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Die Autoindustrie von morgen

Verkehrswende „Verkehrswende jetzt“ – Proteste der Autogegner überschatten IAA

Zigtausend Menschen radeln zum Herzen der deutschen Automobilindustrie. Der erste große Aktionstag der Klimaaktivisten verläuft friedlich, sorgt aber für Behinderungen.
Update: 14.09.2019 - 16:12 Uhr Kommentieren
In Frankfurt wird mit bis zu 20.000 Demonstranten gerechnet. Quelle: dpa
Demonstrationen gegen die IAA

In Frankfurt wird mit bis zu 20.000 Demonstranten gerechnet.

(Foto: dpa)

Friedberg/Frankfurt Die Stimmung auf dem Parkplatz im Innern der Friedberger Burg ist ausgelassen. Jung und Alt haben sich hier mit ihren Rädern versammelt. Eine Seniorin hat ein Schild am Gepäckträger befestigt. „Platz für Oma mit dem Fahrrad“ steht da. Wie viele andere wartet sie darauf, von Gleichgesinnten abgeholt zu werden, die auf ihren zwei Rädern aus Gießen anreisen. Um kurz vor elf Uhr – exakt nach Plan – tauchen vor der Burg die ersten Polizeimotorräder auf, die Straße wird gesperrt. Nur wenig später strömen viele weitere Hundert Radler durch das große Burgtor.

Friedberg in der Wetterau ist nur eine von zig Sammelstationen für die große Sternfahrt zur Internationalen Automobil-Ausstellung nach Frankfurt. Die Strecke Gießen, Friedberg, Bad Vilbel, Frankfurt ist eine von insgesamt 13 Radtouren. Mit der großen Sternfahrt will das Bündnis „Aussteigen“ – mit dabei sind der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, der BUND, der VCD, die Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace und die Naturfreunde – den Frust über eine nach Meinung der Mitglieder völlig verfehlte Verkehrspolitik ausdrücken, die viel zu stark auf das Auto setzt.

Und schon hier in Friedberg zeigt sich: Es wird voll werden in der Main-Metropole. Die Stadt gehört an diesem Samstag nicht den Autofahrern, sondern den Fußgängern und Radfahrern. „Wir wollen zeigen, dass wir auch noch da sind“, ruft eine junge Frau in Friedberg, während sie auf die Weiterfahrt nach Frankfurt wartet. Um Viertel nach elf setzen sich die Radler wieder in Bewegung. Es geht über die Kaiserstraße, die Einkaufsstraße der Stadt in der Wetterau, in Richtung Bad Vilbel und Frankfurt.

Freudig winken einige Passanten am Straßenrand der Truppe zu. Dass die radelnden Klimaaktivisten gegen jenes Vehikel protestieren, mit dem die Passanten auf dem Bürgersteig womöglich kurz zuvor zum Shoppen oder Kaffeetrinken in die Stadt gefahren sind – das ist in diesem Moment egal. Das ungewohnte Bild auf der sonst fast ausschließlich von Autos bevölkerten Kaiserstraße ist einfach nur schön anzusehen.

Minutiös ist alles geplant – auch mit Hilfe aufwendiger Simulationen mit Rechnern. Es geht über Bundestraßen und sogar Autobahnen, die die Polizei kurzzeitig sperrt. Alles läuft nach Plan, ruhig und unaufgeregt. Dennoch hatte die Polizei schon am Freitagmittag über die Behörden-App Katwarn vor größeren Behinderungen durch Demonstrationen an diesem Wochenende gewarnt und empfohlen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Frankfurt zu reisen. Ein Rat so ganz im Sinne der Demonstranten auf zwei Rädern. „Es geht darum, Aufmerksamkeit zu erregen für eine andere Mobilität. Sonst gehen wir alle unter“, sagt ein Teilnehmer.

„Man muss Maximalforderungen aufstellen“

Vor dem Messegelände in Frankfurt erwartet die Radler am Nachmittag kräftige Unterstützung. Dann stoßen tausende Demonstranten zu Fuß dazu, am Mittag ist die zentrale Großkundgebung vor den Toren der IAA geplant. Seit halb zwölf haben sich die Fußgänger an der Hauptwache – dem Zentrum von Frankfurt – versammelt.

Wieder und wieder formulieren die Veranstalter auf einer Bühne vor der St. Katharinen-Kirche ihre Forderungen. Spätestens 2035 müsse der Verkehr komplett klimaneutral sein. Der öffentliche Nahverkehr und das Bahnnetz müssten ausgebaut werden, Vorrang für Fußgänger und Radfahrer, Ausstieg aus der Verbrennertechnologie und ein Tempolimit auf den Autobahnen.

Viele sind gekommen. Auf einem aufs Dach gelegten aufblasbaren SUV prangt die Aufschrift „Verkehrswende jetzt“. Eine komplett in Pink gekleidete Perkussionstruppe sorgt mit ihren Trommeln für Stimmung. Nur langsam setzt sich der Zug ab halb eins in Bewegung. Ganz am Ende marschiert die Organisation Attac – mit einer schwarz gekleideten Puppe, dessen Genital – ein Auspuff – abgesägt wird.

Trotz solcher Provokationen: Es sind keine Fanatiker und Illusionisten, die sich hier versammelt haben. „Mir geht es nicht darum, das Auto zu verdammen. Ich habe selbst eins“, sagt ein Mittfünfziger. Und sein Bekannter ergänzt: „Wir leben auf dem Land, da braucht man das Auto. Aber das ist doch wie bei Tarifverhandlungen. Man muss Maximalforderungen aufstellen, damit sich überhaupt was bewegt.“

Bewegt wird an diesem Samstag viel. Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte die Klimaaktivisten am Donnerstag bei ihrem Messerundgang in den Hallen noch ignorieren. Den Besuchern am ersten Publikumstag der Messe gelingt das nicht. Zu mächtig ist die Protestwelle. Nach Angaben der Polizei versammelten sich am Samstagmittag etwa 15.000 Menschen – davon circa 12.500 Radler – vor den Toren der IAA, die Veranstalter sprachen von rund 25.000 Demonstranten. Bilanz wird am Abend gezogen werden.

Mehr: Wir brauchen in der Debatte ums Auto Lösungen statt Hysterie, kommentiert Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe.

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