Autobauer VW baut Software-Zentrum in Lissabon auf – mit strengen Regeln für seine Entwickler

Im neuen Software-Zentrum dürfen die 300 Programmierer weder telefonieren noch E-Mails schreiben. Dafür lässt der Konzern ihnen inhaltlich freie Hand.
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VW: Volkswagen baut Software-Zentrum in Lissabon auf Quelle: AFP
Volkswagen in Lissabon

In der portugiesischen Hauptstadt baut der Wolfsburger Autobauer ein Software-Zentrum auf.

(Foto: AFP)

LissabonEinen alten Stadtpalast hat sich Volkswagen mitten in der Innenstadt von Lissabon als Sitz für seine Zukunft ausgesucht: In dem Gebäude, in das seine ersten Besitzer noch mit der Pferdekutsche eingefahren sind, entsteht das neue Entwicklungszentrum des Volkswagen-Konzerns.

300 Programmierer sollen in Lissabon demnächst digitale Lösungen für die Dienste entwickeln, die bis zum Auto reichen. So sollen Kunden sich per App künftig ihre Online-Einkäufe in den Wagen liefern lassen können oder der App Zugriff auf ihren Terminkalender gewähren, damit die selbständig mit der Werkstatt Termine für einen Ölwechsel vereinbart.

„Früher haben wir solche Entwicklungen extern in Auftrag gegeben“, sagt IT-Chef Martin Hofmann vor Journalisten in Lissabon. Doch bis per Ausschreibung ein Dienstleister ausgesucht wurde und das Produkt fertig war, habe es in der Regel ein Jahr gedauert. „Wenn wir das selbst machen, sind wir in drei Monaten soweit“, sagt Hofmann.

Um so schnell zu sein steckt der Konzern seine Entwickler in ein Korsett von strengen Vorgaben: Die Arbeit beginnt für alle morgens um 8:30 Uhr mit einem Frühstück, gefolgt zwei Meetings mit dem Plan des Tages. Danach geht es an die Arbeit – und zwar ohne störende Unterbrechungen: die PCs erlauben keine Emails, nur eine eingeschränkte Nutzung des Internets und auch telefonieren ist nicht erwünscht. Dafür ist um 17 Uhr für alle Feierabend.

„Nicht dass hier der Eindruck entsteht, wir hätten Nord-Korea nachgebaut“, sagt Hofmann und lacht. „Ich war auch erst skeptisch, aber es funktioniert.“ Die Methode stammt nicht etwa aus entfernten Zeiten oder rigiden Diktaturen, sondern aus der Schmiede der Kreativität schlechthin, dem Silicon Valley.

Vor zwei Jahren haben sich Hofmann und Kollegen nach Kalifornien aufgemacht, um zu lernen, wieso Entwickler dort so kreativ und schnell sind. Dabei wurden sie auf die US-Firma „Pivotal“ aufmerksam, die – wie viele andere auch – eine Methode namens „Extreme programming“ mit genau den rigiden Vorgaben nutzt, die nun VW in seinen Entwicklungszentren übernimmt.

Die Idee dahinter ist, die Teams durch nichts von der intensiven Programmier-Arbeit abzulenken und ihnen innerhalb der Vorgaben freie Hand zu lassen und die Verantwortung für das Endprodukt zu übertragen. Gearbeitet wird stets im Tandem: Einer programmiert und der andere hinterfragt alles. Nach drei Stunden werden die Rollen getauscht und jeden Tag die Paare neu gemischt. So soll eine Dynamik entstehen, bei der jeder einmal jeden Aspekt des Produktes bearbeitet hat. „Die Fehlerquote liegt bei nahe null“, schwärmt Hofmann.

Volkswagen ist nicht der einzige Konzern, der sich Management-Methoden aus dem Silicon Valley abguckt. Zahlreiche Großunternehmen sind inzwischen dazu übergegangen, neue Projekte nach der so genannten agilen Software-Entwicklung zu organisieren, zu der auch das extreme programming gehört. Dabei geht es vor allem darum, die früher oft langwierigen Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, indem kleine Teams flexibel und eigenverantwortlich arbeiten.

VW hat sich Portugal dafür ausgesucht, weil es dort genügend gut ausgebildete Programmierer gibt und der Konzern in dem Land durch seine Autofabrik bereits gut verdrahtet ist. „Für die Entwicklung von digitalen Diensten muss man dahin gehen, wo die Menschen sind, bei den Fabriken früher war das umgekehrt“, erklärt Hofmann. Weitere Entwicklungsstandorte hat der Konzern in Barcelona, Pune, San Francisco und Berlin. Lissabon ist mit den geplanten 300 Stellen aber der größte Standort. In einer zweiten Phase sollen noch einmal weitere Stellen in der portugiesischen Stadt hinzukommen.

Hans-Joachim Böhmer, Geschäftsführer der deutsch-portugiesischen Handelskammer in Lissabon berichtet, dass derzeit so viele Firmen Softwareschmieden in Portugal gründeten, dass es bereits schwer werde, genügend geeignete Bewerber zu finden. Neben VW sind auch BMW und Mercedes mit eigenen Zentren vertreten, aber auch Konzerne wie Siemens oder Bosch setzten auf die portugiesischen Tüftler, die meist sehr gut Englisch und oft auch deutsch sprechen. Bei guten Deutschkenntnissen zahlen die Firmen laut Böhmer 50 bis 80 Prozent eines deutschen Lohns und profitieren so von dem niedrigeren Gehaltsniveau in Portugal.

Hofmann erklärt jedoch, VW habe keine Probleme gehabt, Leute zu finden. „Für die 300 Stellen in Lissabon haben wir 1600 Bewerbungen erhalten – das sind Traumzahlen, die wir woanders kaum erreichen“, sagt er. Doch auch VW bietet seinen Programmierern mehr als nur geregelte Arbeitszeiten und eine sichere Stelle. Brauchen die Tandems eine Pause von der intensiven Programmierarbeit, steht eine Tischtennisplatte bereit, zudem gibt es in dem alten Stadtpalais Essen und Trinken, das sich jeder nehmen kann.

Insgesamt will der Konzern 2000 eigene Entwickler anstellen – und damit dann 20 bis 30 Prozent all der Software-Produkte selbst entwerfen, die bislang extern erledigt wurden. Der Rest soll weiterhin außer Haus laufen.

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