Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Auto-Zusammenarbeit Kooperation mit VW gefährdet den deutschen Ford-Standort

Der VW-Konzern übernimmt einen Teil der Ford-Fertigung. Damit entstehen Produktionslücken, die am Ende das Werk in Saarlouis treffen könnten.
04.02.2019 - 17:15 Uhr Kommentieren
Kooperation mit VW gefährdet Ford-Standort Saarlouis Quelle: obs
Ford-Produktion in Saarlouis

Das Ford-Werk in Saarlouis könnte der Leidtragende in der Kooperation bei Nutzfahrzeugen mit VW sein.

(Foto: obs)

Düsseldorf Steven Armstrong machte eine kleine Andeutung, in welche Richtung es gehen könnte. „Wir werden einige harte Entscheidungen treffen müssen“, sagte der Ford-Europa-Chef Mitte Januar. Weil der europäische Teil des US-Autokonzerns rote Zahlen schreibt, sind schon recht bald weitreichende Einschnitte zu erwarten.

Besonders betroffen wären Standorte in Großbritannien und Deutschland, wo Ford am stärksten vertreten ist. Tausende Stellen sind in Gefahr, Werksschließungen dürften ebenfalls auf dem Programm stehen.

Doch zu Details wollte sich Armstrong nicht äußern. „Wir müssen die vorgegebenen Spielregeln einhalten“, betonte er. Und meinte damit vor allem die Gespräche mit Gewerkschaften und Betriebsräten, die in die Verhandlungen einbezogen werden müssen. Mitte des Jahres dürfte es so weit sein: Dann will Ford seine Pläne vorlegen, wie es in Europa weitergehen soll.

Inzwischen ist jedoch die schon länger angekündigte Kooperation mit Volkswagen dazugekommen. Der deutsche und der amerikanische Autokonzern wollen vor allem bei Nutzfahrzeugen kooperieren. Ford und VW werden Transporter, Pick-ups und Stadtlieferwagen künftig gemeinsam produzieren. Das erste Modell soll 2022 von den Bändern laufen, ein Jahr später kommen zwei weitere dazu.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Diese Kooperation bei Nutzfahrzeugen könnte insbesondere bei Ford zu Konsequenzen führen, die über das aktuelle Sanierungsprogramm hinausgehen. Jeweils einer der beiden Hersteller bekommt die Entwicklungs- und Produktionshoheit bei den drei Modellreihen: Ford wird verantwortlich für Pick-ups und Transporter, Volkswagen übernimmt die Stadtlieferwagen (VW Caddy, Ford Transit Connect).

    Der Transit Connect würde dann voraussichtlich aus dem spanischen Ford-Werk in Valencia abgezogen und die Produktion in eine Volkswagen-Fabrik in Polen verlagert. Ford hat von dem Lieferwagen im vergangenen Jahr in Europa mehr als 50.000 Exemplare verkauft. Ginge das Fahrzeug also tatsächlich nach Osteuropa, entstünde in Valencia eine wesentliche Produktionslücke, die Ford mit anderen Produkten füllen müsste.

    Dem Ford-Werk in Spanien droht allerdings nicht nur der Verlust des Transit Connect im Rahmen der Nutzfahrzeug-Kooperation mit Volkswagen. Der US-Konzern hatte bei der Präsentation seines Sanierungsprogramms für das Europa-Geschäft, das 2018 bei 31 Milliarden Dollar Umsatz fast 400 Millionen Dollar Verlust gemacht hat, angekündigt, dass ertragsschwache Modellreihen aufgegeben werden, um Mitte nächsten Jahrzehnts die branchenübliche operative Rendite von sechs Prozent zu erreichen.

    Spanisches Ford-Werk schneidet besser ab

    In Valencia werden heute auch noch der S-Max und der Galaxy gebaut, zwei Minivans, deren Produktionszahlen von Jahr zu Jahr zurückgehen. Unter demselben Problem leidet das Mittelklassemodell Mondeo, das ebenfalls in Spanien von den Bändern läuft. Wie auch die meisten anderen Autohersteller bekommt Ford den starken SUV-Trend zu spüren: Klassische Limousinen wie der Mondeo finden immer seltener einen Käufer.

    Legt der Ford-Konzern das im Januar verkündete Renditeziel von sechs Prozent als Maßstab an, dann müsste die Produktion der renditeschwachen Modelle in Valencia tatsächlich zügig eingestellt werden – und damit würde die Produktionslücke im spanischen Ford-Werk noch größer.

    Grafik

    Unter Experten kursiert bereits eine Antwort darauf, auf welche Weise der US-Konzern auf die wachsenden Probleme in Spanien möglicherweise reagieren wird. „Ford könnte künftig den Focus in Valencia produzieren“, sagt Justin Cox vom britischen Marktforschungsunternehmen LMC Automotive in Oxford. Damit geriete jedoch das Focus-Werk in Saarlouis in Gefahr, wo das Kompaktmodell aktuell produziert wird. Cox fügt jedoch hinzu, dass es keine konkreten Beschlüsse dazu gebe: „Das ist ein Szenario.“

    Aber möglicherweise ein sehr realistisches. Im direkten Vergleich zwischen Valencia und Saarlouis schneidet das spanische Werk in aller Regel immer besser ab. Die Fabrik ist größer, flexibler und so etwas wie ein Schlüsselwerk für Ford Europa. In Valencia werden im Moment sechs verschiedene Modelle gebaut.

    Zudem gilt auch heute noch der Branchengrundsatz, dass die Löhne in Südeuropa um einiges niedriger sind als in Deutschland. Nach Berechnungen des Investmenthauses Evercore ISI liegen die Lohnkosten pro Stunde in Deutschland bei mehr als 54 Euro, in Spanien sind es hingegen nur knapp 26 Euro.

    Ford will sich zu solchen Überlegungen und einer möglichen Verlagerung der Fahrzeugproduktion nicht äußern. „Solche Spekulationen kommentieren wir nicht“, sagte eine Unternehmenssprecherin in Köln. Ergänzend verlautete dazu aus Firmenkreisen, dass die Produktion des neuen Ford Focus gerade erst im vergangenen Jahr in Saarlouis begonnen habe. Kurzfristige Verlagerungen seien deshalb derzeit sehr unwahrscheinlich.

    Standortsicherungsvertrag läuft 2022 aus

    In vier bis fünf Jahren – wenn also die Kooperation von Ford und Volkswagen bei Nutzfahrzeugen richtig greift – hätte das aktuelle Focus-Modell jedoch schon einen Großteil seines Lebenszyklus hinter sich. Eine Verlagerung von Saarlouis nach Valencia wäre dann wesentlich einfacher. Der Standortsicherungsvertrag für die deutschen Ford-Beschäftigten läuft im Übrigen Mitte 2022 aus, betriebsbedingte Kündigungen wären beim deutschen Ford-Ableger und seinen aktuell etwa 24.000 Beschäftigten dann wieder möglich.

    In Gewerkschaftskreisen wird zudem darüber spekuliert, dass Ford Europa vor einem anhaltenden und sehr umfassenden Stellenabbau steht. In zehn Jahren könnte der europäische Ableger des US-Autokonzerns etwa ein Drittel seiner Arbeitsplätze aufgegeben haben. Derzeit kommt Ford in Europa noch auf mehr als 50 000 Stellen. In der aktuell schwierigen Lage könne zudem kaum mit größeren neuen Investitionszusagen gerechnet werden. Ford müsse in Europa erst wieder schwarze Zahlen schreiben und danach dauerhaft das Renditeniveau steigern.

    Unvergessen ist in der europäischen Ford-Belegschaft auch, dass der US-Konzern vor Werksschließungen in Europa nicht zurückschreckt. Ende 2014 wurde die Fabrik im belgischen Genk geschlossen, mehrere Tausend Stellen gingen dadurch verloren. Durch die Verlagerung der Pkw-Produktion profitierte vor allem das Werk in Valencia, weil der Mondeo damals von Belgien nach Spanien wanderte.

    Ende vergangenen Jahres hatte Ford in Saarlouis schon ein erstes Ausrufezeichen gesetzt: Mitte 2019 soll dort die Produktion des Minivans C-Max eingestellt werden, der zusammen mit dem Focus auf einer gemeinsamen Plattform gefertigt wird. Auch der C-Max leidet unter dem stark nachlassenden Interesse der Kunden. Über die Details verhandelt der Konzern derzeit mit dem Betriebsrat.

    Neue Aufgaben für VW-Fertigung in Hannover

    Ford wird dafür in Saarlouis die Nachtschicht komplett streichen. Das Werk soll künftig nur im Zwei-Schicht-Betrieb laufen und ausschließlich den Focus produzieren. Der US-Konzern spart zwar die hohen Nachtzuschläge, der Fixkostenblock verteilt sich jedoch auf eine deutlich geringere Zahl von produzierten Fahrzeugen.

    Im vergangenen Jahr hat Ford in Europa rund 53.000 Exemplare des C-Max verkauft. Mehr als 600 von gut 6.000 Ford-Beschäftigten in Saarlouis verlieren durch die Aufgabe des Autos voraussichtlich ihren Arbeitsplatz. Ihnen sollen Vorruhestandspakete und Altersteilzeit-Programme angeboten werden. Außerdem müssen Leiharbeitskräfte das Werk verlassen.

    Die europäischen Ford-Produktionsstätten werden im Übrigen voraussichtlich nicht davon profitieren, dass der US-Konzern im Rahmen der Kooperation mit Volkswagen die industrielle Führung bei Transportern und bei Pick-ups übernimmt. Nach den aktuellen Planungen wird der VW-Konzern die Fertigung seines Pick-up-Modells Amarok komplett und die des Transporters („Bulli“) zu großen Teilen in Hannover einstellen.

    Der gemeinsam mit Ford geplante neue Pick-up dürfte dann in eine Fabrik des US-Konzerns in Südafrika oder in Südamerika gehen. Den frei werdenden Anteil des VW-Transporters wird wahrscheinlich eine Ford-Fabrik in der Türkei übernehmen. Die Ford-Fabrik in Saarlouis bliebe bei solchen Verschiebungen außen vor. Volkswagen wollte sich zu diesen Plänen nicht äußern. „Kein Kommentar“, sagte ein Unternehmenssprecher in Hannover.

    Ford-Beschäftigte dürften angesichts der deutlich besseren Perspektiven neidvoll zu Volkswagen nach Niedersachsen blicken. Denn während bei Ford der aktuelle Sanierungsprozess vor allem für Unsicherheit sorgt, sind die Arbeitsplätze bei Volkswagen auf Jahre gesichert. Der Betriebsrat hat für die VW-Belegschaft in Hannover eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2028 ausgehandelt.

    Im großen Nutzfahrzeugwerk des VW-Konzerns entstehen auch keine Produktionslücken: Die frei werdenden Kapazitäten werden mit neuen Aufgaben gefüllt. So soll das Werk in Hannover eine führende Rolle bei der Elektrifizierung des Modellprogramms von Volkswagen bekommen. Hannover wird nach 2023 zwei komplett batteriegetriebene Fahrzeuge produzieren, darunter ist auch der ID Buzz, der elektrifizierte Nachfolger des klassischen „Bulli“ von Volkswagen.

    Für Beobachter ist die unterschiedliche Herangehensweise bei Ford und Volkswagen in Sachen Beschäftigungssicherung einfach erklärt. „Jeder ist in erster Linie seinem Heimatmarkt verpflichtet“, sagt ein Gewerkschafter. Für einen US-Manager sei Deutschland letzten Endes sehr weit weg, Volkswagen sei in der Bundes‧republik zu Hause. „Ein VW-Vorstand würde es niemals wagen, eine eigene Fabrik in Deutschland zu schließen.“

    Startseite
    Mehr zu: Auto-Zusammenarbeit - Kooperation mit VW gefährdet den deutschen Ford-Standort
    0 Kommentare zu "Auto-Zusammenarbeit: Kooperation mit VW gefährdet den deutschen Ford-Standort"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%