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Die Autoindustrie von morgen

Autohersteller Konzernchef Diess verordnet VW ein massives Sparprogramm

Dieselskandal und hohe Investitionen belasten VWs Gewinn. Konzernchef Herbert Diess reagiert mit einer Hunderte Millionen Euro schweren Sparrunde.
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Bei der Wolfsburger Konzernzentrale sollen mehrere Hundert Millionen Euro in der Verwaltung eingespart werden. Quelle: dpa
Turm der VW-Autostadt

Bei der Wolfsburger Konzernzentrale sollen mehrere Hundert Millionen Euro in der Verwaltung eingespart werden.

(Foto: dpa)

Wolfsburg Volkswagen-Chef Herbert Diess kämpft an allen Fronten: Der Dieselskandal ist längst nicht ausgestanden, der Umstieg auf Elektromobilität drängt – und US-Präsident Donald Trump droht mit Strafzöllen. Diess hat der Kernmarke des Autobauers deshalb ein neues umfassendes Sparprogramm verordnet.

Bis 2023 soll das Ergebnis um etwa sechs Milliarden Euro steigen, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Rund drei Milliarden Euro davon sollen aus Einsparungen kommen, die andere Hälfte soll unter anderem durch höhere Verkaufspreise erreicht werden.

Mit den Einschnitten soll die Marge der Kernmarke VW auf sechs Prozent steigen – von derzeit rund vier Prozent. Bislang hatte Diess dieses Ziel erst für 2025 ausgegeben. Diess’ rechte Hand und operativer Chef der Marke, Ralf Brandstätter, will das neue Margenziel wohl am Donnerstag auf einer Pressekonferenz bekanntgeben.

Dem Vernehmen nach wird er beschreiben, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Konkrete Zahlen wolle er aber nicht nennen, hieß es. Entsprechend wollte sich VW vorab zu diesem Thema nicht äußern.

Knapp ein Drittel des Jahresumsatzes von 230 Milliarden Euro verdient der Konzern mit seiner Marke VW. Im Wolfsburger Stammwerk residiert der Vorstand, hier werden weltweit die meisten Autos an einem Standort gebaut.

Das Herz des Konzerns, der insgesamt zwölf Marken vereint, schlägt genau hier – doch es flimmert: Seit Jahren bleibt die Sparte VW bei der Rentabilität hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Mit dem Skandal um gefälschte Abgaswerte verschärfte sich die Lage von VW, da der Konzern für den millionenfachen Betrug mehr als 25 Milliarden Euro zahlen musste. Im Jahr 2016 verdiente Volkswagen dadurch praktisch kein Geld mehr.

Nach massiven Einsparungen erholt sich das Ergebnis zwar. Im vergangenen Jahr lag der operative Gewinn bei 3,3 Milliarden Euro und die Rendite bei 4,1 Prozent. Für Vorstandschef Herbert Diess – der auch für die Kernmarke zuständig ist – ist das aber eindeutig zu wenig.

Um sich gegen konjunkturelle Verwerfungen abzusichern und die Finanzmittel für die Umstellung von Verbrennern auf Elektroantriebe zu verdienen, muss die Marke VW ihre Profitabilität deutlich erhöhen. Bis zum Jahr 2025 sollte die Marge auf sechs Prozent steigen – so lautete die bisherige Maßgabe. Das reicht Diess aber nicht mehr. „Der Druck auf VW und die Branche insgesamt ist gewachsen, wir müssen daher schneller werden“, sagte ein Manager dem Handelsblatt und begründet so die Verkürzung der Frist auf 2023.

Der Hebel ist dabei gewaltig: Insgesamt ist von einem Betrag von etwa sechs Milliarden Euro jährlich die Rede, um die das Ergebnis gesteigert werden soll. Hinzu kommen noch einmal rund 500 Millionen Euro für die Regionen Nord- und Südamerika, die von VW als eigene Einheiten geführt werden.

Die Hälfte der Summe will der Konzern unter anderem über höhere Preise für seine Fahrzeuge einfahren – mehr als 2,5 Milliarden Euro sollen dadurch in die Kassen gespült werden. In Konzernkreisen wird darüber nachgedacht, die Preise im Schnitt um etwa ein Prozent anzuheben. Höhere Einnahmen verspricht sich das Unternehmen auch durch den Verkauf sogenannter Softwareupdates.

Wegen der fortschreitenden Digitalisierung der Autos werden solche Updates genauso zum Branchenstandard werden wie bei Smartphones. Dazu gehört auch der künftige Verkauf von Mobilitätsdienstleistungen.

Mit Preissteigerungen allein lässt sich die Marke VW nicht zukunftssicher aufstellen. Nötig seien auch Einsparungen, die etwa die Hälfte der Gesamtsumme ausmachen würden, wie es in Konzernkreisen hieß. „Auch nach den Sparpaketen der letzten Jahre ist das möglich, denn unser Angebot ist noch viel zu vielseitig und komplex“, sagte eine hochrangige Führungskraft. Diese Komplexität werde nun verringert.

Geplant ist, das Angebot von Motoren- und Ausstattungsvarianten einzudampfen. Die Mannschaft um Diess und Brandstätter will aber auch die Modellvielfalt verkleinern. Typen, die sich nicht rechneten, sollten aus dem Programm genommen werden, sagte die Führungskraft.

Bedeckt halten dürfte sich VW-Manager Brandstätter an diesem Donnerstag bei einem besonders sensiblen Punkt: dem Abbau von Arbeitsplätzen. Die Kernmarke steht unter besonderer Aufsicht von Betriebsratschef Bernd Osterloh, der in Wolfsburg seinen Sitz hat, und der niedersächsischen Landesregierung. „Ein neuerlicher Einschnitt bei den Mitarbeitern ist aber unvermeidlich“, sagte ein Topmanager.

Nur punktuell Stellenabbau geplant

Ein massenhafter Abbau von Stellen, wie es ihn beim zuletzt verhandelten Zukunftspakt gab, soll nicht wiederholt werden. Es würden eher punktuell Arbeitsplätze gestrichen. Im Fokus sind dabei die Büroangestellten. Nach Handelsblatt-Informationen sollen durch eine Verschlankung der Verwaltungen mehrere Hundert Millionen Euro eingespart werden.

Im Vergleich zu anderen Automobilherstellern sei Volkswagen in diesem Bereich üppiger aufgestellt, wie der Manager sagte. Möglich werden soll die Reduzierung der Kopfzahl über freiwillige Abfindungsangebote.

Das letzte große Sparprogramm beim Personal war Ende 2016 mit dem sogenannten „Zukunftspakt“ beschlossen worden. Bis zum Jahr 2020 fallen demnach weltweit rund 30.000 Stellen weg.

Personalvorstand Gunnar Kilian hatte am vergangenen Wochenende in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa angekündigt, dass es keinen zweiten Zukunftspakt geben werde.

Trotzdem müsse weiter gespart werden. Für dauerhaften Erfolg und zur Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze reiche es nicht aus, sich allein auf den im Jahr 2020 auslaufenden Zukunftspakt zu verlassen. „Demzufolge werden wir auch über die Laufzeit des aktuellen Zukunftspakts hinausgehende, weiterführende Maßnahmen gemeinsam definieren“, hatte Kilian gesagt.

Mit den geplanten Einschnitten soll nicht Schluss sein. In einem nächsten Schritt will Diess die Marge auf acht Prozent hieven, wie es in Konzernkreisen hieß. Diese Marke werde für eine Zeit nach dem Jahr 2023 ins Auge gefasst. Diese geplanten Ergebnisverbesserungen sind kein Selbstzweck. Für den Vorstand um Diess sind sie vielmehr die Grundlage für ein Überleben des VW-Konzerns. Denn mit der Umstellung auf Elektromobilität und der Entwicklung selbstfahrender Autos steht die Branche vor dem größten Umbau in ihrer Geschichte.

„Das ist keine Übertreibung, sondern die Realität“, erklärte ein Topmanager. Über eine höhere Rendite bei der umsatzstärksten Marke wolle der Vorstand das Geld für die nötigen Investitionen verdienen. Der Bedarf ist groß: In den kommenden fünf Jahren sollen 44 Milliarden Euro für Elektrifizierung und Digitalisierung der Fahrzeugflotte ausgegeben werden.

Bei seinen Sparbemühungen profitiert das neue Management von Fehlern des alten. „In früheren Jahren wurden viele Möglichkeiten zum Sparen vertan, die nutzen wir jetzt“, sagte ein Manager.

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