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Abstürze der 737 Max 8 US-Regierung nimmt Flugsicherung FAA wegen Boeing-Software ins Visier

Boeing soll die wahre Stärke des Einflusses einer Software auf die Steuerung der 737 Max verheimlicht haben. Insider werfen der US-Flugsicherung FAA eine lasche Prüfung vor.
Update: 18.03.2019 - 07:45 Uhr 2 Kommentare

Trägt die US-Flugaufsicht eine Mitschuld?

New York, Düsseldorf Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien gerät nicht nur der Flugzeughersteller unter Druck, auch die US-Flugsicherheitsbehörde FAA wird stark kritisiert. Einem Bericht des „Wall Street Journals“ zufolge wird die Rolle der Aufsicht bei der Zulassung einer womöglich für diesen und einen weiteren Absturz verantwortliche Software von der US-Regierung untersucht. Das Verkehrsministerium gehe der Frage nach, ob die FAA geeignete Standards und Analysen bei der Zulassung des neuen Kontrollsystems MCAS genutzt habe.

Die von Boeing eigens für die neue Flugzeugreihe 737 Max 8 entwickelte Steuerungssoftware soll erhebliche Mängel aufweisen. Das berichtete die „Seattle Times“ am Sonntag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Ingenieure. Demnach handelt es sich dabei um genau jene Software, die auch für die beiden Flugzeugabstürze verantwortlich sein soll.

In beiden Fällen vermuten Experten, dass das sogenannte MCAS-Überwachungssystem des 737 Max 8 die Nase des Flugzeugs automatisch nach unten steuerte – und die Maschine so zum Absturz brachte. Die äthiopische Verkehrsministerin Dagmawit Moges hatte am Sonntag erklärt, dass die Auswertung der Flugschreiber der in Äthiopien verunglückten Boeing 737 Max 8 mit 157 Menschen an Bord auf „klare Ähnlichkeiten“ mit dem Absturz einer baugleichen Maschine in Indonesien im vergangenen Jahr hinweise. Zuvor hatten französische Experten die Daten der sogenannten Blackboxes ausgelesen.

Ein Boeing-Sprecher sagte am Sonntag, das System erfülle alle Zulassungsanforderungen der US-Luftfahrtbehörde FAA. Laut Informanten der Tageszeitung aus Seattle habe die FAA aber offenbar einen Großteil der Sicherheitsanalyse des MCAS an den Flugzeughersteller übertragen – und den Ergebnissen des Unternehmens vertraut, ohne diese selbst vor der Zulassung vollständig zu überprüfen. Die US-Regierung beschäftigt sich laut „Wall Street Journal“ bereits seit dem ersten Absturz der Boeing 737 Max der Lion Air im Oktober mit der Zulassung des neuen Modells durch die US-Flugaufsicht FAA.

Da die Motoren der neuen Flugzeugreihe deutlich größer als bei anderen Flugzeugen sind, müssen diese weiter vorne auf den Tragflächen platziert werden. Deshalb neigt die Nase des Flugzeugs während des Fluges dazu, nach oben zu driften. Eine Eigenschaft, die zum potenziell verheerenden Strömungsabriss führen kann. Das MCAS-System wurde dazu entwickelt, mittels Sensor, die Neigung der Flugzeugnase zu erfassen und anschließend den Winkel des Hecks so anzupassen, dass die Nase wieder nach unten in die Ausgangsposition gedrückt wird – und so dem Effekt entgegenzuwirken.

Die Sicherheitsanalyse von Boeing, so die Ingenieure, unterschätzte jedoch die Leistungsfähigkeit dieses Systems. Zu dem Zeitpunkt, als die Flugzeuge in Betrieb genommen wurden, konnte das MCAS-System das Heck mehr als viermal so stark bewegen, als in der ursprünglichen Analyse angegeben.

Insider unterstellen Absicht

Außerdem konnte bei der Analyse nicht berücksichtigt werden, wie sich das System auf die zusätzliche Reaktion eines Piloten auswirkt, der dem Effekt während eines Fluges möglicherweise selbst entgegenwirken wollte. Beides würde dazu führen, dass der Korrektureffekt des MCAS verstärkt wird – und das Flugzeug automatisch in einen Sinkflug gerät.

Hätte Boeing die Auswirkungen des Systems genau eingeschätzt, wäre ein derartiger Aufbau niemals zulässig gewesen, so die Ingenieure. Andere Luftfahrtbehörden hätten dem Beschluss der FAA aber vertraut und der Max 8 ebenfalls die Zulassung erteilt. Boeing widersprach den Behauptungen der Ingenieure nicht, sagte jedoch, „es gibt einige bedeutende Fehleinschätzungen“.

In der „Seattle Times“ wird von den Insidern der Vorwurf erhoben, der Flugzeugbauer hätte Details bewusst verschwiegen und Gefahrenstufen vorsätzlich zu niedrig bewertet, um weitere Sensormessungen zu umgehen. Der Hintergrund demnach: Erfolgsdruck.

Die Entwicklung der 737 Max wurde laut der Ingenieure zudem beschleunigt, da Boeing mit dem Airbus A320neo um die Markteinführung wetteiferte. Deshalb habe das Unternehmen unter anderem auch Zeit beim Zulassungsprozedere einsparen müssen, heißt es weiter. Das MCAS-System wurde in keinem Schulungshandbuch von Boeing erwähnt und sollte nur unter extremen Umständen wirksam werden.

Boeing hat nach dem Absturz in Äthiopien zugesichert, die Software des 737 Max zu aktualisieren, um die Wirkung des MCAS-Systems einzugrenzen und die Messung mit mehreren Sensoren zu ermöglichen. Laut der FAA werde Boeing „Monate“ brauchen, um die erforderlichen Software-Updates durchzuführen.

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2 Kommentare zu "Abstürze der 737 Max 8: US-Regierung nimmt Flugsicherung FAA wegen Boeing-Software ins Visier"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hier wurde anscheinend zwar nicht bewusst betrogen aber falls die Aussagen der Insider stimmen, wurde wahrscheinlich bewusst reduziert getestet, in dem man die Bedeutung der Strömungskontrolle runter priorisiert hat, um Zeit zu sparen...auf Kosten von Leben...spätestens hier sollte jedem klar werden, wie aufwendig die Digitalisierung bis in alle Bereiche der analogen Welt wirklich ist.

    Da ist einerseits die Frage, warum konnten die Piloten nicht die automatisierte Steuerung überschreiben.
    Die Entscheidung ob "das System" oder der Mensch steuert, einfach per Knopfdruck den verschiedenen intelligenten Teilsystem mitzuteilen "jetzt übernimmt wieder "nur" der Pilot die Steuerung, das muss an verschiedenste Software Layer verschiedenster Aktoren und Sensoren, die synchron und asynchron arbeiten, zweifelsfrei mitgeteilt werden. Die beteiligten Teilsysteme müssen dann entscheiden, ob sie mit ihren Algorithmen eingreifen oder eben nicht. Allein das ist kein trivialer Prozeß!!!
    Dies kann man alles in Simulatoren testen aber diese Tests sind wie die dazugehörige Implementierung sehr aufwendig. Ich vermute, dass die Testfälle im Run Testbook nur unvollständig erfasst wurden bzw. in der Priorisierung nicht richtig charakterisiert wurden (Top Critical wurde zu ...not serious). Naiv ist es natürlich jetzt auf die FAA einzuhauen. Glaubt ernsthaft jemand, dass die Behörde für alle Flugzeughersteller und deren Flugzeugtypen soviel ausgewiesene Experten vorhalten kann, dass sie entsprechende Quality Gates aufbauen kann. Insbesondere gilt dieses Problem
    dann, wenn ganz neue Systeme in den Markt kommen. Es gilt hier leider eine bekannte zynische "Weisheit" der IT und Softwareentwicklung...Software reift (wie Bananen) beim Kunden...Dies ist keine Entschuldigung aber der Preis den sich jeder Passagier in seinem Leben bewusst machen sollte...am besten aber nicht während des Fliegens.

  • Für was sind eigentlich Behörden wie die FAA da, es ist kaum zu glauben wie der Kommerz nun auch dort Einzug hält und Menschenleben zweitrangig sind... Dafür gibt es keine Entschuldigung.

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