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Die Autoindustrie von morgen

Autobauer Bei Elektroautos gibt es weniger Verschleißteile – dennoch baut VW das Ersatzteilgeschäft aus

Durch die Elektromobilität werden Hersteller und Händler Geschäft verlieren. Volkswagen will nun gegensteuern – mit dem Ausbau des Ersatzteilgeschäfts.
Update: 02.09.2019 - 16:25 Uhr Kommentieren
Die im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen um 20 bis 30 Prozent geringeren Wartungskosten für batteriegetriebene Autos schmälern das Werkstattgeschäft. Quelle: dpa
VW-Werkstatt

Die im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen um 20 bis 30 Prozent geringeren Wartungskosten für batteriegetriebene Autos schmälern das Werkstattgeschäft.

(Foto: dpa)

Hamburg Zu Hunderten liegen die Radkappen in den Stahlbehältern, daneben Dämmmatten für den Motorraum. Bis unter die Hallendecke und gestapelt über drei Ebenen liegen die Ersatzteile im Zentraldepot von Volkswagen in Baunatal bei Kassel. Von dort aus werden vor allem die europäischen Händler des VW-Konzerns mit Ersatzteilen beliefert. Doch verstärkt gehen auch Lieferungen hinaus nach Nord- und Südamerika sowie nach China, dem wichtigsten Absatzmarkt des Volkswagen-Konzerns.

Das Ersatzteilgeschäft ist für einen Autohersteller wie Volkswagen extrem lukrativ. Im vergangenen Jahr hat der Wolfsburger Konzern damit weltweit 15,9 Milliarden Euro umgesetzt, mit diesem Volumen hätte es die Sparte als eigenständiges Unternehmen auch in den Aktienindex Dax schaffen können. Volkswagen verdient ordentlich damit. Genaue Renditezahlen nennt der Konzern nicht. „Doch die Marge ist deutlich zweistellig“, heißt es dazu aus Unternehmenskreisen.

Die hohen Margen geraten unter Druck. Volkswagen muss mehr tun, um die hohen Gewinne zu halten. „Wir haben in vielen Bereich noch sehr viel Potenzial. Zum Beispiel im Ersatzteilgeschäft, das eher stagniert“, sagte VW-Konzernchef Herbert Diess bereits im Juni auf einer internen Managementkonferenz von Volkswagen. Vor allem der anstehende Wechsel auf die Elektromobilität sorgt dafür, dass im Ersatzteilgeschäft Einbußen drohen.

„Mit zunehmender Verbreitung der E-Fahrzeuge werden für unsere Handelspartner und uns bisherige Ertragsquellen zurückgehen“, sagte am Montag im Zentraldepot Kassel Christian Dahlheim, Vertriebschef des Volkswagen-Konzerns.

Der Elektroantrieb ist technisch gesehen viel einfacher konstruiert als ein klassischer Verbrennungsmotor. Damit fallen auch weniger Verschleißteile an. Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Accenture rechnen Autohändler damit, dass im Ersatzteilgeschäft mit E-Autos 20 bis 30 Prozent des gewohnten Umsatzes wegfallen könnten.

Gleichwohl gibt sich der Volkswagen-Konzern optimistisch, dass die Umsätze im Ersatzteilgeschäft nicht schrumpfen, sondern sogar noch zunehmen werden. Denn trotz der anstehenden Einführung von Elektroautos wird das klassische Geschäft mit Verbrennermodellen in den kommenden zehn bis 15 Jahren noch den wesentlichen Teil ausmachen. Dabei spielt auch mit hinein, dass Volkswagen nach dem Produktionsende eines einzelnen Modells die dazugehörigen Ersatzteile für 15 Folgejahre vorhält.

Der weltweite Bestand an Fahrzeugen, die aus dem Volkswagen-Konzern kommen, liegt aktuell bei etwa 100 Millionen. Der VW-Konzern kalkuliert damit, dass diese Zahl bis zum Jahr 2030 um weitere 50 Millionen zunehmen wird. Die Zahl neuer Elektroautos wird im Vergleich dazu um einiges geringer ausfallen.

Bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts könnten etwa 20 Millionen neue E-Fahrzeuge weltweit dazugekommen sein. Ihr Anteil am gesamten Bestand dürfte dann zwischen zehn und 15 Prozent liegen. Der hohe Anteil konventioneller Fahrzeuge wird aus VW-Sicht dafür sorgen, dass das Ersatzteilgeschäft auch in Zukunft hohe Erträge abwerfen wird.

Weitere Ansätze

Doch auch mit anderen Ansätzen will der VW-Konzern dafür sorgen, dass die Ersatzteile ausreichend Geld in die Konzernkassen spülen. Bislang kommen Fahrer älterer Gebrauchtwagen selten in eine Vertragswerkstatt von Volkswagen. Als übliche Grenze gelten acht Jahre; Autos dieses Alters werden sehr häufig von freien Werkstätten repariert.

Um Fahrer solcher älteren Gebrauchtwagen will sich der VW-Konzern zusammen mit seinen Tochtermarken stärker kümmern. „Wir wollen die Loyalitätskurve der Kunden heben“, sagte in Kassel Imelda Labbé, die für den Konzern den Bereich After Sales (Ersatzteile) leitet.

Auch die Kunden älterer Gebrauchtwagen sollen vermehrt in VW-Werkstätten gelockt werden. Der Gesamtverband Autoteile-Handel (GVA), der Dachverband freier markenungebundener Teilehändler, bestätigt diese Entwicklung. „Die Fahrzeughersteller gehen verstärkt in den Bereich älterer Autos“, so ein GVA-Sprecher.

Hersteller wie Volkswagen setzen darauf, dass ihnen die ebenfalls anstehende Digitalisierung der Autos dabei helfen wird. Fahrzeuge künftiger Generationen werden immer stärker Teil eines digitalen Netzwerkes sein. Neue Prognosesoftware, die auch von Künstlicher Intelligenz unterstützt werden kann, erkennt vorausschauend mit zeitlichem Vorlauf, wann das Verschleißteil eines Autos ausgetauscht werden muss. Digital können dann vorab Werkstatt-Termine ausgemacht werden.

Volkswagen kalkuliert fest damit, dass Autofahrer solche Dienstleistungen gerne in Anspruch nehmen werden, weil sie den Umgang mit einer Autowerkstatt wesentlich erleichtern. Außerdem erwartet der Wolfsburger Konzern, dass eine engere Bindung zwischen dem Kunden und dem Autohersteller entsteht.

Kleinere, freie Werkstätten könnten solch einen Service nicht anbieten. Fahrer von Gebrauchtwagen würden am Ende länger bei der Vertragswerkstatt bleiben, so die Erwartung bei VW in Wolfsburg.

VW erwartet Unterstützung der Händler

Von der Digitalisierung würden auch die Autohändler profitieren, rechnet Volkswagen vor. Arbeitsabläufe und -prozesse könnten dort mit Hilfe neuer Computerprogramme wesentlich vereinfacht werden. Werkstatt-Termine müssten künftig nicht mehr telefonisch ausgemacht werden, sondern online.

Bei einem durchschnittlichen Werkstattaufenthalt fallen nach VW-Angaben heute rund 80 Minuten administrative Arbeiten in bis zu 15 verschiedenen Computersystemen an. Volkswagen will diese Zeit beim Händler deutlich reduzieren. Künftig soll der Verwaltungsaufwand auf 15 Minuten reduziert werden. Die Verkaufsberater im Autohaus könnten sich dadurch besser um den Kunden und ihre eigentliche Aufgabe kümmern – nämlich Autos zu verkaufen.

Der VW-Konzern erwartet, dass die Händler die Einführung solcher neuen Systeme unterstützen werden. „Dort gibt es ein großes Interesse daran, dass sich etwas ändert“, betonte Imelda Labbé. Aus Kreisen des VW- und Audi-Händlerverbandes wird dieses Interesse bestätigt. Die Vertriebsorganisation würde davon profitieren, wenn sich die Prozesse vereinfachten.

Andererseits müssen sich Autokonzern und Händler auf mehr Komplexität im Ersatzteilgeschäft einstellen. Denn durch die Einführung der Elektrofahrzeuge steigt die Zahl der Ersatzteile, die etwa im Zentraldepot in Kassel vorgehalten werden müssen. Rund 460.000 verschiedene Teile sind es allein schon für die konventionellen Fahrzeuge mit klassischem Diesel- oder Benzinmotor.

Ein neues Thema wird die Lagerung von Batterien sein, für die besondere Brandschutzbestimmungen gelten. In Kassel wird Volkswagen eine Pilotanlage für die Lagerung von Fahrzeugbatterien einrichten. Eine offene Frage ist dabei beispielsweise, ob Batterien nur zeitweise oder permanent geladen werden müssen, um tatsächlich fahrbereit zu sein, wenn Ersatzbatterien gebraucht und deshalb in Kassel bestellt werden.

Mehr: Anders als befürchtet wird Volkswagen nicht von Aufträgen der US-Behörden ausgeschlossen. Der Konzern muss dafür aber ein Zugeständnis machen.

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