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Autobranche Die Allianz von VW und Ford ist fast perfekt

Die Wolfsburger wollen sich mit dem US-Wettbewerber verbünden. Die Verhandlungen standen oft auf der Kippe. Jetzt muss nur noch der Aufsichtsrat zustimmen.
Update: 04.07.2019 - 22:10 Uhr Kommentieren
Die Allianz von VW und Ford ist fast perfekt Quelle: dpa
Herbert Diess (links) und Jim Hackett

Die Wolfsburger wollen sich mit dem US-Wettbewerber verbünden. Jetzt muss nur noch der Aufsichtsrat zustimmen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Sitzungen des Aufsichtsrats haben bei Volkswagen zuletzt mehrfach eine Eigendynamik entwickelt. Einzelne Themen wurden von der Tagesordnung gestrichen oder das Gremium drückte dem Vorstand ohne Absprache Entscheidungen auf, wie Teilnehmer berichten. Für den Donnerstag kommender Woche ist das nächste Treffen angesetzt – und dann sollte unter den 20 Kontrolleuren Einigkeit bestehen. Vorstandschef Herbert Diess will ihnen seine Pläne für eine weitreichende Zusammenarbeit mit dem US-Autohersteller Ford zur Zustimmung vorlegen.

Die beiden Autokonzerne haben bereits im Januar eine gemeinsame Fertigung von Pick-ups vereinbart. VW will für diese bulligen Fahrzeuge die Werke von Ford nutzen, um endlich in dem Marktsegment Erfolg zu haben. Dies war aber nur der Auftakt. VW-Chef Diess und sein Kollege bei Ford, Jim Hackett, haben mehr vor: Sie wollen in den Feldern Elektromobilität und selbstfahrende Autos sowie bei der Fertigung von Transportern kooperieren.

Es geht also um die Zukunft – und die Autokonzerne betreten dabei Neuland. Volkswagen bietet Ford gegen ein Nutzungsentgelt den Zugang zu seinem Modularen-Elektro-Baukasten (MEB) an. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich die Plattform, auf deren Basis künftig die meisten Elektroautos des VW-Konzerns gefertigt werden sollen. Die Wolfsburger sind mit dem MEB unter den großen Herstellern führend, aber das hatte auch seinen Preis. Die Entwicklungskosten lagen in Milliardenhöhe. Ein Teil davon soll über Ford wieder reinkommen, hieß es nun.

Für Ford soll die Öffnung zu Volkswagen im Gegenzug das Geschäft in Europa retten. Ohne Elektroautos könnte der US-Konzern den durchschnittlichen Verbrauch der in den europäischen Ländern verkauften Fahrzeuge nicht so stark senken, wie es die EU fordert. Ford müsste vom Jahr 2021 an hohe Bußgelder zahlen, deren Höhe die Existenz in Europa gefährden würde.

Hohe Einsparungen versprechen sich Diess und Hackett auch von einer gemeinsamen Entwicklung selbstfahrender Autos. Zwar sind die Nummer eins (VW) und Nummer vier (Ford) schon heute Schwergewichte in der Branche. Die Ausgaben für diese Systeme sind allerdings immens, da umfangreiche Tests und Entwicklungsarbeiten nötig sind. Aus Sicht der Branche haben hier Hersteller aus China einen großen Vorteil, da in dem Land mehr Daten gesammelt und genutzt werden dürfen.

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Joint Venture zwischen Argo und AID geplant

Ford hat sich mit der Übernahme von Argo eine gute Ausgangsbasis verschafft. Als Tochtergesellschaft des US-Konzerns treibt Argo jetzt die Entwicklung autonomer Systeme voran. An dieser Gesellschaft wollen sich die Wolfsburger beteiligten. Geplant ist ein Joint Venture, in das Volkswagen die Münchener Audi-Tochter AID einbringen dürfte. AID arbeitet für Audi an autonomen Programmen.

Zuletzt hatten die von Hackett und Diess entsandten Verhandlungsführer hart über den Preis gestritten. Die Gespräche waren laut informierten Kreisen zeitweilig festgefahren – die Kooperation drohte zu scheitern, bevor sie richtig angefangen hatte.

Letztlich haben sich beide Seiten aber geeinigt, jetzt fehlt noch die Zustimmung des VW-Aufsichtsrats. Den Raum dafür schaffte eine Neubewertung der autonomen Aktivitäten. Aus Sicht von Experten werden autonom fahrende Autos später auf die Straßen kommen als ursprünglich angenommen und wohl von weniger Kunden in Anspruch genommen. Dieser Realismus lasse die Preise fallen, hieß es in Konzernkreisen. Zuerst dürften sich autonome Systeme im kommerziellen Bereich durchsetzen. Unternehmen im Transportbereich können richtig viel Geld sparen, wenn Fahrer nicht mehr notwendig sind.

Die umfassende Zusammenarbeit in den wichtigen Zukunftsfeldern bietet den Autoherstellern enorme Vorteile. Einfach waren die Verhandlungen aber nicht. „Jedes Unternehmen hat seine Eigenheiten, auf die man Rücksicht nehmen muss. Und es geht auch um Eitelkeiten“, ergänzte ein hochrangiger Manager dem Handelsblatt gegenüber. Ford wie auch Volkswagen sehen sich als Pioniere der Automobilbranche.

Billigt der Volkswagen-Aufsichtsrat das Bündnis mit Ford, dann dürfte dies einer der größten Erfolge für Diess als VW-Chef sein. Gegenüber den Rivalen Toyota und Hyundai aus Asien wie auch gegenüber BMW und Daimler hätten die beiden Verbündeten enorme Kostenvorteile. Diese allerdings kämen nur zustande, wenn die Mitarbeiter von Ford und Volkswagen eng miteinander arbeiten.

Ford steht in Europa unter Druck

Die Unternehmen bestätigten Gespräche über eine Allianz. Man sei auf einem guten Wege, hatte VW-Chef Diess kürzlich vor Topmanagern gesagt. Eine Ford-Sprecherin betonte, „die Gespräche mit Volkswagen sind in einer Reihe von Bereichen produktiv verlaufen“. Zu Details wollten sich die Konzerne aber nicht äußern.

Bei VW geht es um viel Geld – für Ford geht es auch um die Präsenz in Europa. Denn immer wieder gab es massive Verluste, allein im vergangenen Jahr waren es fast 400 Millionen US-Dollar. Für Hackett ist das inakzeptabel. Er hat der europäischen Tochter einen radikalen Sparplan verordnet. Rund 12.000 Ford-Beschäftigte sollen gehen, sechs Werke sollen geschlossen werden.

Deutschland muss einen wesentlichen Anteil des Sanierungsprogramms schultern. An den Produktionsstandorten Köln und Saarlouis sollen in diesem Jahr bereits etwa 5400 Stellen gestrichen werden. Mit dem Notprogramm soll das Europageschäft schon dieses Jahr profitabel werden. „Ford kämpft gerade darum, in Europa bleiben zu können“, hatte sogar VW-Vorstandschef Diess im März auf einer Betriebsversammlung gesagt. VW könnte eine Schlüsselrolle dabei bekommen, um die Zukunftsprobleme von Ford Europa zu lösen.

Eine Übernahme des MEB-Elektrobaukastens von den Niedersachsen würde dem Konzern Einsparungen in Milliardenhöhe verschaffen. Für den europäischen Markt hat Ford noch keine eigenen rein batteriegetriebenen Fahrzeuge entwickelt. Ausnahme: Den Ford Focus Electric hatte Ford 2013 auch in Europa auf den Markt gebracht. Der US-Konzern war damit sogar etwas schneller als Volkswagen. Der E-Golf war erst ein Jahr später zu haben.

Der E-Focus lief in Deutschland im Werk Saarlouis bis zum Modellwechsel im vergangenen Jahr von den Bändern. Aktuelle Eigenentwicklungen gibt es bislang nur für den amerikanischen Heimatmarkt. Doch diese Ford-Modelle decken den typischen Geschmack von US-Kunden ab, die deutlich größere Fahrzeuge vorziehen.

Für Europa braucht Ford kleinere Elektroautos. Für sie soll Volkswagen mit seinem MEB-Baukasten die Basis liefern. Ford will die VW-Plattform im Übrigen auch in China einsetzen, wo die Fahrzeuge ähnlich groß sind wie in Europa. In der Volksrepublik hat der US-Konzern zuletzt ebenfalls rote Zahlen geschrieben.

Beschäftigungsabbau kaum zu stoppen

Der Plan, die MEB-Elektroplattform von Volkswagen zu verwenden, dürfte mit besonders großem Interesse in Köln und Saarlouis verfolgt werden. Dort läuft in den Jahren 2023 und 2024 die Produktion der Pkw-Modelle Fiesta und Focus aus – zwei klassische Fahrzeuge aus der Hochzeit des Verbrennungsmotors. Bislang ist noch völlig unklar, welche Modelle danach an den beiden deutschen Standorten produziert werden könnten.

Die MEB-Plattform von VW eröffnet Ford die Perspektive, die deutschen Standorte auf längere Sicht mit der Produktion neuer Elektroautos auszulasten. Für die mehr als 20.000 deutschen Ford-Beschäftigten wäre das eine gute Nachricht. „Wir blicken damit nach vorn“, sagte ein Ford-Manager in Köln. Immer nur zu streichen und zu kürzen sei keine Zukunftssicherung.

Den Beschäftigungsabbau in Köln und Saarlouis werden aber selbst neue Elektroautos nicht stoppen können. Ford-Deutschlandchef Gunnar Herrmann hatte kürzlich angedeutet, dass der Stellenabbau in den kommenden Jahren weitergehen werde. Die Fertigung von Elektroautos ist wesentlich einfacher als die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrenner. Wissenschaftler haben durchgerechnet, dass dadurch mindestens 20 Prozent der Jobs wegfallen dürften.

Viele Gründe sprechen für diese umfassende Kooperation von VW und Ford. Ein Selbstläufer ist das trotzdem nicht, wie sich am Beispiel Renault und Nissan gezeigt hat. Die Konzerne aus Frankreich und Japan arbeiten seit Jahren in vielen Feldern zusammen, haben aber nie wirklich zueinander gefunden. Nach dem Hinauswurf von Übervater Carlos Ghosn droht der Verbund jetzt zu scheitern.

Den Aufsichtsräten von Volkswagen dürften die Chancen und Risiken des Paktes mit Ford bewusst sein. Immerhin laufen die Verhandlungen schon seit einigen Monaten. In dieser Zeit sei das Thema immer wieder im Aufsichtsrat besprochen worden, hieß es in Konzernkreisen.

Das Management um Diess hat die Kooperation gründlich vorbereitet und alle erdenklichen Probleme beseitigt, wie es hieß. Ob der 20-köpfige Aufsichtsrat auf seiner nächsten Sitzung aber den Weg dafür wirklich freimacht, ist nicht ausgemacht. Auf früheren Sitzungen drohten selbst wichtige Vorhaben zu scheitern, weil einzelne Vertreter oder Gruppen nicht zum Konsens bereit waren. Dies geschah mitunter plötzlich und unvorbereitet, wie es ergänzend aus dem Gremium hieß.

Mehr: Bei immer mehr Autoherstellern überwiegt die Skepsis beim autonomen Fahren. Die anfängliche Euphorie ist verflogen – auch bei VW. Im Interview äußert sich Spartenchef Thomas Sedran über die Volkswagen-Strategie.

Bleibt autonomes Fahren eine Utopie?

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