit studieren er und seine Anwältin die 81 Akten, die ihm vor kurzem zugestellt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat die Beschuldigten aufgefordert, bis zum 15. Oktober Stellung zu beziehen.

Vieles allerdings ist längst bekannt. In den USA unterschrieb Volkswagen bereits ein Schuldeingeständnis. Darin enthalten ist die Offenbarung, dass ein VW-Manager schon im Sommer 2012 anwies, ein Dokument zu vernichten. Es war eine Zeichnung der Funktionsweise der Abschalteinrichtung, die im Zentrum des Abgasskandals steht. In dem Schuldeingeständnis ist der Manager nur „Supervisor A“ genannt. Aus der Funktionsbeschreibung aber ist abzulesen: es war Neußer.

Im Sommer 2013 saßen die VW-Ingenieure wieder mit ihm zusammen. Die US-Behörden waren aufmerksam geworden, erfuhr Neußer. Möglicherweise müsse Volkswagen nun offenlegen, wie die Akustik-Funktion funktionierte. Es gebe aber eine Alternative: die Lenkwinkelerkennung.

Die Ingenieure hatten ihren Betrug verfeinert. Ihre Software schloss nun aus der Stellung und Bewegung des Lenkrads, ob gerade Gefahr im Verzug war – also zum Beispiel die Prüfer von den Zulassungsbehörden ihre Messungen vornahmen. Dann schaltete sie die Abgasreinigung auf 100 Prozent. Andernfalls wurde dieser Wert reduziert – oft auf Null.

Die Männer, die dies bezeugten, sind keine kleinen Schrauber. Einer war Neußers Vorgänger, ein anderer leitete den gesamten Elektronikbereich in der Aggregate-Entwicklung. Ein dritter war der Diesel-Chef von VW. Alle drei erläuterten bei ihren Vernehmungen im Detail, warum Neußer als höchster Verantwortlicher für die Dieselmotoren den Notstand hätte ausrufen müssen.

Das tat er nicht. Heinz-Jakob Neußer hatte bei Volkswagen einen Ruf, der genau das Gegenteil nahelegte. Manche nannten ihn Mister Easy, andere Doktor Hollywood. Irgendwie werde schon alles immer gut ausgehen, wie im Film eben. Lösungen seien stets leicht zu finden, vor allem von ihm. Ein Mitarbeiter: „Also der hat wirklich jeden Tag einmal erzählt, wie toll er ist.“

Bei dieser Selbstwahrnehmung ließ sich Neußer nicht stören. Mit der Freigabe der Lenkwinkelerkennung, berichten Mitarbeiter, legte sich der Motorenchef fest: Augen zu und durch.

„Ich habe Dr. Neußer gesagt, dass ich nicht der Meinung bin, dass dies zielführend und problemlösend sei“, berichtet ein hochrangiger Ingenieur. „Das Konzept hat von Anfang an nicht dazu getaugt, die amerikanische Gesetzgebung zu erfüllen“. Neußer hätte sich dagegen entscheiden sollen.

Er entschied sich offenbar dafür. Falls die Amerikaner tatsächlich dahinterkämen, was in den Dieselmotoren von Volkswagen passierte, so würde Volkswagen eben eine „gütliche Einigung“ mit den Behörden treffen, soll Neußer geantwortet haben. Aber so weit werde es ja nicht kommen. Neußer soll lieber auf einen IT-Verantwortlichen gehört haben, der immer wieder betonte: „Die Software ist so gut versteckt, die findet sowieso keiner!“

So ließ Neußer alles, wie es war. Es lief ja gut. 2013 legte Volkswagen eine Rekordbilanz vor – fast 200 Milliarden Umsatz und zwölf Milliarden Euro Gewinn. 2014 steuerte der Konzern auf eine neue Bestmarke zu: zehn Millionen verkaufte Autos.

Am 15. April schrieb Winterkorn an Neußer einen Brief. „Sehr geehrter Herr Dr. Neußer, der Vorstandsausschuss für Führungsfragen hat Ihr Gehalt überprüft…“, begann das Schreiben. Es war eine angenehme Lektüre. 37.000 Euro sollte das Bruttomonatsgehalt von Neußer künftig betragen. Erreichten Volkswagen und Neußer die festgesteckten Ziele, konnte er zusätzlich einen Bonus von mehr als 1,1 Millionen Euro erreichen.

Zweifel waren nun nicht mehr erlaubt. 2014 erhielt Volkswagen bereits die ersten dringenden Nachfragen von US-Behörden. Verwendete der Konzern einen „Defeat-Device“ in seinen Motoren, also eine Einrichtung, um etwas abzuschalten? Natürlich tat er das, die Abgasreinigung nämlich. Doch Neußer stieß sich nicht an der Einrichtung selbst sondern daran, dass seine Untergebenen offen darüber sprachen. Ein Mitarbeiter: „Die Verwendung des Begriffs Defeat Device war untersagt. Herr Dr. Neußer wollte nicht, dass dieser Begriff in Unterlagen verwendet wird.“

Sein „Entwicklerherz“ habe ihm geschmerzt, berichtet der Mitarbeiter über die Art und Weise, wie Volkswagen unter Neußers Führung seine Ingenieurprobleme zukleisterte. Aber Widerrede hatte keinen Sinn. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir da noch groß drüber diskutiert haben.“

Ermittlungen wegen Verdacht auf Betrug und strafbarer Werbung

Neußer sah das Ende nicht kommen. 2015 wurde sein Chef Winterkorn 68 Jahre alt. Bei Spekulationen über seine Nachfolger fielen Namen wie Herbert Diess, der gerade von BMW kam, und Andreas Renschler, der Chef der Lkw-Sparte. Doch auch Neußer wurde genannt. Zwar war er kein Konzernvorstand, trug aber faktisch die Verantwortung für die Entwicklung sämtlicher VW-Modelle.

„Die von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch stets geforderte Kernkompetenz eines VW-Chefs, ein versierter Techniker zu sein, hat Neußer“, schrieb die Wirtschaftswoche. Er selbst pflichtete dem bei. Ein Mitarbeiter erinnert sich: „Neußer hat damals oft erzählt, dass es super wäre, wenn er das werden würde.“

Es kam anders. Am 18. September 2015 deckte die US-Umweltbehörde den Abgasskandal auf, fünf Tage später trat Winterkorn zurück. Neußer folgte ihm nicht auf den Chefsessel nach, sondern in den bezahlten Urlaub. Nun hat Volkswagen ihn fristlos entlassen. Die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Neußer wegen des Verdachts auf Betrug und strafbarer Werbung. Er kann sich zwar frei bewegen, Reisen über die Landesgrenzen hinweg sind aber kritisch: Die US-Justiz ist mit einem internationalen Haftbefehl hinter ihm her.

Im April 2018 beging Heinz-Jakob Neußer seinen 58. Geburtstag. Auf dem Arbeitsmarkt gilt er als schwer vermittelbar. Doch geht es nach ihm, ist ein Neuanfang unnötig. Zwar will Neußer nicht die Verantwortung für das übernehmen, was er seit 2011 als Leiter der Aggregatentwicklung bei Volkswagen tat. Aber den Job selbst möchte er schon.

Per Kündigungsschutzklage fordert Neußer seinen Arbeitsplatz zurück. Noch immer wartet er auf eine Begründung seines Rauswurfs. Dass sein Arbeitgeber diese auch drei Jahre nach Ausbruch der Abgasaffäre noch nicht geliefert hat, muss nicht für ihn sprechen. Aber es spricht auch nicht für Volkswagen.

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