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Auto-Industrieverband VDA-Präsident Mattes über Dieselkrise – „Wir haben massiv an Vertrauen verloren“

Der neue VDA-Präsident Bernhard Mattes hat ein schwieriges Amt angetreten. Er muss für Fehler der Branche einstehen, die er selbst nicht zu verantworten hat.
03.07.2018 - 16:53 Uhr Kommentieren
Der VDA-Präsident wirkt zerknirscht. Er muss für die Fehler der Branche rund um den Diesel einstehen. Quelle: dpa
Bernhard Mattes

Der VDA-Präsident wirkt zerknirscht. Er muss für die Fehler der Branche rund um den Diesel einstehen.

(Foto: dpa)

Berlin Pressekonferenzen beim Verband der Automobilindustrie sind eigentlich eine Routineangelegenheit. Der VDA-Präsident tritt vor die Journalisten und trägt seine vorbereitete Rede vor. Danach sind die Pressevertreter an der Reihe, die ihre Fragen stellen dürfen. Doch in Zeiten der Dieselaffäre ist alles etwas anders.

Bernhard Mattes, seit dem Frühjahr Präsident von Deutschlands wichtigstem Industrieverband, beginnt am Dienstag in Berlin auf der VDA-Halbjahrespressekonferenz mit einer persönlichen Erklärung – und die klingt wie ein Schuldbekenntnis der Automobilindustrie. „Wir haben massiv an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren. Das bewegt mich auch persönlich“, sagt der 61-Jährige, der 14 Jahre an der Spitze von Ford Deutschland stand. Er selbst nehme die Vorfälle der Vergangenheit und auch die aktuellen Entwicklungen sehr ernst.

Jeder im Konferenzraum in der Berliner VDA-Zentrale weiß natürlich, dass damit auch die Festnahme von Audi-Vorstandschef Rupert Stadler gemeint ist. Doch der Name fällt erst auf Nachfrage. Direkt zur Festnahme und zum Fall Stadler will er nichts sagen. Mattes bittet nur um Zurückhaltung: Solange seine Schuld nicht definitiv nachgewiesen sei, solange gelte die Unschuldsvermutung.

Der neue VDA-Präsident, der frühere Ford-Chef, gibt ein Versprechen ab: Die Automobilindustrie arbeite daran, „neues Vertrauen zu gewinnen und unsere Glaubwürdigkeit wieder zu stärken“. Leere Versprechungen könne sich seine Branche nicht mehr erlauben, „wir müssen liefern“. Die Autohersteller müssten wirklich das tun, was sie sagten und ankündigten. Das gehe allerdings nicht auf Knopfdruck, sondern brauche seine Zeit.

Nach dieser eher persönlichen Ansprache ergreift Bernhard Mattes das Wort für den Diesel. Die Abgasaffäre sei noch lange kein Grund dafür, diese Antriebsart auf ewig zu verdammen. Im Gegenteil: „Der moderne Diesel ist notwendig, um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen“, betont der VDA-Präsident. Dem Klima sei überhaupt nicht damit gedient, wenn weniger Diesel verkauft werden.

Die Technik in den neuesten Modellen sei inzwischen so weit fortgeschritten, dass es überhaupt keine Probleme mehr mit den Stickoxid-Emissionen gebe. Und wegen der günstigen Verbrauchswerte sei die Kohlendioxid-Belastung niedriger als beim Benziner. Es sei deshalb völlig „verkehrt“, den Diesel abzuschreiben. „Wer Klimaschutz ernst nimmt, weiß das“, sagt der VDA-Präsident.

Unternehmenskunden fragen Diesel-Fahrzeuge nach

Der Verband der Automobilindustrie ist davon überzeugt, dass beim Thema Diesel langsam eine gewisse Beruhigung einziehe. Der Dieselanteil bei den Neuzulassungen in Deutschland habe sich seit einigen Monaten bei etwa einem Drittel eingependelt, es gebe keine einschneidenden Rückgänge mehr.

„Wir sind zuversichtlich, eine Trendwende zu schaffen“, unterstreicht Mattes. Ein Fels in der Brandung seien große Unternehmenskunden, die ihre Fahrzeugflotten unverändert mit Dieselmotoren ausstatten ließen.

Wenn doch nur das Problem mit drohenden Fahrverboten endlich gelöst wäre. „Die Politik in Deutschland will keine Fahrverbote, wir auch nicht und die Autofahrer schon gar nicht“, kritisiert der Verbandsoberste. Der VDA hoffe, dass Vernunft beim Thema Fahrverbote wieder Vorrang bekomme. Die Stickoxid-Belastung sei in vielen Städten schon deutlich gesunken. Deshalb gebe es keinen Grund, noch länger intensiv über Fahrverbote nachzudenken.

Ist der wirtschaftliche Erfolg die Messlatte, dann fühlt sich der Verband der Automobilindustrie hingegen in den meisten Belangen bestätigt. Im vergangenen Jahr hatten die Autohersteller und die großen Zulieferer fast durchweg Rekordgewinne gemeldet. Auch für dieses Jahr sieht es immer noch gut aus. Trotz der Dieselaffäre, drohender US-Zölle und trotz der teuren Probleme mit dem neuen Zulassungsverfahren WLTP.

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Nach der neuesten VDA-Hochrechnung werden die deutschen Pkw-Hersteller ihre Produktion in diesem Jahr um ein Prozent auf den neuen Höchststand von 16,7 Millionen Autos steigern. Gut zwei Drittel werden davon im Ausland gefertigt, der Rest in Werken in Deutschland. „Der Auftragseingang aus dem Inland ist stabil, der ausländische Auftragseingang hat zugelegt“, so der VDA-Präsident weiter.

Auch US-Zölle auf deutsche Autos würden an dieser positiven Prognose so schnell nichts ändern. Von den USA abgesehen könnten die deutschen Hersteller in diesem Jahr überall in der Welt mehr Autos verkaufen.

Die Dieselaffäre hat sich mittlerweile zu einem sehr deutschen Thema entwickelt. Die US-Kunden scheinen den Skandal fast schon wieder vergessen zu haben und kaufen auch wieder munter VW-Modelle.

Außerhalb Europas spielt der Diesel im Fahrzeugverkauf grundsätzlich keine große Rolle. Etwa auch in China, das sich zum wichtigsten Absatzmarkt der deutschen Hersteller entwickelt hat. Allein Volkswagen verkauft etwa 40 Prozent seiner Fahrzeuge ausschließlich in der Volksrepublik.

Ein solch hoher Anteil eines einzigen Landes birgt auch Gefahren: Die deutschen Autohersteller könnten von China zu abhängig werden. Globale Konzerne seien hohen Risiken ausgesetzt, wenn ein wichtiger Absatzmarkt in arge Turbulenzen gerate, warnt Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

„Langfristig erfolgreich werden solche Hersteller sein, die eine ausgeglichene Marktstruktur aufweisen und schnell auf Veränderungen reagieren können.“ Für die deutsche Industrie zählen im Moment allerdings vor allem die Erfolge in China – weil sich damit die Schwächen bei Diesel ausgleichen lassen.

Dem Verbandspräsidenten bleibt die Hoffnung, dass sich die Aufregung um den Dieselskandal bald legt und dass es keine weiteren gravierenden Enthüllungen mehr geben wird. „Ich hoffe, dass wir das nicht erleben werden“, sagt Mattes. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht. Und: Die Amtszeit des neuen VDA-Präsidenten hat gerade erst begonnen. Es kann also noch sehr viel passieren.

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