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Autobauer Machtkampf um VW-Chef Diess spitzt sich zu – Vertragsverlängerung ist weiter unwahrscheinlich

Herbert Diess manövriert sich mit der Forderung nach einer Vertragsverlängerung ins Abseits. Die Besetzung der Vorstandsposten wurde im Aufsichtsrat daher verschoben.
09.12.2020 Update: 10.12.2020 - 18:03 Uhr 3 Kommentare
Mit seiner Forderung nach einer Vertragsverlängerung stößt der VW-Chef auf wenig Verständnis. Quelle: Reuters
Herbert Diess

Mit seiner Forderung nach einer Vertragsverlängerung stößt der VW-Chef auf wenig Verständnis.

(Foto: Reuters)

Frankfurt, Düsseldorf So richtig haben die Aufsichtsräte von Volkswagen nicht zueinander gefunden. Eine kurzfristig um einen Tag auf Mittwochabend vorgezogene Sitzung verzögerte sich erst und zerfaserte dann, wie es in Kreisen des Konzerns hieß. Mal tagten die Spitzen im Präsidium für sich, dann diskutierten die Vertreter von Kapital und Arbeit getrennt. Mal war Vorstandschef Herbert Diess dabei, mal musste er wie ein Schuljunge vor der Tür des Tagungsraums im dritten Stock der Wolfsburger Konzernzentrale warten.

Zwei Stunden zog sich das Prozedere. Zurück blieben zwanzig Aufsichtsräte, die ihren Frust und ihre Verärgerung kaum zurückhalten konnten. Auf dem Tisch lag ein fertig ausgehandelter Kompromiss darüber, wie der Vorstand künftig aussehen soll. Denn das ist einer der größten Konfliktherde in Wolfsburg: Seit Wochen wird bei VW darüber gestritten, wie es mit der obersten Führungsriege weitergeht.

Drei Positionen muss der Aufsichtsrat besetzen. Als Nachfolger für den scheidenden Finanzvorstand Frank Witter ist Arno Antlitz vorgesehen. Das Einkaufsressort soll Murat Aksel übernehmen, und die Komponentenwerke könnten unter die Kontrolle von Thomas Schmall kommen. Die drei Kandidaten arbeiten bereits für den VW-Konzern und haben das zustimmende Plazet der wichtigsten Eigentümer bekommen, wobei das Votum der Familie Porsche/Piëch als größter Aktionärsgruppe entscheidend ist.

Der Kompromiss war am Mittwochabend greifbar nahe – und scheiterte doch. Gegenüber den Aufsichtsräten habe VW-Chef Herbert Diess die Forderung erhoben, dass sein Vertrag vorzeitig verlängert werden solle, verlautete aus Unternehmenskreisen. Sein bis April 2023 laufender Kontrakt soll demnach schon jetzt aufgelöst und durch einen neuen Vertrag mit einer Laufzeit von fünf Jahren ersetzt werden, hieß es ergänzend.

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    Bislang hatte Diess diese Forderung lediglich bei internen Gesprächen und über Vertraute in einzelnen Medien durchsickern lassen. Die nun erstmals unmittelbar vor dem Aufsichtsrat erhobene Bedingung für seine Zustimmung stieß bei Kontrolleuren auf Unverständnis. Er habe einen laufenden Vertrag, hieß es dazu. Was Diess nun versuche, komme einer Erpressung des obersten Kontrollgremiums gleich.

    Zunächst konnte sich Diess in der Aufsichtsratssitzung mit seinen Vorstellungen durchsetzen. Das zwischen ihm, dem Betriebsrat und der Familie ausgehandelte Tableau zur Besetzung der freien Vorstandsposten wurde am Mittwoch nicht beschlossen, weil Diess damit die von ihm gewünschte Vertragsverlängerung verknüpfen wollte. Es habe keine Entscheidungen gegeben, bestätigte ein Sprecher des Gremiums, ohne in Details zu gehen. „In der Sache hat sich heute nichts bewegt“, verlautete im Anschluss an die Sitzung aus Unternehmenskreisen.

    Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte die Entscheidung über das Paket vertagt. „Auch aus Sorge, das Treffen könnte eskalieren“, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Noch vor Weihnachten will das Gremium zu einer weiteren Sitzung zusammenkommen. Auf der Tagungsordnung werde dann auch der Vertrag von Diess stehen, hieß es in informierten Kreisen.

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    Es gilt als vergleichsweise sicher, dass der Aufsichtsrat darüber Ende kommender Woche beraten wird. „Wie viel Erfolg diesem neuen Anlauf beschieden sein wird, müssen wir sehen“, sagte ein informierter Manager.

    Für viele in Wolfsburg ist der aktuelle Konflikt zwischen Diess und dem Aufsichtsrat kaum nachzuvollziehen. Denn mit seiner grundsätzlichen strategischen Neuausrichtung mit Blick auf Elektromobilität und Digitalisierung stößt der Vorstandschef auf breite Zustimmung. Im November hatte der Aufsichtsrat gerade erst gut 70 Milliarden Euro freigegeben, mit denen Diess in den nächsten Jahren seinen Transformationskurs fortsetzen kann.

    Es bleibt ein höchst ungewöhnlicher Vorgang, dass der Vorstandschef eines Unternehmens seinem eigenen Aufsichtsrat die Tagesordnung aufdrängt und einen neuen Vertrag einfordert. Bestimmt doch eigentlich das Gremium selbst, worüber verhandelt wird. Die Eigentümer bestimmen darüber und nicht die Angestellten – mag es wie jetzt bei VW auch der eigene Vorstandsvorsitzende sein. So ist es in den Regeln für gute Unternehmensführung festgeschrieben, dem sogenannten Corporate Governance Kodex.

    Diess hat das Vertrauen der Familien

    Schon dieser formale Vorbehalt macht es den VW-Aufsichtsräten schwer, Diess entgegenzukommen. Die überwiegende Mehrheit der Kontrolleure wolle sich nicht weiter von ihm vorführen lassen, hieß es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Ohne die Rückendeckung der Familie Porsche/Piëch wäre die Zeit von Diess an der Spitze des Konzerns wahrscheinlich schon längst abgelaufen. Doch aus Sicht der Familie ist Diess der Garant dafür, dass der Einfluss des mächtigen Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh nicht noch weiter wächst.

    Erst im Frühsommer hatte Diess das Unternehmens ins Chaos gestürzt, als er dem Aufsichtsrat vor 2500 Topmanagern Gesetzesbrüche vorwarf. Nur um Haaresbreite entging er im Juni dem Rauswurf. Auch damals waren es die Familienvertreter um Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, die sich auf die Seite des aktuellen Vorstandsvorsitzenden stellten. Das gilt auch jetzt noch. Die Porsches und die Piëchs stützen den VW-Boss derweil weiter. Er habe das Vertrauen der Familie, sagte ein Sprecher.

    Zwar fordert niemand den Abgang des Vorstandschefs, und sogar Betriebsratschef Osterloh bekundet öffentlich, dass er mit Diess auch in den nächsten Jahren zusammenarbeiten wolle. Doch mit der jüngsten Volte schrumpft der Rückhalt für Diess an anderer Stelle. Auffällig war, wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vor wenigen Tagen ein klares Bekenntnis zu Diess vermied.

    Auf die Frage, ob Diess bei Volkswagen weiterhin an Bord bleibe, hatte Weil dem „Spiegel“ gesagt: „Ich bin als Aufsichtsrat gehalten und immer gut damit gefahren, bei solchen Fragen einfach ganz konsequent den Mund zu halten.“ Weil vertritt außer Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) im VW-Aufsichtsrat die Interessen von Niedersachsen, dem zweitgrößten Aktionär des Konzerns.

    Große Hoffnungen auf eine Vertragsverlängerung kann sich Diess nicht machen. Der Widerstand der meisten Aufsichtsräte ist groß. Und dann gibt es da noch das VW-Gesetz, das dem Vorstandschef und seinem Wunsch nach vorzeitiger Vertragsverlängerung hohe Hürden entgegenstellt. Da Diess bei einer Verlängerung die Altersgrenze von 65 Jahren überschreiten würde, ist für die Ausnahmeregelung eine Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat nötig.

    Also bräuchte Diess die Zustimmung von mindestens vier Vertretern der Arbeitnehmerbank, was in Wolfsburg als völlig illusorisch gilt. Mit seinem unaufhörlichen Beharren auf einen neuen Vertrag legt der VW-Boss sein persönliches Schicksal letztlich in die Hände des aus seiner Sicht größten Widersachers, nämlich in die Hände von Betriebsratschef Bernd Osterloh.

    Diess sieht sich in einem Kulturkampf

    Ihn beschreiben Diess und sein Umfeld als größten Blockierer im gesamten Unternehmen. Häufig ist auf der Diess-Seite von der „Festung Wolfsburg“ die Rede. Betriebsrat und die IG Metall würden erforderliche Veränderungen gerade an den deutschen VW-Fabriken verhindern.

    In anderen Unternehmen würden die Arbeitnehmer nicht über die Besetzung des Finanzvorstands mitentscheiden, lautete eine der jüngsten Klagen aus dem Diess-Umfeld. Doch mehr als diese Vorwürfe gibt es nicht. Diess hat bislang nicht konkret belegen können, wo er von Osterloh in seiner Arbeit behindert wird.

    Hochrangige Konzernkreise vermuten daher, dass Diess ein anderes Ziel verfolgt. Seit dem Fast-Rauswurf im Juni ist seine Machtbasis angegriffen Aus Sicht von Topmanagern hat Diess selbst dazu beigetragen, indem er seiner Mannschaft immer wieder Unvermögen vorgehalten hat. Zudem wird Diess angekreidet, dass er erfolgreiche Manager wie Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann aus dem Unternehmen herausgedrängt hat.

    Führungskräfte berichten, dass der VW-Chef immer stärker isoliert sei. Diess verhalte sich wie ein Getriebener, berichten Menschen, die zuletzt viel Zeit mit ihm verbracht haben. Allerorten wittere er eine Kampagne gegen sich. Führungskräfte verlören den Zugang zu ihm. Hinter Vorschlägen sehe er zu oft den Versuch von versteckten Intrigen.

    Eine vorzeitige Vertragsverlängerung wäre dann ein Signal an die eigene Mannschaft, dass der Aufsichtsrat die Zusammenarbeit mit Diess noch für längere Zeit fortsetzen wolle. „Diess braucht diesen Vertrauensbeweis“, hieß es zuletzt aus seinem Umfeld. Außerdem brauche er eine Bestätigung dafür, dass ihn die Familie in den beinahe alltäglichen Auseinandersetzungen mit Betriebsratschef Osterloh weiterhin unterstütze.

    Völlig offen bleibt allerdings, was in der kommenden Woche passieren wird, wenn sich der Aufsichtsrat auf seiner Sitzung der Forderung nach einer Vertragsverlängerung verweigert. Eigentlich bliebe Diess in diesem Fall nur der Ausweg, seine Forderung zurückzunehmen. Dann hätte er genau das erreicht, was er eigentlich verhindern wollte: Betriebsratschef Osterloh ginge gestärkt ins neue Jahr.

    Mehr: Volkswagen-Chef Herbert Diess: „Will Vertrag bis 2023 erfüllen“

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    3 Kommentare zu "Autobauer: Machtkampf um VW-Chef Diess spitzt sich zu – Vertragsverlängerung ist weiter unwahrscheinlich"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Naja, diese "Dieseltechnik", wie sie schreiben, war lange Zeit Stand der Technik. Schon vor vielen Jahren hat mir ein befreundeter KFZ-Ing erzählt, dass der Gesetzgeber auf Wirken der Auto-Lobby Schlupflöcher in die Abgasvorschriften eingebaut hat. Es war ein offenes Geheimnis und völlig legal (zumindestens in der EU) so vorzugehen und die Lücken auszunutzen. Dass die USA das anders sehen könnte, war das Risiko, dass die Herstellere halt eingegangen sind.

      Und heute spielt sich genau das gleiche Spiel ab. Jeder weiss doch, dass ein Hybrid nicht mit 2,3 Liter Kraftstoff auskommt, zumindest nicht außerhalb des Prüfstandes. In einigen Jahren wird das wohl auch vor Gerichten als Hybrid-Betrug verhandelt. Obwohl jedes Kind sich dessen jetzt schon bewusst ist.

      Auch die Akku-Autos sind heute alles andere als CO2-frei; das hindert doch die Autohersteller nicht daran, trotzdem damit zu werben, ganz von der extrem umweltschädlichen Rohstoffgewinnung in Entwicklungsländern abgesehen --> nächste zu erwartende Klagewelle.

      Insofern halte ich persönlich diese ganze Diesel-Betrugs-Diskussion für ziemlich heuchlerisch; aber sie wird sich mit Sicherheit in ähnlicher Form wiederholen. Und das weiss höchstwahrscheinlich auch Herr Diess und wird in späteren Jahren keine Vorstandsgehälter zurückzahlen wollen.


    • @Herr Torsten Gröschel

      Hr. Diess war nicht dabei, als sich der Volkswagenkonzern sich mit seiner „Dieseltechnik“ verschrammte und mehr als 30 Mrd. an Strafen und Kosten eingefahren hat.
      Aber er hat maßgeblich dazu beigetragen, diesen Schaden aufzuräumen und gleichzeitig den Mut und die Kraft bewiesen, diesen globalen Koloss von in die richtige Richtung zu lenken, trotz all der neuen Belastungen.
      Als Dieselfan glaube ich, dass die Zukunft nahezu vollständig den E Antrieben gehört. Hr. Gröschel, wer ist denn fähig jetzt VW besser zu führen als Hr. Diess?

    • Dass der VW Vorstand sich die Eskapaden von Batterie-Diess überhaupt ( schon so lange) gefallen lässt, ist völlig unbegreiflich. Setzt endlich jemanden auf den Posten, der technologieoffen und weniger selbstverliebt ist.

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