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Die Autoindustrie von morgen

Dieselskandal Audi kommt bei Umrüstung manipulierter Autos nicht hinterher

Eine Antwort der Bundesregierung zeigt: Audi hat anscheinend noch keine freigabefähigen Software-Updates entwickelt. Das Kraftfahrt-Bundesamt sieht tatenlos zu.
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Dieselskandal: Audi kommt bei Umrüstung nicht hinterher Quelle: AUDI AG
Audi Q7

Trotz der massiven Fristüberschreitungen durch Audi hat das Kraftfahrtbundesamt bisher keine Sanktionen erlassen.

(Foto: AUDI AG)

Düsseldorf Die Bescheide waren eigentlich nicht misszuverstehen. Der Dieselskandal war im vollen Gange, da trudelten ab Ende 2017 die ersten schriftlichen Anweisungen des Kraftfahrt-Bundesamts bei der VW-Konzerntochter Audi ein. Mit klaren Worten forderte die Flensburger Behörde Audi auf, die Softwaretricks aus seinen Dieselmodellen zu entfernen, mit denen die Fahrzeuge auf dem Prüfstand sauber fuhren – auf der Straße aber die Abgasgrenzwerte deutlich überschritten.

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, legte das Flensburger Amt gleich fest, bis wann der Konzern ein Software-Update für die Umrüstung der manipulierten Autos vorzulegen habe.

Der Satz aus dem Formular-Baukasten der Behörde lautete immer gleich, nur die Fristen waren unterschiedlich. „Audi hat bis zum 29.12.2017 eine technische Maßnahme sowie einen Zeitplan zur Herstellung der Vorschriftsmäßigkeit vorzustellen“, hieß es etwa zu den Modellen A4 und A5. Und: „Die sofortige Vollziehung vorstehender Maßnahmen wird (…) angeordnet.“

Am 23. Januar letzten Jahres dann machte das Amt die Pflichten des Autobauers sogar per Pressemitteilung öffentlich. Bei der Überprüfung nahezu aller Drei-Liter-Modelle der Norm Euro 6 seien unzulässige Abschalteinrichtungen nachgewiesen worden, so das KBA. „Audi wurde aufgefordert, dem KBA bis Anfang Februar ein Motorsoftware-Update für die betroffenen Fahrzeuge vorzustellen.“

Das war vor mehr als eineinhalb Jahren. Doch von Sofortvollzug kann bis heute keine Rede sein, wie aus einer Antwort der Bundesregierung hervorgeht. Sie liegt dem Handelsblatt und dem Bayerischen Rundfunk vor. Die Bundestagsfraktion der Grünen hatte eine gemeinsame Recherche beider Medien zum Anlass genommen, die Bundesregierung zu fragen, was denn nun aus der vorgeschriebenen Umrüstung der Audi-Modelle geworden sei.

Erstaunliche Antwort des zuständigen Verkehrsministeriums – bisher so gut wie nichts. Bis auf den Mittelklasse-SUV Q5 und seine Sportausführung SQ5 existieren anscheinend für alle anderen Modelle noch keine freigabefähigen Software-Updates. Offenbar haben die Audi-Verantwortlichen nicht einmal alle notwendigen Behörden-Formulare eingereicht.

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Audi habe „für die „Fahrzeugmodelle Audi A4, A5, Q7, A6 (3.0, 180 kW), A7 (3.0l, 180 kW), A8 (4.2l), A8L (4.2l), A8 (3.0l, 184 kW) sowie A8L (3.0l, 184 kW) (…) noch keine vollständigen Antragsunterlagen vorgelegt“, heißt es wortwörtlich in Nummer 30–32 der Regierungsantworten. „Daher konnten die Software-Updates noch nicht freigegeben werden.“

In der Aufstellung fehlt nur der Mittelklasse-SUV Q5 und seine Sportausführung SQ5. Die Grünen hatten nach allen Modelle sowohl der Norm Euro 6 als auch 5 gefragt. Auf Anfrage heißt es bei Audi dagegen, bei den Euro-6-Modellen seien nach einer KBA-Freigabe fünf von insgesamt acht Bescheiden zu V6– und V8-TDI-Fahrzeugen „in der Umsetzung“. „Bei den EU-5-Fahrzeugen, bei denen wir freiwillige Servicemaßnahmen anbieten, haben wir für knapp 75 Prozent der Fahrzeuge Freigaben erhalten.“

Dabei lassen die Vorgaben aus Flensburg eigentlich keinen Zweifel zu, dass die Ingolstädter Ingenieure massiv in Verzug sind. Keiner der dem Handelsblatt und dem BR vorliegenden KBA-Bescheide gewährt dem Autokonzern länger Zeit als bis zum 2.2.2018, um technische Lösungen zu präsentieren. Das Handelsblatt hatte die Bescheide erst kürzlich online der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Entweder sind die Ingenieure nicht in der Lage, funktionsfähige Software zu entwickeln – oder sie scheren sich nicht um die Vorgaben des KBA.

Offensichtlich ist jedenfalls, dass die Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) unterstellte Behörde sehr langmütig agiert, wenn es um den bayerischen Autokonzern geht. Trotz der massiven Fristüberschreitungen durch Audi hat das Flensburger Amt bisher keine Sanktionen erlassen. Dabei verfügt sie über ein scharfes Schwert.

KBA kann Genehmigung entziehen

Nach Paragraf 25 der EG-Fahrzeuggenehmigungsverordnung könnte das Amt dem Autobauer einfach die Typengenehmigung für alle noch nicht umgerüsteten Fahrzeugmodelle entziehen. Dann müssten die Autos sofort stillgelegt werden.

Bislang wurde aber lediglich „ein Verbot des Inverkehrbringens der Fahrzeuge mit unzulässigen Abschalteinrichtungen angeordnet“, wie es in der Antwort der Bundesregierung heißt. Neufahrzeuge dürfen also nicht mehr mit Abschalteinrichtungen verkauft werden – eine pure Selbstverständlichkeit.

Was aber passiert mit den Pkw, die längst auf Europas Straßen unterwegs sind – und die wegen mangelnder Umrüstung noch immer zu viel Abgas ausstoßen? Insgesamt sind laut Audi 151.000 Fahrzeuge betroffen. Dazu äußert sich die Bundesregierung in ihren Antworten nicht. Vermutlich aus gutem Grund. Der Aufschrei unter Audi-Besitzern wäre sicher groß, wenn die meisten manipulierten Dieselmodelle sofort von der Straße verbannt würden.

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Handelsblatt und Bayerischer Rundfunk haben dazu auch das Bundesverkehrsministerium befragt. Bis Redaktionsschluss kamen auch aus dem Ministerium keine Antworten. Stephan Kühn, Sprecher für Verkehrspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, hat hingegen eine Erklärung für die Untätigkeit des Kraftfahrt-Bundesamts.

Mal wieder schone ein Verkehrsminister aus Bayern einen Autokonzern aus dem Freistaat, kritisiert Kühn. Das KBA fühle sich offenbar weiterhin mehr den Autokonzernen als den Verbrauchern verpflichtet. „Man muss den Eindruck gewinnen, dass der CSU-Verkehrsminister Scheuer über das in Bayern beheimatete Automobilunternehmen schützend seine Hand legt.“

Scheuers Ministerium formuliert in den Antworten der Bundesregierung zumindest unscharf, wenn es um die Verantwortlichkeit für die schleppende Umrüstung geht. Etwa im Fall des Audi A8 mit dem großen 4,2-Liter-Motor – und damit ausgerechnet bei jener Luxuslimousine, bei der die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die höchsten jemals bei einem Euro-6-Fahrzeug gemessenen Stickoxid-Werte festgestellt hatte.

1422 Milligramm Stickoxid-Ausstoß statt der erlaubten 80

Laut Messungen der DUH stieß der A8 im Schnitt 1422 Milligramm (mg) pro Kilometer des giftigen Stickoxids (NOx) aus, der Spitzenwert lag bei 1938 mg NOx. Der zulässige Grenzwert der Euronorm 6 liegt dagegen nur bei 80 mg pro Kilometer. Die Luxus-Limousine überstieg damit sogar den Abgasausstoß vieler alter Euro-4-Diesel erheblich.

Trotzdem fährt das Modell noch immer auf Europas Straßen herum. Die Verzögerung beim A8, so nun das Verkehrsministerium im größten Autoland Europas, gehe aber auf das Konto des kleinen Nachbarn Luxemburg. Audi habe das Modell dort zugelassen. „Das KBA konnte noch keine Software-Updates dazu freigeben, da die notwendigen Tests durch die zuständige Genehmigungsbehörde in Luxemburg noch nicht abgeschlossen wurden.“

Das will man in Luxemburg jedoch so nicht stehen lassen. Es handele sich gar nicht um Tests seiner Behörde, widerspricht Laurent Linden, Direktor der Luxemburger Société Nationale de Certification et d‘Homologation, auf Anfrage. Es gehe vielmehr um Testreihen, die ein Luxemburger technischer Dienst „im Rahmen des deutschen Nationalen Forums Diesel für Audi durchführt“.

Das von Linden ins Spiel gebrachte Forum, das als „Diesel-Gipfel“ bekannt wurde, trat Mitte 2017 zusammen, um zu einer „raschen und nachhaltigen Reduktion“ von Stickoxidemissionen zu kommen, wie es die Abschlusserklärung formuliert. Unter den Teilnehmern und Unterzeichnern: das Bundesverkehrsministerium und Vertreter von Audi.

Mehr: Dem Handelsblatt liegen brisante Bescheide des Kraftfahrt-Bundesamtes über manipulierte Motorentypen vor. Die Papiere helfen bei Klagen gegen den Hersteller.

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5 Kommentare zu "Dieselskandal: Audi kommt bei Umrüstung manipulierter Autos nicht hinterher"

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  • Hr. Guthier
    Ihr Kommentar sagt sehr viel über sie aus.
    Als Aktionär von Daimler und VW kann ich die innerdeutsche gehetzte Stimmung gegen die eigenen Konzerne überhaupt nicht nachvollziehen.

  • Wen wundert es.
    Verbrecher halten sich nicht an Gesetzt und Ordnung.

  • Man glaubt es kaum als Außenstehender, wie die ehemalige Deutsche Top-Industrie manipuliert, sich von der Politik schützen lässt und sich in Gutsherrenart willfährige Politiker hält , die schweigen, statt die Konsumenten und die Umwelt zu schützen. Offensichtlich glaubt man in Deutschland, das die Automobilindustrie in der jetzigen Form Zukunft hätte. NEIN, diese Automobilindustrie, die immer noch fahrlässig dem Verbrennungsmotor huldigt ist das neue Sorgenkind der Deutschen Industrie. Leider traut sich die Deutsche Politik nicht, dies auszusprechen, zu sehr ist sie von dieser abhängig.

  • Jawoll - immer drauf auf die eigene Industrie! Mit voller Härte ohne Rücksicht auf Verluste!
    Die Medien leisten öffentlichkeitswirksam Schützenhilfe und sind entsetzt das hier noch keine Werke stillgelegt wurden.

  • Nun ja, die deutsche Gründlichkeit ist nicht immer vorteilhaft...