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Abrechnung eines Flüchtigen Ghosn attackiert Nissan und japanische Justiz: „Ich war eine Geisel“

Im ersten Auftritt seit seiner Flucht in den Libanon geht Ghosn in die Offensive. Das Verfahren in Japan sei „politisch gesteuert und korrupt“. Nur zu einem Thema sagt er nichts.
08.01.2020 Update: 08.01.2020 - 17:27 Uhr Kommentieren
Der in den Libanon geflüchtete Manager fühlt sich von den japanischen Behörden ungerecht behandelt. Quelle: Reuters
Pressekonferenz mit Carlos Ghosn

Der in den Libanon geflüchtete Manager fühlt sich von den japanischen Behörden ungerecht behandelt.

(Foto: Reuters)

Paris, Tokio Der Aufstieg, der Sturz und die Flucht des Carlos Ghosn sind drei Kapitel eines Wirtschaftskrimis. Am Mittwoch hat der Ex-Chef von Renault, Nissan und Mitsubishi von Beirut aus seine Version der Ereignisse geliefert. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von der Spitze eines weltweiten Großkonzerns zum Insassen einer sechs Quadratmeter großen Zelle in Tokio mutierte. Es ist ein Absturz, dem sich Ghosn mit einer spektakulären Flucht entzog.

„Ich war die Geisel eines Landes, dem ich 17 Jahre lang gedient habe, das mich erst als Management-Modell gesehen, dann aber von einer Minute zur anderen als kalten, gierigen Diktator dargestellt hat“, wütete Ghosn auf einer Pressekonferenz im Beirut Press Club. „Mein Leiden ist das Ergebnis des Komplotts einer Handvoll Nissan-Manager, der Latham Law Firm und der japanischen Staatsanwälte“, wetterte der Mann, der vor 14 Monaten noch eine der drei größten Autogruppen der Welt leitete.

Es war seine Bühne: Ghosn selber wählte die Journalisten aus, die an der Pressekonferenz teilnehmen durften. Japanische Medien warfen ihm vor, gezielt japanische Journalisten ausgeschlossen zu haben. Die japanische Justiz hat einen internationalen Haftbefehl erwirkt, der im Libanon aber nicht vollstreckt wird.

Zwei Gründe nannte der sichtlich erregte Ghosn für das angebliche Komplott gegen ihn: Der erste sei die sinkende Nissan-Performance seit Anfang 2017 gewesen.

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    Er habe Ende 2016 die operative Führung von Nissan abgegeben, mit 20 Milliarden Dollar (19 Millliarden Euro) Cash in der Kasse. 2018 sei es dann begab gegangen. Sein Nachfolger Hiroto Saikawa habe nicht die nötigen Entscheidungen getroffen. Das Board sei nervös geworden und habe einen Sündenbock gesucht: ihn.

    Die Rolle des Emmanuelle Macron

    Als zweiten Grund führte Ghosn die doppelten Stimmrechte an, die sich der französische Staat 2016 bei Renault sicherte. „Das verursachte eine große Bitterkeit bei unseren japanischen Freunden, bei Nissan und in der Regierung,“ sagte der Ex-Chef, „da haben die Probleme angefangen, da begann das Misstrauen, auch gegen mich.“

    Das ist ein indirekter Angriff auf Staatspräsident Emmanuel Macron, der 2016 als Wirtschaftsminister die Doppelstimmrechte durchdrückte. Er habe den Auftrag angenommen, die Integration der Allianz Renault-Nissan voranzutreiben. „Wahrscheinlich bin ich deshalb in meiner heutigen Lage“, vermutet Ghosn.

    „Einige Leute sagten: ,Der einzige Weg, uns von Renault zu befreien, ist, Ghosn aus dem Weg zu räumen.' Und das ging auf, wenn sie sich ansehen, wo die Allianz heute steht“, klagte der sehr emotional auftretende Ghosn. Er habe aber nie eine Vollfusion von Renault und Nissan vorgeschlagen, lediglich eine gemeinsame Holding.

    Über die Motive des vermeintlichen Komplotts rätselt der Ex-Manager noch. „Sie wollten die Seite Ghosn umdrehen, und dabei waren sie sehr erfolgreich, denn es gibt kein Wachstum mehr, keine Gewinne und keine Allianz“, schloss der Franko-Libanese sein einstündiges Statement. Über die Umstände seiner Flucht, angeblich mit Hilfe zweier Sicherheitsprofis in einem Instrumentenkoffer, verlor er dagegen kein Wort.

    Drei Versionen stehen sich nach diesem Auftritt nun gegenüber: Neben der von Ghosn sind es die der japanischen Justiz und die des französischen Staates samt Renault.

    Hausarrest in Japan: Ex-Renault-Chef flüchtet in den Libanon

    Für die Japaner hat sich Ghosn vor allem von Macht- und Geldgier leiten lassen. Der Anfangsverdacht lautet auf Bilanzfälschung und Untreue gegenüber Nissan. Zwischen 2011 und 2018 habe Ghosn nur die Hälfte seines wahren Gehalts in den Bilanzen ausgewiesen. Der nicht berichtete Teil beläuft sich laut Staatsanwaltschaft auf 9,1 Milliarden Yen (75 Millionen Euro), plus Pensionszahlungen von weiteren vier Milliarden Yen (33 Millionen Euro).

    Außerdem behaupten die Staatsanwälte, dass Ghosn beträchtliche Summen an Renault- und Nissan-Geldern in seine eigene Tasche geleitet hat. Ghosn weist das nach wie vor zurück. Sonderzahlungen seien nicht geflossen, nicht einmal entschieden gewesen. Er führte Dokumente vor, die belegen sollen, dass alle Zahlungen geprüft und nicht von ihm veranlasst wurden.

    Laut den Ermittlern hat der Ex-Chef bei Nissan aus zwei Kassen einer „CEO Reserve“ rund sieben Millionen Euro an einen Nissan-Händler in Oman als Bonus überweisen lassen. Der Händler habe dann die Hälfte der Zahlungen an die libanesische Investmentfirma GFI weitergeleitet, die von Ghosn kontrolliert wurde.

    Rund 13 Millionen Dollar habe Ghosn außerdem zunächst aus Nissans Budget an einen Saudi-Geschäftsmann überweisen lassen, der ihm nach der Finanzkrise 2008 aus der Patsche geholfen habe. Später habe er das erstattet.

    Auch das stellte Ghosn als Falschbehauptung dar. Kein Nissan-Geld sei indirekt an ihn gegangen.

    Prunkveranstaltungen in Versailles

    In Frankreich kam im Juni 2019 ein von Mazars erstelltes gemeinsames Audit für Renault und Nissan zu dem Schluss, dass es beim Joint Venture Renault-Nissan BV ungeklärte Zahlungen in Höhe von elf Millionen Euro gebe. Dabei handele es sich um Ausgaben, die Ghosn veranlasst habe, um Zusatzkosten für seine Privatflüge und um „Spenden“. Nach Aussage aus Unternehmenskreisen stecken dahinter Mittel, die Ghosns Kindern zugute kamen.

    Die Ergebnisse wurden der Staatsanwaltschaft von Nanterre übermittelt, die seitdem ermittelt, sich aber in Schweigen hüllt. Ghosn macht geltend, dass niemand mit ihm darüber gesprochen habe, aber die Vorwürfe träfen nicht zu. Mehr als um angeblich verschwundene elf Millionen Euro sollten sich das Board und die Regierung darum kümmern, dass Renault 35 Prozent an Börsenwert verloren habe, während die Autoindustrie im Schnitt um zwölf Prozent zugelegt habe.

    Davon abgesehen legt Renault seinem Ex-Chef zwei private Prunkfeiern im Schloss von Versailles zur Last, die fast eine Million Euro kosteten und von Ghosn als Firmen-Veranstaltungen dargestellt wurden, um sie von Renault bezahlen zu lassen. Renault strich ihm seine Sonderpension. Ghosn behauptete Mittwoch, dem Unternehmen seien keine Kosten entstanden.

    Anders als in Japan machen französische Behörden Ghosn keine direkten Vorwürfe. Sie unterstützten 2019 aber seine Abberufung.

    Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire weist vehement darauf hin, dass für Ghosn die Unschuldsvermutung gelte. Allerdings stehe er auch nicht über dem Gesetz. Und der Staat als Referenz-Aktionär von Renault habe die Pflicht, allen Vorwürfen nachzugehen. „Sonst hieße es doch, ich machte mich zum Kumpel von Ghosn, den ich seit Jahren kenne,“ verteidigt sich Le Maire.

    Andere Politiker lassen keinen Zweifel daran, was den Ex-Manager erwartet, sollte er nach Frankreich kommen: „Sobald er französischen Boden betritt, muss er sich der Justiz stellen”, sagte Außenminister Jean-Yves Le Drian Anfang der Woche im TV-Sender BFM. „Aber diese Frage stellt sich nicht”, fügte er rasch hinzu.

    Wieso eigentlich nicht? Es fällt auf, dass sich die Regierung nicht sehr intensiv darum bemüht, den gefallenen Spitzenmanager zurückzuholen. Sowohl Wirtschafts- und Finanzminister Le Maire als auch Justizministerin Nicole Belloubet weichen der Frage aus, ob sie den Libanon um die Auslieferung Ghosns bitten werden. Staatssekretärin Agnès Pannier-Runacher, die Le Maire beigeordnet ist, sagte lediglich, Frankreich würde „Ghosn nicht an Japan ausliefern”, da er französischer Staatsbürger ist und die Republik ihre Bürger nicht überstelle.

    Mehrere Monate saß Ghosn in japanischer Untersuchungshaft. Quelle: AFP
    Vom Häftling zum Flüchtigen

    Mehrere Monate saß Ghosn in japanischer Untersuchungshaft.

    (Foto: AFP)

    Paris würde gerne um die peinliche Lage herumkommen, Tokio gegenüber formell die Auslieferung Ghosns ablehnen zu müssen, was die Japaner als Affront werten könnten. Ghosn gab keine klare Antwort auf die Frage, warum er nicht nach Frankreich fliege, um sich dort zu verteidigen. Er verwies auf eine „red notice“ von Interpol, die laut seinen Anwälten ein Risiko bei einer Reise darstelle, außerdem fühle er sich sehr wohl im Libanon.

    Er entschuldigte sich „beim libaneischen Volk“ dafür, dass er als Renault-CEO nach Israel reiste, um dort einen Vertrag zu unterschreiben. Libanesen sind Reisen nach Israel verboten.

    Die französische Regierung sieht das Kapitel Ghosn als erledigt an, fürchtet aber immer noch um die wackelige Allianz Renault-Nissan. Die steht für sie über allem, nicht nur, weil Nissan mittlerweile doppelt so groß ist wie Renault. Sondern auch, weil eine Scheidung unabsehbare technische Kollateralschäden verursachen würde. Auch wenn die Unternehmen nie fusioniert haben, bauen sie mittlerweile zahlreiche Modelle auf gemeinsamen Plattformen, mit einheitlichen Bauteilen oder identischer Technologie.

    Die Regierung fuhr sogar 2019 dem neuen Renault-Verwaltungsratschef Jean-Dominique Senard in die Parade, als der mit Fiat-Chrysler (FCA) fusionieren wollte. Senard hatte es versäumt, vorher das Einverständnis von Nissan einzuholen und die Führung des japanischen Herstellers äußerte sich skeptisch zu einer Fusion Renault-FCA.

    Ob es nun ein Komplott gegen Ghosn gab oder nicht – klar ist, dass Nissan erbitterten Widerstand gegen den 2018 verkündeten Plan der französischen Regierung leistete, die bisher unabhängigen Unternehmen unter Renaults Führung stärker zu integrieren. Und es kursieren in Japan weiter Berichte, dass japanische Regierungsvertreter den Sturz Ghosns wenigstens abnickten, wenn nicht mitbetrieben.

    In Japan wurde die Pressekonferenz des ehemaligen Nissan-Chefs aufmerksam verfolgt. Quelle: AP
    Weltweite Aufmerksamkeit

    In Japan wurde die Pressekonferenz des ehemaligen Nissan-Chefs aufmerksam verfolgt.

    (Foto: AP)

    Nissan befürchtet, bei den bestehenden Machtverhältnissen benachteiligt zu werden. Renault besitzt 43 Prozent an Nissan, die Japaner im Gegenzug nur 15 Prozent der Renault-Aktien. Und die haben kein Stimmrecht. Diese Beteiligungsstruktur ist ein Erbe der Rettung Nissans durch Renault und dessen Statthalter Ghosn. Statt einer Fusion träumen viele Nissan-Manager von einer Neuordnung der Allianz.

    Nach dem Sturz Ghosns machte ein unabhängiger Untersuchungsausschuss die hohe Konzentration von Macht in Ghosns Hand dafür verantwortlich, dass der Manager mit seinen finanziellen Machenschaften durchkam. Demnach hat Ghosn eine Kultur geschaffen, in der Widerrede die Karriere gefährdete.

    Ghosn übernahm 1999 zuerst als Chief Operating Officer und dann ab 2000 als Chef das Steuer bei dem schlingernden japanischen Autobauer. Innerhalb weniger Jahre wendeten er und sein Team einen vermeintlich hoffnungslosen Fall zu Japans profitabelstem Autobauer.

    In den Anfangsjahren wurde Ghosn in Japan als Managementheld verehrt und auf einen Sockel gehoben, auf dem er offenbar die Bodenhaftung verlor. „17 Bücher wurden über mich geschrieben“, prahlt der Manager selber.

    2005 erreichte seine Macht ihren Höhepunkt, als er auch die Führung von Renault übernahm. 2009 vereinte er dann auch bei den Franzosen Verwaltungsratsvorsitz und die Position des CEO in seiner Person. Die Allianz führte er mal von Paris, mal von Tokio, mal aus dem Firmenjet heraus.

    Ghosn Nimbus ist schon länger weg

    Doch in Japan erhielt sein Ruf in den vergangenen Jahren erste Kratzer. Nissan ist wieder in einer Krise. Daheim erschütterten Skandale um Fehler in der Qualitätskontrolle das Unternehmen. Zugleich ist die Produktentwicklung völlig aus dem Tritt geraten.

    Das Resultat: Mit Autos verdient Nissan derzeit kein Geld mehr. Vor allem die Finanzdienstleistungen halten die Bilanz schwarz. Ghosn lastet das seinem Nachfolger Saikawa an, der auch zur Clique der Verschwörer gehört habe.

    Auch die Beziehungen mit Renault wurden von Nissans Reformeifer getroffen. Renaults Vorsitzender Senard wäre normalerweise auch Verwaltungsratschef bei Nissan geworden. Doch um eine erneute Machtkonzentration zu erschweren, wurde er mit dem Posten des Vizevorsitzenden abgespeist. 

    An die Stelle des niederländischen Allianz-Joint-Ventures als Leitungsorgan ist ein vierköpfiger Allianzrat getreten, in dem die Chefs der drei Partner und Senard die Zusammenarbeit diskutieren. Nach außen hin signalisiert das Führungsquartett zwar Eintracht. Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt, dass weiterhin die Konflikte offen ausbrechen.

    Der Ghosn-Intimus Thierry Bolloré wurde vergangenen Sommer als Renault-Chef abberufen. Nachfolger könnte Luca de Meo werden, bis Dienstag Chef von Seat.

    Mittlerweile arbeiten die Juristen von Renault und Nissan intensiv zusammen, ist in Paris zu hören. Und auch die Staatsanwälte von Nanterre bei Paris kooperieren mit ihren japanischen Kollegen. Das bedeutet: Will Ghosn sich auf Dauer der Justiz entziehen, muss er nicht nur Japan, die USA und Korea, mit denen japanische Auslieferungsabkommen bestehen, meiden.

    Perspektivisch sind auch alle Länder, mit denen Frankreich juristisch kooperiert, ein gefährliches Pflaster für ihn. Und das sind viele. Carlos Ghosn droht ein Leben auf der Flucht.

    Mehr: Die Staatsanwaltschaft in Tokio wollte im Büro von Ghosns Anwalt einen Computer beschlagnahmen. Doch dieser machte von seinem Recht auf Verschwiegenheit Gebrauch.

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