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Von England nach Rüsselsheim

Um die gut 3000 Beschäftigten in der Produktion auch künftig mit Arbeit auszulasten, braucht das Werk dringend ein zweites Modell. Das soll der Astra werden.

(Foto: Reuters)

Autobauer Opel holt den Astra zurück nach Rüsselsheim

Ab 2021 wird das Modell wieder am Opel-Stammsitz gefertigt. Der Preis für das Werk in Rüsselsheim ist hoch: Die Produktionskapazitäten sollen um ein Drittel schrumpfen.
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München Der Autobauer Opel kämpft an seinem Stammsitz in Rüsselsheim mit hohen Überkapazitäten – in der Entwicklung wie in der Produktion. Weil im Sommer die Fertigung des Familien-Vans Zafira Tourer ausläuft, droht sich die Situation zu verschlimmern.

Denn dann rollt in Hessen nur noch das Opel-Flaggschiff Insignia vom Band. Um die gut 3000 Beschäftigten in der Produktion auch künftig mit Arbeit auszulasten, braucht Rüsselsheim dringend ein zweites Modell.

Nun zeichnet sich ab, welches Fahrzeug neben dem Insignia am Opel-Sitz gefertigt werden dürfte. Der sogenannte „Site Selection Process“ für den Astra, also die Standortsuche für den neuen Kompaktwagen, ist nach Informationen des Handelsblatts aus Konzernkreisen weitgehend abgeschlossen.

Demnach gibt es nur noch zwei Szenarien: Variante eins besagt, dass das Nachfolgemodell des Astra wie bisher mit einem Volumen von 75 Prozent im englischen Ellesmere Port gebaut wird und das restliche Volumen statt wie aktuell im polnischen Gliwice in Rüsselsheim gefertigt wird.

Wegen des Brexits und den aktuell bestehenden hohen Währungsrisiken gilt allerdings Variante zwei als deutlich realistischer. Demnach soll drei Viertel des Volumens des neuen Astra dem Standort Rüsselsheim zugesprochen werden und nur noch die Rechtslenker für den britischen Markt lokal in Ellesmere Port vom Band laufen.

Schon in der kommenden Woche soll eine endgültige Entscheidung dazu fallen, heißt es in Konzernkreisen.

Damit ist klar: Opel holt den Astra zurück nach Rüsselsheim. Das Modell wurde bis 2015 schon einmal in Hessen produziert. Ab Ende 2021 soll die künftige Generation des Kompaktwagens wieder das Siegel „Made in Germany“ tragen. Über die Pläne hatte zunächst „Echo Online“ berichtet.

Im Rüsselsheimer Werk hält sich der Jubel über die Nachricht zur Rückkehr des Astra freilich in Grenzen. Denn der Preis für den Zuschlag des Kompaktwagens ist hoch. Im Gegenzug sollen die Produktionskapazitäten der Fabrik um ein Drittel schrumpfen, heißt es in Konzernkreisen.

Gewerkschaft kündigt Widerstand an

Während es heute möglich ist, bis zu 60 Fahrzeuge pro Stunde in Rüsselsheim zu fertigen, sollen es künftig nur noch 40 Wagen pro Stunde sein. Die Vertrauensleute der Gewerkschaft IG Metall haben intern bereits Widerstand gegen das Vorhaben der Geschäftsführung um Opel-Chef Michael Lohscheller angekündigt.

„Diese Schrumpfungsstrategie für das Stammwerk Rüsselsheim akzeptieren wir nicht“, heißt es in einer Resolution der Vertrauensleute, die dem Handelsblatt vorliegt. Die Arbeitnehmervertreter fordern, dass alle Investitionszusagen „bedingungslos“ sein müssen und werfen der Geschäftsführung einen Bruch des Tarifvertrags vor.

„Eine Schrumpfung des Werks wird Geist und Inhalt des Tarifvertrags nicht gerecht“, heißt es in der zweiseitigen Resolution. Zudem will die Opel-Geschäftsführung von der Belegschaft offenbar Zugeständnisse bei Arbeitszeit und Entlohnung einfordern, bestätigen zwei Insider unabhängig voneinander.

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Opel selbst äußerst sich dazu nicht konkret: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Spekulationen nicht kommentieren. Grundsätzlich gilt: Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit und Auslastung unserer Werke weiter verbessern, dies gilt natürlich auch für Rüsselsheim.“

Der Anlauf des neuen Astra wird allerdings erst Ende 2021 starten. Bis dahin ist die Rüsselsheimer Fahrzeugfabrik absehbar mit einer erheblichen Unterauslastung konfrontiert. Wie das Handelsblatt bereits Ende vergangenen Jahres berichtet hat, erwägt Opel daher unter anderem Kurzarbeit in seinem Stammwerk.

Einen möglichen Personalabbau wollen die IG Metall Vertrauensleute dagegen „nicht akzeptieren“. Die Gewerkschafter sind offenbar in Sorge, dass der französische Opel-Mutterkonzern PSA (Peugeot, Citroën) darauf drängen könnte, einen Teil der Stammbelegschaft in den deutschen Tochterwerken sukzessive durch Leiharbeiter zu ersetzen.

Die Produktions-Philosophie von PSA sehe eine „massive Ausweitung der Leiharbeit vor“, heißt es in der Resolution der Vertrauensleute. In den französischen PSA-Werken liege der Leiharbeitsanteils teils bei mehr als 50 Prozent, schreiben die Gewerkschafter: Menschen würden dabei häufig für ein halbes Jahr eingestellt, ausgepresst und wenn sie körperlich am Ende seien, wieder entlassen.

Aus Sicht der IG Metall ist diese Strategie in Hochlohnländern wie Deutschland „kontraproduktiv“. Gegen einen systematischen Einsatz von Leiharbeitern oder eine „Ausbeutung auf Zeit“ verwahren sich die Arbeitnehmervertreter.

Hohe Arbeitskosten in Deutschland

Klar ist: Obwohl Opel seit der Übernahme durch PSA im Sommer 2017 bereits Tausende Mitarbeiter abgebaut hat und erstmals seit 20 Jahren wieder Gewinne schreibt, sind die Kosten bei der Marke mit dem Blitz immer noch zu hoch, um mittel- und langfristig im harten Wettbewerb der Autobauer bestehen zu können.

„Die deutschen Standorte sind ökonomisch besonders schwach und weisen das größte Gefährdungsrisiko auf“, konstatiert Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center of Automotive Research (CAR). Sein Institut hat modellhaft errechnet, wie die einzelnen Opel-Standorte gemessen an den Arbeitskosten in den einzelnen Ländern im Wettbewerbsvergleich abschneiden.

Das Fazit: In Deutschland betragen die Arbeitskosten für ein Mittelklassefahrzeug laut CAR-Berechnungen im Schnitt 2150 Euro, während in Polen, Ungarn, Slowakei, Portugal bei identischen Werken Einsparungen bis zu 70 Prozent der Arbeitskosten möglich sind. In allen genannten Ländern unterhält PSA Fabriken.

Rechnet man die Zulieferteile hinaus, steht das Personal in der Regel für mehr als 40 der Gesamtkosten in einer Fahrzeugproduktion. Im internen PSA-Konzernvergleich hinken die heimischen Opel-Werke in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach hinterher. PSA-Chef Carlos Tavares will das ändern und Opel weiter auf Effizienz trimmen.

Der Astra ist nach dem Corsa das absatzstärkste Modell von Opel. Im vergangenen Jahr verkaufte der Konzern rund 182.000 Einheiten des Modells. Das klassische Kompaktwagensegment ist allerdings durch den SUV-Boom unter Druck. In Ellesmere Port wurden daher 2018 nur noch knapp 76.500 Astra produziert.

Selbst wenn dieses Volumen eins zu eins auf den Standort in Rüsselsheim überginge, ließe sich die Fabrik in Hessen keineswegs völlig auslasten. Der Stammsitz in Hessen bekommt mit der neuen Astra-Generation in zwei Jahren aber zumindest eine Perspektive, wenngleich eine, die mit einer Schrumpfung verbunden sein dürfte.

Schlimmer trifft es wohl den britischen Standort in Ellesmere Port. Alle Astra-Varianten, bei denen das Lenkrad links befestigt ist für den Markt am europäischen Festland, wandern wohl nach Hessen. In der Produktion nahe Liverpool verbleiben den aktuellen Plänen zufolge wohl nur jene Varianten mit dem Lenkrad auf der rechten Seite, die in Großbritannien und Südafrika verkauft werden. Die Folge dürften weitere Einschnitte sein.

Dabei wurden in Ellesmere Port erst im vergangenen Jahr 320 Stellen gestrichen, dieses Jahr fallen weitere 240 Jobs weg. Die Truppe des Werks schrumpft bis Jahresende auf kaum mehr als 900 Mitarbeiter.

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