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Antibiotika-Forschung Pharmabranche forciert mit Milliardenfonds Kampf gegen resistente Keime

Mit Antibiotika lässt sich kaum Geld verdienen, deren Fortentwicklung ist aber überlebenswichtig. Die Branche tritt der Gefahr nun entgegen.
09.07.2020 - 17:32 Uhr 1 Kommentar
Die Laborforschung im Kampf gegen die Erreger ist für Unternehmen wenig ertragreich. Ein Fonds soll nun die Suche nach wirksamen Antibiotika finanzieren. Quelle: dpa
Multiresistente Keime

Die Laborforschung im Kampf gegen die Erreger ist für Unternehmen wenig ertragreich. Ein Fonds soll nun die Suche nach wirksamen Antibiotika finanzieren.

(Foto: dpa)

Frankfurt Mehr als 20 große Pharmafirmen haben sich in der bisher umfangreichsten Initiative gegen Antibiotikaresistenzen verbündet. Die Unternehmen gaben am Donnerstag in Berlin und Washington die Gründung eines mit rund einer Milliarde Dollar ausgestatteten Fonds bekannt, der junge Forschungsfirmen in der Entwicklung neuer Antibiotika unterstützen soll.

Der geplante Aktionsfonds gegen antimikrobielle Resistenzen (AMR) ist das bisher größte gemeinsame Finanzierungsvehikel der Branche. Er verfolgt das Ziel, bis Ende des Jahrzehnts die Entwicklung von mindestens zwei bis vier neuen Antibiotika gegen resistente Erreger zu ermöglichen.

Dazu will der AMR-Fonds in dem Bereich in kleine Biotechfirmen investieren und diese zugleich mit Know-how in der klinischen Forschung, Produktion, Zulassungsverfahren und Vermarktung unterstützen. Ein wissenschaftlicher Beirat mit namhaften Experten soll dabei die Investitionsentscheidungen begleiten.

An dem Fonds sind fast alle großen Pharmahersteller beteiligt, darunter auch die drei führenden deutschen Arzneimittelkonzerne Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck. Darüber hinaus sind internationale Finanzinstitutionen wie die Europäische Entwicklungsbank (EIB) und mehrere Stiftungen engagiert.

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    Hintergrund für die vom internationalen Pharmaverband IFPMA gestartete Initiative sind die wachsenden Probleme mit Erregern, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr wirken. Sie repräsentieren eine Gefahr, die nach Schätzungen der Branche langfristig über die Covid-19-Problematik hinausreicht.

    So gehen die beteiligten Unternehmen davon aus, dass derzeit weltweit etwa 700.000 Menschen pro Jahr an Infektionen durch resistente Keime sterben. Unter ungünstigen Umständen könne sich diese Zahl bis 2050 auf jährlich bis zu zehn Millionen Todesopfer erhöhen.

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    „Anders als Covid-19 sind multiresistente Keime eine vorhersehbare und vermeidbare Krise“, erklärte Thomas Cueni, der Präsident des internationalen Pharmaverbandes IFPMA. Tedros Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, bezeichnet Antibiotikaresistenzen als „langsamen Tsunami, der ein Jahrhundert an medizinischem Fortschritt zunichtemachen könnte“.

    In Europa erkrankten 2018 laut einer Analyse des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) etwa 670.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger, davon gut 54.000 in Deutschland. Die Zahl der Todesfälle wurde auf 2.400 in Deutschland und 33.000 in Europa geschätzt.

    Hintergrund der wachsenden Antibiotika-Lücke sind relativ hohe Risiken in der Forschung in Kombination mit einem unattraktiven Marktumfeld. Den gut 30 Milliarden Dollar großen Markt für Antibiotika dominieren aktuell vor allem generische, das heißt patentfreie Wirkstoffe, die sehr kostengünstig angeboten werden.

    Dadurch werden relativ niedrige Maßstäbe für die Erstattungspreise von neuen Antibiotika gesetzt. Zudem gilt für erfolgreiche Neuentwicklungen aus Sicht von Medizinern die Devise, sie möglichst restriktiv einzusetzen, um neue Resistenzen möglichst lange zu vermeiden. Das alles beschränkt das Marktpotenzial für solche Produkte.

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    Branchenvertreter wie Hubertus von Baumbach, Vorsitzender der Unternehmensleitung des deutschen Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, sehen ein zentrales Problem darin, dass für neue Antibiotika kein funktionierender Markt mehr besteht. Es sei daher dringend geboten, nach neuen Lösungen zu suchen.

    „Politiker rund um den Globus müssen marktbasierte Reformen einschließlich der Reform von Erstattungsregeln angehen, um den Antibiotikamarkt zu revitalisieren“, heißt es in einem Statement des Branchenverbandes IFPMA. Diskutiert wurden in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren unter anderem Modelle, bei denen die Gesundheitssysteme eine Art Bereitstellungspreis für neue Antibiotika zahlen, unabhängig von den Mengen, die hinterher tatsächlich verordnet werden. Konkrete Regelungen dazu gibt es bisher indessen nicht.

    Unattraktiv für Risikokapitalgeber

    Am globalen Pharmageschäft halten die Medikamente nur noch einen Anteil von weniger als drei Prozent. Sie liegen damit gegenüber kommerziell attraktiveren Therapiefeldern wie Krebs, Diabetes, Virusinfektionen, Rheuma oder Herzkreislauferkrankungen weit zurück.

    Viele große Pharmahersteller haben sich daher im Laufe der Jahre ganz aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen. Der Bayer-Konzern etwa lagerte den Bereich 2006 in die Firma Aicuris aus, die seither von den Brüdern Strüngmann finanziert wird. Novartis gab 2016 auf.

    Auch Biotechfirmen tun sich sehr schwer, Geldgeber für Antibiotika-Projekte zu finden. Die forschenden US-Unternehmen Achaogen und Melinta etwa mussten im vergangenen Jahr mangels Finanzmitteln Insolvenz anmelden.

    Eine große Herausforderung für die Firmen erwächst nicht zuletzt daraus, dass die bekannten Wirkmechanismen von Antibiotika inzwischen weitgehend ausgereizt sind. Es kommt daher darauf an, möglichst neuartige Wirkprinzipien gegen Erreger zu finden, um so Resistenzen zu überwinden.

    Das wiederum macht die Forschung schwierig und riskant. Die Gefahr, mit neuen Produkten zu scheitern, ist daher besonders hoch. Das schreckt klassische Risikokapitalgeber zusätzlich ab.

    Mehr: „Die Zahlen sind bedrückend“ – Boehringer-Ingelheim-Chef warnt vor resistenten Keimen.

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    1 Kommentar zu "Antibiotika-Forschung: Pharmabranche forciert mit Milliardenfonds Kampf gegen resistente Keime"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wenn der Markt versagt, muss der Saat herbei und die Forschung bezahlen. Haben wir nicht schon die Rechnung für die verschleppte Virusforschung auf dem Tisch. Die schwarze Null hat einen derartigen Schaden angerichtet, dass es kaum zu fassen ist. Für die Notenbanken wäre diese Forschung zu finanzieren nur Taschengeld gewesen. Lange Laufzeiten, Zinsen Null. Patente hätten einen Geldrückfluss erlaubt, vielleicht nicht 100%, so doch einen Teil. Europa schafft sich ab, mit vielerlei Fehl-Entwicklungen. Vielleicht trifft einen Repräsentanten den Schwarzen Null selbst so ein besonderer Keim. Das würde jedoch auch nichts nützen, denn Tote machen keine Politik mehr.

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